• Startseite
  • Nachrichten
  • Business
  • Kleidung wird meist aus modischen Gründen entsorgt, nicht aus Qualitätsmängeln

Kleidung wird meist aus modischen Gründen entsorgt, nicht aus Qualitätsmängeln

Fashion for Good hat die ersten Ergebnisse des Projekts Rewear veröffentlicht. Das Projekt wurde 2024 ins Leben gerufen, um die Ströme von Secondhand-Kleidung im Hinblick auf profitables Recycling und Wiederverkauf zu analysieren.

Die Non-Profit-Organisation wurde 2017 mit Unterstützung der Laudes Foundation (ehemals C&A Foundation) gegründet. Inzwischen arbeitet sie mit Modepartnern wie dem deutschen Sportartikelhersteller Adidas und dem spanischen Modekonzern Inditex zusammen, um Studien und Projekte für eine zirkuläre Modewirtschaft zu planen und zu finanzieren.

Für das Projekt Rewear analysierte die Organisation 8.280 Kleidungsstücke in Sortieranlagen in den Niederlanden, Spanien, Litauen und Polen. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Artikel von Marken wie H&M (277 Stück), Zara (225 Stück) und Adidas (183 Stück). Zusätzlich wurden ausführliche Interviews mit Akteur:innen der Secondhand-Branche geführt.

Einwandfreie Kleidung wird dennoch entsorgt

Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass der Wert von Secondhand-Kleidung stark subjektiv geprägt ist. Er wird weniger durch die tatsächliche physische Qualität bestimmt als vielmehr durch Trends, Stil und Beliebtheit. Die Markenbekanntheit erwies sich dabei als entscheidender Faktor für den Wiederverkaufswert.

Der Bericht legt nahe, dass Kleidung häufig nicht entsorgt wird, weil sie unbrauchbar ist, sondern weil ihr innerhalb der Modewirtschaft kein ausreichender Wert mehr zugeschrieben wird. Ähnlich wie bei neuer Kleidung zählt oft der Hype mehr als die tatsächliche Qualität.

Das erklärt auch, weshalb Kleidungsstücke mit kleinen, leicht zu behebenden Schäden häufig nicht repariert werden. So befanden sich 37 Prozent der analysierten Kleidung in einwandfreiem Zustand, weitere 41 Prozent wiesen lediglich geringfügige Beschädigungen auf.

Qualitätsverlust bei neuer Kleidung

Die Autor:innen stellen fest, dass nur fünf bis zehn Prozent der bei Sortierbetrieben eingehenden Ware der höchsten Qualitätsstufe entsprechen. Dieser Anteil wird als „Cream“ bezeichnet. Die Unternehmen führen dies auf die sinkende Qualität neuer Kleidungsstücke in den vergangenen 15 Jahren zurück. Das bedeutet zwar nicht, dass die Kleidung sofort untragbar wird, jedoch treten Mängel deutlich schneller auf.

Auf dem Kantamanto-Markt in Ghana, wo Fashion for Good rund 2.500 Kleidungsstücke sammelte und untersuchte, stellte Farbverlust das grösste Problem dar. Es folgten Flecken sowie verzogene Formen, die die Passform beeinträchtigen. Diese Kleidung wurde unter dem Zollcode für gebrauchte Kleidung (HS 6309) und nicht als Abfall (HS 6310) importiert, obwohl sie faktisch als Abfall einzustufen wäre.

Laut den Autor:innen geschieht dies häufig bewusst, um strengere Vorschriften für den Transport von Abfällen zu umgehen.

Übersicht der Schadensarten. Credits: Fashion for Good

Kleidung ist häufig weiterhin voll funktionsfähig

Laut dem Repair Monitor Dashboard (2023) sind lediglich 2,6 Prozent der Kleidungsstücke, die in niederländischen Repair Cafés landen, irreparabel. Die meisten Reparaturen gelten als einfach (57,5 Prozent) oder von mittlerem Schwierigkeitsgrad (11,3 Prozent). Diese Textilien könnten nach kleinen Ausbesserungen problemlos weiter genutzt werden.

Das Problem besteht jedoch darin, dass selbst einfache Reparaturen häufig mehr kosten als der mögliche Wiederverkaufswert. Zu diesen Kosten zählen Reinigung, Reparatur und Rücksendelogistik ebenso wie die Erstellung neuer Produktfotos und gegebenenfalls eine erneute Authentifizierung des Artikels. Laut den Autor:innen kann KI diesen hohen manuellen Aufwand bislang nicht ersetzen.

