Textilhandelsstreit: Kann China den Vorwurf der ‚Überkapazität‘ widerlegen?
In einem beispiellosen Dokument, das Ende Juli veröffentlicht wurde, bestreitet China direkt die westlichen Vorwürfe der industriellen ‚Überkapazität‘. Obwohl der Text hauptsächlich auf Elektrofahrzeuge, Batterien und fortschrittliche Technologien abzielt, gilt seine Argumentation auch für die Textilindustrie. Peking weist die Vorstellung zurück, dass ein Handelsüberschuss oder eine hohe Produktionskapazität ausreichen, um eine Marktverzerrung zu beweisen.
Diese Positionierung erfolgt zu einer Zeit, in der Chinas Textil- und Bekleidungshersteller:innen nach wie vor zu den mächtigsten der Welt gehören. Ihre asiatischen Konkurrent:innen spüren bereits den Druck der chinesischen Exporte. Das Wort ist zu einem der heikelsten im globalen Handel geworden: Überkapazität.
Seit mehreren Jahren werfen die USA und in geringerem Maße auch Europa China vor, in mehreren Sektoren mehr zu produzieren, als der heimische Markt aufnehmen kann. Sie behaupten, China verkaufe diesen Überschuss dann im Ausland zu Preisen, die lokale Produzent:innen untergraben könnten. Das Problem betraf lange Zeit Stahl und Solarpaneele. Es hat sich schrittweise auf Elektrofahrzeuge, Batterien, Industrieausrüstungen und Technologien im Zusammenhang mit der Energiewende ausgeweitet.
Nun versucht Peking, diesen Vorwurf aus prinzipiellen Gründen zu entkräften.
Am 28. Juli veröffentlichte das chinesische Handelsministerium ein Dokument mit dem Titel „Chinas Position zur sogenannten Überkapazitätsproblematik“. Der Text stellt fest, dass dem Konzept eine einheitliche internationale Definition fehlt und es als solches nicht in den Abkommen der Welthandelsorganisation enthalten ist.
EcoTextile News entschlüsselt diese neue Doktrin in einem Artikel von Stephen Frost, der am 10. August unter dem Titel ‚China rejects excess capacity textile claims‘ veröffentlicht wurde. Die Publikation hebt hervor, dass sich das chinesische Dokument zwar auf Industriesektoren im Zentrum der Handelsspannungen konzentriert, seine Argumentation jedoch direkte Auswirkungen auf die Textil- und Modebranche hat. Diese Auswirkungen sind alles andere als zweitrangig.
Peking bestreitet zunächst die eigentliche Definition von ‚Überkapazität‘
Für Peking lautet das Hauptargument, dass es keinen universellen Schwellenwert gibt, um zu erklären, dass eine Branche ‚zu viel‘ Produktionskapazität hat. Das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage verschiebt sich mit den Wirtschaftszyklen, dem technologischen Fortschritt und der Geografie der Wertschöpfungsketten. Das chinesische Dokument stellt die globale Kapazität als ein dynamisches System dar: Gleichgewicht, Ungleichgewicht und dann Wiederherstellung des Gleichgewichts. Eine Überkapazität zu einem bestimmten Zeitpunkt kann einige Jahre später notwendig werden, wenn die Nachfrage wächst oder neue Märkte entstehen.
Diese Argumentation ist für die Textilindustrie besonders wichtig. Eine chinesische Fabrik, die für einen vietnamesischen, bangladeschischen oder pakistanischen Kunden produziert, bedient nicht zwangsläufig die ‚chinesische‘ Nachfrage. Sie ist Teil einer globalisierten Wertschöpfungskette. Dies ist genau eines der von Peking vorgebrachten Argumente. China weist darauf hin, dass seine Exporte von Textilmaschinen und Industrieausrüstungen zur Entwicklung mehrerer großer Bekleidungsproduktionsländer beigetragen haben. Laut dem Dokument überstiegen die chinesischen Exporte von Textilmaschinen in Entwicklungsländer zwischen 2012 und 2024 30 Milliarden US-Dollar und trugen insbesondere zur Entwicklung der Textilindustrie in Vietnam, Pakistan und Bangladesch bei.
Mit anderen Worten, Peking will die Debatte verlagern. Was als chinesische Überkapazität erscheint, kann auch als eine in eine internationale Wertschöpfungskette integrierte Produktionskapazität betrachtet werden.
