20 Jahre Marcel Ostertag: „Die kreativste Kollektion hilft nichts, wenn dahinter kein Geschäftssinn steht.“
Marcel Ostertag feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bühnenjubiläum als Modedesigner, und zieht dabei einen Schlussstrich unter ein Kapitel: Nach fast einem Jahrzehnt auf der Berlin Fashion Week zeigt er dort keine Runway-Show mehr. Stattdessen eröffnete er seine Jubiläumsreihe in München und blickt bereits nach Paris, wo er im Oktober erstmals auf der dortigen Modewoche präsentieren wird.
Im Gespräch mit FashionUnited erzählt der Designer, warum er Berlin den Rücken kehrt, wie sich seine Kundschaft über die Jahre zu echten Botschafter:innen seiner Marke entwickelt hat, welche Rolle kommerzielle Kooperationen wie die mit dem Teleshopping-Sender HSE für ihn spielen, und warum nun von einem Bauernhof in Bayern aus arbeitet.
Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahre Marcel Ostertag! Wie fühlt es sich an, in einer Branche, die nicht gerade für ihre Beständigkeit bekannt ist, ein solches Jubiläum feiern zu dürfen?
Die Modebranche ist eine Achterbahnfahrt, damit muss man leben können. Dennoch waren die letzten 20 Jahre eine unfassbar inspirierende Reise, die viel zu schnell an mir vorbeigezogen ist. Ich durfte ganz viele wundervolle Menschen kennenlernen, international zeigen, tolle Kund:innen ausstatten und kreative Projekte umsetzen. Es war ein wilder Ritt, aber es ist nach wie vor meine Passion und meine Leidenschaft.
Natürlich habe ich in den 20 Jahren nicht nur Positives erlebt. Man hatte auch mit Menschen zu tun, die schwierig waren oder einem nicht unbedingt etwas Gutes wollten. Aber der Vibe meiner Kollektion und meines Teams ist immer so positiv und strahlend, dass wir dieser düsteren aktuellen Lage einfach entgegenstrahlen.
Wie schafft man es, dieser negativen Grundstimmung der Branche etwas entgegenzusetzen?
Man darf das Geschehen momentan natürlich nicht unter den Teppich kehren. Aber ich als Modedesigner schaffe es trotzdem, Momente zu kreieren, in denen man in ein komplett anderes Universum katapultiert wird. Wir müssen strahlen, um das Negative zu überstrahlen.
Warum war München jetzt der richtige Ort für dies besondere Jubiläum?
Ich habe letztes Jahr im Juli meine letzte Show auf der Berliner Fashion Week gezeigt. Es gibt verschiedene Gründe, warum ich nicht mehr in Berlin zeigen möchte, aber wir machen jetzt eine Jubiläumsreihe, und dafür war München ein toller Start, weil wir hier ein sehr gutes Netzwerk haben. Die jetzige Show war zugleich der Vorbote für unsere richtig große neue Thematik: Wir zeigen im Oktober zum ersten Mal in Paris auf der Fashion Week.
Sie sagten gerade, dass Sie nicht mehr in Berlin zeigen möchten. Was steckt dahinter?
Wir wollten dieses große Jubiläum nicht in Berlin feiern, weil ich dort in den letzten drei Jahren so viele schlechte Erfahrungen gesammelt habe, dass ich nicht mehr dort arbeiten möchte. Nach so einer langen Zeit geht das an die Psyche, wenn man für das, was man 19,5 Jahre aufgebaut und in diese Stadt investiert hat, überhaupt nicht wertgeschätzt wird.
Ich mache weiterhin Partys, Events und Pop-ups für unseren Inner Circle, aber eine Runway-Show werden wir dort nicht mehr machen. Das ist für uns vorbei. Ich habe mich davon auch emotional gelöst, und seitdem geht es mir Gott sei Dank wieder richtig gut. Letztes Jahr wusste ich zunächst gar nicht, wo es hingeht. Ich dachte erst, es geht vielleicht nach Mailand, auch weil ich Italienisch spreche und meine Mama lange in Palermo gelebt hat. Aber dann kam die Anfrage aus Paris. Und wenn Paris ruft, dann komme ich natürlich. So hat sich das ergeben: In München geht es los, und in Paris feiern wir weiter.
