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Impulse statt Order-Druck: Unitex Fashion Festival etabliert sich als strategischer Zwischenraum

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Unitex Fashion Festival 2026 Credits: Unitex
Von Jule Scott

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Während anhaltende geopolitische Spannungen und hohe Inflationsraten in der Modebranche für Zurückhaltung und Unruhe sorgen, wächst das Unitex Fashion Festival unbeirrt weiter. Für die nunmehr fünfte Ausgabe der von der gleichnamigen Verbundgruppe organisierten Veranstaltung – die bewusst auf eine klassische Messebezeichnung im Namen verzichtet – wurde die Ulmer Donauhalle um eine vierte Halle erweitert. Insgesamt präsentierten sich über 180 Aussteller:innen mit mehr als 250 Marken auf 22.000 Quadratmetern Fläche. Rund 3.000 Besucher:innen, nochmals etwa 700 mehr als im Vorjahr, kamen über zwei Tage verteilt nach Ulm.

Das Angebot war wie schon in den Vorjahren bunt gemischt. Schuhe, Accessoires, Womenswear und Menswear sowie einige Serviceanbieter füllten die nunmehr vier Hallen. Rund 90 Prozent der anwesenden Ausstellenden sind Teil der Unitex-Verbundgruppe, etwa zehn Prozent finden allerdings auch ohne direkte Verbindung den Weg nach Ulm.

Unitex Fashion Festival 2026 Credits: Unitex

Wer trotz der vielen Ausstellenden in den Hallen zwischendurch nach draußen trat, sah eine Szene, die wenig mit dem zu tun hatte, was man von einer klassischen Messe erwartet. Einige Besucher:innen spielten Fußball, andere saßen mit einem Burger in der Hand in der Sonne, wieder andere lauschten den Klängen eines Pianisten, der wie aus dem Nichts schon vor der abendlichen Konzertreihe für musikalische Untermalung sorgte. Ein entspannter Pausenhof-Charakter, der zum Konzept der Veranstaltung passt und deutlich macht, worum es hier in erster Linie geht: nicht um den Abschluss, sondern um den Austausch.

Unitex Fashion Festival Credits: Unitex

Terminlicher ‘Mut zur Lücke’

Der Mai bleibt ein ungewöhnlicher Messetermin. Im Vergleich zu den Vorjahren wird er jedoch zunehmend weniger kontrovers diskutiert. Zwar hängen an vielen Ständen Herbst- und Winterstücke, während draußen die Temperaturen steigen. Das liegt daran, dass die Frühjahr/Sommer-2027-Kollektionen bei den meisten Aussteller:innen sich noch in der Entwicklung befinden, entsprechend dünn ist das Warenangebot. Und doch scheint sich ein Konsens herauszukristallisieren: Der Termin ist nicht trotz dieser Lücke wertvoll, sondern gerade wegen ihr. Eine Orderphase ist abgeschlossen, die nächste liegt noch vor der Branche, und genau das verändert die Gesprächsdynamik spürbar.

„Hier geht es um die Orientierung, darum, Gespräche zu führen und herauszufinden, was es Neues gibt, welche Themen anstehen und was man vielleicht noch gemeinsam machen kann“, so Mathias Eckert, Managing Director der S.Oliver Group, der selbst vor Ort war. Dass die Gruppe ausgerechnet in dieser Woche besonders viel zu erzählen hatte, ist kein Zufall. Pünktlich zum Start der Messe wurde bekannt, dass der Rottendorfer Bekleidungsanbieterp die Markenrechte an Baldessarini von der R.Brand Group erwirbt und damit die nächste Marke in ihr wachsendes „House of Brands“ aufnimmt.

Baldessarini soll künftig das Sortiment der Herrenlinie S.Oliver Black Label Men abbilden und eigenständig positioniert werden, der Relaunch ist für Anfang 2027 geplant. Dabei setzt die Gruppe auf eine stärkere Markeninszenierung und eine hochwertigere Positionierung mit attraktiverem Preis-Leistungs-Verhältnis, so Eckert.