Reparaturen werden deshalb nur vereinzelt durchgeführt. Sortieranlagen konzentrieren sich stattdessen auf eine möglichst effiziente Klassifizierung der Ware. Gezielte Reparaturen erfolgen meist nur bei hochwertigen Luxusartikeln – dem sogenannten „Crème de la Crème“-Segment.

Bei einer untersuchten Sortieranlage wurden im Jahr 2023 lediglich 50 Kilogramm von insgesamt 47 Millionen Kilogramm Kleidung repariert.

Die Forscher:innen kommen zu dem Schluss, dass der Resale-Markt – insbesondere im unteren Preissegment – kaum wirtschaftlich funktionieren kann, solange Verbraucher:innen weiterhin die künstlich niedrig gehaltenen Preise neuer Kleidung akzeptieren.

Qualitätsklassen von Secondhand-Kleidung aus dem Projekt Rewear. Credits: Fashion for Good

Abfallkolonialismus im Secondhand-Handel

Fashion for Good führte ausserdem Analysen zum Wiederverkauf in Ghana und Pakistan durch – zwei zentrale Regionen des internationalen Secondhand-Handels.

Die Studie weist darauf hin, dass in diesen Ländern bereits vor dem heutigen globalen Modesystem, etwa bis in die 1960er-Jahre, florierende lokale Textilmärkte existierten. Im Zuge der globalisierten Modeindustrie wandelte sich der lokale Handel zunehmend von der Bekleidungsproduktion hin zur Verarbeitung von Textilabfällen.

Die Autor:innen bewerten diese Entwicklung als problematisch, auch wenn sie inzwischen zur wirtschaftlichen Realität geworden ist.

Mehr als 86 Prozent der Kleidungsstücke aus der Stichprobe des Kantamanto-Marktes in Accra kamen in schlechtem Zustand an, obwohl sie offiziell als „wiederverwendbar“ deklariert waren. Händler:innen müssen die finanziellen und ökologischen Folgen dieser unverkäuflichen Ware tragen.

Wöchentlich treffen auf dem ghanaischen Secondhand-Markt rund 15 Millionen Kleidungsstücke ein. Viele davon finden tatsächlich einen neuen Verwendungszweck. Händler:innen, Upcycler:innen und Reparaturbetriebe tragen gemeinsam dazu bei, dass enorme Mengen an Textilien nicht auf Mülldeponien landen.

Während Ghana vor allem als Handelsplatz fungiert, übernimmt Pakistan eher die Rolle eines Sortierzentrums. Das Land importiert jährlich mehr als 800.000 Tonnen Secondhand-Textilien, von denen ein grosser Teil nach Ostafrika weiterexportiert wird.

Das Sortieren steigert den Warenwert erheblich. Laut dem Rewear-Projekt erhöht sich der Wert von 411 bis 527 US-Dollar pro Tonne bei der Einfuhr auf 878 bis 931 US-Dollar pro Tonne beim Weiterexport.

Allein in der Karachi Export Processing Zone sind mehr als 10.000 Menschen beschäftigt. Ausserhalb der regulierten Zonen sind die Arbeitsbedingungen jedoch häufig schlecht und die Löhne liegen teilweise unter dem Mindestlohn.

Mit diesen Fallstudien thematisiert Fashion for Good auch den sogenannten Abfallkolonialismus. Secondhand-Textilien werden unter dem Vorwand der Wiederverwendung ins Ausland exportiert, obwohl häufig keine ausreichende Infrastruktur zur Entsorgung oder Weiterverarbeitung vorhanden ist. Laut den Autor:innen spiegelt dies ein bekanntes Muster globaler Ungleichheit wider, das tief in der kolonialen Geschichte der Modeindustrie verwurzelt ist.

Rewear ist für Fast Fashion nur bedingt geeignet

Bei Fast Fashion übersteigen die Kosten für Wiederaufbereitung und Wiederverkauf häufig den tatsächlichen Wiederverkaufswert. Dennoch sehen die Autor:innen weiterhin Potenzial im Secondhand-Markt – insbesondere für den hochwertigen „Cream“-Anteil.

