Haderlump: Vom Berliner Atelier auf die internationale Bühne?
Im 10. Jahrhundert bezeichnete der Begriff Haderlump ein zerrissenes Stück Stoff. Damals stand er für Menschen am Rande der Gesellschaft – heute für ein Berliner Modelabel, das Eleganz und Roughness miteinander verwebt und Handwerk, Transparenz sowie präzise Ästhetik zum Kern seiner Identität macht. Was einst als bewusst kleines Atelierprojekt begann, ist in wenigen Jahren zu einer der markantesten Stimmen der Berliner Mode geworden. Gegründet Anfang 2021 von Johann Ehrhardt und Julius Weissenborn, hat sich Haderlump vom Newcomer zum festen Bestandteil der Berlin Fashion Week entwickelt.
2025 markierte das bislang größte Kapitel der Marke. Mit dem ersten eigenen Flagship-Store in der Berliner Besselstraße und einem neuen Investor stellte Haderlump die Weichen für Wachstum und Internationalisierung. Doch wohin geht die Reise für das Label, das gerade seine neueste Kollektion auf der Berlin Fashion Week präsentierte
‘Zurückgeben an Berlin’
„Haderlump verbindet Gegensätze – Eleganz und Roughness, klassisches Tailoring und zeitgenössische Klarheit“, beschreiben die Gründer ihre Marke gegenüber FashionUnited. Getrieben wird sie von der Vision, „Berliner Mode international zu positionieren“, mit einem klaren Fokus auf Handwerk, Materialität und Transparenz. Nachhaltigkeit sei dabei kein nachträgliches Narrativ, sondern struktureller Bestandteil.
Diese Haltung spiegelte sich auch in der neuen Herbst/Winter-Kollektion Varius wider, die im historischen Wintergarten Varieté präsentiert wurde, einem der prägenden Kulturorte Berlins, der Unterhaltung, Experimentierfreude und Geschichte miteinander verbindet. Hier brachte Haderlump nicht nur Mode auf den Laufsteg, sondern inszenierte eine Art Varieté mit Klavierbegleitung. Samtvorhänge rahmten den Laufsteg ein, während ein zentral platzierter Spiegel die Pracht des Theaters reflektierte und die reich verzierten Details des Raumes sowie die vorbeiziehenden Models vervielfachte.
Inspiriert wurde die Kollektion von Marlene Dietrich, einer Berliner Ikone, die Grenzen überschritt und Konventionen in Frage stellte. Haderlump orientierte sich an der Freiheitsliebe und Individualität der Schauspielerin, deren Leben und Auftritte Normen hinterfragten. Die Kollektion übersetzt dieses Erbe in Mode. Zwischen femininen Kleidern, eleganten Abendroben und präzise geschnittenen Hosen – einst Dietrichs Ausdruck von Selbstbestimmung – bewegt sich Haderlump zwischen klassischem Tailoring und zeitgenössischer Formensprache.
Nicht fehlen durften die nach Dietrich benannten Marlene-Pants, eine ikonische Hosenform mit hoher Taille, weitem Bein und fließender Drapierung, die sich besonders in Deutschland als klassische Silhouette etabliert hat. Die Farbpalette bleibt in den vertrauten, zurückhaltenden Tönen Grau, Creme, Braun und Schwarz, akzentuiert durch Rottöne und Blau. Klassisches Tailoring tritt stärker in den Vordergrund, während avantgardistische und rustikale Elemente zugunsten einer eleganteren, reduzierten Ausdrucksform zurücktreten. Neu hinzu kommt die Arbeit mit Spitze, kombiniert mit Leder, Denim und schwerer Wolle, ein Zusammenspiel von Weichheit und Stärke, das das zentrale Markenzeichen der Marke unterstreicht.
„Die Berlin Fashion Week ist mit uns gewachsen – sie ist längst nicht mehr nur ein Raum zum Experimentieren, sondern eine Plattform, auf der unsere Ideen klarer definiert werden können“, erklärt das Team von Haderlump. Jede Präsentation bietet die Möglichkeit, die eigene Narrative zu vertiefen, die Designsprache zu verfeinern und die Vision der Marke konzentriert zu präsentieren. „Mit der kommenden Präsentation wollen wir demonstrieren, wie wir Haderlumps ästhetische Sprache auf ein internationales Niveau heben“, so Haderlump vor der aktuellen Modenschau.
Berlin ist dabei weit mehr als nur Schauplatz für Mode. Die Energie der Stadt fließt in die Inszenierung der Kollektionen ein, während die Fashion Week selbst als Schaufenster dient, um die Berliner Haltung und die ästhetische Sprache der Marke international sichtbar zu machen. Trotz eines Blicks in Richtung Internationalität bleibt die deutsche Hauptstadt aktuell das Herzstück von Haderlump.
