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Wissensrecycling in der Mode: „Der Alltag bei Otto Kern war extrem cool"

1. Juli 2014

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Was passiert eigentlich mit all dem Wissen über die Modebranche, wenn sich, beispielsweise Designer, aus dem Business zurückziehen? – Das Wissen wird an die nachfolgende Generation von Designern weitergegeben! FashionUnited wollte natürlich auch etwas von diesem Wissen erfahren und

hat sich an den deutschen Universitäten und Hochschulen umgehört, um sich von Professoren, die für große Labels tätig waren, etwas über den Alltag in der Modebranche und die Gründe für den Austritt erzählen zu lassen.

Den ersten Fund machte FashionUnited in Berlin an der HTW, dort lehrt Professor Horst Fetzer seinen

Studenten, worauf es in der Modebranche wirklich ankommt. Er war als Designer für Barutti und Otto Kern tätig, war Produktmanager bei Windsor und Director Division Casual Man bei Marc O'Polo. Aber alles der Reihe nach:

FU: Herr Fetzer, wie sind Sie zur Mode gekommen – Traumjob seit der Kindheit oder gab es Umwege?
Fetzer: „Im Grunde bin ich über die Musik zur Mode gekommen, ich spielte als Twen in einer Band – “Funk unlimited“. Nun ja und da habe ich mich um die Stage-Outfits gekümmert, wir wollten natürlich aussehen wie unsere großen musikalischen Vorbilder und so setzte ich mich an die Nähmaschine meiner Mutter und fertigte die ersten eigenen Teile. Diese Leidenschaft führte dann dazu, dass ich noch vor meinem Modedesign-Studium meinen ersten eignen Laden “Stilbruch“ in Ulm eröffnete. Den “Concept Store“ leiteten zehn Designer aus verschiedenen Bereichen, unter anderem zwei Modedesigner, eine Hutmacherin, eine Schmuckdesignerin, Interiordesigner und 3 Medizinstudenten, die sehr gute Kontakte zur Berliner Avantgardeszene hatten. Nach dem Abitur studierte ich dann Modedesign und machte gleichzeitig eine Lehre zum Schneidergesellen.“

FU: Dann waren Sie ja bestens für das Modebusiness gerüstet, aber jetzt mal Hand aufs Herz – wie schwierig war es dann den Einstieg bei den Labels zu finden?
Fetzer: „Ehrlich gesagt – gar nicht schwierig. Ich wollte nach meinem Studium direkt anfangen zu arbeiten, was ich heute anders machen würde – später mehr dazu, also bewarb ich mich bei verschieden Unternehmen und wurde tatsächlich bei Barutti eingestellt. Dort arbeitet ich ungefähr 2,5 Jahre als Designer, bis ich eines Tages einen Anruf von einem Otto Kern Headhunter erhielt. Ich wurde zu einem Gespräch eingeladen und hatte das Glück, Designer für Otto Kern Men zu werden. Dadurch bin ich dann auch zum ersten Mal mit Sports- und Casualwear in Berührung gekommen – meine Spezialisierung lag bis zu diesem Zeitpunkt ja eigentlich bei der formellen Konfektion.“

„Herr Kern ist ein durchgeknallter, sehr großzügiger Typ"

FU: Wie muss man sich den Alltag bei Otto Kern vorstellen?
Fetzer: „Der Alltag war extrem cool. Für ein Lizenzgeberunternehmen zu arbeiten war mit vielen Reisen in verschiedene Länder auf der ganzen Welt verbunden und wenn man jung ist, so wie es ich damals war, ist das schon eine coole Sache. Uwe Jürdens, der frühere Berater von Otto Kern, führte mich in die Luxusmode-Welt ein. Ihn kann ich als meinen Mentor nennen. Es wurden viele Parties gefeiert und alles war sehr aufregend. Ansonsten war der Alltag ziemlich klassisch: Moodboards und Konzepte erstellen, Themen suchen, Entwürfe erstellen, Kollektionen fertigstellen und Lizenzpartner betreuen. Ich hatte vier wirklich lehrreiche und aufregende Jahre bei Otto Kern.“

FU: Und wie haben Sie Herrn Otto Kern selbst wahrgenommen?
Fetzer: „Herr Kern ist ein durchgeknallter Typ, etwas abgehoben, feiert viele große Parties und war immer sehr großzügig. Das Ganze war für mich wirklich beeindruckend als ich jung war. Ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück, ich meine, durch Herrn Kern habe ich New York und viele Produzenten in Italien und der Türkei kennen gelernt. Das war toll, die ganzen Reisen und Veranstaltungen mit ihm.“

