Wie compliance-bereit ist die Modebranche?

Strenge globale Vorschriften und deren Durchsetzung sind nicht länger ein Zukunftsthema, sondern eine unmittelbare unternehmerische Realität. Wie groß sind die Lücken zwischen den regulatorischen Erwartungen und der aktuellen operativen Bereitschaft der Modebranche? Der Anbieter von Lieferkettenlösungen TrusTrace befragte 57 Insider:innen von Mode-, Bekleidungs- und Schuhmarken aus 24 Ländern und fasste die Ergebnisse im Bericht ‘The Enforcement Era: Fashion's Compliance Readiness in Numbers’ zusammen.

Ein Ergebnis ist, dass mehr als ein Fünftel (21 Prozent) der Modemarken bereits mit der Beschlagnahmung von Lieferungen an US-Grenzen konfrontiert war. Gründe dafür waren Compliance-Probleme wie die Verhinderung von Zwangsarbeit und Vorschriften zum Herkunftsnachweis. Dies unterstreicht, dass die Grenzbehörden aktiv gegen unzureichende Lieferkettentransparenz vorgehen und viele Unternehmen unvorbereitet treffen, da die Zollbehörden tiefgehende, nachprüfbare Belege fordern.

„Der schwierigste Teil ist, dass es keine einzig richtige Antwort darauf gibt, wie ein vollständiger Dokumentensatz auf jeder Ebene der Lieferkette aussieht. Das macht es für Lieferant:innen wirklich schwierig zu wissen, wie viel ausreicht. Unsere Empfehlung an sie ist einfach: Stellen Sie so viele Informationen wie möglich zur Verfügung. Diese sollten zeigen, wie der Rohstoff produziert, verarbeitet, transportiert und bezahlt wurde, um das Endprodukt herzustellen“, rät Tahagod Mohamed, Senior Traceability Analyst bei Brooks Running.

Obwohl die Branche mit mehreren gleichzeitig geltenden Vorschriften konfrontiert ist, leidet sie unter einem systemischen Mangel an automatisierter Überwachung und Standardisierung. Die Studie zeigt, dass nur ein Fünftel (21 Prozent) der befragten Marken kontinuierliche, automatisierte Compliance-Prozesse in ihren Liefernetzwerken einsetzen.

Mehr als ein Viertel (26 Prozent) verlässt sich ausschließlich auf Audits durch Dritte. Besorgniserregend ist, dass 17 Prozent der Modeunternehmen immer noch manuelle Werkzeuge wie Tabellenkalkulationen und E-Mails zur Nachverfolgung von Compliance und Prüfprotokollen verwenden. Sechs Prozent haben überhaupt keinen formellen Compliance-Prozess.

Upstream-Transparenz ist das Gebot der Stunde

Der Bericht identifiziert die vorgelagerte Transparenz, also die ‘Upstream-Transparenz’, als eine kritische Schwachstelle. Die meisten Marken haben zwar eine angemessene Transparenz über ihre direkten Montage- und Fertigungspartner:innen der Stufe eins (Tier 1). Weiter oben in der Lieferkette nimmt die Transparenz jedoch drastisch ab. Die Rückverfolgung von Produkten durch komplexe Subunternehmer:innen, Spinnereien, Faserhersteller:innen bis hin zu den Rohstofffarmen bleibt ein großer blinder Fleck der Branche.

Auf die Frage nach den größten Hindernissen für den Fortschritt nannten fast zwei Drittel (60 Prozent) der Befragten den Widerstand oder die begrenzten Fähigkeiten der Lieferant:innen als häufigste Hürde. Weitere erschwerende Faktoren sind fragmentierte interne Daten, mangelnde organisatorische Unterstützung und knappe interne Ressourcen. Diese Faktoren hindern Marken daran, hochpriorisierte Compliance-Ziele in konkrete operative Maßnahmen umzusetzen.

Eine klare Gruppe von Vorreiter:innen zeigt, dass es durchaus möglich ist, die Bereitschaftslücke durch gezielte operative Veränderungen zu schließen. Führende Unternehmen testen ihre Lieferketten erfolgreich mit simulierten Grenzbeschlagnahmungen. Sie führen strenge Dokumentationsprotokolle ein, die die Bearbeitungszeiten für Dokumente drastisch verkürzen. Zudem nutzen sie Anreizsysteme wie bessere Zahlungsbedingungen und höhere Bestellvolumina, um konforme Lieferant:innen zu belohnen.

Ein Rahmen für den Erfolg

Letztendlich betont der Bericht, dass Rückverfolgbarkeit und Compliance nicht länger als zweitrangiges Projekt oder reine Pflichtübung behandelt werden können. Um im aktuellen regulatorischen Umfeld zu überleben und erfolgreich zu sein, müssen Modemarken dringend auf digitalisierte, kontinuierliche Datenaustauschmechanismen umstellen. Sie müssen die verifizierte Transparenz bis tief in die Rohstoffebenen ausweiten und die Compliance direkt in ihre zentralen Arbeitsabläufe integrieren.

Die Kenntnis der eigenen Lieferkette ist ein Muss, ebenso wie die Ausweitung der Transparenz bis zur Rohstoffstufe. Unternehmen müssen zudem Daten über verschiedene Funktionen hinweg verbinden und die Compliance-Überwachung automatisieren. Schließlich müssen sie eine Dokumentationsbereitschaft aufbauen, indem sie Lieferkettendaten für Durchsetzungsszenarien wie Dokumentationsanfragen der CBP, CSDDD-Audits und DPP-Datenübermittlungen strukturieren. Es wird dringend empfohlen, bestehende Prozesse durch reale Simulationsübungen zu testen.

„Die Marken, die am meisten Vertrauen in ihre Daten haben, raten nicht. Die Hälfte von ihnen verfügt über verifizierte Daten auf Stufe drei (Tier 3), verglichen mit nur etwas mehr als einem Viertel aller anderen. Sie haben auf verifizierte Daten statt auf Lieferantenerklärungen gesetzt und behandeln die Rückverfolgbarkeit als eine operative Fähigkeit, nicht als ein Compliance-Projekt“, fasst Pauline God, Branchen- und Politikexpertin bei TrusTrace, zusammen.


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