So könnte eine KI-gestützte Sortierung bei einer mittelgrossen Anlage den Gewinn von null auf bis zu 6,5 Millionen Euro pro Jahr steigern.

Auch das Konsumverhalten entwickelt sich laut Studie in eine positive Richtung. Im Jahr 2024 gaben 58 Prozent der Befragten an, bereits Secondhand-Kleidung gekauft zu haben. Unter jüngeren Käufer:innen erklärte fast die Hälfte, dass „Vintage“ ihre erste Wahl sei – ein Anstieg von sieben Prozent seit 2022.

Nach Angaben der Secondhand-Plattform ThredUp wird der globale Markt für gebrauchte Kleidung bis 2029 auf ein Volumen von 367 Milliarden US-Dollar anwachsen und damit fast dreimal so schnell wachsen wie der Markt für neue Mode. Dieses wirtschaftliche Potenzial könnte zusätzlichen Druck erzeugen, bestehende Infrastrukturprobleme anzugehen.

Weitere Unterstützung kommt aus Brüssel: Die Erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) wird mit der überarbeiteten Abfallrahmenrichtlinie ab dem 16. Oktober 2025 für Textilien und Schuhe verpflichtend. Die EPR-Gebühren sollen gestaffelt werden und könnten dazu beitragen, bestehende Marktversagen abzumildern.

Für das Projekt Rewear organisierte Fashion for Good drei Pilotprojekte zur Verbesserung der Sortier- und Wiederverwertungssysteme. Save Your Wardrobe entwickelte ein Tool, das Marken dabei unterstützt, strategische Potenziale im Bereich Aufbereitung und Reparatur zu erkennen. Das United Repair Centre untersuchte, wie Reparaturen den Wert auf dem europäischen Secondhand-Markt steigern können. Reverse.fashion entwickelte KI-gestützte Lösungen für effizientere Sortierprozesse.

Letztlich müssten all diese Ansätze miteinander kombiniert werden, um die Entsorgung von Kleidung grundlegend neu zu gestalten, so die Autor:innen. Andernfalls bleibe „Rewear“ lediglich ein eigenständiger Markt, statt ein echtes zirkuläres Gegengewicht zur bestehenden Modeindustrie zu bilden.

Der aktuelle Zustand des Secondhand-Kreislaufs

Laut Circle Economy werden derzeit lediglich 0,3 Prozent der getragenen Kleidung tatsächlich im Kreislauf gehalten, während jährlich mehr als 92 Millionen Tonnen Textilien entsorgt werden.

Gleichzeitig hat sich der Export gebrauchter Textilien aus der Europäischen Union seit dem Jahr 2000 verdreifacht: von 550.000 Tonnen auf fast 1,7 Millionen Tonnen im Jahr 2023, wie die Europäische Umweltagentur (EEA) berichtet.

Auch die getrennte Sammlung von Textilien bleibt eine Herausforderung. Die Niederlande erreichen Sammelquoten zwischen 37 und 50 Prozent. In Spanien liegen die Werte hingegen bei lediglich zehn bis zwölf Prozent, in Polen bei 18 Prozent und in Litauen bei elf Prozent.

Der Secondhand-Kreislauf schafft zudem zahlreiche Arbeitsplätze. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass allein in den Secondhand-Bekleidungssektoren von Angola, Guinea-Bissau, Malawi, Mosambik und Sambia rund 1,28 Millionen Menschen beschäftigt sind.

Jede importierte Tonne Kleidung steht dabei durchschnittlich mit 6,5 Arbeitsplätzen in Verbindung.

Dieser Artikel wurde mithilfe von digitalen Tools übersetzt.

FashionUnited nutzt Künstliche Intelligenz, um die Übersetzung von Artikeln zu beschleunigen und das Endergebnis zu verbessern. Sie helfen uns, die internationale Berichterstattung von FashionUnited einer deutschsprachigen Leserschaft schnell und umfassend zugänglich zu machen. Artikel, die mithilfe von KI-basierten Tools übersetzt wurden, werden von unseren Redakteur:innen Korrektur gelesen und sorgfältig bearbeitet, bevor sie veröffentlicht werden. Bei Fragen oder Anmerkungen wenden Sie sich bitte per E-Mail an info@fashionunited.com


ODER ANMELDEN MIT
Fashion For Good
Recycling
Resale
Secondhand
Zirkularität