• Home
  • Nachrichten
  • Business
  • Kompensieren oder reduzieren: Was ist Klimaneutralität und wie erreicht man sie?

Kompensieren oder reduzieren: Was ist Klimaneutralität und wie erreicht man sie?

Von Regina Henkel

20. Okt. 2021

Business |Interview

Foto: Markus Spiske von Pexels

MyClimate aus Zürich ist eine gemeinnützige Stiftung, die 2006 gegründet wurde, um Unternehmen auf ihrem Weg in die Klimaneutralität zu unterstützen. MyClimate berechnet die CO2-Emissionen von Unternehmen und ihren Produkten, um auf dieser Basis Maßnahmen zur CO2-Reduktion aufzuzeigen beziehungsweise Möglichkeiten zu deren Kompensation anzubieten. Aber was genau heißt das eigentlich? Wir haben Kai Landwehr, Sprecher und Marketingleiter von MyClimate gefragt, welchen Beitrag die Modeindustrie für den Klimaschutz leisten kann, wie weit die Branche ist, vor welchen Herausforderungen sie steht und nach der Gefahr des Greenwashings.

Herr Landwehr, wie groß ist der Carbon Footprint der Modeindustrie?

Kai Landwehr: Global gesehen ist die Modeindustrie ein Riesenemittent von CO2, viel größer als beispielsweise der Flugverkehr. Aktuelle Zahlen besagen, dass etwa zehn Prozent der globalen CO2-Emissionen auf die Textilindustrie zurückgehen. Die Produktion von Baumwolle und Wolle, die weitverzweigten Lieferketten, all das ist global gesehen sehr energieintensiv. Hinzu kommt eine geringe Halbwertszeit. Fast Fashion hat einen unglaublich großen Footprint.

MyClimate hilft Unternehmen ihren Footprint zu reduzieren. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ihnen?

Die Zusammenarbeit funktioniert im Grunde immer nach dem gleichen Schema: Man beginnt mit einer Ist-Analyse und berechnet auf dieser Grundlage den Corporate Carbon Footprint. Außerdem ist es möglich, sich nur den Footprint der Kollektion oder sogar des einzelnen Produkts anzuschauen. Am Anfang stehen also immer die Analyse und die Ermittlung eines Daten-Sets, das aufschlüsselt, wie viele Emissionen wo entstehen. Auf dieser Basis beruhen dann alle Maßnahmen zur Reduktion oder zur Kompensation von CO2-Emissionen. Das heißt also: Es beginnt immer mit der Berechnung des CO2-Ausstoßes, und dann geht es in die Ermittlung des Einsparpotenzials.

Wer kompensieren möchte, dem bieten wir ein Kompensationsportfolio aus 145 Klimaschutz-Projekten in 40 Ländern. Man kann die Projekte insgesamt unterstützen oder nur einzelne davon – wer beispielsweise in Indien produziert, der kann – wenn er möchte - dort auch dort Klimaschutzprojekte auswählen.

Gerade bringen immer mehr Unternehmen klimaneutrale Produkte heraus und bewerben sie als besonders nachhaltig – beispielsweise der erste klimaneutrale Sneaker von Aldi. Im letzten Fall kam heraus, dass nur kompensiert wurde, der CO2-Ausstoß des Produkts wurde gar nicht reduziert. Besteht da nicht die große Gefahr des Greenwashings?

Natürlich besteht da eine Gefahr. Aber Fakt ist: du kannst kein Produkt ohne CO2-Emissionen machen. Natürlich muss man versuchen, die Prozesse zu optimieren und die Emissionen auf den tiefstmöglichen Stand zu bringen. Das geht auch. Das sind aber eher langfristige Maßnahmen. In der Regel braucht es Zeit, bis hier tatsächlich große Einsparungen gemacht werden können. Schaut man aber auf die gesamte Klimasituation, dann macht es durchaus Sinn, zu kompensieren. Kompensationen sind eine Sofort-Maßnahme, die unmittelbar wirken und mit dem Ziel kombiniert sind, dass ich Jahr für Jahr weniger kompensieren muss, weil ich auch daran arbeite, meine Emissionen zu reduzieren. Wenn wir in zehn Jahren immernoch beim Kompensieren sind und nicht am Reduzieren, dann haben wir ein Problem.

