Was der Börsengang von Reformation für auf Frauen ausgerichtete Marken und Nachhaltigkeitswerte bedeutet
In den letzten Jahren ist die Zahl der Börsengänge in der Modebranche deutlich zurückgegangen. Dies folgte auf enttäuschende Börsendebüts von Direct-to-Consumer-Marken wie Allbirds und Rent the Runway. Aus diesem Grund sorgte die Ankündigung von Reformation, an die Börse zu gehen, für Aufsehen. Seinerzeit wurde dieser Schritt als riskante Entscheidung für eine Bekleidungsmarke angesehen, die sich direkt an die Verbraucher:innen richtet.
Der mutige Schritt scheint sich jedoch ausgezahlt zu haben. Die Marke debütierte letzte Woche an der New Yorker Börse unter dem Tickersymbol „Ref“. Mit einem Ausgabepreis von 15 US-Dollar pro Aktie wurden rund 211 Millionen US-Dollar (183 Millionen Euro) eingenommen. Die Notierung bewertet das Label mit fast 900 Millionen US-Dollar. Damit ist es eines der ersten Premium-Modeunternehmen, das in einem schwierigen Investitionsklima erfolgreich in den öffentlichen Markt gelangt ist.
Nach dem Börsengang stellt sich die Frage, was die Notierung über das Interesse an Mode, Nachhaltigkeit und auf Frauen ausgerichtete Marken aussagt. Dies gilt insbesondere, da sich andere Unternehmen im selben Bereich langsam auf ähnliche Schritte vorbereiten.
Welche Bedeutung hat der Börsengang von Reformation für auf Frauen ausgerichtete Verbrauchermarken?
Im Gespräch mit FashionUnited sagte Ashley Bleckner, Managing Director Wealth Advisor bei der von Frauen geführten Vermögensverwaltungsplattform Ellevest: „Reformation ist eines der wenigen Unternehmen aus dem Konsumgüter- und Einzelhandelsbereich, das seit dem Abklingen des Booms von 2021 an die Börse gegangen ist. Dies zeigt uns, dass Investoren bereit sind, Börsengänge im Mode- und Konsumgüterbereich neu zu bewerten. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die nachhaltiges Wachstum, Kund:innentreue und einen glaubwürdigen Weg zur Rentabilität vorweisen können.“
Bleckner fügte hinzu, es sei wichtig, „zu beachten, dass ein Geschäft noch nicht bedeutet, dass das Fenster für Börsengänge von Konsumgüterunternehmen vollständig geöffnet ist“. In den letzten Jahren sind viele Börsengänge gescheitert. Die Nachfrage der Investoren flachte ab und die Finanzierung floss stattdessen in Technologie und andere Unternehmungen. Schlechte finanzielle Ergebnisse bei Unternehmen wie Superdry und Tod’s zwangen die jeweiligen Gründer zu einer Umstrukturierung abseits der öffentlichen Kontrolle. Gleichzeitig wurden Einzelhändler wie Farfetch und Allbirds nach Jahren der Turbulenzen übernommen und anschließend von der Börse genommen.
Im aktuellen Klima fordern Investoren nun einen Nachweis für skalierbare Leistung, der über die Kund:innenbindung hinausgeht. Reformation, eine Marke, die fast ausschließlich auf Damenmode basiert, konnte dies bis zu einem gewissen Grad liefern. Der Nettoumsatz des Unternehmens wuchs stetig von 359,5 Millionen US-Dollar im Jahr 2023 auf 507,1 Millionen US-Dollar im Jahr 2025, wobei sich die Dynamik Berichten zufolge auch in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres fortsetzte. Die Rentabilität war jedoch weniger verlässlich. Zwischen 2024 und 2025 sank der Nettogewinn um rund 20,4 Millionen US-Dollar, während die Bruttomargen durch Zölle unter Druck gerieten.
