Welche zentrale Rolle spielen Frauen in der Baumwoll- und Kaschmirproduktion für die globale Textilindustrie?

Die Frage, wer eigentlich unsere Kleidung herstellt, wird schon seit einer Weile gestellt. Sie hat dazu geführt, dass einige Näherinnen in bekleidungsherstellenden Länder dort angekommen sind, wo sie hingehören — ins Rampenlicht.

Wer stellt aber die Materialien her, die sie verarbeiten? Die schönen Stoffe und Naturmaterialien wie Baumwolle und Kaschmir etwa? Auch hier sind es hauptsächlich Frauen, die hinter der Produktion stecken; sie bleiben jedoch meist im Hintergrund.

Neue Kampagne: „From My Hands to Your Wardrobe“

Die Aid by Trade Foundation will dies ändern und hat am Montag eine Kampagne gestartet, die die Frauen in der Baumwoll- und Kaschmirproduktion im UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft in den Mittelpunkt stellt und ihre Arbeit würdigt. „From My Hands to Your Wardrobe“ wird von prominenten Partner:innen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft wie Bestseller, Tchibo und dem Global Nature Fund unterstützt.

„Bäuerinnen und Hirtinnen sind in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterrepräsentiert, obwohl sie am Anfang der Lieferkette einen wichtigen Beitrag leisten“, so Tina Stridde, Geschäftsführerin der Aid by Trade Foundation. „Wir sehen es als unsere Aufgabe, dieses Bewusstsein in internationalen Lieferketten und bei Konsument:innen zu schärfen. Unsere Kampagne ‚From My Hands to Your Wardrobe‘ gibt diesen beeindruckenden Frauen eine Bühne und macht ihre Geschichten sichtbar.“

Kartcha Coulibaly, Elfenbeinküste

Etwa die von Kartcha Coulibaly, Baumwollbäuerin in Nawokaha, Côte d’Ivoire. Sie ist stolz darauf, Baumwollbäuerin zu sein. Ihre Einkünfte durch den Anbau ermöglichen es ihr, auch als Witwe ihre drei Kinder zur Schule zu schicken. Durch die Initiative Cotton made in Africa (CmiA) haben sie und ihre Gemeinschaft einen kompletten Wandel erlebt.

Kartcha Coulibaly, Baumwollbäuerin. Bild: Aid by Trade Foundation

„Zuvor gab es kein sauberes Trinkwasser und keine Schulen,” erinnert sie sich. „Projekte von CmiA haben die Gemeinschaft zusammengebracht. Heute sind wir in Nawokaha wie eine einzige Frau; alle Frauen haben sich in einer Gruppe vereinigt,” erklärt sie. Durch diese Gruppe hat CmiA Schulungen zu Bokashi-Dünger, Kompostieren und Biokohle ermöglicht.

Chaoluomenqiqige, Innere Mongolei

Chaoluomenqiqige ist Ziegenhirtin aus Arbas Sumu in der Inneren Mongolei, China. „Ich hätte nie gedacht, dass der Kaschmir unserer Ziegen, die mit Sorgfalt und harter Arbeit auf der Steppe aufgezogen werden, so weit reisen und von Fremden getragen würde,” sagt sie. „Früher richtete sich die Aufzucht der Ziegen ganz nach alten Erfahrungen; nachdem wir dem Good Cashmere Standard beigetreten sind, kümmern wir uns besser um unsere Ziegen und um die Herde. Wir ziehen sie nicht mehr blind auf.“

Ziegenhirtin Chaoluomenqiqige. Bild: Aid by Trade Foundation

Die Aufzucht folgt jetzt einem festen Terminplan gemäß dem Good Cashmere Standard. „Im Gegenzug für die Fürsorge der Tiere und Pflege der Steppe bekommen wir Kaschmir von hoher Qualität. Ich hoffe, dass die Freund:innen aus der Ferne, die unseren Kaschmir tragen, die Steppe besuchen und selbst erleben können, wie wir unsere Ziegen aufziehen.”