Auf dem Festival nutzte die Gruppe die Übernahme sowie die kürzlich verkündete Zusammenarbeit mit Heidi Klum als S.Oliver-Markengesicht für den Gesprächseinstieg und als Vertrauenssignal an den Handel. Entsprechend zeigte der Stand der Gruppe zwar alle Marken des Portfolios, zu dem neben der Flagship-Marke auch Comma, QS, Lala Berlin, Liebeskind Berlin und Copenhagen Studios gehören, jedoch jeweils nur anhand ausgewählter Einzelteile.

Unitex Fashion Festival Credits: Unitex

Ähnlich sieht es auch bei Olymp aus. „Ich sage immer, wir müssen das Thema einmassieren", erklärte Kai Graf, Verkaufsleiter Wholesale National, und beschrieb damit die Idee, Impulse zu setzen, bevor die Budgets verteilt sind. „Am Order-Tisch ist die Messe gelesen – da sind die Budgets verteilt und es wird lediglich ausgewählt, was sinnvoll ist pro Marke." Die Unitex biete dagegen die Möglichkeit, Themen früh zu platzieren, in diesem Fall den hybriden Look, der Olymp vom Hemdenspezialisten zum Komplettanbieter transformieren soll.

Mirjam Guggemoos, die als Sales Managerin Süddeutschland für die xyz DK Company in Ulm vertreten ist, formulierte die Terminfrage pragmatisch. Ein späterer Termin wäre inhaltlich sinnvoller, würde aber unweigerlich mit den Orderterminen in Düsseldorf und München kollidieren. „Und dann gehen Leute dahin, um wirklich Ordern zu schreiben." Auch Tenka Polgar, die als Vertreterin der Modeagentur Much die angeschlagene Marke Marc Aurel erstmals auf dem Festival vertrat, lobte die Positionierung. Händler:innen, die sich im laufenden Geschäft keine kostspieligen Messereisen leisten könnten, fänden hier einen zugänglichen Rahmen, um sich vorzubereiten. „Man schaut, was man vielleicht sortimentstechnisch ändern könnte, lässt sich inspirieren und macht sich bereits Gedanken, was man in der nächsten Order noch aufnehmen oder vielleicht auch weglassen könnte.“

Lerros auf dem Unitex Fashion Festival Credits: FashionUnited

Dennoch sind einige Marken proaktiver als andere. Während viele die aktuelle Lage scheinbar aussitzen, nutzt Lerros sie aktiv. Provokante Messeschilder mit Slogans wie „Ready for Rendite" oder „Markt -3%; Lerros +12%" machten den Auftritt unübersehbar und schienen Wirkung zu zeigen. In weniger als zwei Stunden, direkt zu Messebeginn, sammelte das Label fünf neue Ordertermine für den Juli ein.

„Wir haben jetzt konkrete Neukund:innengespräche", erzählt Lerros-Geschäftsführer Alex Ibakasap. Seine Einschätzung deckt sich mit der von Corinna Sebald, Vertriebsleiterin bei Steilmann, das nach einem Relaunch wieder im Wholesale aktiv ist. Diejenigen könnten wachsen, die in schwierigen Zeiten Preis-Leistung liefern und die richtigen Signale setzen – auch wenn die Branche insgesamt schrumpfe. „Es ist einfach wichtig, uns nochmal im Handel vorzustellen und ein Zeichen zu setzen, dass wir wieder da sind", so Sebald.

Die Realität zwischen den Hallen

Denn selbstverständlich ist die Realität nicht verschwunden, sie hat sich lediglich zurückgezogen – in die Gänge und in die Lücken zwischen den Markengesprächen. Dass die Stände in den Hallen zeitweise eher dünn besetzt waren, fiel auf. Die Frequenz baute sich nur langsam auf und verteilte sich zeitversetzt durch die Hallen. Besonders am Morgen blieben viele Besucher:innen zunächst bei den am Eingang platzierten Schwergewichten der Branche wie Olymp, Hiltl oder Digel hängen, doch der Austausch riss auch in den hinteren Hallen nie ab. Sowohl auf den Gängen als auch im Außenbereich und an den Stehtischen blieb die Gesprächsdichte konstant hoch. Die Branche suchte das Gespräch, sowohl Händler:innen untereinander als auch mit der Industrie.