Trotzdem ist die weitgehend positive Entwicklung von Reformation seit der Gründung im Jahr 2009 unbestreitbar. Die aus Kalifornien stammende Yael Aflalo gründete die Marke zunächst als Einzelhändler für maßgeschneiderte Vintage-Mode. Später stieg sie in die Produktion von Kleidung aus nachhaltigen Materialien ein. Mit der Erweiterung der Kategorien wuchs auch die geografische Reichweite. Das Unternehmen betreibt heute 70 Geschäfte in den USA, Kanada, Frankreich und Großbritannien. Dort eröffnete es 2019 sein erstes Flaggschiff und ging eine Partnerschaft mit dem Finazinvestor Permira ein, um weiter zu expandieren. Die Direct-to-Consumer-Kanäle machen heute 90 Prozent des Umsatzes aus. Im ersten Quartal 2026 verzeichnete das Unternehmen das 20. Quartal in Folge mit zweistelligem Umsatzwachstum.
Die Stärke von Reformation scheint bei den Investoren nach dem Debüt an der NYSE Anklang gefunden zu haben. Der Schritt an die Öffentlichkeit rückt die Marke jedoch stärker ins Rampenlicht. Andere Marken, die einen Börsengang erwägen – von Skims bis Vuori – werden die Langlebigkeit genau beobachten. „Reformation ist ein ermutigender Beweis für Mode- und Konsumgüterunternehmen an den öffentlichen Märkten. Die Marke hat sich bewährt und basiert auf Nachhaltigkeit, kombiniert mit einer sauberen Wachstumsgeschichte“, bemerkt Bleckner. „Wenn ‚Ref‘ in den nächsten Quartalen gut gehandelt wird, könnte dies ein starkes Vorbild für ähnliche Marken sein.“
Die durch den Börsengang generierten Barmittel fließen in einen aggressiven Expansionsplan. Dies spiegelt die ehrgeizige Strategie von Geschäftsführerin Hali Borenstein wider, die 2020 die Leitung übernahm. Einige Marktanalyst:innen äußerten Bedenken über den potenziellen Druck, zu schnell zu wachsen. Insbesondere angesichts früherer Kritik an nachlassender Qualität infolge vergangener Expansionen bleibt Borensteins jedoch standhaft. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagte Borenstein gegenüber CNBC. „Wir haben weniger als ein Prozent unseres Kernmarktes durchdrungen, Sie werden also noch viel mehr von uns sehen.“
Bleckner fügt hinzu, dass die Notierung ein deutliches Zeichen für die Finanzkraft weiblicher Verbraucherinnen sei. Laut Nielsen werden sie bis 2028 voraussichtlich 75 Prozent der weltweiten konsumorientierten Ausgaben kontrollieren. Reformation könnte daher als Vorreiter bei der Ansprache dieser speziellen Zielgruppe angesehen werden, da die Marke zusätzlich auf Gemeinschaft, direkte Beziehungen und die Treue der Kundinnen setzt.
„Reformation sollte mehr auf Frauen ausgerichtete Marken ermutigen. Die Notierung zeigt, dass ähnliche Marken eine für den öffentlichen Markt relevante Größe erreichen können“, so Bleckner. „Die vorsichtige Preisgestaltung zeigt auch, dass sie weiterhin nach der gleichen finanziellen Disziplin wie jedes andere Unternehmen beurteilt werden. Es ist wichtig zu beachten, dass die öffentlichen Märkte ein Unternehmen nicht nur für seine Markenpositionierung belohnen. Märkte belohnen tendenziell Unternehmen, die diese Kaufkraft in wiederkehrende Einnahmen, Preissetzungsmacht und freien Cashflow umwandeln.“
Kann ein auf Nachhaltigkeit aufgebautes Unternehmen diese Werte beibehalten, wenn der Gewinn zur Priorität wird?
Über den auf Frauen ausgerichteten Ansatz hinaus wurde Reformation auf dem Fundament der Nachhaltigkeit gegründet. Dieser Wert wird im Slogan deutlich: „Nackt sein ist die nachhaltigste Option Nummer eins. Wir sind Nummer zwei“. Das Unternehmen nennt recycelte Baumwolle und Reststoffe in seiner Materialliste. Ein Modell mit limitierten Drops soll umweltbewusste Werte widerspiegeln. All dies geschieht unter Beibehaltung eines trendorientierten, stilvollen Images. Die Frage ist nun, ob ein auf Nachhaltigkeit aufgebautes Unternehmen diese Werte beibehalten kann, sobald die Quartalsergebnisse zur Priorität werden.
