Zum Start der Ordersaison: Betty Friedel über saisonnähere Termine und mehr Flexibilität von Marken
Angelika Winkler führt die Boutique Betty Friedel in Lohr am Main gemeinsam mit ihrer Mutter – ein Familiengeschäft in vierter Generation. Zugleich begleitet sie als Innenstadtexpertin die Handelsverbände Bayern und Hessen sowie Kommunen bei der Belebung ihrer Zentren – die Perspektive, die im ersten Teil dieses Gesprächs im Mittelpunkt stand. Hier richtet sich der Blick nun auf ihre Perspektive als Modehändlerin.
FashionUnited gegenüber erklärt Winkler, warum sie sich von Marken mehr Flexibilität und saisonnähere Ordertermine wünscht, weshalb sie bewusst auf einen eigenen Onlineshop verzichtet und was ihre Kundinnen trotz gedämpfter Konsumstimmung immer wieder in die Boutique bringt.
Über Betty Friedel:
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Die Geschichte der Boutique beginnt 1950: Hutmacherin Betty Friedel verkauft zunächst selbst gefertigte Hüte und Accessoires, ehe nach und nach Modemarken hinzukommen. Den Sitz hat das Geschäft bis heute in einem historischen Haus in der Lohrer Fußgängerzone – einst Bäckerei und Weinstube, über die Jahre behutsam zur Boutique ausgebaut. Geführt wird das Familienunternehmen nun gemeinsam vom Mutter-Tochter-Duo Stefanie Grimm und Angelika Winkler – in der dritten beziehungsweise vierten Generation. Heute steht Betty Friedel für exklusive Damenmode im Herzen der „Schneewittchenstadt" Lohr am Main; zum Sortiment gehören Marken wie Bogner, Marc Aurel und Raffaello Rossi.
Sie führen „Betty Friedel“ gemeinsam mit Ihrer Mutter. Wie bringen Sie das Familienunternehmen in die Zukunft?
Wie in vielen Familienunternehmen treffen bei uns zwei Generationen mit unterschiedlichen Blickwinkeln aufeinander. Meine Mutter bringt jahrzehntelange Erfahrung und große Händlerinkompetenz mit, ich beschäftige mich täglich mit Stadtentwicklung, Kommunikation und neuen Handelskonzepten.
Unser Ziel ist es deshalb nicht, die Geschichte des Geschäfts aufzugeben, sondern seinen besonderen Charakter zeitgemäß weiterzuentwickeln. Gerade die historische Einrichtung verleiht der Boutique Persönlichkeit. Gleichzeitig möchten wir jüngere Kundinnen ansprechen und zeigen, dass Tradition und Moderne kein Widerspruch sein müssen.
Wie entwickeln Sie Ihr Sortiment weiter und was erwarten Sie dabei von den Marken?
Wir stehen als inhabergeführte Boutique vor derselben Herausforderung wie viele andere Fachhändler:innen. Unser Sortiment muss sich kontinuierlich weiterentwickeln. Als Premium-Marke führen wir seit vielen Jahren Bogner. Gleichzeitig erwarten unsere Kundinnen heute deutlich mehr Neuheiten als noch vor einigen Jahren. Wenn sich Kollektionen nur behutsam verändern, sinkt der Kaufanreiz – selbst bei einer starken Marke.
Deshalb wünsche ich mir von Marken mehr Flexibilität und einen noch intensiveren Dialog mit dem Fachhandel. Die stationären Händler:innen sind wichtige Berührungspunkte zur Kundschaft. Wir erleben täglich, wie Kollektionen ankommen, welche Wünsche entstehen und welche Entwicklungen sich frühzeitig abzeichnen.
Welche Marken prägen Ihr Sortiment im mittleren Preissegment?
Mit Marken wie Marc Aurel, Raffaello Rossi, Esisto oder Margittes arbeiten wir sehr erfolgreich zusammen, weil sie unterschiedliche Zielgruppen ansprechen und gleichzeitig zuverlässig funktionieren.
Gerade familiengeführte Unternehmen zeigen häufig, wie wichtig partnerschaftliche Zusammenarbeit ist. Eine gute Orderpolitik endet nicht mit der Auslieferung der Ware – sie begleitet den Handel während der gesamten Saison.
Ihre Boutique liegt in einem denkmalgeschützten Gebäude. Wie stark bestimmt der Raum, was Sie einkaufen können?
Unsere Boutique verfügt über rund 90 Quadratmeter. Wegen dem Denkmalschutz lassen sich die räumlichen Gegebenheiten nicht grundlegend verändern – und genau darin liegt gleichzeitig unser besonderer Charme.
Wir möchten kein austauschbarer Concept Store sein. Unser Ziel ist es vielmehr, die Geschichte des Hauses mit einer modernen Sortimentsgestaltung zu verbinden. Die Kundinnen sollen spüren, dass sie einen besonderen Ort betreten, der Persönlichkeit besitzt.
Ein Dauerthema im Einkauf ist der lange Vorlauf bei der Order. Wie gehen Sie damit um?
