Branchenprognose: Modeeinzelhandel muss mit Nachwirkungen des Iran-Konflikts rechnen
Nach 109 Tagen ist das Ende des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran endlich in Sicht. In der Nacht vom 17. auf den 18. Juni wurde in der Schweiz ein vorläufiges Friedensabkommen unterzeichnet. Die Straße von Hormus ist wieder geöffnet. Dennoch warnt die niederländische Bank ABN Amro in einer neuen Sektorprognose, dass die Krise damit nicht vorbei ist. Mögliche ‘Zweitrundeneffekte’ könnten den Einzelhandel noch teuer zu stehen kommen.
Sektorprognose
ABN Amro hat die Wachstumsprognose für den Einzelhandel für 2026 auf 0,5 Prozent nach unten korrigiert. Für das kommende Jahr wird ein Wachstum von einem Prozent erwartet. Grund dafür sind die nachwirkenden Folgen des geopolitischen Konflikts. Solange die Inflation weiter steigt, wird die Kaufkraft der Haushalte in der zweiten Jahreshälfte weiter sinken, so die Prognose der Bank.
Obwohl die Verbraucher:innen dank Ersparnissen und einem angespannten Arbeitsmarkt weiterhin Geld ausgeben werden, ist das Vertrauen stark gesunken. Aufgrund der Inflation und der weltweiten Unruhen fiel es von minus 23 im Januar auf minus 46 im Mai. Nicht lebensnotwendige Ausgaben, wie für ein Paar neue Schuhe oder Kleidung, werden als Erstes gestrichen.
Gleichzeitig steigen die Kosten am hinteren Ende der Lieferkette. Bekleidungs- und Schuhgeschäfte sind personalintensive Branchen. Sie geben 18,0 beziehungsweise 18,2 Prozent ihres Umsatzes für Personal aus und reagieren daher empfindlich auf Lohnerhöhungen. Die Branche ist ebenso anfällig für Lieferprobleme. Die Niederlande importieren 47 Prozent der auf dem Markt erhältlichen Kleidung aus acht asiatischen Ländern. China und Vietnam führen dabei die Liste für Kleidung beziehungsweise Schuhe an. In diesen Ländern haben die Lieferant:innen mit Stromknappheit und hohen Energiepreisen zu kämpfen.
Schließlich verteuern die schnell steigenden Zinsen die Lagerhaltung. Dies ist ein Problem für den Großhandel und bestimmte Segmente des Einzelhandels. Die Aufrechterhaltung von Lagerbeständen erfordert zusätzliche Liquidität. Dies führt besonders in einer Zeit unsicherer Lieferzeiten zu Spannungen. Bekleidungsunternehmen wollen genügend Produkte vorrätig haben, um Lieferrisiken abzufedern, zahlen dafür aber einen hohen Preis.
Krise in der Lieferkette
Am vergangenen Mittwoch teilte der Branchenverband Modint erste negative Erfahrungen von Mitgliedern infolge des Krieges mit. Die negativen Signale decken sich mit dem Tenor des Sektorberichts.
Sprecherin Miriam Geelhoed fasste die Probleme für FashionUnited zusammen: „Die Transportkosten sind stark gestiegen. Treibstoffzuschläge und Seefrachtraten steigen aufgrund von Umleitungen der Frachtschiffe und der Unsicherheit auf den Handelsrouten rapide an. Die Rohstoffpreise sind volatil. Das gilt insbesondere für Materialien, die aus Erdöl gewonnen werden, wie Polyurethan, Nitril und Polyester. Zudem fallen oft zusätzliche Gebühren an, und diese Materialien sind derzeit nur schwer verfügbar. Der Konflikt setzt die logistische Planung unter Druck. Besonders Unternehmen, die ihre Waren aus Asien beziehen, mit großen Mengen arbeiten oder von einer straffen Saisonplanung abhängig sind, sind davon stark betroffen.“
Die kommenden Wochen werden zeigen, wie schnell sich die Branche erholt. Es wird sich zeigen, ob sie wieder ‘wie gewohnt’ weitermachen kann. Außerdem wird deutlich werden, wie stark die Zweitrundeneffekte des Konflikts die Margen der Unternehmer:innen belasten werden.
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