Textile Recycling Expo: Recyclingbranche will durchstarten und fordert zusätzliche Unterstützung von der EU

Auf der Textile Recycling Expo zeigt sich die Recyclingbranche bereit zum Durchstarten – doch ohne EU-Unterstützung und die EPR-Gesetzgebung drohen Recycler und Sortierer vom Markt zu verschwinden
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Textile Recycling Expo Bild: Sarah Vandoorne
Von Sarah Vandoorne

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Die Textilrecyclingbranche ist bereit, den Berg an Altkleidern in Angriff zu nehmen. Sie wartet jedoch auf die Einführung europäischer Vorschriften, die Unternehmen zur Zahlung für die Entsorgung ihrer Produkte verpflichten. Ohne zusätzliche Investitionen drohen sowohl die Recycler als auch die Altkleidersammler und -sortierer vom Markt zu verschwinden.

„Der Elefant im Raum? Wir müssen mehr und besser zusammenarbeiten. Nur wenn Marken, politische Entscheidungsträger:innen, Sammler, Sortierer und Recycler an einem Strang ziehen, können wir die Branche nachhaltiger machen.“ Das erklärt Oscar Bel, Business Developer bei Reju, zum Auftakt der Textile Recycling Expo.

Ein Gespräch mit dem deutschen Recyclingunternehmen, das die Messe sponserte, erweist sich als idealer Ausgangspunkt für zwei Tage auf der Textilmesse. Das hat alles mit dem besagten Elefanten zu tun. Ein „Elefant im Raum“ voller Altkleider steht neben dem Stand von Reju. Er ist ein Anziehungspunkt: Linkedin ist voll von Fotos mit dem Tier. Aber auch die Botschaft, an einem Strang zu ziehen, wurde während der Messe immer wieder wiederholt.

DHL will mehr zusammenarbeiten. H&M will mehr zusammenarbeiten. Primark will mehr zusammenarbeiten. Recycler wollen viel mehr zusammenarbeiten. Das ist nicht unlogisch, denn im Moment haben es die Recycler nicht leicht. Sie können nur schwer Investitionen akquirieren und warten auf den Gesetzgeber, der die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) umsetzen soll. Diese verpflichtet Unternehmen, einen Abfallbeitrag für die von ihnen in Verkehr gebrachten Kleidungsstücke zu zahlen.

In Frankreich und den Niederlanden gibt es dieses Gesetz bereits. Herstellerorganisationen in anderen Ländern, wie zum Beispiel Belgien, warten bis zum letzten Moment: April 2028. Das sei nicht optimal, denn die Verpflichtung zur getrennten Sammlung von Textilabfällen sei bereits in Kraft, sagt Ekatarina Stoyanova von Recycling Europe in ihrem Schlussplädoyer.

An dieser Stelle habe die EU einen Fehler gemacht, findet auch Gail Orton, die europäische Politikdirektorin von Shein. „Wir befinden uns in einer Zeit, in der Textilien gesammelt werden, ohne dass es Investitionen und Mittel gibt, um diese Sammlung zu verwalten. Mit dem Gesetz zur erweiterten Herstellerverantwortung droht nun dasselbe zu geschehen. Länder, die das EPR-Gesetz bereits einführen, werden dabei nicht ausreichend begleitet. Es ist unvermeidlich, dass die Mitgliedstaaten die EPR-Vorschriften jeweils auf ihre eigene Weise umsetzen werden, und das ist für Marken wie uns schwierig.“

Fehlender Business Case

Folgt man dem Tenor der Messe, ist Mitleid mit den Marken nicht angebracht: Vor allem die Recycler stecken in Schwierigkeiten. Das betont Robert van de Kerkhof, der CEO von ReHubs, in seiner Keynote über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Recyclings. Diese sind, gelinde gesagt, sehr schlecht. Zudem gebe es kein Geschäftsmodell, so Van de Kerkhof. Dafür muss die Branche erst wachsen, und dafür sind Investitionen nötig, die aber derzeit zu riskant sind.

