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Textilexportland Marokko: Drama in Bekleidungsfabrik wirft Fragen auf

Von FashionUnited

17. Feb. 2021

Business

Wie illegal war es? Wie waren die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen? Die Fragen waren zahlreich in Marokko nach dem Tod von 28 Menschen bei der Überflutung einer Textilfabrik in der Stadt Tanger. Das Unglück stellt auch die Arbeitsbedingungen in Marokkos Textilsektor infrage – hier werden auch viele Aufträge für Bekleidungsunternehmen in Europa gefertigt.

Am Montag vergangener Woche stand die unterirdische Werkstatt plötzlich unter Wasser, “die Opfer waren ohne Notausgang eingeschlossen” und “ertranken”, sagte ein Zivilschutzkommandant gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Das Haus sei Teil einer Parzelle, die in der Nähe eines Wadis (Flusses) gebaut wurde, was verboten sei, weil es sich um ein überschwemmungsgefährdetes Gebiet handele, sagte Ahmed Ettalhi, Präsident der Stadtplanungskommission, gegenüber dem Onlineportal Media24. Ein Keller außerdem kein Teil der Baugenehmigung gewesen.

Entrüstung über Marokkos ‘Schatten’-Textilsektor

Der Fall hat eine Welle der Empörung über die Arbeitsbedingungen in Marokko ausgelöst und eine alte Debatte über die Unzulänglichkeiten des Schattengewerbes – das laut einem kürzlich erschienenen Bericht der Zentralbank ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts des Landes ausmacht – neu entfacht. Die einzige offizielle Erklärung erwähnt eine “klandestine Textileinheit”, aber der Status der Bekleidungswerkstatt, die sich im Keller eines Privathauses in einem südöstlichen Bezirk der Hafenstadt befindet, “muss noch überprüft werden”, sagte eine Polizeiquelle gegenüber AFP.

„Diese Firma ist im Handelsregister, sie hat einen guten Ruf”, sagte ein lokaler Vertreter des marokkanischen Textilverbands gegenüber AFP. Unter der Bedingung der Anonymität wies er auch auf die “versagende” staatliche Infrastruktur hin. „Diese Nachbarschaftswerkstätten gibt es zu Hunderten in Tanger und sie unterstützen Tausende von Familien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie alle illegal sind, weil sie für große internationale Marken arbeiten”, sagt er.

Laut dem marokkanischen Textilverband (AMITH) werden jährlich eine Milliarde Kleidungsstücke von 160.000 Beschäftigten hergestellt. Der Textilsektor ist einer der größten Arbeitgeber des Landes und beliefert vor allem Länder wie Spanien und Frankreich. Für Fast-Fashion-Anbieter wie Inditex ist die geografische Lage attraktiv, dadurch können Läden in Europa innerhalb von einer Woche mit Ware beliefert werden.

Arbeitsbedigungen an der europäischen Grenze

„Die Tragödie zeigt die Notwendigkeit für abgestimmte Anstrengungen in der Branche, um die Sicherheit in den Fabriken und die Arbeitsbedingungen” weltweit nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch zu verbessern, sagte die Nichtregierungsorganisation Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) am Mittwoch. „Außerdem beleuchtet der Vorfall die schlechten Arbeitsbedingungen in einem weniger bekannten Bekleidungsproduktion-Zentrum direkt an der europäischen Grenze.”

Eine von den CCC-Mitgliedern Setem Catalunya und Attawassoul veröffentlichte Studie zeigt, dass 47 Prozent der Befragten im marokkanischen Textilsektor mehr als 55 Stunden pro Woche für Monatsgehälter von rund 250 Euro arbeiteten, 70 Prozent hatten keinen Arbeitsvertrag und bis zu 88 Prozent der Befragten gaben an, kein Recht auf gewerkschaftliche Organisierung zu haben.

Laut der Kampagne für Saubere Kleidung seien diese Zahlen noch schockierender, wenn man bedenkt, dass sie sich auf Arbeiter in offiziellen Fabriken beziehen, die von Prüfern kontrolliert werden, die von großen Bekleidungsunternehmen beauftragt wurden. Die Bedingungen in den illegalen Fabriken seien vermutlich weitaus schlechter.

Verbreitung illegaler Werkstätten

Die Gewerkschaft CDT prangerte vergangene Woche in einer Erklärung “die Ausbreitung illegaler Produktionseinheiten” in Tanger, “die Ausbeutung der Arbeiter” und “das Fehlen angemessener Arbeitsbedingungen” an. Laut einer 2018 veröffentlichten Studie des marokkanischen Arbeitgeberverbands (CGEM) stammt mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Produktion in Marokkos Textil- und Ledersektor aus “informellen” Einheiten, darunter auch Produktionseinheiten, die “nicht den gesetzlichen Standards entsprechen.”

Im Jahr 2012 hatte die spanische NGO Setem eine Kampagne gegen Marken aus Spanien gestartet, die damals in Tanger Subunternehmer beschäftigten – wie Mango, Cortefiel, El Corte Inglés oder die zahlreichen Tochterunternehmen der Inditex-Gruppe. Marokkos staatliches Fernsehen widmete dem Thema 2019 sogar einen Bericht: „90 Prozent dieser Fabriken arbeiten illegal. Sie mieten Keller in Wohngebieten, 120 Kubikmeter mit etwa 40 Schwarzarbeitern, ohne Brandschutz oder Versicherung”, erzählte ein Mitarbeiter aus der Textilbranche. (AFP/FashionUnited)

Bild: Unsplash