Weizenstroh: Eine neue Alternative für die Herstellung von Viskose- und Lyocellfasern?
Könnte Weizenstroh als Alternative zu Holzzellstoff für die Herstellung hochwertiger Viskose- und Lyocellfasern für die Modeindustrie dienen? Laut einem neuen Bericht der gemeinnützigen Umweltorganisation Canopy lautet die Antwort ja.
Der Bericht ‘From Wheat Straw to Wardrobes: Fashioning a new fibre future’ stellt die Ergebnisse des Pilotprojekts Latvus vor. Das Projekt untersuchte, ob aus indischem Weizenstroh hergestellter Zellstoff anstelle von herkömmlichem Holzzellstoff für die Herstellung hochwertiger Viskose- und Lyocellfasern verwendet werden kann. Die Ergebnisse des Berichts zeigen, dass Weizenstrohzellstoff ein praktikabler Ersatz für Holzzellstoff bei der Viskose- und Lyocellfaserproduktion ist. Er kann auch zur Herstellung einer Reihe von Garnen und Stoffen verwendet werden, die sich für verschiedene Produktanwendungen eignen.
Bericht untersucht Weizenstroh als Ersatz
Heute wird Holzzellstoff zur Herstellung von zellulosischen Chemiefasern (Man-made Cellulosic Fibers, MMCFs) wie Viskose und Lyocell verwendet. Diese Fasern werden in der Regel als umweltfreundlicher vermarktet als synthetische Fasern wie Polyester oder andere ressourcenintensive Naturfasern wie Baumwolle. Der Grund dafür ist, dass sie aus Holzzellstoff aus bewirtschafteten Wäldern hergestellt werden. Mit der steigenden Nachfrage nach MMCFs wächst jedoch auch ihre Auswirkung auf den Planeten.
Studien haben ergeben, dass jährlich mehr als 300 Millionen Bäume für die Herstellung dieser Fasern gefällt werden. Darunter sind auch Bäume aus klimarelevanten und artenreichen Wäldern. Die Eindämmung der Entwaldung ist eine der schnellsten und kostengünstigsten Maßnahmen zur Reduzierung von Kohlenstoffemissionen. Gleichzeitig unterstützt sie das globale Biodiversitätsziel ‘30x30’, das den Schutz von 30 Prozent der Land- und Wasserflächen der Welt bis 2030 vorsieht.
Das Projekt Latvus wurde ins Leben gerufen, um diesen Herausforderungen zu begegnen und landwirtschaftliche Abfälle in einen Rohstoff für umweltschonende Lyocellfasern umzuwandeln. Das Pilotprojekt brachte 13 Partner:innen aus der gesamten Wertschöpfungskette zusammen: die gemeinnützigen Organisationen Canopy und Fashion for Good; die Modemarken C&A, H&M Group und Reformation; die Innovatoren und Hersteller:innen aus der Lieferkette Chempolis, TITK, Inovafil, Yee Chain, Shahi, Filpucci und DBL; den Rückverfolgbarkeitsanbieter TextileGenesis und den Weizenstrohlieferanten A2P Energy. Das Pilotprojekt baut auf dem Bericht ‘Spinning Future Threads’ der Laudes Foundation aus dem Jahr 2021 auf. Dieser wies auf das Potenzial von Agrarreststoffen in Süd- und Südostasien als Rohstoff für Textilien hin.
Das Pilotprojekt umfasste sieben Phasen. Zunächst wurde in Indien Weizenstroh gesammelt, bevor es raffiniert und zur Vorbehandlung und Verarbeitung zu Zellstoff an das finnische Unternehmen Chempolis geliefert wurde. Der Zellstoff wurde dann bei TITK aufgelöst und zu Lyocellfasern versponnen. Inovafil stellte daraus vier Garne her, die auf die spezifischen Anforderungen der Marken zugeschnitten waren. Partner:innen aus der Lieferkette webten und strickten daraus verschiedene Stoffe: einen Single-Jersey für T-Shirts, ein von Filpucci gesponnenes Garn für die Pullover von Reformation, eine Leinwandbindung für die Blusen von Shahi und ein Kettengewirke von Yee Chain. Jede Marke produzierte und bewertete Prototypen. TextileGenesis führte ein Pilotprojekt zur Rückverfolgbarkeit durch, das den gesamten Weg vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zum fertigen Kleidungsstück abbildete.
