Nach dem Einsturz des Rana PlazaGebäudes in Bangladesch

am Dienstag wird die Zahl der Todesopfer auf mehr als 260 geschätzt, hauptsächlich Frauen. Polizeichef Habibur Rahman des Dhaka Distrikts sagte, mehr als 2.000 Menschen wären in den letzten zwei Tagen gerettet worden.

Nach Angaben der Polizei war der Eigentümer des Gebäudes, Lokalpolitiker Mohammed Sohel Rana, bereits am Dienstag vor “gefährlichen Rissen” gewarnt worden. Die Bank, die sich im Rana Plaza befand, blieb daraufhin am Mittwoch geschlossen, während die fünf Textilbetriebe - Ether Tex, New Wave Bottoms, New Wave Style, Phantom Apparels und Phantom Tex – nach kurzer Evakuierung unter Androhung von Lohnentzug ihre Arbeiter wieder an die Arbeit zwangen.

"Wir haben die Bekleidungsfabriken gebeten, das Gebäude geschlossen zu halten,” sagte der Vorsitzende der Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) Mohammad Atiqul Islam. Besitzer Rana hatte die Warnung aber nicht beachtet beziehungsweise das Gebäude als sicher ausgewiesen. Deshalb hatten sich zum Zeitpunkt des Unglücks 3,122 Arbeiter in den Fabriken befunden.

Eigentümer Rana ist laut Polizeiangaben noch auf der Flucht; gegen ihn liegt ein Haftbefehl wegen fehlerhafter Konstruktion vor und ein weiterer gegen ihn und die fünf Textilfabriken wegen der Verursachung von Todesfällen. Eine unbestimmte Anzahl von Arbeitern ist immer noch eingesperrt und Rettungshelfer bemühen sich um ihre Bergung. Die Regierung hat inzwischen einen landesweiten Trauertag ausgerufen und die Flaggen wehten auf Halbmast. In den Strassen in und um Dhaka war es gestern zu Demonstrationen Tausender Arbeiter gekommen.

Das jüngste Unglück, nur wenige Monate nach dem Brand in einer Textilfabrik in der Nähe von Dhaka im November 2012, das 112 Menschen das Leben kostete, wirft neues Licht auf das Billiglohnland Bangladesch. Aufgrund niedriger Löhne und billiger Arbeitsbedingungen hat sich das Land in nur wenigen Jahren an die Spitze der Textil- und Bekleidungsexporte katapultiert; mit einem Exportvolumen von 15,5 Milliarden Euro im Jahr ist Bangladesch nach China inzwischen der zweitgrößte Textilproduzent der Welt.

Mode- und Bekleidungsunternehmen aus Europa und den USA sind die Hauptauftraggeber. Der irische Textildiscounter Primark und die kanadische Textilkette Lowlaw haben bereits bestätigt, geschäftliche Beziehungen mit einer der Unglücksfabriken unterhalten zu haben. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sollen auch Auftragszettel und Schnittmuster für Mango und Benetton gefunden worden sein. Benetton bestreitet dies, während ein Mango-Sprecher gegenüber Just-style bestätigte, dass Testproduktionen im Gespräch gewesen seien.

Nichtregierungsorganisationen gaben gestern an, dass die betroffen Fabriken auch Bekleidung für C&A, Kik und Walmart hergestellt hätten. Ein Kik-Sprecher sagte, das Unternehmen habe keine Geschäftsbeziehungen mit einem der betroffenen Betriebe, gab aber an, dass Ether Tex im Jahr 2008 für den Discounter produziert habe. C&A sagte aus, selbst mit keiner der Textilfabriken in vertraglicher Beziehung zu stehen, dafür aber ein europäischer Einkäufer für C&A, dass diese Beziehung aber im Oktober 2011 beendet worden sei.

Für welche europäischen und amerikanischen Bekleidungsunternehmen die Textilfabriken letztendlich produziert haben, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Zustände der Produktion – schlechte Sicherheitsvorkehrungen und mangelhafter Zustand des Gebäudes – keine Seltenheit, sondern leider die Norm in Billiglohnländern sind.

Seit dem Unglück wurde bereits ein weiteres Gebäude in der Hauptstadt Dhaka aufgrund von Rissen evakuiert und 5000 Mitarbeiter in Sicherheit gebracht. Im Industriegebiet Ashulia rannten Arbeiter in Panik aus drei Gebäuden, als sie Risse in den Wänden sahen. Und die daraus resultierenden Betriebsunfälle mit Todesfolge, die ebenfalls an der Tagesordnung sind, sind ein Preis, den Auftraggeber sich endlich weigern sollten zu zahlen.
 

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