Auf dünnen Sohlen: Wie Barfußschuhe die Mode erobern

Was haben Chanel, Dior, Louis Vuitton, Camper, Vans und Tamaris gemeinsam? Sie alle haben in den vergangenen Monaten Schuhmodelle vorgestellt, die an Barfußschuhe erinnern oder ausdrücklich als solche vermarktet werden. Damit greifen sie einen Trend auf, der lange weit außerhalb der Mode stattfand. Einst als Öko- oder Gesundheitsschuh belächelt, entwickeln sich Barfußschuhe zunehmend zum Modethema. Dahinter steckt mehr als der erwartbare Gegentrend zu den voluminösen Sneakers der vergangenen Jahre. Viele Hersteller verbinden ihre Modelle mit dem Versprechen natürlicher Bewegung, größerer Bewegungsfreiheit und eines gesünderen Gehens.

„Die meisten modernen Schuhe schwächen die Füße der Menschen“, sagt beispielsweise Galahad Clark, Gründer der britischen Barfußschuhmarke Vivobarefoot. Clark stammt aus der Gründerfamilie der Traditionsmarke Clarks, verfolgt mit Vivobarefoot jedoch einen bewusst gegensätzlichen Ansatz. „Vivobarefoot wurde gegründet, um Menschen durch ihre Füße wieder mit ihrem natürlichen Potenzial zu verbinden – eine Rebellion gegen ,Big Shoe'. Wir stellen Schuhe her, die helfen, mehr zu fühlen, sich natürlich zu bewegen und regenerativ zu leben.“

Auch Dirk Pfeffer kam aus Überzeugung zum Thema. Der Mitgründer des deutschen Labels Blusun lernte 2010 bei einer Laufveranstaltung erstmals Barfußschuhe kennen. „Ich war total begeistert, was Barfußschuhe mit dem Körper und der Muskulatur machen.“ Er kündigte seinen damaligen Job, baute bis 2018 den Vertrieb von Leguano auf und gründete 2024 Blusun.

Blusun Kollektion SS26. Credits: Blusun

Aus der Nische zum Wachstumsmarkt

Der Markt für Barfußschuhe wächst seit Jahren kontinuierlich. Während es bis etwa 2010 weltweit nur wenige Anbieter gab, zählte Dirk Pfeffer zuletzt bereits mehr als 150 Marken. Darunter befinden sich zunehmend auch preisgünstige Hersteller aus Fernost, die ihre Produkte vor allem über Social Media vertreiben.

Dass das Segment seine Nische verlässt, zeigte sich auch auf der ersten Barefoot European Shoe Fair in Offenbach. Zur weltweit ersten Fachmesse für Barfußschuhe präsentierten sich im vergangenen Jahr 78 Marken. Messegeschäftsführer Arnd Hinrich Kappe sprach von einem „bravourösen Start“ und einem „sensationellen Auftakt“. Die kommenden Ausgabe findet vom 24. bis 26. Juli statt und bietet mehr als 100 internationale Marken, darunter Waldläufer, Tamaris Barefoot und Dockers by Gerli.

Auch wirtschaftlich entwickelt sich das Segment deutlich besser als der Gesamtmarkt. Das weltweite Marktvolumen lag 2024 bei rund 515 Millionen Euro und soll bis 2031 auf etwa 745 Millionen Euro steigen. In Deutschland beträgt der Marktanteil zwar bislang lediglich rund 1,5 Prozent, wächst jedoch deutlich schneller als der übrige Schuhmarkt.

„Der Barfußschuhmarkt wächst jedes Jahr zwischen zehn und 15 Prozent“, sagt Pfeffer. Blusun erzielte bereits im zweiten Geschäftsjahr einen Umsatz von zwei Millionen Euro und lag damit rund 40 Prozent über Plan. Im laufenden Jahr wächst das Unternehmen erneut um mehr als 40 Prozent.

Barfuß-Klassiker von Merrell: Der Vapor Glove 7. Credits: Merrell

Auch die US-amerikanische Outdoor-Marke Merrell beobachtet diese Entwicklung. „Barfußschuhe haben sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Das Umsatzwachstum lag im zweistelligen Prozentbereich und zeigt, dass sich das Segment kontinuierlich etabliert hat“, sagen Sabine Wetter und Christian Lietzau aus dem Sales Team.

Vom Laufschuh auf den Laufsteg

Die Geschichte des modernen Barfußschuhs beginnt 2004. Damals brachte der italienische Sohlenhersteller Vibram den FiveFingers auf den Markt – einen Schuh mit einzeln umschlossenen Zehen, der zunächst vor allem in der Laufszene Aufmerksamkeit erregte. Rückenwind erhielt das Konzept durch die Natural-Running-Bewegung, die möglichst wenig Dämpfung propagierte. Vor allem gesundheits- und naturbewusste Verbraucher:innen interessierten sich für minimalistisches Schuhwerk.

Vibram FiveFingers SS25. Credits: Vibram.

Zwischen 2010 und 2015 gewann das Segment deutlich an Dynamik. Studien zur Fußgesundheit und Biomechanik rückten minimalistisches Schuhwerk stärker in den Fokus. Gleichzeitig bauten Marken wie Vivobarefoot oder Leguano ihre Marktpräsenz aus. Besonders in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Skandinavien entwickelte sich eine wachsende Nachfrage.

Den modischen Durchbruch leitete Balenciaga ein. 2020 entwickelte die Luxusmarke gemeinsam mit Vibram einen Zehenschuh für den Laufsteg und führte das Konzept in den folgenden Kollektionen weiter.

