Einzelhandel: Gesichtserkennungssoftware ist das Geheimrezept von Ruti

Manhattans sich wandelndes Nolita-Viertel ist voll von unabhängigen Boutiquen und Facheinzelhändlern, und die Prince Street, seine Hauptstraße für Einzelhandelsimmobilien, ist fast nicht wiederzuerkennen, verglichen damit, wie sie noch vor fünf Jahren aussah. Marken wie Credo, Naadam, Amour Vert, Everlane säumen die Straße und präsentieren in ihren Schaufenstern cleane Beautyprodukte, nachhaltige Strickwaren, biologisch abbaubare Verpackungen und radikale Transparenz. Nur der winzige Pizzaladen, der Pizzastücke verkauft und Menschen in Scharen anzieht, scheint den sich wandelnden ethischen Ansprüchen und aktuellen Strategien des modernen Einzelhandels standgehalten zu haben.

Ruti, eine zehn Jahre alte Damenbekleidungsmarke des israelischen Designers Ruti Zisser, schloss sich im vergangenen Herbst dieser Einzelhandelslandschaft an. Die wichtigste Innovation dieser Marke besteht wohl in der Verwendung von Gesichtserkennungstechnologie, um ihren Kunden ein personalisierteres Einkaufserlebnis zu bieten.

Aber die Technologie hat auch für negative Schlagzeilen gesorgt. Erst letzten Monat äußerte sich die Kongressabgeordnete Alessandra Ocasio-Cortez bei einer Anhörung des House Oversight Committee besorgt über die mangelnde Regulierung der Gesichtserkennungstechnologie und ihr Missbrauchspotential, insbesondere wenn sie von mächtigen Organisationen genutzt wird. Wie genau funktioniert sie also im Kontext einer unabhängigen Modeboutique, die für die modische Karrierefrau, die unterwegs ist, gehobene Stücke verkauft? FashionUnited spricht mit Shanice Brown, Filialleiterin von Ruti, die uns durch die Experience von der der Erfassung des Konterfeis eines Konsumenten bis hin zum Kauf führt und erklärt, was genau dabei passiert.

„Wenn Kunden zu uns kommen, gibt es ein paar Kameras, die Fotos aus verschiedenen Winkeln aufnehmen, um die Person zu identifizieren. Wenn sie jedoch beiläufig stöbern und wieder gehen, werden keine ihrer Daten erfasst. Wenn jedoch jemand ein Kleidungsstück anprobiert und Teil unseres Ruti-Clubs werden möchte, meldet er sich per E-Mail an und gibt seine Telefonnummer und eventuell sein Geburtsdatum an, wenn er möchte."

Gesichtserkennung verbessert den Kundenservice

Damit beginnt der Prozess der Profilbildung beim Kunden und fördert die Bildung einer Beziehung zur Marke. „Es wird ein Dossier erstellt, und wir gleichen den Namen der Person, die kauft, mit dem Foto ab“, sagt Brown. „Wenn der Kunde einige Wochen später in ein anderes Ruti-Geschäft in Kalifornien oder Dallas geht, erscheint ein Symbol auf dem Bildschirm, um den Stylisten wissen zu lassen, dass der Kunde diese Hose oder dieses Portemonnaie gekauft hat, ob er eine Treuekarte besitzt, oder wie viel er ausgegeben hat. Die Software bietet davon ausgehend Vorschläge an, was ihm gefallen könnte.“

Brown behauptet, dies sei der Grad an Aufmerksamkeit, den die Kunden von Ruti erwarten. Es gab keine negativen Reaktionen, wenn überhaupt, dann provoziere es Neugierde, wenn ein Kunde die Kameras sieht. Aber ein wichtiges Merkmal der Marke ist Zissers Hintergrund in der High-Tech-Welt der San Francisco Bay Area, dem Epizentrum für technisches Unternehmertum. Als eine Frau, die in diesem männlich dominierten Umfeld aufstieg und beschloss, eine Modelinie zu lancieren, ist es vielleicht nicht überraschend, dass sie Technologie in ihr Geschäftsmodell integriert. Die Anhänger der Marke sind sich der Geschichte ihrer Gründerin bewusst, und seit der Installation der Software hat Ruti eine 40-prozentige Umsatzsteigerung im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet.

Die Ruti-Kundin, so Brown, ist „zwischen 30 und 70 Jahre alt, stilvoll und cool und mag es bequem. Sie steht nicht auf das Gewöhnliche, mag auch ein bisschen Kante, macht ihre Freunde mit der Marke bekannt und reist viel."

Mit einem so nahtlosen Kundenservice auf die Bedürfnisse von jemandem eingehen zu können, der vielleicht verschiedene Ruti-Geschäfte im ganzen Land besucht, aber durchgehend den gleichen Service erhält, ist wichtig für die Marke. Eine Kundin, die in L.A. eingekauft hat, kann hierher kommen, und obwohl ich sie nicht persönlich kenne, kenne ich sie in dem Sinne, dass ich weiß, dass sie vielleicht kein Schwarz trägt, oder dass sie Drucke mag, oder dass sie Größe 2 trägt, oder dass sie ein gerades Bein einem ausgestellten Bein vorzieht. Ich verschwende nicht ihre Zeit, und alles passt perfekt."

In der Prince Street jedenfalls scheint es, dass die Gesichtserkennung nicht so bald verschwinden wird. Aber die Tage, an denen Kunden den falschen Artikel ausgehändigt bekommen oder mit dem Gefühl von Unverstandensein oder Frustration den Laden verlassen, könnten bald vorbei sein.

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in New York und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Update 12/03: Der Name der Verkäuferin, der ursprünglich falsch geschrieben war, wurde geändert.

Images: FashionUnited

 

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