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Trends im Mode-Sourcing: So hat die Pandemie die Beschaffung verändert

Von Regina Henkel

10. Dez. 2021

Business

Foto: Global Organic Textile Stabdard (GOTS)

Nach mehr als einem Jahr im permanenten Krisenmodus beginnen Marken, Händler und Hersteller jetzt damit, ihren Fokus über den kurzfristigen Horizont hinaus zu verschieben. Wie haben sich die Beschaffungsmärkte der Bekleidungsindustrie in der Pandemie verändert? Der „Global Sourcing Reference 2022“-Report des Marktforschungsunternehmens Accenture Strategy gibt Antworten.

Sourcing-Bedingungen sind nach wie vor herausfordernd

Die Covid-19-Krise führte zu einem massiven Nachfrageeinbruch auf den globalen Absatzmärkten, der wiederum Auftragsstornierungen bei den Lieferanten, hohe Überbestände bei den Einzelhändlern und eine Konsolidierung der Unternehmen zur Folge hatte und so die globale Beschaffungslandschaft nachhaltig veränderte.

Während sich jetzt wichtige Nachfragemärkte wieder öffnen und ein deutlicher Aufschwung der Verbraucherumsätze zu beobachten ist, sind viele Produktionsländer noch immer stark betroffen. Parallel dazu gi8bt es erhebliche Störungen im internationalen Frachtverkehr, anhaltende Handelsspannungen, politische Instabilität in wichtigen Beschaffungsmärkten und zunehmende Materialknappheit.

Alternativen zu Fernost als Sourcing Destination gewinnen an Bedeutung

In diesem höchst volatilen Umfeld sind die Beschaffungsvolumina für Nordamerika und Europa im Jahr 2020 insgesamt deutlich zurückgegangen – beispielsweise in Europa um 32 Prozent, so die Studie. Ein detaillierter Blick auf die Anteile der Beschaffungsmärkte zeigt, dass die fernen Beschaffungsziele an Bedeutung verloren haben (Rückgang der Importe um 34 Prozent), während Märkte in der Nähe der Beschaffungsmärkte wie die Türkei, Polen, Tunesien oder Rumänien weniger stark betroffen waren (Rückgang um 27 Prozent) und ihre relative Marktposition sogar ausgebaut haben.

Nicht nur Chinas Anteil am Sourcing sinkt (aktuell stammen von dort 25,3 Prozent der europäischen Bekleidungsimporte gegenüber 34 Prozent im Jahr 2014 und über 40 Prozent im Jahr 2011), auch Länder wie Bangladesch, Indien, Kambodscha und Sri Lanka haben im letzten Jahr an relativer Bedeutung verloren.

Fokus auf Beschaffungsziele in der Nähe der Absatzmärkte wächst

Die Abkehr von weit entfernten Beschaffungszielen hin zu Märkten, die näher an Europa oder Nordamerika liegen, ist schon länger ein Ziel der Branche und scheint sich in der neuen Situation weiter zu verstärken. Die Fähigkeit, spät zu entscheiden und schnell zu reagieren, gilt als entscheidend, um die hohe Volatilität und das Risiko auf der Nachfrage- und Angebotsseite zu bewältigen, so die Studie.

Auch aus Kostensicht scheint Nearshoring nun attraktiver zu werden: Betrachtet man die Entwicklung der Produktionskosten in den wichtigsten Beschaffungsmärkten, so hat sich der rasche Kostenanstieg während der Pandemie leicht verlangsamt. Während die Werte des Produktionskostenindex (PCI) in einigen Märkten wie Indonesien, Pakistan, Indien oder der Türkei konstant geblieben oder gesunken sind, sind die Kosten in anderen Märkten gestiegen. Insbesondere haben sich die Kostenunterschiede zwischen China und der Nearshore-Beschaffung verringert, wodurch die Attraktivität solcher Märkte in der Nähe von Europa und Nordamerika trotz der verbleibenden Herausforderungen in der Materiallieferkette und eines geringeren Spektrums an Fähigkeiten gestiegen ist.

