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Krisenmodus und Kostendruck: deutsche Bekleidungsbranche unter Zugzwang

Die deutsche Modebranche blickt auf ein ernüchterndes Jahr 2025 zurück und sieht sich auch im laufenden Geschäftsjahr mit massiven strukturellen und konjunkturellen Hürden konfrontiert. Auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes German Fashion zeichneten der neu gewählte Präsident Justus Lebek und Hauptgeschäftsführer Thomas Lange das Bild einer Branche, die zwischen geopolitischen Spannungen, regulatorischem „Bürokratie-Wahnsinn“ und einer historischen Konsumflaute um ihre Wettbewerbsfähigkeit kämpft.

Umsatzrückgänge im zweiten Jahr in Folge

„Der Gesamtumsatz im Bekleidungsgewerbe lag 2025 im Vergleich zum Vorjahr bei minus 1,4 Prozent. Dieses Ergebnis setzt sich aus einem Rückgang des Inlandsumsatzes um 2,1 Prozent und einem Minus von 0,5 Prozent im Auslandsgeschäft zusammen“, erläuterte Lebek. Die statistischen Fakten für 2025 lassen wenig Raum für Optimismus. „Wir haben im zweiten Jahr in Folge einen negativen Umsatzverlauf“, betonte Lange.

Besonders hart traf es die sonstige Oberbekleidung (-2,2 Prozent) und das Segment Wäsche (-3,3 Prozent). Einzig die Herstellenden von Berufs- und Schutzbekleidung und Strumpfwaren bildeten mit einem Plus von 3,3 Prozent und 4 Prozent einen Lichtblick, wenngleich auch hier die Sorge um die schwächelnde deutsche Industrie als Hauptabnehmer wächst.

Hoffnungsträger und Verlierer im Export

Globale Krisen, Lieferkettenprobleme, schwache Inlandsnachfrage und hohe Nachhaltigkeitskosten belasten die Branche und sorgen für eine anhaltend angespannte Lage. Erstmals seit Jahrzehnten schwächelte der Export als Wachstumsmotor der deutschen Bekleidungsindustrie mit einem deutlichen Rückgang von drei Prozent. Trotz der trüben Gesamtlage gab es Verschiebungen im Exportmarkt: Während das Geschäft mit Österreich (-7,2 Prozent) und Russland weiter einbrach, entwickelten sich Polen (+4 Prozent) und die Schweiz (+3,5 Prozent) zu wichtigen Stützen.

Überraschend positiv zeigten sich die USA trotz der dortigen Zoll-Diskussionen. Für den Verband ein Zeichen, dass die höheren Preise im dortigen Markt von den Verbraucher:innen akzeptiert beziehungsweise durch die Importierenden nicht weitergegeben werden. In der Beschaffung verliert die Türkei massiv an Boden (-10,5 Prozent), getrieben von enormen Preissteigerungen, während Länder wie Ägypten und Portugal als Near-Shoring-Alternativen zweistellige Zuwächse verzeichneten.

Basierend auf der Außenhandelsstatistik bleibt die Rangfolge der zehn wichtigsten Exportmärkte der deutschen Bekleidungsbranche unverändert. Zu ihnen zählen Polen, die Schweiz, Österreich, die Niederlande, Frankreich, Belgien, Italien, Spanien, Tschechien und das Vereinigte Königreich.

Moderater Anstieg bei Importen

Bei den Bekleidungsimporten verzeichnen die 25 wichtigsten Beschaffungsländer der gesamten deutschen Modebranche inklusive der Handelsunternehmen einen Anstieg des Einfuhrwertes um rund 9 Prozent. „Diese Entwicklung ist ein ermutigendes Signal: Nach Jahren des Minus stabilisiert sich die Produktion wieder“, so der Verband.

Zu den zentralen Produktionsländern zählen weiterhin China, Bangladesch, die Türkei, Vietnam, Kambodscha, Indien, Pakistan, Italien, Myanmar und Tunesien. Der starke Zuwachs beim wichtigsten Importland China (+17 Prozent) sollte mit Vorsicht betrachtet werden, da diese Zahlen teilweise auch Direktimporte chinesischer Fast-Fashion-Anbieter nach Deutschland einschließen.

Die als Nearshoring-Alternativen etablierten Standorte in Nordafrika bleiben klar im Aufwärtstrend: Ägypten verzeichnet ein beeindruckendes Plus von rund 42 Prozent, Tunesien wächst um 7 Prozent und Marokko um 9 Prozent. Portugal, traditionell ein höherpreisiger Produktionsstandort, legt mit rund 17 Prozent deutlich zu.

