Gut ein Jahr nach dem Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua ist der Vorstandschef der italienischen Holdinggesellschaft Atlantia, Giovanni Castelucci, zurückgetreten. Der 60-jährige Manager erhält im Zuge einer Aufhebungsvereinbarung eine Abfindung in Höhe von gut 13 Millionen Euro, wie Atlantia am Dienstagabend nach einer mehr als fünfstündigen Sitzung des obersten Führungsgremiums mitteilte. Bis zur Ernennung eines neuen Vorstandschefs führt ein fünfköpfiges Komitee das Unternehmen an.

Der in Italien mit Spannung erwarteten Sitzung vorausgegangen waren neue Enthüllungen der Behörden zum Zustand der italienischen Autobahnen. Atlantia ist die Muttergesellschaft von Autostrade per l'Italia, zu deren Streckennetz die im August 2018 eingestürzte Morandi-Brücke in Genua gehört. Bei dem Unglück waren 43 Menschen ums Leben gekommen. Der Wiederaufbau hat begonnen und soll im kommenden Jahr abgeschlossen werden.

Autostrade per l'Italia betreibt gut 3000 Kilometer und damit etwa die Hälfte des italienischen Autobahnnetzes. Atlantia hält 88 Prozent an Autostrade und wird ihrerseits von der Familie Benetton kontrolliert. Atlantia hält auch Anteile am Baukonzern Hochtief.

Nach der Genua-Katastrophe hatte die Polizei auch andere Autobahnbrücken aus dem Autostrade-Netz unter die Lupe genommen. Als Ergebnis der Ermittlungen wurden vorigen Freitag zwei leitende Mitarbeiter von Autostrade und einer eines Tochterunternehmens unter Hausarrest gestellt. Sechs weitere wurden für ein Jahr vom Dienst suspendiert. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, geschönte Berichte verfasst und den wahren Zustand der Strecken verschleiert zu haben.

Castellucci hatte Atlantia seit 2006 geführt. Die vereinbarte Abfindung wird ihm nach Angaben seiner Firma in vier Raten über die kommenden zwei Jahre ausgezahlt. "Es ist eine Woche, in der wir alle unter Schock stehen wegen all dem, was aus den Kommuniqués der Justiz hervorgeht. Wir hoffen, dass es sich aufklärt", sagte Luciano Benetton, Chef der Benetton-Gruppe, nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa vor Sitzungsbeginn. (dpa)

 

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