Hitzestress: Das reale Lieferkettenrisiko, das die Modebranche nicht länger ignorieren kann

Die Temperatur beträgt 35 Grad Celsius, fühlt sich aber aufgrund der Luftfeuchtigkeit wie 40 Grad an. Die Atmosphäre ist drückend und der Textilstaub erschwert das Atmen. Der alte Deckenventilator macht Geräusche, ist ebenfalls voller Staub und kühlt die Luft kaum. Arbeiter:innen, die es gewohnt sind, nicht zu viel zu trinken, um häufige Toilettenpausen zu vermeiden, nippen an mit Elektrolyten versetztem Wasser. Ohnmacht, Nasenbluten und Hitzschläge sind an der Tagesordnung.

Was wie eine dystopische Erzählung klingt, ist in vielen Bekleidungsfabriken bereits Realität. Die Hitzewelle, die derzeit große Teile Süd- und Südostasiens erfasst, legt die Arbeit in Bekleidungs- und Textilfabriken lahm und erschwert das Leben der Arbeiter:innen.

Ein starker El Niño pumpt derzeit riesige Mengen ozeanischer Wärme in die Atmosphäre. Dies verstärkt die langfristigen Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels und treibt Temperaturen weltweit auf Rekordhöhen. In Indien werden 38 Grad Celsius erreicht und in Sri Lanka, Bangladesch und Pakistan zwischen 32 und 34 Grad Celsius.

Stellen Sie sich vor, Sie verlassen ein gerade gelandetes Flugzeug und befinden sich für einige Sekunden im Abgasstrahl. Nun stellen Sie sich vor, Sie wären stundenlang darin. So fühlt es sich derzeit in Teilen Asiens an.

Die globalen Auswirkungen von El Niño mit Kerntemperaturanomalien im Pazifischen Ozean, weitreichenden Klimastörungen wie Dürren in Australien und Südostasien, Überschwemmungen in Südamerika und milderen Wintern in Nordamerika. Bild: KI-generiertes Bild / FashionUnited

Sich verlagernde tropische Wettermuster unterdrücken den Regenfall und schwächen die Passatwinde. Dadurch wird stagnierende, trockene Luft über dem Kontinent eingeschlossen, was zu langanhaltenden, extremen Hitzewellen führt. Hitzebelastung beginnt bei einer Temperatur von etwa 30 Grad Celsius; Hitzestress ab 32 Grad Celsius.

Was ist Hitzestress?

Ein aktueller Bericht des NYU Stern Centre for Business and Human Rights mit dem Titel „Too Hot to Ignore: Extreme Heat in Garment Supply Chains“ warnt die Bekleidungs- und Textilindustrie davor, Hitzestress zu ignorieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Hitzestress als die häufigste wetterbedingte Todesursache.

Hitzestress tritt auf, wenn der Körper sich nicht ausreichend durch Schwitzen abkühlen kann. Dies führt zu Symptomen wie Kopfschmerzen, Hitzeerschöpfung, Hitzschlag und Nierenschäden. Auch reproduktive Gesundheitsprobleme oder die Verschlimmerung bestehender Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Asthma und psychische Störungen können die Folge sein. Hitzestress entsteht, wenn Menschen übermäßiger Hitze und Feuchtigkeit ausgesetzt sind oder anstrengende Tätigkeiten in heißen Umgebungen ausüben, wie zum Beispiel die Arbeit in einer Bekleidungsfabrik.

Der Bericht stellt klar, dass klimabedingte extreme Hitze nicht länger als fernes Umweltproblem abgetan werden kann. Sie hat sich schnell zu einem zentralen Betriebsrisiko entwickelt. Es wird betont, dass steigende Umgebungstemperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit in Süd- und Südostasien die Produktionsökosysteme bereits jetzt aktiv stören. Extreme Hitze wird nicht nur als nebensächliche Nachhaltigkeitskennzahl neu bewertet, sondern als unmittelbare Krise für Arbeitssicherheit und Gesundheit. Diese Krise bedroht die Widerstandsfähigkeit der globalen Lieferkette der Modebranche grundlegend.

Die Situation in Indien

Um diese Ergebnisse zu untermauern, kombinierte das Forschungsteam von NYU Stern eine umfassende Betriebsbeobachtung mit tiefgehenden, lokalen Feldanalysen in Indien. Indien ist der sechstgrößte Bekleidungsexporteur der Welt und zunehmend extremer Hitze ausgesetzt.

Die Forscher:innen führten Vor-Ort-Untersuchungen in zehn Bekleidungsfabriken durch. Diese beschäftigen zusammen fast 9.000 Arbeiter:innen und erstrecken sich über wichtige Industriestaaten wie Tamil Nadu, Haryana, Odisha, Maharashtra und Karnataka. Sie beliefern Marken für den heimischen (D-mart, V-mart, Joki) und internationalen Markt (Jack & Jones, Levi’s, Marks & Spencer, Primark, S.Oliver, Target, Tom Tailor, Uniqlo und andere).