Hinzu kommt ein zweiter gestalterischer Einfluss: der Tabi. Schuhe mit geteilter Zehenpartie wurden in der Mode vor allem durch Martin Margiela bekannt, dessen Tabi Boot von 1988 heute zu den einflussreichsten Schuhentwürfen der Modegeschichte zählt. Anders als klassische Barfußschuhe verfolgen Tabis zwar keinen gesundheitlichen Ansatz, die größere Bewegungsfreiheit der Zehen greift jedoch eine ähnliche Idee auf. Vivobarefoot hat diese Gestaltung zuletzt mit dem Modell „Tabi Gen 02“ aufgegriffen.

Barfuß ist hier ganz wörtlich gemeint: Schuh aus der Chanel Cruise 2026/27 Show in Biarritz. Credits: Chanel
Schuhe im Barfuß-Look von Louis Vuitton SS26. Credits: Louis Vuitton

Was ist überhaupt ein Barfußschuh?

Mit dem Boom wächst allerdings auch ein Problem: Was genau ist eigentlich ein Barfußschuh?

Nach Auffassung spezialisierter Hersteller zeichnet er sich durch eine besonders dünne, flexible Sohle ohne Sprengung, eine breite Zehenbox und maximale Beweglichkeit aus. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, den Fuß zu schützen – nicht ihn durch Dämpfung oder Stützelemente zu führen.

Modemarken interpretieren diesen Anspruch jedoch häufig deutlich freier. Oft übernehmen sie lediglich einzelne Merkmale wie eine flexible Konstruktion oder eine breite Zehenform. So beschreibt das französische Modehaus Dior den von Designer Jonathan Anderson entworfenen Roadie etwa mit einer „äußerst flexiblen Konstruktion“ und einer zweigeteilten Sohle, die den natürlichen Bewegungen des Fußes folgen soll.

Balenciaga PreFall 2025. Credits: Launchmetrics/Spotlight

Forderung nach einem Standard

Stefanie Steinert, Gründerin des Online-Shops Freizehn, will dieser Entwicklung entgegenwirken. Mit dem Grundsatzpapier „Der Barfußschuh-Standard“ fordert sie verbindliche Kriterien für die Branche. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Fußgesundheit in nachvollziehbare Anforderungen für Hersteller und Handel zu übersetzen.

Die Sorge: Wird der Begriff Barfußschuh beliebig verwendet, drohen falsche Erwartungen bei den Verbraucher:innen.

„Wir müssen darauf achten, die Verbraucher:innen nicht zu überfordern. Sonst kaufen sie ein Produkt und stellen kurz darauf enttäuscht fest, dass es nicht den Erwartungen entspricht. Deshalb wird umfassende Aufklärungsarbeit immer wichtiger“, sagt Pfeffer. Hinzu kommt ein Imageproblem. Viele verbinden Barfußschuhe noch immer mit den FiveFingers von Vibram oder klobigen Gesundheitsschuhen. Tatsächlich hat sich das Design in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Die aktuellen Modelle vieler Hersteller wirken reduziert, modisch und alltagstauglich.

Keineswegs auf Frauen beschränkt: Barfußschuh von Think! Credits: Think!

Neue Aufgaben für den Handel

Mit dem Wachstum verändert sich auch der Vertrieb. Barfußschuhe werden heute im klassischen Schuhfachhandel ebenso verkauft wie im Outdoor-, Sport- oder Gesundheitsfachhandel sowie in spezialisierten Barfußschuhgeschäften.

„Merrell Barfußschuhe werden erfolgreich über verschiedene Vertriebskanäle verkauft – stationär wie online“, sagen Wetter und Lietzau. Besonders stark vertreten sei die Marke im Schuhfachhandel, gleichzeitig gewinne auch der Outdoor- und Sportfachhandel an Bedeutung.

Der Boom stellt den klassischen Schuhhandel allerdings vor neue Herausforderungen. Barfußschuhe sind erklärungsbedürftiger als klassische Freizeitschuhe. Fachwissen wird nicht nur benötigt, um den höheren Preis zu begründen, sondern auch, um gesundheitliche Erwartungen der Kundschaft einordnen zu können. Sportfachhandel und spezialisierte Händler genießen hier bislang häufig einen Vertrauensvorsprung.

Wer definiert, was gesund ist?

Vivobarefoot will die Deutungshoheit über das Thema Gesundheit jedoch nicht dem Sportmarkt überlassen. Mit der Out-of-Home-Kampagne „Free Your Feet“ stellte das Unternehmen im Frühjahr die Fixierung der Sportindustrie auf Dämpfung und technische Komfortsysteme provokant infrage. Lastwagen mit der Botschaft „Those Soles want you to feel nothing – We want you to feel everything“ parkten unter anderem vor dem On-Flagshipstore in London.

Aktion von Vivobarefoot vor einem On-Geschäft. Credits: Vivobarefoot

„Die moderne Schuhindustrie hat Jahrzehnte damit verbracht, unsere Füße zu polstern und zu kontrollieren“, sagt Clark. „Aber die Evolution hat bereits die ultimative Schnittstelle zwischen Körper und Geist geschaffen. Man braucht nicht mehr Technik zwischen sich und der Erde – man braucht weniger.“

Damit ist der Konflikt umrissen, der den Markt künftig prägen dürfte: Nicht mehr die Frage, ob Barfußschuhe in der Mode angekommen sind, sondern wer definiert, was ein Barfußschuh ist.


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