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Neue Studie skizziert konkrete Ökodesign-Anforderungen für Textilien in der EU

Eine neue Untersuchung zeigt, wie künftige Nachhaltigkeitsanforderungen für Textilien im europäischen Markt konkret ausgestaltet werden könnten. Die Studie wurde vom Umweltbundesamt beauftragt und von Öko-Institut gemeinsam mit der Hochschule Niederrhein und der Hochschule Hof erarbeitet. Sie liefert Vorschläge, wie Kriterien der EU-Ökodesign-Verordnung 2024/1781 künftig auf Textilien angewendet werden könnten.

Im Mittelpunkt stehen Anforderungen an Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteile und den Umgang mit problematischen Chemikalien. Ziel ist es, nachhaltigere Produkte im Markt zu etablieren und kurzlebige Bekleidung schrittweise zurückzudrängen. Als Praxisbeispiele untersuchte das Forschungsteam Baumwoll-T-Shirts, Funktions-T-Shirts aus 100 % Polyester, Baumwoll-Jeans mit Elasthananteil und Funktionsjacken aus Polyester oder Polyamid, da sie unterschiedliche Material- und Nutzungsanforderungen abbilden und in großen Mengen hergestellt werden.

Haltbarkeit als zentraler Hebel

Ein zentrales Ergebnis: Produktlebensdauer gilt als entscheidender Hebel für die Umweltbilanz von Kleidung. Allerdings existiert bislang keine einheitliche, rechtlich verbindliche Definition von Haltbarkeit im Textilsektor. Zudem bilden aktuelle Teststandards reale Nutzungsbedingungen, etwa häufiges Waschen, nur unzureichend ab. Die Studie schlägt deshalb vor, Mindestwerte für physische Haltbarkeit (etwa Farbechtheit, Abriebfestigkeit, Formstabilität) festzulegen und Testmethoden weiterzuentwickeln. Sie fordert zudem eine dynamische Anpassung der Anforderungen mit neuen Forschungsergebnissen. Das Thema emotionale Haltbarkeit, etwa, dass Produkte nicht mehr getragen werden, weil sie nicht mehr gefallen, betrachtet die Studie nicht.

Reparierbarkeit: Ersatzteile und Anleitungen

Neben der Haltbarkeit adressiert die Analyse auch die Reparierbarkeit von Bekleidung. Vorgeschlagen werden Mindestanforderungen wie die Bereitstellung von Ersatzteilen, Reparaturanleitungen oder Kooperationen mit Reparaturdiensten. Für technisch komplexere Produkte wie Outdoorjacken könnten ergänzende Designleitlinien sinnvoll sein.

Typische reparierbare Schäden sind laut Studie defekte Reißverschlüsse, lose Knöpfe, Löcher oder gerissene Nähte. Für komplexere Produkte wie Jeans oder Funktionsjacken könnten künftig produktspezifische Reparierbarkeitsbewertungen oder ein Reparierbarkeits-Score eingeführt werden. Allerdings betonen die Autor*innen: Die ökologische Wirkung von Reparierbarkeit bleibt begrenzt, wenn Kaufpreise niedrig und Reparaturen relativ teuer sind. Für höherwertige Produkte ist das jedoch eine realistische Lösung.

Recyclingfähigkeit: weniger Materialmix, weniger Elasthan

Um Recyclingprozesse zu erleichtern, empfiehlt die Studie außerdem Einschränkungen bei Materialmischungen, etwa maximal zwei Faserarten pro Stoff und einen begrenzten Elastananteil von idealerweise unter fünf bis zehn Prozent. Nebenbestandteile sollten mindestens 10 Prozent Materialanteil haben, damit Sortiertechnologien sie erkennen können.

Zusätzlich werden verbindliche Mindestquoten für Fasern aus Faser-zu-Faser-Recycling in neuen Produkten diskutiert, beispielsweise für Baumwolle oder Polyester. Verbindliche Rezyklatquoten könnten laut Studie eine wichtige Rolle beim Ausbau der Recyclinginfrastruktur spielen. Für Basisprodukte wie T-Shirts oder Jeans werden folgende Mindestanteile bis 2030 vorgeschlagen: Baumwolle 10 Prozent, Polyester 3 Prozent, Polyamid und Zellulosefasern 5 Prozent und Wolle 15 Prozent. Die vergleichsweise niedrigen Werte sollen technische Machbarkeit und Produktqualität sichern, könnten aber schrittweise steigen.

Mehr Transparenz bei Chemikalien

Ein weiterer Baustein betrifft die Transparenz über eingesetzte Chemikalien, insbesondere im Umgang mit besorgniserregenden Stoffen (Substances of Concern) und Effektchemikalien, wie beispielsweise Farbstoffe oder wasserabweisende Ausrüstungen, innerhalb der Lieferkette. Die Autor:innen sehen hier umfassendere Informationspflichten entlang des gesamten Produktlebenszyklus als Voraussetzung, um Materialwahl, Qualität und Recyclingfähigkeit gezielt zu steuern.

Umweltwirkungen: PEF und Microplastik aktuell noch zu komplex

Eine verpflichtende Product Environmental Footprint (PEF)-Berechnung für Bekleidung empfiehlt die Studie derzeit hingegen nicht. Die Gründe hierfür sind etwa, dass sie hohe Kosten verursache und hohe Anforderungen an die Expertise stelle, in den Lieferketten oft noch eine begrenzte Datenverfügbarkeit vorherrsche und vor allem kleine und mittlere Unternehmen nicht die Kapazität hätten, diese Pflichten zu erfüllen. „Die Einführung einer Berichterstattung auf Produktebene würde einen hohen Verwaltungsaufwand verursachen, ohne einen zusätzlichen Nutzen gegenüber bestehenden unternehmensbezogenen Pflichten zu bieten“, so die Studie. Stattdessen könnten langfristig einfachere Produktindikatoren oder Benchmarks entwickelt werden, die zumindest in einzelnen Punkten auch eine bessere Vergleichbarkeit ermöglichen.

Ebenso rät die Studie davon ab, eine Berichtspflicht zu Mikroplastik/Mikrofasern einzuführen, da dies von Unternehmen umfangreiche Tests für das gesamte Produktportfolio verlangen würde. Möglich sei aber eine schrittweise Einführung, die zunächst für Produkte mit hohen Verkaufszahlen gelten könnte. So müssten weniger Produkte getestet werden, die Wirkung wäre dennoch groß.

Fazit: Größere Anforderungen ans Design

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass viele künftige Anforderungen bereits in der Designphase eines Produkts festgelegt werden müssen. Die Autor:innen machen außerdem deutlich, dass standardisierte Prüfmethoden, Zertifizierungssysteme und Dateninfrastrukturen entscheidend für die praktische Umsetzung der Ökodesign-Verordnung sein werden.


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