Wird Ghana das neue Beschaffungszentrum? Keren Pybus von Ethical Apparel Africa antwortet

Warum ist es weit verbreitet, dass Bekleidungsarbeiter weniger als einen Existenzlohn erhalten? Ein Teil der Antwort hat mit der Vorliebe des Westens für billige Kleidung zu tun. Kurz gesagt, wenn Verbraucher nicht dafür zahlen, dann jemand anderes. Aber Keren Pybus, Mitbegründerin von Ethical Apparel Africa (EAA), glaubt nicht, dass die ethische Produktion und Wettbewerbsfähigkeit sich gegenseitig ausschließen.

Teils Beschaffungsvermittlung, teils Trainer zur Kapazitätserweiterung arbeit das im Jahr 2015 gegründete Unternehmen mit Fabriken in Ghana und Benin und bringt sie mit internationalen Kunden zusammen, die in großen Mengen bestellen. Zudem schult es sie in der Einhaltung internationaler Standards und wie man in kontinuierliche Verbesserungen investiert, so dass in Zukunft noch mehr Aufträge hereinkommen und schließlich auch Top-Modemarken nach Westafrika ziehen wollen.

FashionUnited hat mit Pybus gesprochen, um mehr über EAAs Abläufe, Arbeit und Mission zu erfahren.

Zunächst möchte ich Sie bitten, sich unseren Lesern vorzustellen. Erzählen Sie uns ein wenig über Ihre Karriere und den Weg, der Sie zur Gründung von EAA führte.

Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für Kleidung und Textilien. Die wichtigste Rolle meiner Karriere war der Umzug nach Bangladesch, um ein Beschaffungsbüro für George Clothing aufzubauen. In einem so interessanten Land zu leben und täglich direkt in und mit den Fabriken zu arbeiten, hat mich über die Herausforderungen informiert, die beim Betrieb einer Produktionseinheit anfallen. Dadurch habe ich immer wieder nach Programmen, Hilfsmitteln und Prozessen gesucht, die sicherstellen konnten, dass die Bezahlung der Arbeiter fair und ihr Arbeitsumfeld sicher waren.

Allerdings hatte ich immer die Sehnsucht, nach Afrika zurückzukehren, nachdem ich in Tansania gelebt hatte, als ich 18 war. Als die Arbeit mich nach Südafrika brachte, dachte ich, das wäre mein Traumjob, aber sobald ich vor Ort war, wollte ich trotzdem ein Teil davon sein, das die Branche zum Besseren verändern würde. Um es kurz zu machen, bald darauf wurde ich entlassen, was mir den nötigen Anstoß gab, um mir die Industrie in Afrika anzusehen. Ich lernte meine Mitbegründerin und Geschäftspartnerin Paloma Schackert kennen, als wir beide in Westafrika als Beraterinnen tätig waren, und wir entdeckten eine gemeinsame Vision. Zusammen haben wir uns für einen USAID-Ausbildungsvertrag in Ghana beworben und Ethical Apparel Africa gegründet.

Wie haben Sie herausgefunden, dass Ghana und Benin die idealen Standorte für die Gründung eines ethischen Herstellungsunternehmens sein würden?

Ghana hat eine reiche Tradition in der Textil- und Bekleidungsproduktion für den heimischen Markt, wurde aber in den letzten Jahren stark durch die Einfuhr von Second-Hand-Kleidung beeinträchtigt. Das Land hat einige wunderbare Fabriken, aber ihnen fehlt die Erfahrung mit der Produktion für den Export.

Sowohl Ghana als auch Benin sind aufgrund der niedrigen Lebenshaltungskosten, der schnellen Lieferzeiten in die USA und Europa und zollfreie Abkommen mit Europa und den USA im Rahmen des afrikanischen Wachstums- und Chancengesetzes (AGOA) gut positioniert, wettbewerbsfähige Exportländer zu sein. Zusammen mit Fabriken in afrikanischer Hand, in denen die CEOs leidenschaftlich daran interessiert sind, nachhaltige und lohnenswerte Arbeitsplätze zu schaffen, gab uns dies eine perfekte Landschaft, eine Branche von Anfang an aufzubauen und bewährte ethische Praktiken zu schaffen, anstatt zu versuchen, das zu korrigieren, was zuvor zerstört worden war.

Auf welche Herausforderungen sind Sie beim ersten Start von EAA gestoßen? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie jetzt, vier Jahre später?

Die gleichen Herausforderungen wie bei jedem Startup: der Cashflow und sicherzustellen, dass man die richtigen Leute einstellt. Paloma und ich haben in den ersten zwei Jahren des Unternehmens kein Gehalt bezogen und lieber in den Aufbau des richtigen Teams investiert. Die wichtigste Herausforderung ist es jetzt, Marken davon zu überzeugen, die Ersten zu sein, die in eine neue Region ziehen. Trotz aller Vorteile, die ich gerade erwähnt habe, scheuen Marken sich oft davor oder wollen ihre Beschaffungsstandorte konsolidieren, anstatt sie zu erweitern. Sobald sie jedoch das Potenzial erkannt haben, sind sie im Allgemeinen bereit, den Weg zu gehen.