Tiérégnimin Silué, Elfenbeinküste

Tiérégnimin Silué, lebt in Kakologo, Côte d’Ivoire, und baut Baumwolle nach CmiA-Standards an. Sie ist Mutter von sieben Kindern und engagiert sich für ihre Dorfgemeinschaft. Für Silué, wie auch für Coulibaly, ist die Landwirtschaft weit mehr als reine Existenzsicherung: Sie bedeutet Stolz, Unabhängigkeit und ein Weg in eine bessere Zukunft für ihre Kinder und ihre Gemeinschaft.

Tiérégnimin Silué (Mitte) mit Kolleginnen. Bild: Aid by Trade Foundation

„Baumwolle anzubauen macht mich glücklich“, beginnt Silué. „Ohne die Baumwolle könnten wir nicht all unseren Kindern eine Schulbildung ermöglichen – das wäre schlicht unbezahlbar. Wichtig ist, dass der Rohstoff auch zu festen, staatlich garantierten Preisen abgenommen wird. „Genau diese Sicherheit sorgt dafür, dass wir voll und ganz hinter dem Baumwollanbau stehen,“ sagt die Bäuerin.

Ihr Einsatz geht über den Feldrand hinaus. Sie leitet die örtliche Frauenvereinigung und macht sich für die finanzielle Unabhängigkeit anderer Frauen stark. „Ich ermutige sie, regelmäßig etwas beiseitezulegen und dranzubleiben. Aus diesen Ersparnissen vergeben wir kleine Kredite untereinander. So können Familien Notlagen überbrücken oder kleine Geschäftsideen umsetzen, um ihr Leben spürbar zu verbessern,“ erklärt sie.

Sie gibt weiter, was sie selbst erlebt hat: „Einen Bauern zu heiraten, war für mich ein echtes Geschenk. Durch meinen Mann habe ich damals angefangen, selbst Baumwolle anzubauen. Heute verdiene ich mein eigenes Geld und stehe auf eigenen Beinen – das gibt mir ein gutes Gefühl.“

Von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit

Das Wissen und die Unterstützung von CmiA haben Fortschritte vorangetrieben. Etwa, dass die Frauen lesen und schreiben gelernt haben und so ihren Alltag selbständig meistern. Auch auf dem Acker hat sich durch die fachliche Begleitung viel getan: „Unser Agrarberater schult uns laufend im nachhaltigen Baumwollanbau. Er hat uns gezeigt, wie wichtig Fruchtwechsel sind, wie wir ausgelaugte Böden mit organischem Dünger und Kompost wieder fit machen und wann der beste Zeitpunkt für die Aussaat ist. Er schaut auch regelmäßig auf unseren Feldern vorbei. Indem wir die gelernten Methoden anwenden, ernten wir verlässlich Baumwolle von guter Qualität,“ berichtet die Bäuerin.

Und das zahlt sich für alle aus. „Die ganze Welt braucht Baumwolle, um sich zu kleiden – es ist ein Rohstoff, der niemals ausgehen darf. Die Baumwolle, die durch meine Hände geht, landet am Ende bei dir im Schrank,“ fasst Silué zusammen.

Globale strukturelle Benachteiligung

Doch nicht alle Frauen sind so selbständig und selbstbewusst wie Chaoluomenqiqige, Coulibaly und Silué. „Die strukturelle Benachteiligung von Frauen ist nach wie vor eine wesentliche Ursache für globale Ungerechtigkeit und ungenutzte Entwicklungspotenziale,” so die Aid by Trade Foundation.

Der Welternährungsorganisation (FAO) zufolge birgt die Schließung der Gender-Lücke in der Landwirtschaft enormes Potenzial: Sie könnte die Weltwirtschaft um eine Billion US-Dollar stärken und die Ernährung von 45 Millionen Menschen sichern. „Obwohl Frauen einen Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit weltweit leisten, fehlt ihnen häufig der gleichberechtigte Zugang zu Ressourcen, Bildung und finanzieller Eigenständigkeit,” fügt die Stiftung hinzu.


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