Kai Landwehr, MyClimate

Kompensationen erfüllen also durchaus ihren Zweck, auch wenn böse Zungen sie als eine Art Ablasszahlung bezeichnen?

Auf jeden Fall, aber es gibt eigentlich kein Unternehmen, dass nur kompensiert und nicht auch reduzieren will. Früher oder später wird man das ohnehin tun müssen. Grundsätzlich würde ich auch sagen, dass Greenwashing heute gesellschaftlich schnell decodiert wird. Unternehmen, die im hohen Tempo immer wieder Produkte auf den Markt bringen, die niemand braucht, werden nicht als glaubwürdig wahrgenommen. Man muss aber auch sagen, dass wir mittlerweile ein Problem damit haben, dass ausgerechnet die Unternehmen, die etwas für den Klimaschutz tun, heute sehr schnell mit dem Vorwurf des Greenwashings konfrontiert werden. Dabei brauchen viele Maßnahmen einfach Zeit, und es ist nur gut, wenn Unternehmen anfangen aktiv zu werden.

Wie berechnen Sie die CO2-Emissionen in der globalen Lieferkette – woher stammen die Daten und stehen die überhaupt schon im ausreichenden Maß zur Verfügung?

Es gibt dafür standardisierte Methodologien. Es kommt immer darauf an, in welchem Komplexitätsgrad und in welchem Ausmaß man die Berechnungen durchführen will – von Scope 1 bis Scope 3, von direkten bis zu indirekten Emissionen. Auch für Bekleidung gibt es etablierte Methodologien, wie man das berechnet. Natürlich hängt die Qualität der Berechnung von der Datenqualität ab und der Datenbeschaffung. Wenn ein Unternehmen das Label ‚Klimaneutral‘ führen will, sind die Bedingungen dafür sehr genau festgelegt. Wer ein grobes Bild bekommen möchte, braucht nicht ganz so in die Tiefe zu gehen.

Gerade Modeunternehmen stehen in dem Ruf, ihre Lieferkette gar nicht so gut zu kennen. Was macht man da?

Es kommt natürlich immer darauf an, wie gut man seine Lieferkette kennt! Aber da hat sich in der Modeindustrie in den letzten fünf bis sechs Jahren zum Glück viel geändert. Und natürlich macht die Komplexität der Lieferkette Reduktionsprozesse sehr aufwändig.

Auf welcher Stufe stehen die Unternehmen in der Modeindustrie gerade? Ist die Notwendigkeit zum Handeln erkannt?

Es geht voran, viele sind inzwischen aufgewacht. Einige, wie beispielsweise Vaude oder Patagonia, beschäftigen sich schon seit Jahren mit dem Thema, andere fangen jetzt an, weil sie wissen, dass man das Thema Klimaschutz nicht mehr ignorieren kann. Es geht ja nicht nur darum, das Klima zu schützen oder die Erwartungen der Kunden zu erfüllen. Inzwischen fordern das auch Politik und Investoren. Der Druck kommt inzwischen von vielen Seiten.

Schauen wir mal auf die Gesetzgebung: Welche neuen Regelungen zum Klimaschutz kommen jetzt oder schon bald auf die Unternehmen zu?

In vielen Ländern gibt es schon heute verpflichtende CO2-Bepreisungen, in Schweden und Skandinavien schon recht lange. In der Schweiz gilt ab jetzt eine verpflichtende C02-Berichterstattung. Auch auf EU-Ebene passiert sehr viel. Genau das war ja all die Jahre unser Mantra in den Kundengesprächen: Die Gesetzgebung wird diese Maßnahmen früher oder später ohnehin einfordern. Das konkretisiert sich jetzt.

Mit welchen Investitionen muss man etwa rechnen, beispielsweise als Modemarke mit Headquarter in Deutschland und Produktion in Fernost?