Zu den größten Importgewinnern zählt zudem Vietnam mit einem Anstieg von rund 21 Prozent auf bereits hohem nominalem Niveau. Damit rangiert Vietnam – nach China – auf Platz zwei der dynamischsten Importländer noch vor Bangladesch.

Konsumklima am Gefrierpunkt und Logistik-Chaos

Lebek verdeutlichte die dramatische Lage auf Nachfrageseite: Mit einem Konsumklima von -24,7 Punkten und einer Sparneigung auf dem höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008 herrscht bei den Endverbraucher:innen extreme Verunsicherung. „Mode wird in solchen Zeiten bewusster und zurückhaltender gekauft“, so Lebek. Neben den steigenden Lebenshaltungskosten verunsicherten vor allem geopolitische Krisen – wie der jüngste Konflikt im Iran – sowie die Angst vor strukturellen Veränderungen durch künstliche Intelligenz die Menschen.

Ein zentrales Thema waren die massiven Störungen in den Lieferketten. Die Seefrachtkosten haben sich dem Verband zufolge teilweise verdoppelt; Containerpreise schwanken extrem zwischen 2.000 und über 10.000 US-Dollar. „Früher konnte man Preisvereinbarungen über 12 Monate treffen, das ist heute nicht mehr denkbar. Wir agieren tagsaktuell“, beschrieb Lebek die Herausforderungen für mittelständische Unternehmen.

Kritik an „Bürokratie-Verdichtung“ und unfairem Wettbewerb durch Ultra-Fast-Fashion

Kritik übten die Verbandsvertreter:innen an der Flut neuer Regulierungen aus Brüssel und Berlin. Ob Ökodesign-Verordnung, digitaler Produktpass oder neue Verpackungsrichtlinien – die Branche fühlt sich durch administrative Hürden gelähmt. Lange warnte vor einer „Komplizität statt Vereinfachung“: Während Ausnahmen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ab 2023 geschaffen würden, stiegen gleichzeitig die Berichtspflichten darüber, was eine bürokratische Verpflichtung bedeutet. „Für ein mittelständisches Unternehmen ist es kaum noch möglich, diesen Wahnsinn ohne den Aufbau ganzer Inhouse-Abteilungen zu bewältigen“, ergänzte Lebek, der auch geschäftsführender Gesellschafter des deutschen Bekleidungsanbieters Lebek International Fashion ist.

Ein wunder Punkt bleibt der Umgang mit asiatischen Plattformen wie Shein oder Temu. Diese würden regulatorische Anforderungen oft umgehen, während die deutsche Industrie unter strengen Kontrollen stehe. Der Verband fordert hier einen „fairen Wettbewerb“. Es fehle oft am Vollzug der Marktüberwachung; deutsche Behörden würden lieber heimische Firmen kontrollieren, da hier der Zugriff einfacher sei. „Wer hier etwas verkauft, muss die Regeln einhalten, die für alle gelten“, forderte Lange mit Blick auf die Forderung nach einem europäischen Haftungsbevollmächtigten für Drittland-Importe.

Fazit und Ausblick: Stabilität gefordert

Für das laufende Jahr 2026 sieht die Branche noch keine spürbare Wende. Die ersten acht Wochen zeigten weiterhin eine deutliche Zurückhaltung. Lebek schloss mit einem dringenden Appell an die Politik: „Unsere Branche braucht jetzt vor allem Verlässlichkeit und wirtschaftspolitische Stabilität, damit Unternehmen investieren, transformieren und wachsen können. Wenn es gelingt, das Konsumvertrauen zu stärken und gleichzeitig praktikable Rahmenbedingungen für die Transformation zu schaffen, bin ich überzeugt, dass unsere Branche auch in Zukunft eine starke Rolle spielen wird.“

„Mit Blick auf 2026 ist davon auszugehen, dass unsere Unternehmen – ähnlich wie bereits 2025 – mit einer vorsichtigen Grundhaltung und klarem Fokus auf konsequentes Kostenmanagement agieren werden. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben anspruchsvoll: Insbesondere in den Bereichen Nachhaltigkeit, Beschaffung sowie Export und neue Markterschließungen sind weiterhin erhebliche Investitionen erforderlich. Gleichzeitig besteht unverändert eine hohe Nachfrage nach Produzent:innen, die logistisch zuverlässig liefern und gemäß europäischen Standards fertigen können. Vor diesem Hintergrund dürfte sich der Trend zum Nearshoring – insbesondere in nordafrikanische Länder – auch im Jahr 2026 fortsetzen“, fasst Lebek die Erwartungen für die kommende Entwicklung zusammen.


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