Textil ist ein besonders interessanter Fall
An dieser Stelle verdient die Analyse von EcoTextile News eine weitere Vertiefung. Der chinesische Textilsektor ist nicht nur ein weiterer Lieferant. Er bleibt einer der Hauptproduktionsknotenpunkte in der globalen Kette, von Fasern und Garnen über Stoffe und Maschinen bis hin zu einem Teil der Bekleidungsherstellung. Chinesische Zahlen zeigen, dass es tatsächlich eine Kapazitätsmarge gibt. Laut dem Nationalen Statistikamt Chinas lag die Kapazitätsauslastung der Textilindustrie im Jahr 2025 bei 77,5 Prozent, verglichen mit 78,5 Prozent ein Jahr zuvor. Im vierten Quartal erreichte sie 77,1 Prozent.
Genauer gesagt bedeutet eine Auslastungsrate von 77,5 Prozent nicht automatisch eine ‚Überkapazität‘ von 22,5 Prozent. Eine Fabrik arbeitet nicht zwangsläufig immer mit 100 Prozent Kapazität. Wartungsstillstände, Änderungen der Produktionslinien, Saisonalität, Produktvielfalt und kommerzielle Zwänge machen diese Berechnung weitaus komplexer.
Die Zahl ist dennoch interessant. Sie zeigt, dass die chinesische Textilindustrie über eine erhebliche Kapazitätsreserve verfügt, auch wenn die Auslastungsrate innerhalb eines Jahres um einen Prozentpunkt gesunken ist. Die Debatte kann nicht einfach mit der Feststellung abgetan werden, dass das Konzept der Überkapazität nicht existiert. Die eigentliche Frage ist, ob diese verfügbare Kapazität ein wirtschaftliches Problem, eine normale Produktionsreserve oder eine potenzielle Druckquelle für die internationalen Märkte darstellt.
Peking lehnt vor allem die Gleichung ‚Exporte = Überkapazität‘ ab
China stellt die Vorstellung, dass ein großer Handelsüberschuss ein Beweis für eine übermäßige Produktionskapazität ist, direkt in Frage. Das Argument lautet, dass ein Land in bestimmten Sektoren sehr wettbewerbsfähig sein und massiv exportieren kann, ohne ‚übermäßig‘ zu produzieren. Das chinesische Ministerium nennt mehrere europäische Sektoren als Beispiele: Automobil, Pharmazeutika und Kosmetika. Es weist darauf hin, dass die Europäische Union im Jahr 2025 in diesen Sektoren Überschüsse von 92,2 Milliarden, 214,6 Milliarden und 11,6 Milliarden US-Dollar verzeichnete.
Das Argument ist politisch wirksam. Wirtschaftlich gesehen reicht es jedoch nicht aus, um die Debatte zu beenden. Ein Handelsüberschuss ist nicht gleichbedeutend mit Überkapazität. Überkapazität kann jedoch dazu beitragen, erhebliche Exporte zu generieren, wenn eine unzureichende Inlandsnachfrage die Produzent:innen zwingt, ausländische Märkte zu suchen.
Die beiden Phänomene sind also nicht gleichwertig. Genau diese Unterscheidung wird wahrscheinlich die nächste Handelsschlacht prägen.
Das eigentliche Problem: Was passiert, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt?
An dieser Stelle wird die Debatte für die Textilindustrie wesentlich konkreter. Wenn eine Branche über erhebliche Kapazitäten verfügt, die globale Nachfrage aber im gleichen Tempo wächst, ist das Problem begrenzt. Wenn die Kapazität jedoch schneller wächst als die Nachfrage, müssen die Hersteller:innen andere Absatzmärkte finden. Sie können ihre Preise senken; mehr exportieren; Marktanteile im Ausland gewinnen; oder einen Teil ihrer Produktion verlagern.
Dies sind die Mechanismen, die derzeit mehrere Volkswirtschaften beunruhigen. Südostasien liefert bereits Beispiele dafür. Die Financial Times stellte kürzlich fest, dass mehrere Länder in der Region zunehmend unter dem Druck chinesischer Exporte stehen, auch in der Industrie- und Textilkette. In Indonesien hat die Textil- und Bekleidungsindustrie seit 2022 Berichten zufolge rund 250.000 Arbeitsplätze verloren, wobei der Wettbewerb durch chinesische Produkte einer der beitragenden Faktoren ist.
Das Phänomen ist also komplexer als eine einfache Gegenüberstellung von China und den westlichen Volkswirtschaften. Die Frage der chinesischen Kapazität betrifft auch Schwellenländer, die ihre industrielle Entwicklung durch die Integration in globale Wertschöpfungsketten aufgebaut haben.