Foto: Cottonbro über Pexels

Herausforderung: Beschaffung nachhaltiger Materialien

Als eines der zentralen Probleme des aktuellen Beschaffungsmarktes nannten die befragten Führungskräfte die unsichere Verfügbarkeit von Rohstoffen, insbesondere von nachhaltigen Materialien. Lieferzuverlässigkeit, Transportkosten, Kapazitäten und finanzielle Stabilität der Lieferanten sind nach wie vor die Hauptsorgen und Basis eines nach wie vor anhaltenden Vertrauensverlusts in die Vorbereitungen vieler Lieferanten, gegenüber solchen Problemen in Zukunft besser gewappnet zu sein. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, so die Studie, die Fähigkeiten zur Bewältigung und Abschwächung von Liefermarkt- und Transportrisiken zu stärken und entsprechende Notfallpläne zu entwickeln.

Aussicht: Volumina steigen wieder, Margen bleiben unter Druck

Die meisten Führungskräfte gehen davon aus, dass das Gesamtbeschaffungsvolumen und das Volumen pro Auftrag wieder steigen, während sich die Lieferantenportfolios stärker als in der Vergangenheit fokussieren werden. Dennoch werden keine großen Chancen für eine weitere Verbesserung der Gewinnspannen gesehen, sondern eher der Druck, diese angesichts des Preiswettbewerbs auf den Nachfragemärkten und des anhaltenden Anstiegs der Produktionskosten aufrechtzuerhalten.

CSR und Innovation gewinnen an Bedeutung

Die soziale Verantwortung der Unternehmen (Corporate Social Responsibility, CSR) steht inzwischen ganz oben auf der Liste der Auswahlkriterien für den Beschaffungsmarkt, was den Bedeutungszuwachs sowohl aus Sicht der Verbraucher als auch der Marken dokumentiert. Obwohl die anderen Hauptentscheidungsfaktoren für die Erhöhung oder Verringerung des Anteils eines Beschaffungsmarktes die erwarteten sind, nämlich Zuverlässigkeit, Qualität, Kosten und Flexibilität, spielen in Zukunft auch technologischer Fortschritt, Vorlaufzeiten (Produktion und Transport) und vertikale Integration bei der Auswahl von Beschaffungsmärkten eine erhebliche Rolle.

To do: Mehr Zusammenarbeit und Analyse in der Beschaffung

Marken und Einzelhändler prognostizieren nicht nur eine Zunahme der Nearshore-Beschaffung, sondern auch eine stärkere Einbindung der Marken in das Materialmanagement, während die Lieferanten voraussichtlich stärker in die Produktinnovation einbezogen werden. Diese Kombination aus verstärkter Zusammenarbeit zwischen Marken und Lieferanten und verstärktem Nearshoring kann ein wirksamer Hebel sein, um die anhaltenden Herausforderungen der Nachfrage- und Angebotsmarktunsicherheit zu bewältigen. Noch sind die Unternehmen hier noch nicht gut genug aufgestellt. Vor allem in der Beschaffung und Produktion sind große Schritte bei der Planung und Optimierung von Material- und Produktionskapazitäten sowie bei der analytischeren Steuerung von Lieferantenauswahl- und -zuteilungsprozessen zu machen, heißt es in der Studie.

Die Weiterentwicklung der Rolle der Beschaffung ist der Schlüssel zur Lösung der dringendsten Herausforderungen des Einzelhandels, so ein Fazit der Studie. Dazu gehören die Bewältigung der Unsicherheit auf den Nachfrage- und Angebotsmärkten, die Steigerung der Nachhaltigkeit und die Förderung der Verbraucherrelevanz durch Innovation sowie wettbewerbsfähige Preise und Kosten.

Für die umfangreiche Studie hat Accenture Strategy zwischen Ende 2020 und Oktober 2021 Führungskräfte aus nordamerikanischen und europäischen Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von mehr als 180 Milliarden US-Dollar zu unterschiedlichen Themen befragt. Ziel war es, einen aktuellen Branchen-Überblick zum Thema Sourcing hinsichtlich der künftigen Erwartungen, Herausforderungen und Möglichkeiten zu verschaffen und daraus Lösungen zu entwickeln.

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