Der Handel muss Kollektionen häufig viele Monate im Voraus einkaufen, obwohl sich Trends, Wetter und Konsumverhalten kurzfristig verändern können. Ich wünsche mir deshalb mehr Flexibilität entlang der gesamten Lieferkette. Kleinere, saisonnähere Ordertermine würden das Risiko für Händler:innen deutlich reduzieren und gleichzeitig besser auf die tatsächliche Nachfrage reagieren.
Wo könnte die Zusammenarbeit zwischen Marken und Handel künftig ansetzen?
Ein großes Potenzial sehe ich in einer stärkeren digitalen Vernetzung zwischen Marken und stationärem Handel. Viele Hersteller:innen verfügen bereits über leistungsfähige Onlineshops. Warum sollte die Warenverfügbarkeit der angeschlossenen Fachhändler:innen dort nicht sichtbar sein?
Kundinnen und Kunden könnten dann selbst entscheiden, ob sie online bestellen oder das Produkt direkt im nächstgelegenen Fachgeschäft anprobieren möchten. Davon würden beide Seiten profitieren: Die Marke erhöht ihre Servicequalität, und der stationäre Handel gewinnt zusätzliche Frequenz und neue Kundschaft.
Sie sind auf Social Media aktiv, haben sich aber bewusst gegen einen Onlineshop entschieden. Warum?
Man soll im Handel niemals nie sagen. Nach heutigem Stand sehe ich für unsere Boutique jedoch keinen eigenen Onlineshop. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen wäre der personelle Aufwand für ein kleines, inhabergeführtes Geschäft enorm. Zum anderen lebt unser Konzept von persönlicher Beratung – genau darin liegt unsere Stärke.
Wir nutzen Social Media deshalb bewusst als Schaufenster und Inspirationsquelle. Wir möchten Interesse wecken und Menschen in die Boutique einladen. Dort können wir das bieten, was online nur schwer zu ersetzen ist: ehrliche Beratung, individuelle Kombinationen und das sichere Gefühl, die richtige Entscheidung zu treffen.
Insgesamt ist die Konsumstimmung weiterhin gedämpft. Spüren Sie das ebenfalls?
Ja, das merken wir durchaus. Unsere Kundinnen kaufen heute bewusster und vergleichen stärker als noch vor einigen Jahren. Der Blick auf das Preisschild gehört heute viel häufiger zum Einkaufsprozess.
Gleichzeitig erleben wir, dass Qualität, Vertrauen und persönliche Beratung gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten an Bedeutung gewinnen. Wer sich für ein hochwertiges Kleidungsstück entscheidet, möchte sicher sein, dass es wirklich passt – fachlich ebenso wie persönlich.
Was bringt Ihre Kundinnen trotzdem immer wieder zu Ihnen?
Ich bin überzeugt, dass stationärer Handel weit mehr ist als der Verkauf von Produkten. Er ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der persönlichen Wertschätzung.
Eine Kundin ist beispielsweise über 40 Kilometer zu uns gefahren, weil sie für ihre Diamantene Hochzeit das passende Outfit suchte. Am Ende nahm sie deutlich mehr mit als ursprünglich geplant. Nicht, weil wir sie zum Kauf überredet hätten, sondern weil sie sich verstanden und gut beraten fühlte.
Solche Erlebnisse wirken weit über den eigentlichen Einkauf hinaus. Zufriedene Kundinnen erzählen ihre Geschichte weiter und werden zu den glaubwürdigsten Botschafterinnen eines Geschäfts. Diese persönliche Empfehlung ist bis heute eine der stärksten Formen des Marketings.
Welche Trends begeistern Ihre Kundinnen aktuell besonders?
Gefragt sind derzeit vor allem Kleidungsstücke mit Persönlichkeit – kräftige Farben, besondere Muster und hochwertige Materialien. Klassische Basics werden deutlich bewusster gekauft, während außergewöhnliche Teile stärker Aufmerksamkeit erzeugen.
Bei den Schnitten beobachten wir weiterhin den Trend zu weiteren Silhouetten und modernen Passformen. Gleichzeitig zeigt sich: Trends allein entscheiden nicht über den Verkaufserfolg. Entscheidend ist, dass sie zur Persönlichkeit der Kundin passen. Genau dabei liegt die Stärke des stationären Fachhandels.
Was ist Ihr Fazit für den stationären Modehandel?
Der stationäre Modehandel wird seine Zukunft nicht über den Preis gewinnen, sondern über Persönlichkeit, Beratung und echte Erlebnisse. Gerade inhabergeführte Geschäfte besitzen hier eine große Stärke. Sie kennen ihre Kundinnen, schaffen Vertrauen und machen Einkaufen zu einer Begegnung. Diese Qualität bleibt auch in einer zunehmend digitalen Welt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Wie Angelika Winkler als Innenstadtexpertin auf Leerstand, Zwischennutzung und die Zukunft der Innenstädte blickt, lesen Sie im ersten Teil des Interviews.
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