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"EU behandelt asiatische Länder besser als Maghreb-Länder": Sourcing-Experte Jean-François Limantour

Von Anne-Sophie Castro

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Business |INTERVIEW

Die Maghreb-Länder hätten zu Recht das Gefühl, dass die Europäische Union sie weniger gut behandelt als Länder wie Bangladesch, Kambodscha oder Myanmar, findet der Präsident von Evallaince Jean-François Limantour. Der internationale Vermittler und ehemalige Generaldelegierte des europäischen Bekleidungsverbands analysiert die geopolitischen Verschiebungen im internationalen Markt für Textilien und Bekleidung und erklärt was Mode 4.0 für Europa bedeuten könnte.

Was wären Ihrer Meinung nach die neuen "Gelobten Länder" im Handel mit der EU? Welche Faktoren sind heute entscheidend?

Äthiopien wird viel als die Zukunftswerkstatt der Welt bezeichnet. Der monatliche Mindestlohn beträgt nur 36 US-Dollar, während er in Bangladesch 64 US-Dollar, in Myanmar 77 US-Dollar oder in Kambodscha 170 US-Dollar beträgt. Es stimmt auch, dass chinesische oder türkische Investoren dort sehr präsent sind. Aber im Moment liefert dieses Land nur 0,5 Prozent der europäischen Bekleidungsimporte.

Auch über Mazedonien wurde viel geredet, aber bisher war die Leistung enttäuschend. Wenn ich mich mittelfristig entscheiden müsste, würde ich Vietnam, Kambodscha, Marokko und... China als wichtigste Kandidaten nennen. Für China wird die "Seidenstraße" ein wichtiger Katalysator für den Export sein.

Wie geht es dem Textil- und Bekleidungssektor in Asien?

Insgesamt gut! Asien wächst Jahr für Jahr und liefert mehr als drei Viertel der Bekleidungsimporte der Europäischen Union. Dies sind vor allem China, Bangladesch, Indien, Kambodscha, Vietnam und Pakistan. Aber wie auch beim Maghreb, ist die Situation der Länder sehr unterschiedlich.

China liefert ein Drittel der Bekleidungsimporte, ein Rückgang von 2 Prozent im Jahr 2017. Die Entwicklung des Landes ist jedoch nicht rückläufig, ganz im Gegenteil, und es stärkt seine Kontrolle über den Weltmarkt sowohl im industriellen als auch im kommerziellen Bereich. Die chinesische Strategie besteht darin, einen Teil der Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern, die von privilegierten Zollabkommen mit der EU profitieren: Beispielweise Vietnam, Kambodscha, Myanmar, Bangladesch, aber auch Äthiopien, Ägypten.

Die Entwicklung anderer großer asiatischer Anbieter teilt sich in zwei Gruppen: Auf der einen Seite sind Ländern wie Bangladesch, Kambodscha, Vietnam, Pakistan, Sri Lanka, Myanmar durch Präferenzabkommen (APS, APS+, Everything But Arms) mit der EU verbunden und setzen ihre rasanten Fortschritte fort. Auf der andere Seite, befinden sich die Länder, die ohne Abkommen mit der EU stagnieren oder zurückgehen. Dies zum Beispiel der Fall in Indien, Indonesien, Thailand, Hongkong, Malaysia, den Philippinen.

"Seit dem Einsturz des Rana Plaza in Dhaka im April 2013 mit 1127 Toten hat sich die Situation in diesem Land, in dem die Arbeitsbedingungen trotz der Bemühungen großer westlicher Unternehmen und der Internationalen Arbeitsbehörde allgemein inakzeptabel und überholt bleiben, nicht wesentlich verändert."

Jean-François Limantour

Mit welchen Mitteln verstärkt die Europäische Union ihre Zusammenarbeit mit dieser Region?