„Derzeit werden 1,5 Millionen Tonnen Kleidung getrennt gesammelt. Um das Recycling in großem Maßstab zu ermöglichen, benötigen wir mindestens fünf Millionen Tonnen pro Jahr.“ Um all diese Kleidung verarbeiten zu können, blickt Van de Kerkhof – und nicht nur er – sehnsüchtig auf die Einführung des EPR-Gesetzes. „Aber in der Zwischenzeit brauchen wir die Unterstützung der EU, sonst riskieren wir, die Investitionen zu dämpfen. Sobald alles bereit ist, gibt es kein Problem mehr: Dann kann die EPR die Finanzierung übernehmen. Aber darauf können wir nicht warten, denn sonst waren alle Fortschritte der letzten Jahre umsonst.“

Die Zahlen, die Van de Kerkhof nennt, sind ernüchternd. „Im Moment haben wir ein Investitionsdefizit von 55 Prozent. Sortierbetriebe benötigen Investitionen in Höhe von 300 Millionen Euro. Recyclingfirmen fordern zwei bis sieben Milliarden Euro. Vor einigen Jahren hatten wir die Gesamtkosten für diesen Übergang auf fünf bis sechs Milliarden Euro geschätzt. Jetzt sprechen wir bereits von 15 Milliarden, und es werden noch detailliertere Berichte erwartet.“

Einblicke von der Messe: KI-Sortierung, Farbentferner und viel Polyester

Einer der Aspekte, der zu wenig Beachtung findet, sei die Bedeutung der Sortierung, betonen mehrere Redner:innen. Weltweit gebe es 90 Millionen Tonnen Textilabfälle, sagt Katarina Kempe von Circulose. „Es mangelt nicht an Altkleidern, aber der Engpass liegt bei der Sammlung und Sortierung dieser Kleidung. Niemand will dafür bezahlen, aber alle sind davon abhängig.“ Die Messe stimmt in dieser Hinsicht dennoch optimistisch: Immer mehr Unternehmen setzen darauf.

Auf die automatische Sortierung spezialisieren sich sowohl etablierte Unternehmen wie die westflämische Firma Valvan, die den größten Messestand hatte, als auch Start-ups wie das Brüsseler Unternehmen Trosort, das New Retex aus Dänemark und Reverse.Fashion aus Deutschland. Sie alle nutzen KI, um Secondhand-Unternehmen bei ihren Sortierprozessen zu unterstützen. Das gilt auch für Valvan, das nicht nur sein bekanntes Fibersort, sondern auch die neueste Erfindung Hypersort vorstellte. So helfen sie auch Recyclingunternehmen, denn diesen fehlt es neben Investitionen an ausreichendem Rohmaterial, um ihre Prozesse zu skalieren.

Um Textilien für das Recycling vorzubereiten, braucht es mehr als nur ein Sortierband. Da immer mehr über die schädlichen Auswirkungen von PFAS und anderen Chemikalien bekannt wird, spezialisieren sich zunehmend Unternehmen darauf, für das Recycling bestimmte Kleidung von Textilfarben, Beschichtungen und Veredelungen zu befreien. Um ein Kleidungsstück zu färben und zu veredeln, kämen zwischen 3.000 und 10.000 Chemikalien zum Einsatz, betont Libby Sommer von ChemForward, Davon seien aber „nicht alle schädlich“. Um sicherzustellen, dass nach dem Recycling keine giftigen Stoffe zurückbleiben, gibt es Unternehmen wie DyeRecycle, mit dem sowohl Reju als auch Sommer zusammenarbeiten, und E.dye, die all diese Farben entfernen.

Was auf der Messe ebenfalls auffällt: die große Anzahl von Recyclern, die sich auf die Verarbeitung von Polyester spezialisiert haben. Ein erheblicher Teil von ihnen hält an der Produktion von rPET fest, ‚recyceltem Polyester‘, das nicht aus Kleidung, sondern aus PET-Flaschen hergestellt wird. Die im letzten Jahr gegründete T2T Alliance erhielt in einer Podiumsdiskussion ausgiebig Zeit zu erklären, warum wir von rPET abrücken und mehr auf Textil-zu-Textil-Recycling setzen müssen. „Das Ziel der EPR ist es, Post-Consumer-Textilien zu bewältigen. Wenn wir nicht in Textil-zu-Textil-Recycling investieren, werden wir dieses Problem nicht los“, fasst Beth Vosper vom chemischen Recycler Circ zusammen.

