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Weitreichende Gesetze für die Bekleidungs- und Schuhindustrie zeichnen sich ab

Von Gastautor

30. März 2022

Business |HINTERGRUND

Foto: EU-Justizkommissar Didier Reynders gibt am 23. Februar 2022 in der EU-Zentrale in Brüssel eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem EU-Binnenmarktkommissar zum Gesetzesentwurf zur Nachhaltigkeitsprüfung von Unternehmen. Foto: John Thys / AFP

 

Im Jahr 2020 hat die EU-Kommission einen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft veröffentlicht, der darauf abzielt, nachhaltige Produkte zur Norm in der EU zu machen, das Ziel der CO2-Neutralität der EU für 2050 zu unterstützen und ein nachhaltiges Wachstum zu fördern. Die Textilbranche wurde von der EU-Kommission zusammen mit vier anderen Industrien als eine der Branchen mit den größten Umweltauswirkungen und der geringsten Nachhaltigkeit herausgestellt.

Praktisch bedeutet dies, dass die EU-Kommission Vorschriften erlassen wird, die sich darauf auswirken werden, wie diese Branche ihre Waren entwirft, produziert, vermarktet und entsorgt. Einige dieser Vorschriften werden in den nächsten Jahren umgesetzt werden und ihre Auswirkungen werden potenziell massiv sein. Dieser Aktionsplan ist in seiner Ausmaß beispiellos.

Diese Serie von Beiträgen zielt darauf ab, Informationen und Einblicke in die weitreichenden Gespräche zu geben, die derzeit in der Bekleidungs- und Schuhindustrie geführt werden. Dieser Beitrag wird zunächst einen allgemeinen Überblick über das Ausmaß der betreffenden EU-Verordnungen geben und darlegen, wie sie sich auf praktisch jede:n Akteur:in der Wertschöpfungskette auswirken werden, von Sport- bis zu Luxusmarken, von produzierenden Unternehmen, von der Faser bis zum Produkt und bis hin zur Abfallwirtschaft. Es folgen detaillierte Beiträge, in denen für jedes angesprochene Schlüsselthema die vorliegenden Vorschläge, ihre künftige Entwicklung und potenzielle Richtung umrissen werden, wie sie sich auf die Strategien und Abläufe der Branche auswirken werden und wie diese Verordnungen den Wandel der Bekleidungs- und Schuhbranche hin zu einer nachhaltigen und kreislauffähigen Branche technisch unterstützen. Die wichtigsten Diskussionspunkte sind die Initiative für eine nachhaltige Produktpolitik, Transparenz auf europäischer und deutscher Ebene und schließlich die Abfallwirtschaft.

Zunächst einmal haben wir es mit einer extrem verstreuten Branche zu tun, sowohl was die Anzahl der Unternehmen als auch was die beteiligten Länder angeht. Es gibt keine Entsprechung eines absoluten Marktführenden wie Apple oder Google, wenn es um T-Shirts und Hosen geht. Stattdessen haben Sie es mit einer Vielzahl von Marken und Einzelhandelsunternehmen zu tun, die mit einem riesigen Netzwerk von oft kleinen und mittelgroßen produzierenden und landwirtschaftlichen Betrieben interagieren, die über den gesamten Globus verstreut sind, was diese Branche zu einer der Industrien macht, die kollektiv am meisten von wirksamen und gut durchdachten Regelungen profitieren könnten.

Einige der aktuell diskutierten Lösungen erfordern eine starke Koordination zwischen der Branche und den politischen Entscheidungsträger:innen, sei es für die Entwicklung neuer Lösungen wie das Faser-zu-Faser-Recycling oder zur Unterstützung des Aufbaus neuer Infrastrukturen für den Informationsaustausch entlang der komplexen Wertschöpfungskette.

Betrachtet man alle heute in der Pipeline befindlichen Vorschriften, so werden sie sich auf jede Phase des Lebenszyklus eines Produkts auswirken, und zwar von Anfang an.

Die Produktion

Eine neue Verordnung steht an, die Initiative für nachhaltige Produkte. Diese Verordnung, die als Mutter aller Nachhaltigkeitsverordnungen gilt, wird Anforderungen daran stellen, wie ein Produkt gestaltet wird, von Mindestqualitätsniveaus bis hin zu einem Mindestgehalt an recyceltem Rohmaterial. Sie wird einen direkten Einfluss darauf haben, wie Produkte sind und sein werden.

Nachdem dies auf der Seite der Nachhaltigkeit vollständig integriert ist, wird die andere wichtige Veränderung für Bekleidung und Schuhe die Digitalisierung sein. Dazu gehört auch die Schaffung eines digitalen Zwillings für alle Kleidungsstücke, die auf den EU-Markt gebracht werden, der digitale Produktpass, der den Informationsfluss zwischen allen verschiedenen Akteur:innen beschleunigt, von den Hersteller:innen über die Marken bis hin zu den Regierungen.

