Vinted: Wie Dropshipping das Versprechen der Kreislaufwirtschaft untergräbt
In weniger als einem Jahrzehnt hat sich Vinted zu einer festen Anlaufstelle für Millionen von Europäer:innen entwickelt. Doch hinter dem Ideal eines gemeinschaftlich genutzten Kleiderschranks verbirgt sich eine zweideutige Realität. Es ist die eines getarnten Handels, bei dem neue Bestände aus der Ultra-Fast-Fashion das Angebot überschwemmen. Eine Analyse eines Systems, das durch seine eigenen Auswüchse auf die Probe gestellt wird.
Wenn das Versprechen der Kreislaufwirtschaft Risse bekommt
Gebrauchte Kleidung kaufen und verkaufen, die Lebensdauer von Produkten verlängern und anders konsumieren. Die Plattform baute auf einem ebenso intuitiven wie wirksamen Ziel auf: Secondhand zu einer zentralen Säule der Kreislaufwirtschaft in der Mode zu machen.
Doch hinter der scheinbaren Einfachheit des Austauschs zwischen Privatpersonen verschwimmen die Grenzen. Es entsteht ein unklarer Zwischenraum, in dem der gelegentliche Wiederverkauf mit strukturierten Geschäftspraktiken verschmilzt. Eine von der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad veröffentlichte Untersuchung hat das Ausmaß des Phänomens aufgedeckt. Verkäufer:innen setzen auf Vinted große Mengen neuer Produkte aus der Ultra-Fast-Fashion, insbesondere von Shein oder Temu, ab. Dabei klassifizieren sie diese als gebrauchte Artikel. Diese Entwicklung ist nicht unbedeutend; sie stellt die Fähigkeit der Plattform infrage, die Integrität ihres Modells zu schützen.
Secondhand, der wie organisierter Handel aussieht
Regelmäßige Nutzer:innen haben es bereits bemerkt: Einige Konten zeigen ‚Kleiderschränke‘ mit mehreren hundert oder sogar tausend Artikeln. Diese sind oft identisch, neu und manchmal ohne Etikett, stammen aber eindeutig aus industrieller Billigproduktion. Diese Verkäufer:innen bieten nicht ihre persönliche Garderobe, sondern agieren wie echte Händler:innen an. In der Praxis stoßen diese Methoden auf wenige operative Hindernisse. Die Anzeigen bleiben online und hohe Verkaufsvolumen werden nicht systematisch geahndet. So verschwimmt die Grenze zwischen privater Nutzung und gewerblicher Tätigkeit. Ein:e Branchenbeobachter:in fasst es so zusammen: „Die Plattform stellt zwar Regeln auf, aber ihre Durchsetzung scheint uneinheitlich zu sein“.
Vinted seinerseits bekräftigt, dass es das Einstellen mehrerer Exemplare identischer Produkte strengstens untersagt. Die Plattform gibt an, dass sie in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen genaue Regeln festgelegt hat und über automatisierte Systeme verfügt, die Inhalte und Verhaltensweisen erkennen, die ihrem Modell widersprechen.
„Vinted ist ein C2C-Marktplatz, auf dem die überwiegende Mehrheit der Mitglieder Privatpersonen sind. Ein sehr kleiner Teil besteht aus professionellen Verkäufern, die als Vinted Pro gekennzeichnet sind. Mitgliedern ist es ausdrücklich untersagt, Artikel anzubieten, die in großen Mengen gekauft wurden, oder Dropshipping-Produkte mit geringem Wiederverkaufswert“, erklärte ein Sprecher.