Neue Spielräume und Möglichkeiten
2025 eröffnete die Marke ihren Flagship-Store in der Besselstraße, der weit mehr als ein Verkaufsraum ist. „Mit dem Flagship-Store schaffen wir einen physischen Ort, an dem unsere Marke ganzheitlich erlebbar wird. Der Raum ist weniger Verkaufsfläche als vielmehr Ausdruck unserer Haltung, unserer Ästhetik und unserer Werte. Wir sehen ihn als Fläche, inspiriert zu werden, zurückzugeben an Berlin.“ Hier trifft Mode auf Erlebnis. Der Store fungiert als Schnittstelle, Begegnungsraum und Kommunikationsplattform zugleich, stellt die Marke jedoch auch vor logistische Herausforderungen.
Sämtliche Ready-to-Wear-Produkte werden im angrenzenden Atelier gefertigt, sodass nicht immer jede Größe oder Ausführung verfügbar ist. „Um dem entgegenzuwirken, wollen wir eine neue Position schaffen, die sich gezielt um die Produktionsplanung kümmert“, erklärte die Marke gegenüber FashionUnited. „Gleichzeitig denken wir darüber nach, bestimmte Produktlinien möglicherweise in externe Produktionsstätten auszulagern.“ Jede Entscheidung wird bewusst im Sinne der Marke getroffen, nachhaltig, transparent und mit selbst ausgewählten Materialien.
Parallel eröffnet das Investment von Unternehmer Marc Sasserath und seiner Investmentgesellschaft Sasserath 1871 der Marke aber auch neue Handlungsspielräume. „Es gibt uns den finanziellen Spielraum, gezielt in Qualität und Infrastruktur zu investieren, etwa durch die Anschaffung einer Freehand-Ledermaschine für unsere Leather Goods. Gleichzeitig können wir interne Strukturen stärken und unserem Team mehr zurückgeben“, so die Gründer. Sasseraths Expertise und Netzwerk, insbesondere sein Zugang zur Berliner Modeszene, unterstützt Haderlump zudem bei strategischen Entscheidungen, Partnerschaften und der internationalen Positionierung der Marke.
In Bezug auf Kollektionen und Produktion habe sich durch das Investment zunächst wenig verändert. „Wir setzen weiterhin auf unsere bewährten Prozesse und Qualitätsstandards. Strategisch eröffnet uns die Beteiligung jedoch neue Möglichkeiten, insbesondere durch unseren Flagship-Store. Dadurch können wir nun eine gezielte Marktstrategie fahren, die den direkten Kund:innenkontakt stärkt, das Markenerlebnis erweitert und unsere Präsenz in Berlin sowie langfristig auch international ausbaut.“
Expansionsmöglichkeiten rücken ins Visier
Trotz aller Nähe und Liebe zu Berlin richtet die Marke ihren Blick auf internationale Expansionsmöglichkeiten. Aktuell liegt das Hauptaugenmerk dabei auf Europa, um bestehende Märkte zu festigen und die Kund:innenbeziehungen zu vertiefen. Zugleich wächst die Marke in den USA, und der asiatische Markt, insbesondere Südkorea, wird über Pop-up-Formate getestet, um zu prüfen, wie Haderlump dort als ganzheitliches Markenerlebnis wahrgenommen wird.
„Unsere kreative DNA ist der Kern von Haderlump - unsere Handschrift, Materialität und handwerkliche Präzision. International wollen wir nur dort expandieren, wo unsere Werte und unser ästhetisches Verständnis geschätzt werden, statt uns an Markttrends anzupassen. Wir wachsen bewusst, kuratiert, selektiv und mit Partner:innen, die unsere Vision teilen, damit die Marke auch über Grenzen hinweg unverfälscht bleibt.“
Langfristig verfolgt Haderlump klare kreative und geschäftliche Ziele. „Wir sind mit der bisherigen Geschäftsentwicklung sehr zufrieden: Die Marke wächst stabil und wir sehen eine kontinuierlich steigende Nachfrage. In den nächsten zwölf bis 24 Monaten liegt unser Fokus darauf, diese Entwicklung zu festigen und zu stärken.“ Im Zentrum steht die Weiterentwicklung der Kollektionen und Ready-to-Wear-Produkte, die die Handschrift der Marke, ihre Materialität und handwerkliche Präzision tragen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Small Leather Goods, die bereits jetzt auf reges Interesse stoßen.
Darüber hinaus möchte Haderlump den Flagship-Store als zentralen Ort für Marke, Community und Begegnung etablieren. Hier sollen Kund:innen die Marke erleben, sich austauschen und aktiv in die Weiterentwicklung einbringen. Langfristig träumt die Marke zudem von der Errichtung einer eigenen Produktionsstätte in Deutschland, um Handwerk, Qualität und die nachhaltige Steuerung von Produktionsprozessen noch stärker selbst in der Hand zu halten.
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