Die empirische Arbeit umfasste Interviews mit etwa 80 Arbeiter:innen vor Ort in neun der Fabriken. Weitere 40 Interviews wurden bei ihnen zu Hause geführt, um ein Gefühl für die Hitzebelastung in den Lebensräumen zu bekommen. Der Bericht verfolgte auch interne Umweltvariablen und wertete die Protokolle der Sanitätsräume in mehreren Einrichtungen aus, um saisonale Gesundheitsprobleme zu erfassen. Zusätzlich befragten die Forscher:innen internationale Schuh- und Bekleidungsmarken. So sollte die deutliche Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein der Unternehmen und der tatsächlichen Überwachung der Einhaltung von Vorschriften in den Fabriken bewertet werden.

Welche körperlichen und finanziellen Folgen hat Hitzestress für Arbeiter:innen?

Die menschliche Last dieser eskalierenden Klimakrise tragen die Personen an den Nähmaschinen. Der Bericht dokumentiert, wie das Mikroklima in den Produktionsstätten die gefährlichen Bedingungen im Freien oft übertrifft, insbesondere in stark industrialisierten Zonen. So verzeichneten die Forscher:innen in einer Stofffärberei und -verarbeitungsanlage Innentemperaturen von erschreckenden 43 bis 45 Grad Celsius. Dies überstieg die Außentemperatur um bis zu fünf Grad Celsius.

Diese belastende Innenumgebung führt zu schwerer physiologischer Anspannung. Arbeiter:innen berichten häufig von akuten Schwindelanfällen, chronischen Kopfschmerzen, starker Dehydration, Ohnmacht, Hautausschlägen und schweren Nieren- oder Harnwegskomplikationen. Ursachen sind mangelnde Kühlung und eingeschränkte Ruhezeiten.

Dieses körperliche Leid führt zu erheblichen finanziellen Einbußen für eine bereits wirtschaftlich stark benachteiligte Arbeiterschaft. Der Bericht zeigt, dass hitzebedingte Gesundheitskosten und Schutzmaßnahmen, wie der Kauf von Elektrolyten oder die Bezahlung medizinischer Behandlungen, monatlich zwischen 500 und 1.000 Rupien (rund 4,60 bis 9,25 Euro) aus der Tasche der Arbeiter:innen ziehen. Die durchschnittlichen Monatslöhne in der Bekleidungsindustrie dieser Regionen liegen zwischen 11.500 und 18.000 Rupien (etwa 106 bis 166 Euro). Daher stellen diese klima-bedingten Ausgaben einen verheerenden Anteil des Haushaltseinkommens dar.

Diese finanzielle Belastung wird durch unmittelbare Lohneinbußen verschärft, wenn Arbeiter:innen wegen Hitzeerschöpfung unbezahlte Krankheitstage nehmen müssen. Dies verdeutlicht, wie die ärmsten Akteur:innen im Mode-Ökosystem die direkten wirtschaftlichen Schocks der globalen Erwärmung absorbieren.

Was bedeutet Hitzestress für Fabriken und Lieferketten?

Aus rein kommerzieller Sicht zeigt der Bericht, wie extreme Hitze die Effizienz der Fabriken beeinträchtigt und die Produktstandards in den Sommermonaten gefährdet. Fabrikleiter:innen, die in neun Betrieben befragt wurden, berichteten von messbaren Produktivitätseinbußen von drei bis zehn Prozent während intensiver Hitzewellen. Gleichzeitig steigt die Fehlzeitenquote der Arbeiter:innen um etwa zwei bis fünf Prozent. Die körperliche Belastung der Belegschaft erzwingt eine natürliche Verlangsamung des Produktionstempos, was knappe Liefertermine direkt gefährdet.

Darüber hinaus belastet extreme Hitze die Maschinen selbst. Dies führt zu häufigen Generatorüberlastungen und Stromausfällen, wie bei einem Vorfall im April 2024 in einer Strickwarenfabrik in Faridabad, der zur vollständigen Schließung einer gesamten Produktionsebene zwang.

Über die Produktionsrückgänge hinaus beeinträchtigt die körperliche Realität einer schwitzenden Belegschaft die Qualität der hergestellten Kleidungsstücke. Übermäßiges Schwitzen der Arbeiter:innen führt zu Flecken auf den Stoffen. Offene Fenster und unzureichende Belüftungssysteme ermöglichen zudem, dass Staub von außen die sauberen Montagelinien verunreinigt. Dies führt zu einem Anstieg von Nähfehlern und strukturellen Mängeln.

„Extreme Hitze ist heute ein vorhersehbares Lieferkettenrisiko für Bekleidungsmarken. Fabriken verlieren an Leistung, die Qualität leidet und Liefertermine sind in Gefahr – nicht als Zukunftsszenario, sondern genau jetzt“, bemerkt Lucy Siers, leitende Wissenschaftlerin für globale Arbeit am NYU Stern Centre. Diese Realität zwingt Hersteller:innen, entweder die Kosten für abgelehnte Ware zu tragen oder hohe Strafen von den Marken für verspätete Lieferungen in Kauf zu nehmen.

