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Frauen an der Spitze: Giny Boer, CEO bei C&A

Von Barbara Russ

10. März 2021

Business |CEO-INTERVIEW

Giny Boer ist seit Januar die erste Frau an der Unternehmensspitze von C&A in Europa. Mit ihr sind weitere Frauen in die oberste Führungsriege des Modeunternehmens eingezogen, in dem zu 90 Prozent Frauen arbeiten und 80 Prozent der Filialen bereits von Frauen geführt werden. Auf der Top-Managementebene wird der Frauenanteil mit 50 Prozent vergleichsweise dünner, aber Giny Boer schaut sich bereits Möglichkeiten wie Teilzeit für Führungskräfte und flexibles Arbeiten an, um ihre Mitarbeiterinnen weiter zu unterstützen.

FashionUnited sprach mit ihr über ihre Pläne, das Unternehmen weiter zu digitalisieren, über die Herausforderungen, die sich ihr bei der Übernahme einer neuen Rolle während der Corona-Krise stellen und darüber, warum diverse Teams zu besseren Ergebnissen führen.

Frau Boer, wie würden Sie Ihre Karriere in Ihren eigenen Worten beschreiben?

Giny Boer: Nach meinem Studium der Psychologie und Betriebswirtschaft habe ich als Produktentwicklerin und Einkäuferin bei einer Firma für Haushaltsgeräte und Gartenmöbel in Holland gearbeitet. Dann habe ich ein Praktikum bei Ikea begonnen und bin dort schnell aufgestiegen. Ich passte kulturell gut zu Ikea und habe während meiner 23-jährigen Karriere dort in vielen verschiedenen Führungspositionen gearbeitet. Es ist vielleicht kein so aufregender Lebenslauf, wie wenn man für viele verschiedene Unternehmen gearbeitet hat, aber ich bin mit Ikea organisch gewachsen, während das Unternehmen selbst international gewachsen ist, und ich hatte eine sehr internationale Karriere innerhalb des Unternehmens und habe viele verschiedene Aspekte des Geschäfts gesehen. Das war sehr hilfreich, vor allem im Hinblick auf meine neue Rolle bei C&A.

Was hat Sie daran gereizt, für C&A zu arbeiten?

Zum einen ist Mode meine zweite Leidenschaft, neben Living. Als Studentin habe ich im Modeeinzelhandel als Verkäuferin gearbeitet und in der Schule habe ich meine eigene Kleidung entworfen und genäht. Ich mochte also schon immer Kleidung und Textilien. Das Zweite, was mich an C&A angezogen hat, ist, dass es sich wie Ikea in Familienbesitz befindet, und beide Unternehmen richten sich an die breite Öffentlichkeit, das heißt, sie haben beide den Kauf schöner Dinge zu einem günstigen Preis demokratisiert. Jeder verdient die Chance, schön auszusehen, finde ich. Und drittens hat C&A eine wirklich starke Nachhaltigkeitsagenda. Wir reden nicht genug darüber, aber wir tun wirklich viel in dieser Hinsicht.

Was sind Ihre Prioritäten als Chefin von C&A Europa?

Zuallererst möchte ich so viel wie möglich mit den Menschen sprechen und das Unternehmen sowie die Kultur verstehen. Ich habe viele „Meet & Greets“ abgehalten, um möglichst viele Leute kennenzulernen und so viel wie möglich über das Unternehmen zu erfahren. Ich denke, man braucht eine gewisse Offenheit, um zu lernen, anstatt anzukommen und zu sagen „Ich weiß schon“. Leider musste ich meine Arbeit bei C&A vor dem Hintergrund der Corona-Krise antreten. Diese Krise und die erneuten Schließungen zwangen uns im Grunde dazu, darüber nachzudenken, wie wir ein digitaleres Unternehmen werden können. Wir haben uns gefragt: Wie können wir das Unternehmen von einem reinen Offline-Händler zu einer viel stärkeren Online-Präsenz transformieren und gleichzeitig versuchen, die Attraktivität unseres Filialportfolios zu steigern? Wir wollen auch viel mehr über unsere Nachhaltigkeitserfolge und -bemühungen sprechen.

Ein Teil dieser Digitalisierung ist eine Partnerschaft mit Zalando im Rahmen ihres Connected Retail Programms. Können Sie erste Ergebnisse und Eindrücke über diese Partnerschaft verraten?

Der Erfahrungszeitraum für dieses Projekt ist zu kurz, um etwas Definitives darüber zu sagen. Ich denke, es ist zu früh, um es zu bewerten. Was wir sagen können, ist, dass wir es ausbauen und expandieren wollen, da es jetzt nur auf einige wenige Geschäfte in Deutschland beschränkt ist. Wir wollen das Sortiment erweitern und auch in anderen Ländern einführen. Wir hatten einen guten Start und ich denke, es kann eine tolle Partnerschaft werden.

Wie hat C&A nach der Schließung der stationären Filialen sonst noch in die Stärkung des E-Commerce-Geschäfts investiert?

