Modehandel in Zeiten von Covid-19: Wie niederländische Läden Kunden locken

In Deutschland öffnen in dieser Woche die ersten Geschäfte und Modehändler stellen sich mit Desinfektionsmitteln, Bodenmarkierungen und Atemmasken auf eine neue Normalität ein. In den Niederlanden mussten die Bekleidungsgeschäfte während des Covid-19-Ausbruchs nicht schließen und hatten mehr Zeit unter den neuen Bedingungen kreativ zu werden. Vier Einzelhändler haben vielversprechende Wege ausprobiert, ihre Umsätze trotz vorsichtiger Kunden und Einkaufsunlust zu retten.

Bouclé Hommes et Femmes: Dank der Überraschungstaschen fast 100 Prozent des normalen Umsatzes

Welcher Einzelhändler will das nicht: in der Lage sein, beinahe seinen normalen Wochenumsatz während der Coronavirus-Epidemie zu erwirtschaften. Das schaffte Modehändler Bouclé Hommes et Femmes im niederländischen Spakenburg, auch teilweise dank der vom Unternehmen eingeführten Überraschungstasche. Innerhalb von anderthalb Wochen wurde der Überraschungsbeutel aus dem Boden gestampft, um die Coronavirus-Krise zu überstehen. Nie hätten Miteigentümerin Claudia Boelhout und ihr Ehemann wie Geschäftspartner Johan erwartet, dass die Überraschungstasche so gut laufen würde, sagt sie am Telefon. In der Firma ist mehr Betrieb als je zuvor, in der Vorwoche lieferten sie 25 Überraschungstaschen mit vier Kleidungssätzen aus. Neun von zehn Empfängern behalten 80 Prozent der Inhalte, weshalb der Umsatz bei Bouclé erheblich gestiegen ist. Diese Woche rechnet Claudia damit, dass sie wieder gut laufen wird.

Modehandel in Zeiten von Covid-19: Wie niederländische Läden Kunden locken

Bild: Bouclé Hommes et Femmes

"Wir haben viele Stammkunden, daher kennen wir unseren Kunden auch gut. Die Person, die normalerweise einem bestimmten Kunden hilft, stellt nun auch die Sets zusammen". Das Unternehmen beginnt damit jeweils um sieben Uhr morgens. Am Nachmittag wechselt sich eine zweite Gruppe von Mitarbeitern ein und stellt die Bestellungen an die Kunden zu. In der Zwischenzeit gibt es auch im Laden einen gewissen Anlauf, ruhig wird es beim Modehändler nicht. Persönliche Einkaufstermine sind selten, sagt Claudia, aber glücklicherweise hilft die Überraschungstüte jetzt enorm. Bouclé Hommes et Femmes denkt sogar über eine landesweite Einführung des Dienstes nach, ein Schritt, den sich das Unternehmen vor etwa vier Wochen noch nicht vorstellen konnte. Zu dieser Zeit hatte das Unternehmen noch nicht einmal einen Webshop. Es ist eine besondere Geschichte in Zeit von Covid-19, aber glücklicherweise eine sehr positive.

House of Fred: Einkaufen und persönlicher Kontakt über Direktnachricht

Erst ein Jahr lang geöffnet zu sein und dann mit der Coronavirus-Krise fertig werden zu müssen: Das ist House of Fred im niederländischen Utrecht passiert. Frederiek Waninge, der Unternehmer hinter dem Multibrand-Store, gab nicht auf, als Mark Rutte ankündigte, dass die Niederlande soziale Distanzierung betreiben würden. House of Fred hat keinen Webshop, und deshalb hat Waninge Instagram genommen, um zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten anzubieten, auch wenn das Geschäft selbst noch geöffnet ist. Über Instagram Stories stellt Waninge verschiedene Sets vor, die dann über Direktnachricht erworben werden können. "Ich habe mich noch nie so oft umgezogen wie in den letzten Wochen", sagt Waninge lachend am Telefon.

Es gibt eine gute Resonanz auf die Sets. Im Laden kombiniert House of Fred immer mehrere Marken in einem Set, auch auf Instagram. Die Sets werden daher regelmäßig gekauft, aber es kommt auch vor, dass das Auge des Kunden auf einen bestimmten Artikel fällt. Häufig spricht der Unternehmer über Direktnachricht auf Instagram noch weiter mit dem Kunden, so dass weitere Beratung erfolgen kann. "Die Reaktion ist enthusiastisch, aber natürlich ist der Umsatz nicht das, was er normalerweise ist. Ich finde es wichtig, dass ich meine Mitarbeiter behalten und weiterhin meine Kosten bezahlen kann", betont der Unternehmer.

Instagram sorgt auch dafür, dass das House of Fred viele freundliche Reaktionen erhält. "Die Leute finden es gut, dass wir noch offen sind. Sie lassen erkennen, dass sie wollen, dass wir bleiben. Auch Menschen, die wir noch nicht persönlich kannten, die uns aber auf Instagram folgen, ermutigen uns. Das ist auch eine gute Sache".