Wessen Verantwortung ist Hitzestress?

Der übergeordnete Tenor des Berichts deckt ein tiefgreifendes Governance-Versagen in globalen Mode-Lieferketten auf. Dieses ist durch ein starkes Ungleichgewicht von Macht und Verantwortung gekennzeichnet.

Die Forscher:innen fanden heraus, dass 94,1 Prozent der befragten internationalen Marken offen zugeben, dass extreme Hitze eine mäßige bis erhebliche Bedrohung für ihren Betrieb darstellt. Ihre internen Einkaufspraktiken erzählen jedoch eine völlig andere Geschichte. Nur 35,3 Prozent dieser Marken schreiben ihren Lieferant:innen vor, die internen Hitze- oder Feuchtigkeitswerte zu überwachen. Absolut keine Marke sammelt diese Daten kontinuierlich. Dies schafft eine bequeme Informationslücke. Sie ermöglicht es multinationalen Einzelhändler:innen, die strikte Einhaltung von Arbeitsnormen zu fordern, während sie die tatsächlichen Ausbeutungsbedingungen, die ihre Preisstrukturen aufrechterhalten, völlig ignorieren.

Diese operative Trennung führt dazu, dass die immense finanzielle Last der Klimaanpassung vollständig auf die Lieferant:innen abgewälzt wird. Enge Einkaufsmargen, schwankende Auftragsvolumina und extrem kurze Vorlaufzeiten, die von den Marken vorgegeben werden, entziehen den Fabrikbesitzer:innen systematisch das Kapital. Dieses Kapital wird für notwendige strukturelle Modernisierungen benötigt.

Michael Posner, Direktor des NYU Stern Centre, spricht dieses systemische Versagen direkt an. Er argumentiert, dass Marken, die aus hitzeexponierten Regionen beziehen, ein klares kommerzielles und ethisches Mandat haben, zu bleiben und zu helfen: „Die Antwort ist nicht, sich aus diesen Beschaffungsregionen zurückzuziehen und Arbeiter:innen und Lieferant:innen im Stich zu lassen. Es geht darum, in ihre Widerstandsfähigkeit zu investieren. Dies geschieht, indem man eine Wärmeüberwachung vorschreibt, klare Sicherheitsstandards festlegt, Flexibilität in die Einkaufspraktiken einbaut, wenn Hitze die Produktion stört, und die Kosten für Kühl- und Lüftungs-Upgrades teilt.“

Wichtige Empfehlungen

Um diese strukturellen Schwachstellen zu beheben, bietet der Bericht eine Reihe gezielter, nicht verhandelbarer Empfehlungen für alle wichtigen Akteur:innen der textilen Wertschöpfungskette, angefangen bei globalen Einkäufer:innen.

Erstens müssen Marken und Einzelhändler:innen extreme Hitze formell als zentrales Arbeitsschutzrisiko einstufen und eine kontinuierliche Überwachung der Innentemperatur in ihre Standard-Lieferantenaudits integrieren.

Sie werden zudem aufgefordert, zu einem Finanzmodell der geteilten Verantwortung überzugehen. Dieses Modell soll technische Modernisierungen wie passive Kühlinfrastrukturen und leistungsstarke Lüfterinstallationen mitfinanzieren. Gleichzeitig soll eine explizite zeitliche Flexibilität in die Produktionspläne während Hitzewellen eingebaut werden. Ein erfolgreiches Beispiel wird in der Anlage der Epic Group in Bhubaneswar hervorgehoben. Dort wurde durch eine gemeinsame Finanzpartnerschaft mit der International Finance Corporation ein automatisiertes System eingesetzt, um eine stabile Innentemperatur von 28 Grad Celsius aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig fordert der Bericht ein entschlossenes Eingreifen von nationalen Regierungen und internationalen Branchenregulierungsbehörden, um diese Schutzmaßnahmen zu kodifizieren. Nationale Regulierungsbehörden sollten rechtlich verbindliche Temperaturgrenzwerte für Innenarbeitsplätze festlegen. Außerdem müssen durchsetzbare Arbeits- und Ruhezeitpläne eingeführt werden, die bei Überschreitung bestimmter Hitzeindizes automatisch in Kraft treten. Regierungen sollten zudem bestehende nationale Hitzeaktionspläne erweitern. Diese Pläne sollen formell auch industrielle Innenräume umfassen und Hitzestress als entschädigungsfähige Berufskrankheit in staatlichen Sozialschutzsystemen anerkennen.

Schließlich empfiehlt der Bericht, dass Lieferbetriebe sofortige lokale Schutzmaßnahmen umsetzen. Dazu gehört sicherzustellen, dass die Löhne der Arbeiter:innen bei hitzebedingten Produktionsausfällen vollständig geschützt sind. Zudem müssen demokratisierte Fabrikausschüsse eingerichtet werden, um den Arbeiter:innen eine direkte Stimme bei der Identifizierung und Minderung von Hitzerisiken in der Produktion zu geben.

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