Vorteile der Verwendung von Weizenstroh für die MMCF-Produktion
Reformation führte einen Vergleich mit einer herkömmlichen Lyocell-Referenzfaser aus der Materialbibliothek ihres Lieferanten durch. Dabei stellte die Marke fest, dass die Faser aus dem Projekt Latvus eine „starke ästhetische Übereinstimmung“ mit kommerzieller Rentabilität aufwies. Der frühzeitige Zugang zu kleinen Garnspulen ermöglichte es ihnen auch, die Farbrezepturen zu verfeinern. Dies führte letztendlich zu einer erfolgreichen Übereinstimmung bei Sättigung, Farbton und Leistung. Dennoch gab es im Pilotprojekt einige kleine, aber erwartete Hürden. Die Zellstoffausbeute war mit rund 24 Prozent niedriger als die industriellen Zielvorgaben von 37 bis 39 Prozent. Dies lag hauptsächlich an Verlusten bei der Vorbehandlung, die sich bei größeren Chargen verbessern sollten. Shahi, einer der Lieferanten, meldete Probleme mit der Farbechtheit und Formstabilität nach mehrmaligem Waschen. Andere Partner:innen stießen jedoch nicht auf diese Probleme. Das deutet darauf hin, dass sie eher mit spezifischen Veredelungs- und Färbeverfahren zusammenhängen als mit der Faser selbst.
Canopy betont, dass alternative Rohstoffe wie Weizenstroh wichtig für die Diversifizierung der Fasern in der Modeindustrie sind. Sie reduzieren die Abhängigkeit von Wäldern und stärken die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten. Indien, die zweitgrößte Agrarwirtschaft der Welt, hat aufgrund seines großen Angebots an landwirtschaftlichen Reststoffen das Potenzial, eine führende Rolle bei der Herstellung von MMCFs der nächsten Generation wie Weizenstroh zu übernehmen. Studien zufolge verbrennen Landwirt:innen jährlich mehr als 90 Millionen Tonnen Ernterückstände, hauptsächlich Reis- und Weizenstroh. Diese Ressourcen könnten stattdessen zur Herstellung umweltschonender Textilfasern genutzt werden.
Das Verbrennen von Ernteabfällen ist für bis zu 40 Prozent der Luftverschmutzung in Delhi verantwortlich. Dies verkürzt die Lebenserwartung in den betroffenen Regionen um bis zu zehn Jahre. Zudem steigen die PM2,5-Werte - winzige Luftschadstoffpartikel, die die menschliche Gesundheit schädigen können - in Nordindien auf das 15- bis 45-fache der WHO-Sicherheitsrichtlinien.
Die Ausweitung des Pilotprojekts könnte neue Einkommensquellen für landwirtschaftliche Gemeinschaften in Nordindien schaffen. Gleichzeitig würde sie die lokalen Produktionskapazitäten stärken, die Luftverschmutzung verringern und das Wachstum einer stärker kreislauforientierten Textilindustrie fördern. Canopy ruft nun andere Modemarken dazu auf, die Skalierung von MMCFs wie Weizenstroh zu unterstützen. Eine gebündelte Nachfrage wird zweifellos dazu beitragen, dass diese Materialien schnell Preisparität und industrielle Maßstäbe erreichen.
„Das Projekt Latvus zeigt, dass die Zukunft der Faser bereits da ist. Obwohl eine weitere Skalierung erforderlich ist, um die Effizienz zu optimieren und den Preisunterschied zu schließen, ist die Richtung klar: MMCFs der nächsten Generation sind bereit für die nächste Stufe der kommerziellen Einführung“, sagte Nicole Rycroft, Gründerin und Geschäftsführerin von Canopy, in einer Erklärung. „Durch die Diversifizierung der Rohstoffe über Wälder hinaus haben wir die reale Chance, eine widerstandsfähigere, kreislauforientierte und umweltschonende Textilindustrie aufzubauen.“
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