Chinas Dilemma: Die Nachbarn entwickeln und gleichzeitig mit ihnen konkurrieren
Dies ist wahrscheinlich eine der interessantesten Erkenntnisse aus dem Dokument. Peking präsentiert seine Industrie als einen Beschleuniger für die Entwicklung von Schwellenländern. China liefert die Maschinen, Komponenten, Rohstoffe und Ausrüstungen, die es Vietnam, Bangladesch und Pakistan ermöglichen, mehr zu produzieren und zu exportieren. Diese Integration schafft auch eine Abhängigkeit. Hersteller:innen in diesen Ländern können mit chinesischer Ausrüstung einen Wettbewerbsvorteil erlangen, sind aber gleichzeitig auch stärker dem Wettbewerb durch chinesische Unternehmen auf den internationalen Märkten ausgesetzt.
Der Fall der Textilien ist besonders aufschlussreich. China begnügt sich nicht mehr zwangsläufig damit, nur Kleidung zu verkaufen. Es stellt auch die industrielle Infrastruktur bereit, die es anderen Ländern ermöglicht, diese herzustellen. Dies ist ein weitaus mächtigeres Modell als eine einfache Lieferanten-Kunden-Beziehung.
Diese industrielle Macht bleibt schwer zu umgehen
Die jüngsten Nachrichten rund um Shein liefern ein besonders anschauliches Beispiel. Laut Reuters hat Shein sein industrielles Expansionsprojekt in Vietnam nach einer enttäuschenden Erfahrung zurückgefahren. Das Unternehmen hatte ursprünglich geplant, seine Logistik- und Produktionskapazitäten im Land erheblich auszubauen, um seine Abhängigkeit von China zu verringern. Bis Mitte 2026 war seine vietnamesische Präsenz jedoch erheblich reduziert worden. Ein Teil seiner Lieferant:innen war nach China zurückgekehrt, wo Kosten, Flexibilität und Produktionsgeschwindigkeit besonders wettbewerbsfähig bleiben.
Der Fall Shein ist natürlich nicht repräsentativ für die gesamte Textilindustrie, aber er veranschaulicht eine wichtige Realität. Die geografische Diversifizierung der Produktionsketten ist schwieriger, wenn es darum geht, ein ganzes industrielles Ökosystem zu ersetzen. China hat nicht nur Fabriken; es hat Lieferant:innen, Maschinen, Materialien, Subunternehmer:innen, Logistiker:innen, Fachkräfte und die Fähigkeit, schnell in großem Maßstab zu produzieren. Diese industrielle Tiefe ist sein Hauptvorteil.
Reaktion auf den zunehmenden Protektionismus
Das chinesische Dokument muss auch in seinem politischen Kontext gelesen werden. Peking wirft bestimmten Ländern ausdrücklich vor, die ‚Überkapazitätsproblematik‘ in ein protektionistisches Instrument zu verwandeln. Das chinesische Ministerium behauptet, dass einige Regierungen dieses Konzept nutzen, um Handelsbeschränkungen zu rechtfertigen und ihre heimische Industrie zu schützen.
Diese Positionierung erfolgt, während die USA eine Untersuchung nach Section 301 zur chinesischen Industriekapazität eingeleitet haben. Auch die Europäische Union erwägt neue Handelsinstrumente, um Ungleichgewichte im Zusammenhang mit der chinesischen Produktion anzugehen. Das chinesische Ministerium warnte im Mai, dass europäische Maßnahmen auf der Grundlage von ‚Überkapazität‘ Peking zu Gegenmaßnahmen veranlassen könnten.
Der Kampf ist also nicht mehr nur wirtschaftlicher Natur. Er wird allmählich zu einem Kampf um die Regeln, die bestimmen, was als akzeptabler Wettbewerb gilt.
Für die europäische Textilindustrie steht viel auf dem Spiel
Für die europäische Mode- und Textilindustrie verdient das Thema große Aufmerksamkeit. Denn die Europäische Union bleibt extrem abhängig von chinesischen Importen. Im Jahr 2025 importierte sie chinesische Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro, verglichen mit Exporten nach China im Wert von 199,6 Milliarden Euro, was zu einem Defizit von 359,8 Milliarden Euro führte. Die europäischen Importe aus China stiegen im Jahresvergleich um 6,4 Prozent. Diese Zahlen umfassen alle Waren, nicht nur Textilien. Dennoch geben sie einen Hinweis auf die Tiefe der Handelsbeziehung.
In der Mode ist diese Abhängigkeit besonders schwer zu reduzieren. Europäische Marken können bestimmte Fertigungsschritte nach Vietnam, Bangladesch, Indien, Pakistan oder in die Türkei verlagern. Viele dieser Länder bleiben jedoch für Materialien, Garne, Stoffe, Maschinen oder bestimmte Komponenten an China gebunden.
