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Nachhaltigkeitsplattform Worldfavor: „ESG-Daten sind genauso wichtig geworden wie Finanzdaten“

Von Huw Hughes

23. Nov. 2021

Business

Bild: Frida Emilsson beim Nationaal Sustainability Congres

„Es ist nicht mehr optional, zu wissen, was in Ihrer Lieferkette vor sich geht. Es ist nicht mehr optional, die Auswirkungen und Risiken Ihres Unternehmens zu bewerten. Willkommen in einer neuen Welt, in der Nachhaltigkeit zum Mainstream wird.“

Das sagte Frida Emilsson, Mitbegründerin und Chief Operating Officer von Worldfavor, einer Nachhaltigkeitsplattform, die Unternehmen den Zugang zu und den Austausch von ESG-Daten erleichtern soll.

Das schwedische Unternehmen begann 2011 mit der Vision, eine App zu entwickeln, die Menschen einen Echtzeit-Einblick in die Auswirkungen jedes von ihnen getätigten Einkaufs geben sollte.

Aber schon bald stieß es auf Hürden. „Die Nachfrage seitens der Verbraucher:innen war da“, sagte Emilsson auf dem Nationaal Sustainability Congres, der Anfang des Monats im niederländischen Hilversum stattfand. „Aber wir konnten kein einziges Unternehmen finden, das uns mit den Informationen versorgte, die wir brauchten, um diese Idee umzusetzen.“

Doch im Jahr 2021 haben sich einige Dinge geändert. Vorbei sind die Zeiten, in denen Umsatz und Gewinn die einzigen Parameter waren, um den Erfolg eines Unternehmens zu messen. Das Gespräch über Nachhaltigkeit ist dringender denn je, und die Bedeutung von ESG-Zertifikaten für Unternehmen nimmt ständig zu.

Was hat also dazu geführt, dass Nachhaltigkeit nicht mehr nur eine nette Nebensache, sondern, wie Emilsson es ausdrückt, „zu 100 Prozent geschäftsrelevant“ ist?

Der Klimawandel verändert Einkaufsgewohnheiten

Eine der treibenden Kräfte ist die Nachfrage der Kundschaft. Die Menschen wählen Produkte nicht mehr nur nach ihrem Aussehen, ihrem Preis und ihrer Qualität aus. Laut einem Bericht des Marktforschungsunternehmens NielsenIQ sind 81 Prozent der Verbraucher:innen der Meinung, dass sich Unternehmen für die Verbesserung der Umwelt einsetzen sollten, während 94 Prozent eher bereit sind, einer Marke die Treue zu halten, die vollkommen transparent ist.

Die Investierenden wiederum setzen auf nachhaltige Optionen als Reaktion auf das wachsende Interesse der Menschen an umweltfreundlicheren Produkten.

Nach einem Bericht von Worldfavor aus dem Jahr 2021 achten 63 Prozent der Private-Equity-Gesellschaften weltweit auf die Nachhaltigkeit ihrer Portfoliounternehmen, um ihre Rendite zu steigern.

Und es ist nicht nur die Nachfrage der Kundschaft, die die Investierenden aufhorchen lässt. Immer mehr Vorschriften und Gesetze rücken Nachhaltigkeit in den Vordergrund ihrer Kriterien.

In diesem Jahr tritt zum Beispiel die erste Stufe des EU-Aktionsplans für nachhaltige Finanzen (SFAP) in Kraft, ein wichtiges politisches Ziel, das durch ein breites Spektrum von Vorschriften unterstützt wird und nachhaltige Investitionen in der gesamten EU-27 fördern soll.

Ein zentraler Bestandteil des Plans ist die EU-Taxonomie, ein Klassifizierungssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten, mit dem klar definiert werden soll, was als „grün“ gilt.

„Die Entwicklung der EU-Taxonomie zwingt uns dazu, Nachhaltigkeit und Finanzberichterstattung zum ersten Mal wirklich miteinander zu verbinden“, so Emilsson.

Und Vorschriften wie diese werden in den kommenden Jahren nur noch zunehmen, so dass ESG-Daten in Zukunft genauso wichtig sein werden wie Finanzinformationen, so Emilsson weiter.

Standardisierung ist der Schlüssel

Aber es gibt noch Hürden zu überwinden. Die Unternehmen wissen zwar inzwischen, dass es wichtig ist, ihre ESG-Daten zu messen, aber das kann schwierig sein, wenn die mit verschiedenen Rahmenwerken und Standards gemessen wird.

„Das ist eine natürliche Reaktion in einem Bereich, der noch recht unausgereift ist und in dem sich Veränderungen so schnell vollziehen“, sagte Emilsson. „Aber es ist an der Zeit, diese Wildwest-Ära der ESG-Berichterstattung hinter sich zu lassen, und dafür gibt es eine einfache Lösung: Standardisierung.“

Sie glaubt, dass wir uns bereits in diese Richtung bewegen. So kündigten beispielsweise das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) und die Global Reporting Initiative (GRI) für 2020 eine Koalition an, um die ESG-Berichterstattung standardisierter und vergleichbarer zu machen.

Eine weitere große Herausforderung sind Datenlücken. „Es gibt eine große Lücke zwischen der Nachfrage nach Informationen und dem Angebot“, sagte Emilsson. „Es besteht keine gute Möglichkeit, ESG-Daten in großem Umfang abzurufen.

Eine Worldfavor-Umfrage ergab, dass 58 Prozent der Private-Equity-Gesellschaften Schwierigkeiten haben, ESG-Daten aus ihrem Portfolio zu erhalten.

Mehr Regulierungsdruck

Was birgt die Zukunft also? Laut Emilsson ist mit einer Zunahme von Vorschriften und Gesetzen zu rechnen, da die EU die Messlatte für nachhaltige Finanzierungen weiter anhebt.

Dadurch wird sich die Datenlücke verkleinern, und es wird weniger Rahmenbedingungen geben, was bedeutet, dass die zunehmend zugänglichen Daten auch auf standardisiertere Weise geteilt werden. „Das ist der Schlüssel zur Lösung dieser Herausforderung und zu einer nachhaltigen Entwicklung“, sagt sie.

Emilsson glaubt auch, dass es mehr ESG-Berichterstattung über Menschenrechte in der gesamten Lieferkette geben wird, da der Druck auf Zulieferer, Tochtergesellschaften, Händler und andere Partner:innen steigt, ihre Praktiken offenzulegen.

Was können Unternehmen also tun, um in einem sich schnell verändernden Umfeld erfolgreich zu bleiben? Emilsson sagt, sie müssen den Wandel annehmen. „Man bekommt, was man misst. Die Fähigkeit, relevante ESG-Performance und KPIs zu messen, ist also wirklich wichtig, um sich zu verbessern“, sagt sie.

Ein häufiges Manko, das sie bei Unternehmen beobachtet, ist, dass sie sich nur auf eine Säule von ESG konzentrieren, beispielsweise auf die Umwelt. Stattdessen sei es „wichtig, sich auf alles zu konzentrieren – das ist wirklich unerlässlich, um Veränderungen zu bewirken und bei den Stakeholder:innen glaubwürdig zu sein.“

Und schließlich müssen sich die Unternehmen die Standardisierung zu eigen machen. „Wenn man sich an etablierten Nachhaltigkeitsrahmen orientiert, kommt man wirklich einen Schritt weiter“, so Emilsson abschließend.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