Die Handelspolitik der EU basiert im Wesentlichen auf der Gewährung von Sonderregelungen für verschiedene asiatische Länder, um deren Entwicklung zu beschleunigen. Zu den eingesetzten Instrumenten gehören Freihandelsabkommen wie mit Vietnam oder das Allgemeine Präferenzsystem (APS). In einigen Fällen, wie etwa in Pakistan oder Sri Lanka, gewährt die EU das APS+, so dass die begünstigten Länder zollfrei in die EU ausführen können.

In anderen Fällen (Bangladesch, Kambodscha, Myanmar) gewährt die EU die Regelung "Alles Außer Waffen" (Everything But Arms), die es erlaubt, die von ihnen hergestellte Kleidung zollfrei nach Europa zu exportieren, unabhängig von der Herkunft der verwendeten Stoffe; das ist ein enormer Wettbewerbsvorteil!

Im Prinzip versprechen die begünstigten Länder die Achtung der Menschenrechte als Gegenleistung.

Aber dieses Prinzip wird selten respektiert. So genießt Myanmar trotz des Völkermords an den Rohingya weiterhin hochprivilegierte Zollvorteile.

Über Jean-François Limantour

  • Präsident von Evalliance, insbesondere der indochinesischen Halbinsel (Vietnam, Kambodscha, Myanmar)
  • Präsident des Euro-Mediterranen Kreises der Textil- und Bekleidungsmanager und Europäischen Union und den Mittelmeerländern (CEDITH)
  • Leiter von Texaas Consulting, einem Beratungsunternehmen für internationale Entwicklungsstrategien für die Textil-, Mode- und Luxusindustrie
  • Langjähriger Generaldelegierter der Union Française des Industries de la Mode et de l'Habillement (Französische Industriegewerkschaft für Mode und Bekleidung) und der Association Européenne des Industries de l'Habillement (Europäischer Verband der Bekleidungsindustrie)
  • Strategischer Berater der Messe Frankfurt France, dem Veranstalter der Fachmessen Texworld, Apparelsourcing, Avantex
  • Strategischer Berater der marokkanischen Verbandes der Textil- und Bekleidungsindustrie (AMITH)

Wie verhält es sich mit dem Textil- und Bekleidungssektor im Mittelmeerraum?

Im Jahr 2017 beliefen sich die Einfuhren der EU aus den Mittelmeerländern auf 20,9 Milliarden Euro, davon 14,7 Milliarden für Bekleidung und 6,1 Milliarden für Textilien.

Ihr Anteil an den europäischen Bekleidungsimporten ist seit 10 Jahren rückläufig. Bis 2017 waren es 25 Prozent. Im Jahr 2017 sank sie auf 17,7 Prozent.

Schauen wir uns die Türkei, Marokko und Tunesien näher an.

Die Türkei ist nach China und Bangladesch der drittgrößte Bekleidungslieferant der Europäischen Union, wobei der Anteil der Türkei an den europäischen Einfuhren von 15,3 Prozent im Jahr 2007 auf 11,5 Prozent im Jahr 2017 zurückgegangen ist. Der Rückgang der Türkei, der seit 2015 erheblich ist, ist auf einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen. Der wurde durch einen erheblichen Kostenanstieg verursacht, aber in jüngster Zeit auch durch die innenpolitische Situation und die angespannten Beziehungen zur Europäischen Union, insbesondere zu Deutschland, ihrem größten europäischen Kunden.

Aber dank der Zollunion mit der EU und der starken Abwertung der türkischen Lira bleibt die Türkei für Europäer weiterhin ein sehr interessantes Beschaffungsland. Sie ist der zweitgrößte Anbieter von Jeans, T-Shirts, Kleidern, Röcken und Herrenjacken in der EU und der drittgrößte Anbieter von Hosen, Pullovern, Hemden und Blusen. Bezüglich Dessous, Bademode und Berufskleidung ist sie als Anbieter weniger attraktiv.