Anatomie einer Umgehung: Wie man ‚falsche Konten‘ erkennt
Der Mechanismus des Dropshippings ist im E-Commerce gut bekannt. Die Verkäufer:innen besitzen das Produkt nicht selbst. Sie warten auf eine Bestellung, kaufen es dann auf einer Drittplattform und lassen es von dort direkt an die Käufer:innen versenden. Für die Nutzer:innen besteht die Herausforderung darin, diese unsichtbaren Vertriebswege zu erkennen. Mehrere wiederkehrende Anzeichen helfen dabei, diese getarnten gewerblichen Konten zu identifizieren:
- Verkaufsvolumen, die mit einer privaten Nutzung unvereinbar sind,
- systematisch neue oder standardisierte Produkte,
- Bilder, die aus Katalogen stammen oder künstlich generiert wurden,
- eine fehlende Kaufhistorie in Verbindung mit automatisierten Antworten.
Zusammen genommen deuten diese Indizien auf eine systematische Vorgehensweise hin. Sie nutzt die umweltfreundliche Reputation von Secondhand, um Massentextilien abzusetzen.
Die Mehrdeutigkeit des Begriffs ‚Vintage‘
Auch der wirtschaftliche Anreiz ist offensichtlich. Ein Artikel, der für wenige Euro auf einer Ultra-Fast-Fashion-Plattform gekauft wurde, kann unter Bezeichnungen wie ‚vintage‘ oder ‚selten‘ für das Drei- oder Vierfache weiterverkauft werden. Der Begriff ‚vintage‘ ist zwar nicht rechtlich geschützt, seine Verwendung weckt bei Käufer:innen jedoch eine implizite Erwartung: die eines Produkts, das bereits ein Vorleben hatte. Werden diese Begriffe verwendet, um neue Produkte in großen Mengen zu verkaufen, wird die Mehrdeutigkeit zur Täuschung. Diese Situation verdeutlicht eine zentrale, wenn auch rhetorisch anmutende Fragestellung, die wie folgt lautet: Was ist Secondhand, wenn ein Artikel nie getragen wurde, nur zum Wiederverkauf erworben wurde oder direkt aus einer industriellen Produktionskette stammt?
Vinted betont, dass die irreführende Darstellung eines Artikels einen direkten Verstoß gegen seine Regeln darstellt. „Wir verwenden fortschrittliche Erkennungswerkzeuge und Moderationsteams, um nicht konforme Inhalte zu entfernen, einschließlich Fällen, in denen Verkäufer Artikel fälschlicherweise als „Vintage“ kennzeichnen. Obwohl diese Situationen nur einen kleinen Teil der Aktivitäten ausmachen, ermutigen wir unsere Mitglieder, verdächtige Inhalte über die App zu melden“, erklärte das Unternehmen.
Die Position der DGCCRF: Keine rechtliche Grauzone
Um diesen Rahmen zu beleuchten, ist ein Blick auf die Position der französischen Generaldirektion für Wettbewerb, Verbraucherangelegenheiten und Betrugsbekämpfung (DGCCRF) hilfreich. Diese französische Verwaltungsbehörde ist für die Überwachung fairer Geschäftspraktiken und den Schutz der Verbraucher:innen zuständig. Sie wurde im Rahmen dieses Artikels kontaktiert.
Entgegen der landläufigen Meinung ist Dropshipping nicht verboten. Es muss jedoch in einem angemeldeten gewerblichen Rahmen stattfinden. Verkäufer:innen, die es nutzen, müssen registriert sein, sich mit seiner SIRET-Nummer ausweisen und alle Verpflichtungen des Verbraucher:innenschutzgesetzes einhalten. Dazu gehören Transparenz über Identität, Kontaktdaten, Bruttopreise und Widerrufsbedingungen.
Das Problem liegt also in der Übertragung dieses Modells auf eine Plattform, die für Privatpersonen konzipiert ist. Die DGCCRF stellt klar: „Sich fälschlicherweise als Verbraucher:in auszugeben oder falsche Angaben zu den wesentlichen Merkmalen des Produkts zu machen, kann eine irreführende Geschäftspraktik darstellen.“ Kurz gesagt, Privatpersonen können Dropshipping nutzen, hören dann aber rechtlich auf, Privatpersonen zu sein. Die Nichteinhaltung dieses Status wird streng bestraft und kann mit bis zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe von 300.000 Euro geahndet werden.