Wenn ich mir nur die Operations hier anschaue, so beträgt deren Anteil am C02 Ausstoß vielleicht 10 bis 15 Prozent. Spannend wird es, wenn man die Berechnungen aufs Produkt runterbricht. Um ein Baumwoll-T-Shirt klimaneutral zu kompensieren liegt man im Cent-Bereich. Bei einer Jacke aus Daune kommt man vielleicht auf ein bis zwei Euro, wenn ich das Produkt klimaneutral labeln will.

Können Sie Beispiele nennen für klimaneutrale Produkte oder Kollektionen?

Beispielsweise Eterna. Eterna Hemden sind klimaneutral. Auch bei Vaude ist die Produktion am Standort in Tettnang schon seit vielen Jahren klimaneutral.

Sie sagen Reduktionen brauchen Zeit. Gibt es Maßnahmen, die schnell umsetzbar sind und schnell wirken?

Beim Thema Mitarbeiter- und Geschäftsmobilität kann man schnell Einsparungen erreichen, indem man beispielsweise bei Reisen unter 600 Kilometern auf Flugreisen verzichtet, auf kleinere Fahrzeuge umstellt, ÖPNV-Tickets fördert - all das geht schnell. Auch die Umstellung der Energie auf Ökostrom geht relativ einfach. Man kann am Anfang recht viel erreichen und auch sehr gut die Mitarbeiter involvieren. Die Veränderung der Prozesse in der Lieferkette ist natürlich schwieriger, aber auch da kann man auf weniger Ressourcenverbrauch achten, weniger Wasser, weniger Chemikalien, Solarstrom, bis dahin, wie viele Kollektionen ich im Jahr anbiete, in welchem Rhythmus ich meine Kollektionen ausliefere und die Logistik organisiere. Als Fast-Fashion-Anbieter gerate ich also persé in Schwierigkeiten beim Ziel Klimafreundlichkeit. Ich kann aber auch hier zirkuläre Modelle verfolgen, Recyclingfasern verwenden und Repair Services anbieten, alles was den Produktlebenszyklus verlängert. Auch das hat einen großen Impakt auf Emissionen.

Auch Repair Services oder Miet-Modelle können in die Ist-Analyse einbezogen und berechnet werden?

Ja, das geht, und ich bin sicher, dass Firmen, die solche Modelle bereits anbieten, die sich daraus ergebenden CO2-Einsparungen in ihre Kalkulationen einbeziehen. Es ist nicht nur logisch, dass diese Services eine klimafreundliche Maßnahme sind, sie sind auch quantifizierbar.

Woran erkennt man seriöse Klimaschutzprojekte? Mit welchen Zertifikaten arbeiten Sie?

Es gibt verschiedene Projektstandards. Wir verwenden beispielsweise den Gold Standard. Zudem gibt es Register, in denen die jährlichen Einsparungen dokumentiert sind. Es gibt aber noch viele weitere Standards, z.B. den Verified Carbon Standard oder den Plan Vivo, den wir für Aufforstungsprojekte verwenden.

Die verschiedenen Standards, die zudem noch recht unbekannt sind, machen es nicht leicht, das Label ‚klimaneutral‘ richtig einschätzen zu können. Gibt es Bestrebungen, hier mehr zu vereinheitlichen?

Mehr Vereinheitlichung wäre schön und wird es im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens auch geben.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Modeindustrie, wenn sie klimaneutral werden will?

So, wie die Modeindustrie in der Regel funktioniert, ist es tatsächlich schwierig, Klimaneutralität zu erfüllen. Die Rohstoffe, die Anzahl der Kollektionen, die verzweigten Lieferketten - es gibt viele Herausforderungen. Auf der Ebene der Materialien ist mit recycelten Rohstoffen schon viel passiert, auch in der Kreislaufwirtschaft steckt viel Potenzial. In den nächsten Jahren kann das ein großer Beitrag zur Lösung sein. Aber das grundsätzliche Verständnis von Trends, schnellen Zyklen, Saisonalität und Kurzlebigkeit läuft in die falsche Richtung. Gerade das Konzept der Fast Fashion lässt sich schwer mit dem Ziel der Klimaneutralität vereinen.