Marokko

steht als Bekleidungslieferant der Europäischen Union auf Platz 8. Marokko wurde nach dem Abbau der Quoten im Rahmen des Multifaserabkommens von der asiatischen Konkurrenz schmerzhaft überholt. Seit 2013 hat die Branche wieder ein starkes Wachstum zu verzeichnen und gewinnt im Gegensatz zu anderen Anbietern im Mittelmeerraum wieder Marktanteile hinzu.

Marokko profitiert somit von einer dynamischen Industrie- und Handelspolitik, die von den Behörden des Landes unterstützt wird und darauf abzielt, diese Industrie in Sachen Schnelligkeit unschlagbar zu machen.

Tunesien

steht als EU-Lieferant an neunter Stelle. Das Land erholt sich gerade von einem schweren zweifachen Schock: der Abbau des Multifaserabkommens (AMF) ab dem Jahr 2005 und vielfältige Probleme wirtschaftlicher, sozialer und politischer Art als Folge der "Jasminrevolution". Ihr Anteil an den Bekleidungsimporten der EU lag vor zehn Jahren bei 4,4 Prozent. Jetzt sind es nur noch 2,4 Prozent.

Die relativ kurzfristigen Aussichten für eine Erholung des Sektors sind jedoch ernst zu nehmen, da sich die gesellschaftspolitische Lage des Landes verbessert hat und die Präsenz europäischer Investoren beträchtlich ist. Außerdem sind die Faktorkosten attraktiv, die Arbeitskräfte qualifiziert und der Fortschrittswille wird bekräftigt.

Die Stärken Tunesiens sind seine geographische Lage am Meer (zweiter Lieferant der EU), die Berufsbekleidung (ebenfalls zweiter Lieferant), Damenunterwäsche und Sportbekleidung einschließlich Jeans.

Wie steht es in den anderen Mittelmeerländern?

Ägypten

steht als Bekleidungslieferant für die EU mit einem Anteil von 0,5 Prozent an 17. Stelle. Dieses Land, das über wichtige Güter (Niedriglöhne, Baumwolle, Energie) verfügt, exportiert hauptsächlich in die USA und nutzt das QIZ-Abkommen (mit Israel und Jordanien), um dort zollfrei zu exportieren.

Jordanien

belegt als Lieferant für die Europäische Union Platz 44. Das Land richtet sich auch an die USA, wo es dank des QIZ-Abkommens ein wichtiger Bekleidungslieferant geworden ist. (1,36 Milliarden Dollar im Jahr 2017). Jordanien hat 1200 Unternehmen und 80.000 Mitarbeiter.

Mit welchen Mitteln verstärkt die Europäische Union ihre Zusammenarbeit mit dieser Region?

Mit viel Dialog! Die Maghreb-Länder haben zu Recht das Gefühl, dass die Europäische Union sie viel weniger gut behandelt als die asiatischen Länder. Beispielsweise weigert sich die Europäische Kommission nach wie vor, ihnen die gleiche Zollpräferenzbehandlung wie einigen ihrer Konkurrenten wie Bangladesch, Kambodscha oder Myanmar zu gewähren.

Was haben Sie mit Evalliance seit seiner Gründung erreicht und was sind Ihre zukünftigen Projekte?

Evalliance ist ein junger Verein, den ich 2013 gegründet habe. Seine Aktivitäten betreffen berufliche Bildung (Produktivität, Mode-Marketing, Beschaffung, Management), Geschäftsanalyse, die Organisation von B-to-B-Aktivitäten, internationale Partnerschaften (Investitionen, Forschung & Entwicklung), Marktforschung und Lobbying.

Wir arbeiten in einem Netzwerk und haben Partnerschaftsabkommen mit französischen und europäischen Handelskammern sowie mit Berufsverbänden in Asien (Kambodscha, Vietnam, Myanmar) geschlossen. Wir unterhalten Büros in Phnom Penh und Rangoon sowie Büros in verschiedenen europäischen Ländern, China und den USA.

In unserem Verwaltungsrat sind auch drei ehemalige Botschafter vertreten, wodurch er eine politische Dimension erhält.