FU: Das klingt ja alles fabelhaft, warum sind Sie dann Professor geworden?
Fetzer: „Nicht so schnell – da ist noch eine ganze Menge dazwischen passiert, als Otto Kern im Jahr 2000 von der Ahlers Gruppe gekauft und der Standort verlegt wurde, habe ich meinen Vertrag nicht verlängern lassen. Ich hatte inzwischen eine Familie gegründet und wollte für den Job nicht wegziehen. Also fing ich bei Windsor in Bielefeld als Produktmanager und Chefdesigner an und konnte dort meine Verarbeitungsfähigkeiten in der formellen Konfektion verbessern. Windsor stellt schließlich Luxusprodukte her und die müssen ihrem Preis gerecht werden. Acht Jahre lang war ich für das Label “Windsor.men“ tätig und habe an einem moderneren und internationaleren Image der Marke gearbeitet. Der Fokus lag dabei auf Italien und der Pitti Uomo. 2009 bin ich dann zu Marc O'Polo gewechselt. Dort war ich als Director Division Casual Men tätig und konnte erneut eine komplett andere Art der Mode kennenlernen. Zusammengefasst bin ich bin also vom Designerlabel zum Luxuslabel und dann zur einer vertikalen Kollektion im Segment „Premium Causal“ gewandert und konnte unterschiedlichste Bereiche kennenlernen. Aber schließlich habe ich mir im Jahr 2010 die Frage gestellt: Was kann man machen, um selbstbestimmter zu leben? Denn das wollte ich. Ich hatte inzwischen Kinder und nach so vielen Standorten steckt man sich neue Ziele. Ich wollte mein Leben umgestalten und vorantreiben – und das war für mich mit der Hochschultätigkeit naheliegend.“

„International denken und handeln"

FU: Wie ist das nun als Professor – vermissen Sie die aufregende Zeit von früher?
Fetzer: „Ja, ich gebe zu, wenn ich ehemalige Kollegen auf Messen treffe, werde ich manchmal wehmütig. Aber andererseits ist das Tempo in der heutigen Modebranche einfach zu hoch. Eine Kollektion jagt die andere und der Druck auf die Designer steigt ständig. Ich bin aber auch nicht ganz aus dem Business raus, ich bin immer noch für einige mittelständische Premium-Marken als Berater tätig und auch in meinem Job als Professor dreht sich jeden Tag alles um Mode.“

FU: Und was geben Sie Ihren Studenten mit auf den Weg? Was ist heute wichtig, um ein erfolgreicher Designer zu sein?
Fetzer: „Das Wichtigste ist wirklich, dass man international denkt und handelt. Wird jemandem ein Praktikum in New York angeboten, das zwar unbezahlt ist, die entstehenden Kosten aber überschaubar sind, sagte ich meinen Studenten – tut es! Ich habe damals den Fehler gemacht, dass ich nach dem Studium direkt gearbeitet habe, das würde ich heute auf jeden Fall anders machen. Es ist so wichtig international Erfahrungen zu sammeln und auch andere Märkte, als den deutschen kennenzulernen. Ich selbst habe es nicht aus Deutschland raus geschafft, was ich jetzt als Professor meinen Studenten ans Herz legen werde und sie mit Hilfe meiner Kontakte und Erfahrung fördern werde. Der deutschen Markt wird immer internationaler - genauso wie die Karrieren unserer Alumni.“

FU: Wie würden Sie die deutschen Modeschulen im Ländervergleich bewerten?
Fetzer: „Das ist schwierig, also ein gutes Grundwissen kann man hier auf jeden Fall erwerben. Ich würde aber trotzdem empfehlen, für den Master ins Ausland zu gehen. Antwerpen, London, New York, da sind die Modeschulen mit deren Expertise Grosses erreicht werden kann. Ausnahmen betätigen aber auch die Regel.“

FU: Eine letzte Frage noch – was muss man mitbringen, wenn man Modedesign studieren möchte und in dieser Branche erfolgreich sein will?
Fetzer: „Grundsätzlich sollten Modeinteressierte, die über ein Modedesign-Studium nachdenken, gestalterisches Talent mitbringen, Spaß am Design haben und ihre kreative Identität ausleben möchten. Mode ist Zeitgeist und Kommunikation – man muss die Menschen begeistern können. Außerdem ist eine handwerkliche Begabung ein “Must“. Darüber hinaus muss sich jeder im Klaren sein, dass der Beruf des Modedesigners großartig ist und viele Möglichkeiten bietet - gleichzeitig aber unendlich hart und sehr, sehr anstrengend ist.“

Martina Michalsky

Fotos: Horst Fetzer und Band (links mit Sonnenbrille), Fetzer mit Studenten

HTW Berlin
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