Omoda: Persönlicher Online-Shopping-Service, Passanten werden über das Schaufenster auf den neuen Service aufmerksam gemacht

Beim niederländischen Schuhhändler Omoda gab es bereits die Idee eines Personal Shopper Service für die physischen Geschäfte, aber seit Mitte März wird auch ein Online-Personal Shopper Service angeboten. Innerhalb von zwei Tagen wurde es eingerichtet und die ersten Termine haben bereits stattgefunden, sagte Gertie Bin, Omodas Marketing- und E-Commerce-Managerin. "Für uns sind Beratung und Inspiration wichtig bei unserem Serviceansatz. Normalerweise bieten wir diese beiden Dinge sehr häufig in den Geschäften an. Wir wollen daher das Fachwissen unserer Mitarbeiter nutzen, um dem Kunden weiterhin zu Diensten zu sein". Sie können auf der Omoda-Website über 'Buchen Sie online einen persönlichen Einkäufer' einen Termin vereinbaren und Details und Wünsche im Voraus ausfüllen.

Modehandel in Zeiten von Covid-19: Wie niederländische Läden Kunden locken

Bild: Omoda

Der Service wurde über soziale Medien angekündigt und in die Omoda-Newsletter aufgenommen. Darüber hinaus wird der Service auch in den Schaufenstern der Geschäfte von Omoda angekündigt. Menschen kommen vorbei, zum Beispiel bei einem Spaziergang oder bei der Erledigung einer anderen Aufgabe in der Stadt. Auf diese Weise werden die Verbraucher auf den Service aufmerksam gemacht, den Omoda jetzt online anbietet.

Omoda setzt auch auf Kundenbindung mit humorvollen Aktionen. "Solange das Arbeiten von zu Hause aus die Norm ist, wollen wir auch ein bisschen Unterhaltung bieten. So hat Omoda zum Beispiel eine kreative Herausforderung geschaffen, bei der die Menschen mit alten Toilettenpapierrollen kreativ werden, aber auch eine Playlist für den "Freitagnachmittags-Drink" verschickt, die nur Lieder über Schuhe enthält. So setzt Omoda neben dem Service auch eine gute Dosis Humor ein, um den Kunden weiter zu binden.

Het Faire Oosten: Geschenkpakete für zu Hause und endlich ein Webshop

Der nachhaltige Laden Het Faire Oosten in Amsterdam-Ost ist tagsüber noch geöffnet, aber auch hier war der Verkauf in den letzten Wochen nur schleppend. "Wenn wir nur auf den Verkauf schauen, läuft es nicht so gut", sagt die Gründerin und Inhaberin Magali Heuberger am Telefon. "Aber ich habe ein positives Team um mich herum. Gemeinsam suchen wir nach alternativen Möglichkeiten". Letzte Woche hat das Team den Vorschlag gemacht, "Geschenkkartons" zu verkaufen. Die Geschenkboxen werden mit Produkten aus dem Laden befüllt. "Wir haben uns gefragt: Was ist jetzt nötig, was ist das Lebensgefühl? Deshalb haben wir etwas Neues geschaffen". Die Geschenkpakete variieren zwischen 15 bis 45 Euro und können über soziale Medien bestellt werden. Die Faire Oosten liefert mit dem Fahrrad und über weite Strecken per Post. Die erste Serie von Paketen ist bereits zugestellt worden.

Auch der Onlineshop von Het Faire Oosten ist endlich live gegangen. "Es gab schon immer eine große Nachfrage nach einem Webshop, aber ich habe dieses Projekt jahrelang aufgeschoben. Ich mag persönlichen Kontakt lieber als online, und da es in einem Geschäft jeden Tag so viel zu tun gibt, ist es einfach, so etwas wie einen Webshop aufzuschieben", erklärt Heuberger. "Jetzt haben wir die Zeit, das zu realisieren, und wir können auch unsere Fans aus den anderen Teilen des Landes bedienen. Es gab zum Beispiel eine Kundin aus Maastricht, die einen unserer Geschenkkartons bestellte und sagte, sie sei so glücklich, dass sie von Limburg (Anm. Redaktion: südniederländische Provinz) aus etwas bei uns kaufen konnte. Das hat mich beeindruckt".

Allerdings spricht Heuberger noch verhalten über den Webshop. "Ich hoffe, dass nicht alle massiv bestellen und es dann zurückgeben werden. Das hilft den lokalen Unternehmern wirklich nicht weiter. Deshalb bitten wir unsere Kunden, mit uns gemeinsam auf bewussten Konsum zu achten und Verantwortung zu übernehmen, wenn es um Online-Bestellungen geht - nicht nur in dieser Zeit.”

Dieser übersetzte Beitrag erschien zuvor auf FashionUnited.nl und entstand mit Hilfe von Caitlyn Terra sowie Nora Vreeman.

Bild: FashionUnited

 

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