Ordern für SS21: „Die Kollektionen werden alle kleiner und fokussierter“

Die Münchner Modeagentur Komet und Helden steckt mitten in den Vorbereitungen für die nächste Sommersaison. Als Bindeglied zwischen Handel und Industrie kennen die beiden Geschäftsführer Florian Ranft und Henrik Soller die Auswirkungen der Corona-Krise von allen Seiten.

Mitte Juli ist Orderzeit. Daran ändert auch eine Pandemie nichts. Wer seinen Kunden im nächsten Frühjahr frische Looks präsentieren möchte, muss jetzt vorbestellen. Welche Styles werden dann gefragt sein, in welchen Mengen und zu welchem Zeitpunkt? Die Wette auf die Zukunft gehört im Modebusiness schon immer mit dazu. In Zeiten von Corona wird jede langfristige Planung zur Herausforderung. Wie geht es aktuell den Akteuren im Modebusiness? Die Münchner Agentur Komet und Helden vertreibt Marken wie Woolrich, Seven for all Mankind, Aniven, Baracuta, Blauer, Dickies, Save the Duck, Paige etc. Sie agiert als Mittler zwischen Handel und Marken. Wir haben die beiden Geschäftsführer Florian Ranft und Henrik Soller zur aktuellen Situation befragt.

Die neue Orderrunde steht vor der Tür: Wie geht es dem Handel? Ist er schon bereit zu ordern?

Natürlich herrscht bei den meisten Kunden nach wie vor eine große Ungewissheit, wie es weiter geht. Das Kaufverhalten ist immer noch sehr verhalten und die Endverbraucher sind nach wie vor nicht wirklich in Kauflaune. Dennoch gibt es einige Lichtblicke und Kunden, die sich mit der aktuellen Situation gut arrangieren und sehr kreativ sind. Insbesondere Händler mit einem hohen Stammkundenanteil kommen trotz der momentanen Situation gut über die Runden. Wir bekommen wieder vermehrt Anfragen für Nachbestellungen - insbesondere im Bereich Denim, was uns sehr positiv stimmt. Die Terminplanung läuft auf Hochtouren. Irgendetwas muss ja für Spring/Summer 21 vorgeordert werden, somit läuft auch die Terminierung bis jetzt sehr gut. Wir versuchen hier so flexibel wie möglich zu sein, um den Kunden ihren Wunschtermin zu ermöglichen. Um ihnen darüber hinaus ein gutes und sicheres Gefühl zu geben, stehen die Hygieneanforderungen und Abstandsregelungen hier natürlich im Vordergrund.

Was ändert sich? Sind die Ordertermine später als sonst, weil sich der Händler später festlegen will, will er weniger vorordern und verlangt mehr Artikel, die ständig verfügbar sind?

Das Orderfenster bleibt unverändert. Ob der Kunde zwei Wochen früher oder später zum Ordern geht, macht dabei keinen Unterschied. Das Hauptproblem ist der Zeitraum, in dem die Läden komplett geschlossen waren - das lässt sich nicht mehr aufholen. Natürlich werden einige Kunden auch Ware aus dieser Saison mit in den nächsten Sommer nehmen und dementsprechend weniger neue Ware vorordern. Ich denke das Verhältnis zwischen Vororder und NOS (Never Out of Stock – Englisch für 'ständig verfügbar') wird sich trotzdem nicht großartig verschieben, da sich viele Händler nicht darauf verlassen wollen. Die meisten Firmen sind derzeit gar nicht in der Lage, in ein großes Lager zu investieren. Es ist wie immer, man bekommt genügend Ware nach, nur meistens nicht das was man gerade braucht. Ausnahme sind hier unsere Denim Kollektionen, bei denen wir jederzeit auf ein sehr gutes uns ausreichend bestücktes Lager zugreifen können.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Sie als Agentur?

Die größte Herausforderung für uns ist derzeit die Planung, da wir zunächst alles vorfinanzieren müssen und unsere Provisionen erst zeitversetzt sechs bis neun Monate später erhalten. Kein Mensch kann derzeit sagen, wie die Situation im Januar oder Februar sein wird, insbesondere da wir hauptsächlich mit italienischen Lieferanten arbeiten. Hier zahlt sich aber unsere enge Partnerschaft und langjährige Zusammenarbeit mit den meisten unserer Partner aus, auf die wir uns immer verlassen können.

Wie ist Ihr aktueller Eindruck: Schaffen es die Händler, Umsatz wieder aufzuholen? Was läuft gerade gut?

