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Hermès-Standort bringt neues Leben in "eingeschlafene" französische Region

Von AFP

20. Jan. 2022

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Foto: Philippe Lopez / AFP

Montbron, ein ländliches Dorf in der südwestfranzösischen Region Charente, die einst für seine Textil- und Schuhexpertise bekannt war, ist dank der Ankunft von Hermès, dem internationalen Modehaus für Luxus ‚Made in France‘, wieder zum Leben erwacht.

In einem Gebäude aus Holz und hellem Stein, für den die Region ebenfalls bekannt ist, klopfen, polieren und bearbeiten die 260 Handwerkenden der ‚Maroquinerie de la Tardoire‘ mit Hämmern und Nadeln die Leder, die zu Brieftaschen und Taschen der Marke verarbeitet werden.

„Wir fertigen unsere Stücke von A bis Z, es ist eine Ehre, es ist keine Fabrikarbeit“, sagt Isabelle Cassard, 49, in einer der acht Werkstätten mit einem atemberaubenden Blick über die Landschaft und ihre friedlichen Nachbar:innen, die Kühe, die dort grasen. Hier wird die Frage um die französische Deindustrialisierung, die im Präsidentschaftswahlkampf heiß diskutiert wird, offensichtlich.

Ein hauseigene Ausbildung

Wie diese ehemalige Abteilungsleiterin bei Intermarché, haben die Lederhandwerkskräfte eine anspruchsvolle achtzehnmonatige Inhouse-Ausbildung absolviert, um das Know-how des für seine Handwerkskunst geschätzten Hauses Hermès zu erlernen, bevor sie in der Lage sind, Taschen selbständig zu fertigen. Eine Besonderheit des Hauses ist, dass die Einstellungen ohne Alters- oder Erfahrungskriterien erfolgen. Darunter viele Quereinsteigende, die von dem Wunsch geleitet werden, „Schönes zu schaffen“.

Als Hermès 2012 sein Luxusgepäck in Montbron abstellte, stellte das Unternehmen insgesamt 280 Arbeitskräfte ein, die meisten davon in der nahen Arbeitsmarktregion und in Angoulême, um seinen Produktionsachse im Südwesten mit zwei weiteren Standorten in Nontron (Dordogne) und Saint-Junien (Haute-Vienne) zu ergänzen.

„Was die Globalisierung uns genommen hat, hat sie uns in einem zweiten Schritt wieder zurückgegeben. Innerhalb von fünf Jahren haben wir die 300 Arbeitsplätze, die seit den 90er Jahren in der Textil- und Schuhbranche verloren gegangen sind, fast wieder ausgeglichen“, fasst Gwenhaël François, Züchter von Limousin-Rindern und Bürgermeister des 2.100-Seelen-Ortes, 30 Kilometer von Angoulême entfernt, stolz zusammen. Das Gehalt der Handwerker:innen, das nie bekannt gegeben wird, liegt über dem Mindestlohn und kann bis zu 16 Monatsgehälter erreichen, wenn Prämien und Gewinnbeteiligungen eingerechnet werden.

Laut der Industrie- und Handelskammer der Charente war der Sektor „Herstellung von Reiseartikeln, Lederwaren und Sattlerwaren“ im Jahr 2020 der größte private Arbeitgeber in der Gemeinschaft, während die Schuhherstellung 2010 noch den Großteil der Arbeitsplätze stellte.

„Rettungsanker“

Auch wenn die Charente allmählich in kleinen Einheiten wiederbelebt wird, wurde das Gebiet durch den Zusammenbruch seiner Flaggschiffe gebrandmarkt, von den Charente-Hausschuhen aus dem Becken von La Rochefoucauld bis zu den Strickwaren von Angel Moreau und den Decken von Toison d'Or. Bricq (technische Textilien), das bis zu 400 Mitarbeitende beschäftigte und heut nur noch einige Dutzend zählt. „Die Gemeinde sah, wie ihre Jugend verschwand und schlief langsam ein“, sagte der Bürgermeister.

„Es war ein industrieller Schiffbruch und Hermès kam zu unserer Rettung“, sagte sein Vorgänger, Ex-Senator und ehemaliger sozialistischer Präsident des Departements, Michel Boutant, der einer der Befürworter der Ansiedlung des Standorts war. „Auch wenn letztendlich nur sehr wenige unserer Handwerkskräf aus der ehemaligen Textil- oder Schuhindustrie stammen, so ist die Gruppe doch sensibel für die Traditionen der Herstellung und des Handwerks in einem Gebiet. Über die Prägung hinaus bleibt der Qualitätsanspruch dieser Berufe bestehen“, betont Emmanuel Pommier, Generaldirektor des Handwerksbereichs Lederwaren und Sattlerei bei Hermès.

Mit seinem „in den Regionen verankerten“ handwerklichen Unternehmensmodell zählt Hermès über 4.000 Sattlerei- und Lederhandwerkskräfte in 19 Werkstätten in Frankreich und strebt bis 2022 600 Neueinstellungen an, davon 70 in der südwestlichen Region, um der rasant steigenden internationalen Nachfrage gerecht zu werden. In diesem Herbst wird Montbron, wie die anderen Regionen, seine eigene Ausbildungsschule erhalten, die ein CAP Lederwaren ausstellen wird.

Noch eine gute Nachricht für Montbron, wo der Bürgermeister die Ambition hat, 20 möblierte Wohnungen zu renovieren, um die Neuankömmlinge zu empfangen. Mit der Ankunft von Hermès und etwa 30 neuen Familien wurden zwei Klassen in der lokalen Schule wieder eröffnet – alle vier Jahre verlor die Schule zuvor eine Klasse. Mit der Unterstützung der Gemeinde, die verfallene Gebäude aufkauft und renoviert, sind neue Geschäfte und Kunsthandwerksbetriebe entstanden.

„Wir haben mitangesehen, wie Häuser renoviert wurden. Offene statt geschlossene Fensterläden“, bestätigt Annabelle Fontanges, Handwerkerin bei Hermès. „Es ist noch nicht alles geklärt“, aber für den Bürgermeister ist eines sicher: „Man sieht uns nicht mehr im gleichen Licht“. (AFP)

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fr veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ.

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