Die Abhängigkeit von China zu verringern bedeutet also nicht nur, eine Fabrik zu verlagern. Manchmal erfordert es die Verlagerung eines ganzen Ökosystems.
Risiko einer neuen Fragmentierung der Wertschöpfungsketten
An dieser Stelle erhält die chinesische Position eine breitere Dimension. Peking verteidigt eine Vision, in der die Globalisierung es ermöglicht, industrielle Kapazitäten entsprechend ihrer jeweiligen Vorteile auf mehrere Länder zu verteilen.
Chinas Kritiker:innen argumentieren, dass eine solche Organisation auch zu einer übermäßigen Konzentration von Kapazitäten führen kann. Dies schafft einen unhaltbaren Wettbewerb zwischen Produzent:innen, die nicht über die gleiche Größe verfügen. Beide Interpretationen können gleichzeitig zutreffen. China mag zur industriellen Entwicklung einiger Länder beigetragen haben, während es gleichzeitig den Druck auf deren Hersteller:innen erhöht.
Das macht das Thema für die Textilindustrie besonders heikel. Eine Politik, die darauf abzielt, chinesische Importe zu begrenzen, kann einige lokale Industrien schützen. Sie kann jedoch auch die Kosten für Marken und Verbraucher:innen erhöhen und stark integrierte Lieferketten stören. Umgekehrt könnte eine ausbleibende Reaktion das Verschwinden lokaler industrieller Kapazitäten beschleunigen. Die Wahl steht also nicht einfach zwischen ‚freiem Handel‘ und ‚Protektionismus‘. Es geht um das Maß an industrieller Abhängigkeit, das eine Volkswirtschaft bereit ist, aufrechtzuerhalten.
China verändert seine Position in der globalen Textilkette
Schließlich wäre es falsch, China als eine Wirtschaft zu betrachten, die sich nur auf Billigprodukte spezialisiert.
Das Dokument des Handelsministeriums selbst hebt hervor, dass der Anteil arbeitsintensiver Produkte an den chinesischen Exporten gesunken ist, von 20,7 Prozent im Jahr 2012 auf 15,1 Prozent im Jahr 2025. Dies ist ein interessanter Indikator, der zeigt, dass China versucht, sich im gehobenen Segment zu positionieren und gleichzeitig eine extrem breite industrielle Basis beizubehalten.
Im Textilbereich bedeutet dies, dass sich sein Einfluss allmählich verlagern könnte: weniger auf das Endprodukt und mehr auf Maschinen, Materialien, Produktionstechnologien und industrielle Infrastruktur. Mit dieser Entwicklung ist es viel schwieriger zu konkurrieren.
Das chinesische Dokument löst die Überkapazitätsfrage nicht
Dies ist letztlich die wichtigste Schlussfolgerung, die aus der von EcoTextile News analysierten Veröffentlichung zu ziehen ist.
Peking gibt eine kohärente politische und wirtschaftliche Antwort auf einen Vorwurf, den es als politisch instrumentalisiert betrachtet. Das Land weist auf konzeptioneller Ebene zu Recht darauf hin, dass ein Handelsüberschuss an sich kein Beweis für Überkapazität ist und dass es keine einheitliche internationale Definition des Begriffs gibt. Dies reicht jedoch nicht aus, um zu beweisen, dass die gesamte industrielle Kapazität Chinas wirtschaftlich nachhaltig ist. Offizielle chinesische Daten selbst zeigen eine Kapazitätsauslastung von 77,5 Prozent in der Textilindustrie im Jahr 2025, was einem Rückgang gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Die relevante Frage lautet daher vielleicht nicht: „Hat China zu viel Kapazität?“ Stattdessen lautet sie: „Wo befindet sich die heute für die globale Nachfrage benötigte Produktionskapazität, wer finanziert sie, zu welchem Preis und mit welchen Folgen für andere Produzent:innen?“ Dies ist eine weitaus komplexere Debatte. Für die Textilindustrie könnte sie entscheidend werden. Hinter dem semantischen Streit um ‚Überkapazität‘ verbirgt sich die zukünftige Geografie der globalen Modeindustrie: Wer wird produzieren; wer wird die Maschinen und Materialien liefern; wer wird den Wert abschöpfen; und vor allem, welche Länder werden morgen noch über eine ausreichend solide industrielle Basis verfügen, um über ihre eigene textile Zukunft zu entscheiden?
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