Short Seller wirft Gildan aufgeblähte Umsätze vor – Kanzleien prüfen Klagen

Der kanadische Bekleidungshersteller Gildan Activewear steht seit Mitte Juni wegen des Vorwurfs im Fokus, seine Umsätze künstlich aufgebläht zu haben. Im Zentrum steht das sogenannte Channel Stuffing, also die Praxis, mehr Ware in die Vertriebskanäle zu schieben, als dort tatsächlich benötigt wird.

Das Unternehmen hat den Bericht zur Kenntnis genommen, sich zu den einzelnen Vorwürfen aber nicht geäußert und auf die Richtigkeit seiner Offenlegung verwiesen. Zwei auf Anleger:innenklagen spezialisierte US-Kanzleien prüfen inzwischen mögliche Ansprüche.

Short-Seller-Bericht löst Kursrutsch aus

Öffentlich wurden die Bedenken am 16. Juni 2026 durch einen Bericht der Research-Firma Jehoshaphat Research, die nach eigenen Angaben mit einer Position von rund vier Prozent des Streubesitzes auf einen fallenden Kurs setzt. Unter dem Titel „Stuffing All of the Channel Some of the Time?“ heißt es darin, Gildan habe die Vertriebskanäle über Jahre hinweg zunehmend vollgeschoben, was zu immer unverhältnismäßigeren offenen Forderungen zum jeweiligen Quartalsende geführt habe. Das Vorziehen von Verkäufen kannibalisiere die künftige Nachfrage und verzerre die Wachstumskurve des Geschäfts.

Im Kern der Analyse steht die durchschnittliche Außenstandsdauer der Forderungen – Days Sales Outstanding (DSO). Weil Gildan einen erheblichen Teil seiner Forderungen im Rahmen von Forderungskaufvereinbarungen an Finanzinstitute verkauft und damit aus der Bilanz nimmt, rechnet Jehoshaphat diese Beträge zurück und kommt so auf eine Außenstandsdauer von etwa 129 Tagen, gegenüber einem langjährigen Mittel von rund 57 Tagen. Frühere Mitarbeiter:innen, Kund:innen und Vertriebspartner:innen hätten geschildert, dass der Vertrieb zum Quartalsende Zahlungsfristen von 90, teilweise 120 Tagen eingeräumt habe. Zum Ende des ersten Quartals 2026 hätten rund 510 Millionen US-Dollar an nicht benötigter Ware in den Kanälen gelegen, für das zweite Halbjahr 2026 erwartet die Firma eine Lücke zu den Markterwartungen von etwa 780 Millionen US-Dollar.

Nach der Veröffentlichung gab die Gildan-Aktie an der New Yorker Börse um 18,75 Prozent beziehungsweise 11,62 US-Dollar nach und schloss bei 50,35 US-Dollar, verglichen mit 61,97 US-Dollar am Vortag. In Toronto lag das Minus zeitweise bei rund 25 Prozent, der stärkste Tagesverlust seit mehr als sechs Jahren.

Gildan verweist auf eigene Offenlegung

Noch am selben Tag äußerte sich das Unternehmen, ohne die einzelnen Vorwürfe aufzugreifen. Man sei überzeugt, dass die derzeitige Offenlegung Investor:innen genaue und umfassende Informationen über Gildan liefere, auch mit Blick auf Finanzangaben und Governance-Praktiken, hieß es in einer Mitteilung. Zugleich bestätigte Gildan die Prognose für das Geschäftsjahr 2026 aus der Mitteilung vom 30. April 2026 und kündigte an, sich zunächst nicht weiter zu äußern.

Eine gestiegene Außenstandsdauer hatte das Unternehmen bereits im Bericht zum ersten Quartal selbst ausgewiesen und mit längeren Zahlungsfristen begründet. In der Telefonkonferenz zum zweiten Quartal führte das Management den höheren Bedarf an Betriebskapital unter anderem darauf zurück, dass man Kundschaftsnachfrage und Marktanteilsgewinne in einer Phase der Branchenumbrüche gestützt habe.

Zwei Kanzleien prüfen Ansprüche von Anleger:innen

Die auf Wertpapierrecht spezialisierte Kanzlei Bleichmar Fonti & Auld teilte am 2. September 2026 mit, sie prüfe möglichen Wertpapierbetrug. Dabei gehe es um die Frage, ob Gildan Marktteilnehmer:innen über die Treiber seiner Umsätze getäuscht habe. Die Kanzlei Hagens Berman hatte bereits im Juni eine eigene Untersuchung angekündigt. Beide Kanzleien werben um geschädigte Anleger:innen für eine mögliche Sammelklage. Eine Klage ist bislang nicht eingereicht, behördliche Ermittlungen sind nicht bekannt.