Die meisten Unternehmen, die rPET recyceln, können sowohl PET-Flaschen als auch Textilien verarbeiten. Eines davon, DePoly, setzt sogar darauf, PET-Flaschen aus Textilien herzustellen, obwohl Business Lead Zoë Pfeiffer zugibt, dass diese Anwendung weitaus weniger interessant sei. „Wir stellen hauptsächlich Textil-zu-Textil-Recyclat für den europäischen Markt her“, sagt ein Mitarbeiter eines chinesischen Recyclingunternehmens, der anonym bleiben will. „Die größte Nachfrage nach rPET besteht in China.“

Europa als Wirtschaftsinsel

Während der Podiumsdiskussionen rufen einige Recycler dazu auf, vor allem innerhalb Europas oder des globalen Nordens zu recyceln. Ein Beispiel ist Reju, das nur in Europa und den USA tätig ist. Lokal zu bleiben, sei jedoch keine gute Idee, meint Ana Rhodes von Recover. Unternehmen sollten sich vor allem für die beste Recyclingmöglichkeit entscheiden, nicht für die nächstgelegene. „Die Sammlung und Produktion von Textilien findet nicht nur in Europa statt, sondern auf der ganzen Welt. Wir werden immer von anderen Ländern und Kontinenten abhängig sein. Vorschriften zur geografischen Nähe treiben die Kosten in die Höhe und bremsen Investitionen. So werden wir die Branche niemals skalieren können.“

„Die EU will eine Wirtschaftsinsel sein: Was wir hier konsumieren, wollen wir hier auch recyceln“, sagt Lutz Walter von Textile ETP. „Ich frage mich, ob das realistisch ist. In jedem Fall müssen die EPR-Beiträge hoch genug sein, um die tatsächlichen Kosten des Recyclings zu decken.“

Europa sieht es nicht mehr gern, wenn seine Secondhand-Textilien ins Ausland gehen. Um Umweltprobleme wie Müllberge und mit Textilien übersäte Strände im globalen Süden zu vermeiden, will es den Export hiesiger Altkleider eindämmen. Aber auch das berge Risiken, sagt Ekatarina Stoyanova von Recycling Europe. „Wir müssen vorsichtig sein, denn die Textilsammler haben es schon jetzt sehr schwer. Sie verdienen ihr Geld noch mit dem Export. Wenn man das stoppt, verlieren die Sammler und Sortierer in Europa. Dann ist die Secondhand-Industrie in Europa verschwunden, noch bevor die EPR eingeführt wird.“

Der globale Süden war auf der Messe durch einen Redner vertreten: Edward Atobrah Binkley, den Generalsekretär der Ghana Used Clothing Dealers Association. Er betont, dass die ghanaische Wirtschaft die Altkleider dringend benötigt.

Materialien der Zukunft

Neben all den ausrangierten Stoffen wird in Brüssel auch intensiv über neue, innovative Materialien nachgedacht. Darum ging es auf der Future Fabrics Fair, die zum ersten Mal in Brüssel stattfand. Von Traubenleder bis Bananenbaumwolle: Man kann es sich kaum vorstellen, aber es gibt für fast alles ein fortschrittliches Material, das zur Nachhaltigkeit beitragen soll. Eine schöne Initiative, findet die Doktorandin Laetitia Forst von der University of the Arts London (UAL), die über nachhaltigeres Design sprach. Dennoch findet sie es seltsam, dass beide Messen ihre Kräfte gebündelt haben. „Auf der einen Seite hat man Recycling, auf der anderen Seite Stoffe, die zwar innovativ sein mögen, aber oft schwerer zu recyceln sind.“

Der Textilexperte Lutz Walter fragt sich, ob all diese Start-ups – genau wie die Recycler selbst – überleben können. „Wie oft sagen Leute, sie hätten nach stundenlanger Laborarbeit eine Lösung gefunden? Nein, man hat keine Lösung, man hat eine Technologie. Sobald man einen ersten Partner für ein Pilotprojekt findet, hat man eine vielversprechende Technologie. Nach der ersten Bestellung hat man den Beweis, dass die Technologie funktioniert. Aber erst wenn ein Unternehmen ein zweites Mal mit einem zusammenarbeiten will, kann man von einem Produkt sprechen.“

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