BTE-Präsident attestiert vielen Händlern fehlende Professionalität

Das vergangene Jahr war für den deutschen Modehandel insgesamt zwar kein Desaster, der versöhnliche Jahresabschluss zum Weihnachtsgeschäft brachte jedoch vor allem dem Online-Handel satte Umsatzzuwächse, während die stationären Händler einmal mehr in die Röhre schauten. Damit bestätigte sich eine Gesamtentwicklung auf dem deutschen Textilmarkt, der längst auch dem Dachverband der Modehändler Sorgen bereitet.

Der Präsident des Handelsverbandes Textil (BTE), Steffen Jost, wandte sich nun zum Jahresbeginn in einem offenen Brief an die Mitglieder. Darin schreibt sich Jost seinen Frust von der Seele, beklagt, dass es dem Modehandel „zu oft“ noch an Professionalität fehle und fordert ein besseres Zusammenspiel von Handel und Herstellern. Was den Verbandspräsidenten besonders ärgert: Der stationäre Bekleidungshandel steckt tief in der Krise, und das „trotz sehr guter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und einem halbwegs passenden Witterungsverlauf mit starken Saisoneröffnungen im März und September. Er möge sich „kaum vorstellen, wie die Zahlen aussähen, wenn die Konjunktur geschwächelt und/oder das Wetter gar nicht mitgespielt hätte“, so Jost.

Hersteller und Marken in der Pflicht

Neben den Händlern nimmt Jost in seinem Neujahrsbrief vor allem die Hersteller und Lieferanten in die Pflicht. Von diesen würde zwar stets die Wichtigkeit des Wholesale-Geschäftsbereichs betont, aber andererseits – besonders im Bereich der vertikalen Marken – mit aggressiver Eigenvertriebspolitik und entsprechenden Rabatten das Gegenteil praktiziert. Ähnliches gelte auch für die Factory Outlet Politik der Unternehmen. „Überschüssige – oder sogar eigens dafür produzierte – Ware in Factory Outlet Centern (FOCs) zu vermarkten, ist keine nachhaltige Lösung und sicher kein seriöses Geschäftsmodell für die Markenindustrie“, so Jost. Vor allem schade es dem Handelspartner, wenn im nahen FOC minderwertige Waren als vermeintliche Marken-Schnäppchen angeboten würden. „Dass dies kein Einzelfall ist, hat im Sommer ein WDR-Bericht belegt. Solche Fake-Angebote diskreditieren die Preisgestaltung des seriösen Modehandels und führen die viel beschworene Partnerschaft ad absurdum.“

Beklagenswert findet der BTE-Präsident auch die Tatsache, dass in Deutschland weiterhin rund 30 Prozent zu viel Ware auf dem Markt ist. Der Umstand sei schon länger bekannt und kürzlich auch vom Industrieverband German Fashion bestätigt worden, so Jost. Geändert habe sich daran bislang aber kaum etwas. Die Forderung des BTE: „Die Industrie braucht endlich eine bessere Produktionsplanung, um das Überangebot aus dem Markt zu nehmen. Ansonsten werden wir den Rendite-fressenden Waren- und Preisdruck kaum abbauen können!“

Übel nimmt der Verband der Industrie auch die aggressive Preisgestaltung, mit denen Markenstores dem klassischen Modehandel das Leben schwermachen. „Es ist überaus ärgerlich, wenn die Shops unserer eigenen Lieferanten durch frühe Rabattaktionen und meist ohne Not das Preiskarussell anwerfen. Hier wünschen wir uns doch sehr eine seriösere und am Markenwert orientierte Vertriebspolitik“, so Jost.

Natürlich müsse sich der Handel auch stets selbst hinterfragen, motivierte und begeisternde Mitarbeiter einstellen, ein attraktives Ladenlokal bereithalten und für eine ansprechende Warenpräsentation sorgen. Das allein reiche aber bei weitem nicht aus, um in Zukunft erfolgreich zu sein. Vielmehr sei der Handel von der erfolgreichen zielorientierten Zuarbeit der Markenindustrie abhängig. Jost warnt daher eindringlich: „Erreichen wir eine Optimierung der gemeinsamen Prozesskette nicht, wird der Multilabel-Handel weiter an Marktanteilen verlieren - und die Marke und Industrie weitere Kunden.“ In welchem Umfang, wenn überhaupt, dann ein Überleben der Markenindustrie im Anschluss gesichert sei, darüber könne man trefflich diskutieren. Sicher sei jedoch: „Der Eigenvertrieb wird nur für die allerwenigsten Hersteller die Lösung sein“, so Jost.

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

 

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