Ich möchte von allen Seiten betrachten, wie wir unsere Online-Präsenz erhöhen können. Wir wollen neue Kooperationen finden, wie zum Beispiel mit Zalando, und generell weitere Markteinblicke und Informationen sammeln. Es gehört eine Menge dazu, ein gutes, menschliches Online-Unternehmen zu werden. Da es derzeit so viel Unsicherheit gibt und niemand sagen kann, wohin das alles geht, gehen wir in kleinen Schritten voran.

Glauben Sie, dass Frauen mit dieser Unsicherheit besser umgehen können als Männer? Wie unterscheiden sich die Führungsstile?

Ich würde gerne sagen, ja, Frauen können das besser. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Ich kann nur für mich selbst sprechen. Ich führe gerne im Ungewissen. Und ich würde C&A gerne in ein wirklich digitales Unternehmen verwandeln und es modernisieren.

Drei Dinge sind für mich als Führungskraft wichtig: Erstens, mit Freundlichkeit zu führen. Ich glaube wirklich, dass eine Führungskraft die Menschen befähigen muss. Das bedeutet nicht, dass man in der Kommunikation nicht klar sein sollte. Es ist freundlich, klar zu sein.

Zweitens: Zusammenarbeit. Ich will keine Egos, es geht nicht um dich und mich, wir müssen zusammenarbeiten. Die Themen sind so schwierig und komplex, dass man verschiedene Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund braucht, um Probleme von heute zu lösen.

Und drittens: Verletzlichkeit. Ich glaube, als Unternehmen muss man sich Verletzlichkeit und Transparenz zu eigen machen. Zu sagen: Wir sind noch nicht so gut in dieser oder jener Sache, aber wir arbeiten daran, ist eine Stärke. Als Mensch bin ich alles andere als perfekt. Ich glaube, dass die Menschen von einem Menschen geführt werden wollen, und es macht einen sympathisch, wenn man seine Schwächen zeigt und manchmal sagt: „Ich weiß es nicht“ - das ist wahre Stärke.

Es geht also nicht um Männer und Frauen, sondern darum, Diversität zu umarmen: Introvertierte, Extrovertierte, verschiedene Nationalitäten, verschiedene Hintergründe, unterschiedliche Altersgruppen. Es ist nicht immer einfach, eine diverse Gruppe zu führen, aber wenn man diese Dynamik akzeptiert, bin ich überzeugt, dass man durch sie zu besseren Lösungen kommt.

Sehen Sie sich als Mentorin für andere Frauen? Wie ermutigen Sie sie?

Ich versuche, mein Bestes zu tun, um Frauen zu ermutigen. Viele Frauen denken leider, sie sind nicht gut genug, sie sind nicht bereit. Ich versuche, ihnen zu sagen: Glaube an dich selbst, du bist gut genug. Ich weiß nicht, woher es kommt - ob es die Gesellschaft oder die Erziehung ist - aber Männer haben mehr Selbstvertrauen, wenn es um neue Rollen geht. Der Mann denkt: „Ich war schon vor zehn Jahren bereit“ und die Frau fühlt sich immer noch unsicher, obwohl sie viel qualifizierter ist. Deshalb ermutige ich Frauen heute, diesen Schritt zu gehen und ihren Platz an dem Tisch einzunehmen, an dem die Entscheidungen getroffen werden. Frauen sollten Frauen unterstützen und Männer sollten Frauen unterstützen - und umgekehrt.

Wie stehen Sie zu Quoten für Frauen in Führungspositionen?

Wenn Sie mir diese Frage vor mehreren Jahren gestellt hätten, hätte ich gesagt: Ich bin dagegen. Aber jetzt bin ich dafür. Wenn man sich im Geschäftsleben ein klares Ziel setzt, kann man es messen, man verfolgt es und kann es erreichen. Wenn man das nicht tut, erreicht man es auch nicht. Und es scheint überall notwendig zu sein, dieses Ziel zu setzen, nicht nur in den Unternehmen, sondern zum Beispiel auch in der Politik.

Und ein global agierendes Unternehmen wie C&A kann Frauen in Entwicklungsländern, wo die Ungleichbehandlung noch viel größer ist, helfen, ebenfalls Gleichberechtigung zu erreichen.

Ja, absolut. Aber wir können es nicht alleine schaffen - es ist viel Zusammenarbeit nötig. Deshalb arbeitet C&A mit vielen Stakeholdern zusammen und kooperiert mit anderen Marken und Einzelhändlern, Herstellern und Gewerkschaften, um einen systemischen Wandel voranzutreiben.

Welche Empfehlung würden Sie Ihrem jüngeren Ich in den 20ern, oder aktuellen Absolventen, in Bezug auf ihre Karriere geben?

Ich würde sagen, glaube an dich selbst und habe Träume. Sei diszipliniert und lerne ständig dazu. Meine Karriere war nicht durchgeplant - ich war immer auf der Suche nach neuen Wegen, zu lernen. Sei selbstbewusst und frage dich, warum nicht ich?

Bild: Giny Boer / C&A