Die Beschaffung

Ein Verordnungsentwurf zur Sorgfaltspflicht wurde kürzlich veröffentlicht. In seiner jetzigen Fassung verlangt er praktisch von jeder Marke, die in Europa Geschäfte macht, dass sie solide Programme zur Verhinderung und Entschärfung aller potenziellen Probleme (globale Erwärmung, Wasserknappheit, Zwangsarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen und andere) entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Rohstoff (dem Baumwollfeld) bis zum Ende der Lebensdauer, eingeführt hat. Dies erfordert ständige Verbesserungen und klare Pläne dafür, wie morgen erreicht werden soll, was heute noch nicht erreicht ist.

Der Aufwand für eine verbesserte Rückverfolgbarkeit, insbesondere im vorgelagerten Bereich, für die Überwachung und für Programme zur Verbesserung der Qualität ist erheblich. Und die potenzielle Haftung wird in Umsatzprozenten bemessen.

Die Vermarktung

Der Textilbranche wurde oft Greenwashing vorgeworfen. Gleichzeitig fordern Marken, Einzelhandel und produzierende Unternehmen strengere Vorschriften, um diese Praxis zu beenden. Zu diesem Zweck wurde die UCPD3 (Richtlinie über unlautere Geschäftspraktiken) im Dezember 2021 aktualisiert. Im Jahr 2022 werden zwei weitere Verordnungen veröffentlicht, eine über die Substantiierung grüner Behauptungen, die darauf abzielt, die Messung der Umweltleistung Ihres Produkts, beispielsweise seiner Kohlenstoffemissionen, zu überprüfen, und eine über die Stärkung der Rechte der Verbraucher:innen.

Mehr lesen: EU-Kommission – weniger Greenwashing und mehr Information für Nutzer:innen

Diese Verordnungen sollen die Vergleichbarkeit von Angaben vereinfachen und den Menschen mehr fundierte Informationen zur Verfügung stellen.

Wenn Sie eine Aussage über die Nachhaltigkeitsleistung Ihres Produkts oder Ihrer Marke machen oder planen, ist es wichtig, diese zu integrieren, um zu vermeiden, dass Sie heute in etwas investieren, das bald veraltet oder möglicherweise illegal ist.

Die Produktlebensspanne

Schließlich wird es die Art und Weise verändern, wie Sie über das Ende der Lebensdauer Ihrer Produkte denken. Bis 2025 müssen alle Abfälle in Europa gesammelt und sortiert werden. Um diese Abfälle zu behandeln und in Ressourcen umzuwandeln, wird ein Paket von Vorschriften diskutiert, und viele Länder entwickeln Systeme, um die Verantwortlichkeit der Marken und Einzelhändler für die Produkte, die sie auf den Markt bringen, zu stärken, den Aufbau neuer Sortier- und Recycling-Infrastrukturen zu unterstützen und den Übergang zu einem stärker kreislauforientierten Geschäftsmodell zu beschleunigen.

Alle diese Verordnungen werden einen dramatischen Einfluss auf die Abläufe entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Bekleidung und Schuhen haben.

Um sicherzustellen, dass diese Vorschriften wirksam sind und zu einer tatsächlichen Verringerung des CO2-Fußabdrucks und einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen führen, sammelt der Policy Hub aktiv das gesamte Wissen des Bekleidungs- und Schuhsektors, um eine Stimme der Branche zu sein und die politischen Entscheidungsträger dabei zu unterstützen, eine kreislauforientierte und nachhaltige Bekleidungs- und Schuhindustrie zu fördern.

Dieser Artikel wurde von Baptiste Carrier-Pradal, dem Vorsitzenden von The Policy Hub, geschrieben. The Policy Hub - Circularity vertritt mehr als 700 Interessenvertreter:innen der Bekleidungs- und Schuhindustrie, darunter Marken, Einzelhandel und herstellende Unternehmen. Der Policy Hub for Apparel and Footwear arbeitet daran, den Wandel zu beschleunigen, indem er die Branche zusammenbringt, um politische Empfehlungen auszusprechen, die die Kreislaufwirtschaft in der Bekleidungs-, Schuh- und Textilindustrie fördern. Der Policy Hub wurde 2019 von der Sustainable Apparel Coalition, der Global Fashion Agenda und der Federation of the European Sporting Goods Industry ins Leben gerufen und wurde später von zwei weiteren Partnerorganisationen, Textile Exchange und ZDHC Roadmap to Zero Programme, unterstützt.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

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