Verantwortung der Plattformen und Meldungen durch User:innen
Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes über digitale Dienste, dem Digital Services Act (DSA), wurde die Verantwortung der Marktplätze gestärkt. Sie müssen nun in der Lage sein, gewerbliche Verkäufer:innen zu identifizieren und als rechtswidrig gemeldete Anzeigen zu entfernen.
Allerdings wird je nach Reichweite eine wichtige Unterscheidung getroffen. Für ‚sehr große Online-Plattformen‘, sogenannte Very Large Online Platforms (VLOPs), gilt eine besondere Regelung. Sie sind durch eine Reichweite von mehr als 45 Millionen Nutzer:innen pro Monat in der Europäischen Union definiert. . Potenzielle Verstöße fallen hier in die direkte Zuständigkeit der Europäischen Kommission. Für kleinere Akteur:innen sind nationale Behörden für die Kontrollen zuständig und können Meldungen an die Mitgliedstaaten weiterleiten, in denen die Unternehmen ihren Sitz haben.
Auf Anfrage von FashionUnited erklärte die DGCCRF (die französische Betrugsbekämpfungsbehörde), dass sie sich nicht zu konkret genannten Unternehmen äußern könne, gegen die möglicherweise Beschwerden oder Ermittlungen vorliegen. Sie stellte jedoch klar, dass Plattformen über wirksame Mechanismen zur Erkennung und Entfernung verfügen müssen, während die Verkäufer weiterhin für jede irreführende Darstellung von Produkten verantwortlich sind.
Vinted seinerseits gibt an, dass es den DSA-Verpflichtungen unterliegt, aber nicht als VLOP eingestuft ist. Das Unternehmen hebt strenge Regeln für Verkaufspraktiken hervor. „Vinted ist ein C2C-Marktplatz, auf dem die überwiegende Mehrheit der Mitglieder Privatpersonen sind. Ein sehr geringer Teil entfällt auf professionelle Verkäufer, die als Vinted Pro identifiziert werden. Nutzer sind nicht berechtigt, in großen Mengen gekaufte Artikel oder Dropshipping-Produkte mit geringem Wiederverkaufswert anzubieten“, stellte ein Sprecher klar. Die Plattform betont außerdem, dass sie automatisierte Tools und Moderationsteams einsetzt, um Inhalte zu erkennen und zu löschen, die gegen ihre Nutzungsbedingungen verstoßen, und fordert ihre Community auf, verdächtiges Verhalten zu melden.
Über die interne Moderation hinaus kommt den Nutzern eine proaktive Rolle zu. Bei Verdacht auf verschleierte kommerzielle Aktivitäten oder irreführende Praktiken wird dringend empfohlen, eine Meldung bei SignalConso zu machen. Diese öffentliche Plattform ermöglicht es Bürgern, der Verwaltung offiziell einen Verstoß zu melden und damit gezielte Untersuchungen der DGCCRF zur Säuberung von Second-Hand-Plattformen zu erleichtern.
Ein kritisches Risiko für den Secondhand-Markt
Über die rechtlichen Sanktionen hinaus gerät die gesamte Sinnhaftigkeit des Modells ins Wanken. Indem Vinted diese Vermischung von Wiederverwendung und getarntem Handel duldet, schwächt es sein wertvollstes Gut, das Vertrauen seiner Community. Die Gefahr liegt weniger in der Präsenz von Fast Fashion als vielmehr im Verlust der Aufrichtigkeit des Secondhand-Gedankens. Wenn die Grenzen weiter verschwimmen, könnte die einstige Alternative zum Massenmarkt zu einem bloßen zusätzlichen Vertriebskanal werden. Dies würde den Geist des verantwortungsvollen Konsums untergraben.
Anm. d. Red.: Dieser Beitrag wurde am 17.02.2026 mit einer Stellungnahme von Vinted aktualisiert.
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