„Der Börsengang wird Reformation zwingen, weiterhin zu beweisen, dass Nachhaltigkeit über die Markenidentität hinaus Teil seiner Wirtschaftlichkeit ist“, sagt Bleckner. „Das Unternehmen hat Beweise dafür, dass Kund:innen, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, mehr ausgeben. Dies ist ein starkes Argument dafür, dass sein Engagement die Loyalität und Preissetzungsmacht stärkt. Die internationale Expansion und neue Kategorien werden dies natürlich auf die Probe stellen. Mehr Lieferanten, Läden, Materialien und Logistik erzeugen Druck auf die Margen und die bestehenden Nachhaltigkeitsstandards.“
Die Prüfung von Nachhaltigkeitsaussagen hat in den letzten Jahren zugenommen. Verbraucher:innen werden wachsamer und Umweltorganisationen fordern Transparenz. Die Kritik am Verkauf der nachhaltigen Marke Everlane an Shein war beispielsweise scharf. Beobachter:innen monierten, dass die Transaktion im direkten Widerspruch zu Everlanes Betonung der „radikalen Transparenz“ stehe. Sie kollidiere mit dem Ruf des chinesischen Fast-Fashion-Riesen für unethische Praktiken und Urheberrechtsverletzungen. An anderer Stelle hat sich die Abschwächung von Nachhaltigkeitszielen als Reaktion auf ein breiteres Vorgehen gegen Greenwashing-Vorwürfe herauskristallisiert, da Marken weitreichende Gegenreaktionen befürchten.
Auch Reformation ist in der Vergangenheit nicht von Kritik verschont geblieben. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, durch regelmäßige Kollektionsveröffentlichungen den Überkonsum zu fördern. Auch die schnelle Expansion nach der Partnerschaft mit der Private-Equity-Firma Permira und Transparenzlücken in der Lieferkettenberichterstattung wurden kritisiert. Die Entscheidung, sich 2017 vom B-Corp-Status zurückzuziehen, sorgte ebenfalls für Zweifel. Das Unternehmen hatte festgestellt, dass rechtliche und finanzielle Kapazitäten stattdessen für interne Programme benötigt würden. Dennoch unterhält das Unternehmen andere grüne Siegel, wie das „Climate Neutral Certified“.
Die Tierrechtsorganisation PETA hatte die Marke unterdessen zuvor als „Greenwasherin des Jahres“ bezeichnet. Der Vorwurf lautete, dass sie sich als „nachhaltig“ vermarkte, während sie Artikel aus tierischen Produkten verkaufe. Obwohl Reformation die Anschuldigungen von PETA als „völlig falsche Darstellungen“ zurückwies, ist die Marke erneut ins Visier der NGO geraten. Diese erwarb nach dem Börsengang einen Anteil am Unternehmen. PETA erklärte, man wolle, dass das Unternehmen „seinen angeblichen Werten gerecht wird“. Die Organisation plant, auf den Jahreshauptversammlungen Druck auszuüben, um auf vegane Materialien umzusteigen.
„Aktionär:innen werden Nachhaltigkeitsinitiativen wahrscheinlich unterstützen, wenn das Management zeigen kann, dass sie die Marke stärken“, so Bleckner. „Zudem müssen sie die Kund:innenbindung verbessern und/oder das langfristige Wachstum fördern. Die Herausforderung wird darin bestehen, diese Standards beizubehalten und gleichzeitig die Erwartungen an die Rentabilität zu erfüllen.“
Ob Reformation letztendlich ein langfristiger Erfolg am öffentlichen Markt wird, bleibt abzuwarten. Der Börsengang hat jedoch bereits einen bemerkenswerten Maßstab gesetzt. Für Premium-Modemarken, die auf treuen weiblichen Verbraucherinnen und nachhaltigkeitsorientierten Geschäftsmodellen basieren, lautet die Frage nicht mehr, ob die Aktienmärkte interessiert sind. Es geht vielmehr darum, ob sie kontinuierlich die finanzielle Leistung erbringen können, die erforderlich ist, um Investor:innen zu überzeugen. Dabei dürfen sie nicht die Werte verlieren, die sie ursprünglich attraktiv gemacht haben. „Die Chance für Reformation besteht darin zu zeigen, dass Wachstum, Rentabilität und Nachhaltigkeit keine konkurrierenden Prioritäten sein müssen“, so Bleckners Fazit.
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