Zweites Quartal von Hanesbrands-Übernahme geprägt

Am 30. Juli 2026 legte Gildan Zahlen für das zweite Quartal vor. Der Nettoumsatz aus fortgeführten Geschäftsbereichen stieg um 72,3 Prozent auf 1,58 Milliarden US-Dollar und lag damit im Rahmen der eigenen Prognose von rund 1,6 Milliarden US-Dollar. Der Sprung geht fast vollständig auf die Übernahme von Hanesbrands zurück, die Gildan Anfang Dezember 2025 abgeschlossen hat. Gegenüber dem Proforma-Umsatz von 1,72 Milliarden US-Dollar, der die Übernahme rückwirkend für das Vorjahresquartal einrechnet, ergab sich dagegen ein Rückgang. Gildan begründete ihn mit einem proaktiven Lagerabbau über die Kundenkanäle hinweg, der die Auslieferungen vorübergehend gedämpft habe, mit ausgefallenen Vorkäufen aus dem Vorjahresquartal und mit zurückhaltenden Bestellungen großer Einzelhandelskund:innen.

Das bereinigte verwässerte Ergebnis je Aktie aus fortgeführten Geschäftsbereichen bezifferte Gildan auf 1,28 US-Dollar nach 0,97 US-Dollar im Vorjahresquartal, das ausgewiesene auf 0,49 US-Dollar. Über alle Bereiche hinweg stand am Ende jedoch ein Nettoverlust von 50 Millionen US-Dollar beziehungsweise 0,27 US-Dollar je Aktie, nach einem Gewinn von 137,9 Millionen im Vorjahr. Ursache ist ein Verlust von 140,4 Millionen US-Dollar aus den aufgegebenen Geschäftsbereichen, konkret aus dem australischen Hanesbrands-Geschäft. Für dieses kündigte Gildan am selben Tag den Verkauf an BBFIT Investments für einen Unternehmenswert von rund 700 Millionen australischen beziehungsweise etwa 490 Millionen US-Dollar an, der Erlös soll Schulden abbauen.

Für das Gesamtjahr hob das Unternehmen die Prognose für das bereinigte Ergebnis je Aktie auf 4,65 bis 4,75 US-Dollar an, zuvor waren 4,20 bis 4,40 US-Dollar in Aussicht gestellt. Wesentlicher Treiber sind erwartete Zollrückerstattungen von rund 220 Millionen US-Dollar aus einem Verfahren der US-Zollbehörde. Den Umsatz erwartet Gildan am unteren Ende der Spanne von 6,0 bis 6,2 Milliarden US-Dollar. Für das dritte Quartal stellt das Unternehmen rund 1,65 Milliarden US-Dollar in Aussicht, wobei sowohl das Großhandels- als auch das Einzelhandelsgeschäft im Vergleich zum Proforma-Umsatz zu Wachstum zurückkehren sollen.

Forderungen im Blick

Die Bilanz zum 28. Juni 2026 weist Vorräte von 2,17 Milliarden US-Dollar aus, nach 2,37 Milliarden US-Dollar zum Jahresende 2025. Die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen stiegen im gleichen Zeitraum auf 1,08 Milliarden US-Dollar von 956 Millionen US-Dollar. Parallel dazu erhöhte sich der Bestand jener Forderungen, die Gildan im Rahmen von Forderungskaufvereinbarungen an Finanzinstitute verkauft hat und deren Einzug das Unternehmen weiterhin selbst übernimmt, auf 871,5 Millionen US-Dollar zum Quartalsende, nach 777 Millionen US-Dollar Ende 2025. Genau diese Position ist der Ausgangspunkt der Short-Seller-Rechnung. Zu Rechtsstreitigkeiten führt Gildan im Quartalsbericht vom 30. Juli lediglich Verfahren aus dem normalen Geschäftsverlauf an, deren Ausgang keine wesentlichen Auswirkungen erwarten lasse.

Gildan produziert Basisbekleidung, darunter Activewear, Unterwäsche, Socken und Intimwäsche, und verkauft an Großhändler:innen, Siebdruckereien, Veredler:innen, Einzelhändler:innen und Onlineplattformen sowie an internationale Lifestyle-Marken und direkt an Verbraucher:innen.

Dieser Beitrag wurde mithilfe von KI erstellt.


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