Unitex Fashion Festival Credits: Unitex

Nicht immer fallen diese Gespräche positiv aus, dessen sind sich auch alle Anwesenden in Ulm bewusst. Frequenzprobleme, Kaufzurückhaltung, Warendruck und Liquiditätssorgen prägen die aktuelle Lage, und wer genau hinhört, vernimmt diese Themen überall. Eckert allerdings sprach sie als einer der wenigen offen an. Die Abverkäufe seien bis Ende April extrem schwach gewesen, die ersten positiven Tendenzen im Mai kämen zu spät, um die Saison noch zu retten. Hinzu komme eine strukturelle Konsumzurückhaltung, die sich seiner Einschätzung nach weniger aus falschen Trends als aus medialer Verunsicherung speise: Nahost-Konflikt, steigende Ölpreise, geopolitische Nervosität. „Wir haben schon eine extreme Kaufzurückhaltung", fasst der Managing Director die Situation zusammen. Dessen bewusst ist sich auch Ibakasap, brachte aber dennoch die vielleicht sogar verwunderlich gute Stimmung vor Ort auf den Punkt: „Probleme sind da. Aber die sind hier nicht so laut."

Lediglich bei Marc Aurel wurden Probleme – oder vielleicht sogar die daraus resultierenden Chancen – offen kommuniziert. Der Auftritt der Womenswear-Marke aus Gütersloh, die sich seit Anfang Mai in einem Eigenverwaltungsverfahren befindet, war für einige Besucher:innen überraschend. Immer wieder traten Besucher:innen daher an den Stand, um ihre Sorgen rund um die Insolvenz zum Ausdruck zu bringen, und genau hier setzten Polgar an: Kund:innen beruhigen und ihnen zu versichern, dass es für das Label weitergeht und auch weiterhin ausgeliefert wird, stand im Vordergrund. Um die Message zu verdeutlichen, hatte die Vertreterin zudem die ersten visuellen Eindrücke und Moodboards für die kommende Saison mit vor Ort. „Man kann sich ja auch nicht vergraben und nichts mehr machen – das treibt das Geschäft nicht an.“

Zwischen Berieselung und handeln

Die großen Branchenthemen – Flächenmanagement, Kund:innenbindung, Preisgestaltung im Abschwung – wurden dennoch weniger an den Ständen verhandelt als in Vorträgen und Panels nebenan. Andrea Krumme, CEO von Fuchs Schmitt, formulierte es unmissverständlich im Gespräch mit FashionUnited: „Warum heißt Handel Handel, wenn ich es nicht mehr tue?" Erkennbarkeit auf der Fläche, aktive Kommunikation mit Stammkund:innen, Mut zur Fokussierung – das seien die Gebote der Stunde. „Eine Erkennbarkeit auf den Flächen zu geben, ist das A und O."

Olymp-Vertreter Markus Graf ergänzte: „Ich kann die Marktlage nicht beeinflussen, aber ich kann hier einen Impuls setzen und dafür sorgen, dass die Kund:innen, die da sind, einen dicken, guten Bon mit nach Hause nehmen."

Was das Festival dabei strukturell ermöglicht, beschrieb Krumme präzise: „Dadurch, dass sie sich nicht bekennen müssen, können sich Händler:innen ein Stück weit berieseln lassen. Ich glaube, das braucht die Branche auch."

Damit positioniert sich das Unitex Fashion Festival zunehmend als das, was der Branche derzeit fehlt: ein strukturierter Zwischenraum vor der eigentlichen Saisonentscheidung. Kein Messeplatz im klassischen Sinne, sondern ein Ort, an dem die Weichen für die nächste Saison bereits gestellt werden.

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