Der Umsatz, der durch die Schließung der Läden verloren gegangen ist, ist unmöglich wieder aufzuholen. Es geht jetzt darum, mit einem „blauen Auge“ und ohne große Verluste aus der Saison zu kommen. Große Gewinne werden in dieser Runde wohl die wenigsten verbuchen können.

Wie stellen Sie sich auf die Veränderungen ein? Rechnen Sie mit weniger Ordervolumen?

Wir haben versucht, so gut es geht zwischen unseren Lieferanten und unseren Händlern zu vermitteln, und unsere Kunden in dieser schwierigen Saison, so gut es geht, zu unterstützen. Ich hoffe, dass die Kunden dies honorieren und eine dementsprechende Order für Fall/Winter 21 bei diesen Firmen abgeben werden. Es wäre mit Sicherheit vermessen ein Umsatzplus für die kommende Saison zu planen, wir rechnen aber derzeit auch nicht mit großen Umsatzeinbußen.

Haben die Marken ihre Kollektionen an die Lage angepasst? Z.B. durch kleinere Kollektion, mehr Durchläufer, mehr NOS, damit die Ware über mehrere Saisons verkauft werden kann etc.?

Die Kollektionen werden alle kleiner und fokussierter. Die Firmen achten immer mehr darauf, die Kollektion in ein gesundes Gleichgewicht aus neuen Themen und Durchläufern zu bringen. Trotzdem denke ich nicht, dass es jetzt der richtige Ansatz ist, Ware für mehrere Saisons vorzukaufen, da dies natürlich auf Kosten des Cash-Flows geht und alles erst einmal vorfinanziert werden muss. Außerdem würden die meisten Händler dadurch zusätzlich mit der Lagerkapazität an ihre Grenzen kommen.

Nachhaltigkeit war ein wichtiger Trend - setzt sich das fort oder werden jetzt andere Themen wichtiger?

Nachhaltigkeit ist meiner Meinung nach kein Trend mehr, sondern fester Bestandteil unserer Branche. Ich denke, es sollte selbstverständlich sein, nachhaltig zu produzieren und gewisse Regeln zu befolgen und zu respektieren, somit werden auch hoffentlich wieder andere Dinge in den Fokus rücken, wie z.B. Qualität und Design.

Die Krise hat viel Aufmerksamkeit auf das Thema Digitalisierung gelenkt. Man muss davon ausgehen, dass noch mehr Marken den B2C-Weg gehen werden. Wie reagieren Sie darauf?

Es gibt Bereiche, da macht die Digitalisierung Sinn, und es gibt Bereiche, da macht sie einfach keinen Sinn. Deswegen denke ich nicht, dass sich hier nachhaltig viel verschieben wird.

Auch das B2B Business wird immer digitaler. Arbeiten Sie mit B2B-Plattformen zusammen? Was halten Sie von den digitalen Lösungen der Messen?

Wir arbeiten natürlich auch mit B2B Plattformen, wo es dem Einkäufer leicht fällt zu ordern, ohne dabei vor der Kollektion zu stehen. Dies sind hauptsächlich Kollektionen, bei denen wir viel mit Durchläufern und Basics arbeiten. Kollektionen, bei denen der Kunde die Schnitte und Qualitäten bereits kennt. Es gibt aber auch Kollektionen wo dies nur sehr schwer möglich ist. Dies betrifft dann hauptsächlich größere Komplettkollektionen mit einem hohen modischen Anspruch und immer wieder neuen Themen, Qualitäten und Silhouetten.

Wie lautet Ihre Prognose: Auf welche Mode-Trends werden die Händler für Spring/Summer 21 setzen?

Ich denke, dass es wieder vermehrt einen Trend zu zeitlosen Kollektionen und „Klassikern“ geben wird. Dies ist ein Trend, den wir bei Komet und Helden schon immer verfolgt haben. Wir spüren z.B. gerade eine extreme Nachfrage nach einem Icon wie der „Baracuta G9“ oder einer gut gewaschenen Jeans von z.B. Aniven. Auch Qualität wird erneut mehr in den Fokus rücken. Die meisten Einkäufer beschäftigen sich vermehrt mit dem Produkt. Wir merken jetzt schon, dass von vielen wieder bewusster gekauft wird. Trotzdem ist es aber nach wie vor auch wichtig bestimmte Eckpreislagen zu respektieren und nicht zu überschreiten. Außerdem wird meiner Meinung nach das „Made in...“ wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Einige unserer Lieferanten, wie z.B. Deus Ex Machina verlagern ihre Produktion immer mehr nach Europa, was wir als sehr positiv ansehen. Schließlich ist das auch wieder ein Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit.

Fotos: Komet und Helden

 

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