Wie viele Marken arbeiten derzeit mit EAA zusammen? Auf der Website werden drei erwähnt: Blake Mill, Paw5 und Hurleys. Können Sie noch andere nennen?

Ja, wir arbeiten auch mit anderen Marken zusammen, aber nicht alle von ihnen wollen dies publik machen. Sie kommen in der Regel aus dem Uniform-, Hemden- oder Accessoire-Geschäft. Weitere Unternehmen sind die britische Firma Butler & Butler und das niederländische Unternehmen für Arbeitsbekleidung, Groenendijk.

Bitte erzählen Sie uns etwas mehr über die Arbeit von EAA zur Kapazitätserweiterung. Womit und wie unterstützt EAA die Fabriken? Und wird diese Arbeit noch von USAID gefördert?

Wir arbeiten an Programmen zur Kapazitätserweiterung zusammen mit USAID, der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und dem britischen Amt für Internationale Entwicklung (DFID). Jedes Programm hat unterschiedliche Schwerpunkte, wie zum Beispiel die technische Schulung von Fabriken in Bereichen wie der Produktionsplanung, der schlanken Produktion und Systemen zur Qualitätssicherung, Spezialausbildungen in Bereichen wie Mechanik und die digitale Muster-Entwicklung, den Aufbau von Lieferketten, die an der Erschließung der Baumwolle für die Bekleidungsproduktion der Region und der Unterstützung von Fabriken zur Gewinnung von Investitionen beteiligt sind, um erweitern zu können.

Wäre es für ein anderes Unternehmen möglich, die Arbeit von EAA auf eine andere Region anzuwenden? Wenn jemand zum Beispiel versuchen würde, etwas Ähnliches in Bangladesch aufzubauen?

Wir glauben an unser Geschäftsmodell. Wenn man in die operative Exzellenz einer Fabrik investiert und rechtzeitig überschüssigen Abfall beseitigt, WIP, Unkosten, etc., dann gibt das System genug Geld her, um in Programme und Leistungen für Arbeiter zu investieren. Jedes Land ist anders, also können Herausforderungen ähnlich oder anders sein - wie hilfreich ist zum Beispiel die Regierung? Veränderung ist für mich zweigleisig: Marken müssen die Kosten besser verstehen und was angemessen ist, um Existenzlöhne zu zahlen. Die Fabriken müssen daran arbeiten, die bestmögliche Effizienz zu gewährleisten. Dann müssen die Gewinne gemeinsam in die Arbeiter investiert werden und nicht in den Taschen der Unternehmer oder Eigentümer landen.

Wenn so viele Marken sagen, dass sie sich verpflichten, ethischer und nachhaltiger zu werden und die Produktion in Westafrika wirtschaftlich von Vorteil ist, warum verlagern nicht mehr Modemarken ihre Produktion nach Westafrika?

Mode (d.h. Styles, die sich ständig ändern) ist schwer herzustellen und es ist nicht einfach, mit großen Marken zusammen zu arbeiten. Sie erwarten kurze Beschaffungszeiten und flexible Produktionslinien. Westafrika steht noch am Anfang des Weges und entwickelt sich durch die Herstellung von Kernprodukten in großen Mengen wie z.B Uniformen und Accessoires, damit es seine Kapazitäten ausbauen kann. Westafrika muss auch völlig vertikal sein, was keine Unmöglichkeit ist, da es sich um eine der sechstgrößten Baumwollanbaugebiete der Welt handelt.

Wie geht es Ihren Partnerfabriken in Bezug auf die heimische Produktion? Sind sie jetzt besser in der Lage, mit der Flut von Second-Hand-Kleidung aus den USA und Europa mitzuhalten?

Sie sind auf dem Weg. Der heimische Markt wächst wieder, vor allem im T-Shirt- und Polo-Bereich, aber es ist immer noch eine große Herausforderung und wird in absehbarer Zeit nicht verschwinden.

Wie sehen die Pläne von EAA für die Zukunft aus?

EAA baut ein Kompetenzzentrum für technische Schulungen im Wert von 2,4 Millionen US-Dollar (2,11 Millionen Euro), das noch in diesem Jahr eröffnet werden soll. Bis 2023 wollen wir in unseren Partnerfabriken 2500 nachhaltige Arbeitsplätze schaffen, damit ihre Mitarbeiter, von denen 70 Prozent Frauen sind, ihre Familien unterstützen und ihre Gemeinden stärken können. Wir wollen dazu beitragen, das Wachstum der ghanaischen Bekleidungsindustrie mit über 10.000 Beschäftigten bis 2023 zu fördern.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf FashionUnited UK veröffentlicht. Übersetzt und bearbeitet von Simone Preuss.

Foto: Ethical Apparel Africa

 

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