Unter unseren verschiedenen kurzfristigen Projekten möchte ich die Gründung eines Modeinstituts in Kambodscha erwähnen, die auf einer Studie über den Ausbildungsbedarf in diesem Land basiert, die wir durchgeführt haben.

Das Image der Textilbekleidung ist getrübt, vor allem wegen der Sicherheitsprobleme in Bangladesch oder Tunesien. Was tun diese Länder, um die Befürchtungen der Investoren zu entkräften?

In den letzten Jahren haben Sicherheitsprobleme, insbesondere der Terrorismus, den internationalen Handel mit Textilien und Bekleidung zwischen der Europäischen Union und bestimmten Beschaffungsländern wie Tunesien, der Türkei, Bangladesch und anderen beeinträchtigt.

" Für die europäische und mediterrane Industrie steht viel auf dem Spiel; es ist ein existentieller Einsatz! Die digitale Revolution könnte ein gewaltiger Schub für die Rückeroberung von Märkten und sogar für die Verlagerung der Textilbekleidungsindustrie in Europa sein."

Jean-François Limantour

Ich möchte jedoch betonen, dass die mangelnde Achtung der Menschenrechte auch die Wirtschaftstätigkeit wichtiger Lieferanten in Europa beeinträchtigt. Ich denke dabei insbesondere an Bangladesch. Seit dem Einsturz des Rana Plaza in Dhaka im April 2013 mit 1127 Toten hat sich die Situation in diesem Land, in dem die Arbeitsbedingungen trotz der Bemühungen großer westlicher Unternehmen und der Internationalen Arbeitsbehörde allgemein inakzeptabel und überholt bleiben, nicht wesentlich verändert.

Ich denke auch an das Drama der Rohingya in Myanmar, die Arbeit der syrischen Flüchtlingskinder in türkischen Bekleidungswerkstätten, etc.

In dieser Hinsicht ist das Image des Sektors in der öffentlichen Meinung nicht gut. Aber das Geschäft entwickelt sich immer besser, auch mit den fragwürdigsten Ländern, und die Europäische Union gewährt ihnen weiterhin sehr wichtige Präferenzvorteile!

Wie nähern sich Unternehmen der 4. Industriellen Revolution? Wäre Mode 4.0 ein Hebel der Wettbewerbsfähigkeit für die "Schnelle Mode"?

Es ist offensichtlich, dass die Industrie 4.0 die Art und Weise, wie Industrieunternehmen und Vertrieb arbeiten, sehr stark verändern wird. Die vertikale Arbeitsorganisation in den Bekleidungswerkstätten wird nach und nach durch eine horizontale Zusammenarbeit ersetzt. Roboter existieren bereits, gepaart mit künstlicher Intelligenz, um T-Shirts in hervorragender Qualität und Quantität selbst zu nähen. Wir beginnen mit der Herstellung von Kleidung aus 3D-Druckern. Der individuelle Vertrieb über UAVs (Drohnen) ist nicht länger nur eine Vision. Die Unternehmen der Zukunft werden mit Projekten wie Amazon aus dem Boden schießen. Die Unternehmen werden in der Lage sein, ihre Kleidung auf den Kundenbedarf zuzuschneiden.

Es ist klar, dass die Aussichten auf mehr Wettbewerbsfähigkeit sowohl im industriellen als auch im kommerziellen Bereich enorm sind. Der Berufsstand hat das gut verstanden! So bietet Lectra, der Weltmarktführer im Bereich CAD, bereits ein äußerst attraktives 4.0-Angebot.

Für die europäische und mediterrane Industrie steht viel auf dem Spiel; es ist ein existentieller Einsatz! Die digitale Revolution könnte ein gewaltiger Schub für die Rückeroberung von Märkten und sogar für die Verlagerung der Textilbekleidungsindustrie in Europa sein. Aber Vorsicht, auch China und andere asiatische Länder wissen das längst und investieren ihrerseits in die Wirtschaft 4.0.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Jean-François Limantour, Evalliance.

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