Berlin hat eine starke Identität als kreative und subkulturelle Modestadt. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Punkt, an dem diese Identität mit den Anforderungen kollidiert, eine kommerziell erfolgreiche Modemarke aufzubauen?
Ja, auf alle Fälle. Es ist eine Nische, die Jury, die Labels, das ist alles eine Clique von Leuten. Und ich finde, es ist eine Einbahnstraße, wenn man nicht die Vielfalt der Designer:innen zeigt. Ich schleppe seit neuneinhalb Jahren mein gesamtes Geld nach Berlin und inszeniere große Shows mit 600 bis 1000 Gästen, die teilweise nicht aus Berlin waren. Die haben Hotels gebucht, die ganze Woche geplant, konsumiert, sind essen gegangen, waren in Galerien, im KaDeWe – die haben der Berliner Wirtschaft gutgetan.
Bei den jüngeren Brands habe ich das Gefühl, die Leute schauen sich die Show an und gehen dann drei Tage feiern. Das ist wichtig, um die Freikultur zu unterstützen, aber das ist ein anderes Publikum. Und ich bin dafür inzwischen zu erwachsen und zu reif, muss ich sagen. Ich möchte weiterhin Bunt, Glitzer, Disco und 70er machen, das lasse ich mir nicht verbieten.
Was hätten Sie sich von Berlin gewünscht?
Ich hätte es spannend gefunden, wenn man sich einfach alle zusammen an einen Tisch gesetzt und gemeinsam geplant hätte, wie man das in Berlin gut aufstellen kann. Aber die Designer:innen werden vorher gar nicht gefragt, es werden Entscheidungen getroffen, die wir dann alle mittragen müssen. Die letzten drei Saisons wurde ich mit meinem Slot immer wieder genau gegen andere große Labels gesetzt – obwohl der Berliner Kalender eigentlich so entspannt ist, dass alle Designer:innen sichtbar wäre, wenn man die Slots gut einteilt.
Wie gehen Sie selbst mit dieser Konkurrenzsituation um?
Ich strahle lieber gemeinsam mit 20 geilen Designer:innen, als diese Ellenbogentaktik zu fahren. Ich unterstütze auch junge Labels, ich finde die Kreativität in Berlin wahnsinnig. Aber man braucht dazwischen trotzdem ein paar Zugpferde. In Paris gibt es auch die großen und die kleinen Marken, aber das fusioniert sich alles. Bei uns war es dagegen immer schon ein Kampf, leider Gottes.
Was braucht ein Modestandort heute, damit Designer:innen nicht nur kreative Aufmerksamkeit bekommen, sondern auch langfristig tragfähige Unternehmen aufbauen können?
Es braucht eine Zukunftsvision, die nicht nur saisonal plant, sondern mit Substanz aufgebaut ist. Es geht nicht darum, jede Saison eine Förderung abzugreifen, sondern darum, mit jungen Designer:innen auch ein Geschäftsmodell aufzubauen – die kreativste Kollektion hilft nichts, wenn dahinter kein Geschäftssinn steht. Ich habe manchmal das Gefühl, Labels poppen auf, nehmen zwei Saisons lang die Förderung mit, und wenn sie wegfällt, können sie keine Shows mehr machen und versinken wieder.
Man müsste die Labels dauerhaft unterstützen, ihnen Geschäftssinn mitgeben, Workshops anbieten – angefangen bei der einfachen Buchhaltung bis hin zu Orderlieferketten. Das ist ein sehr komplexes Thema, und da bräuchte es mehr Support. Und natürlich braucht es eine gute Infrastruktur für den Modestandort.
Man darf sich aber auch nicht mit anderen Städten vergleichen. Berlin ist Berlin, Paris ist Paris, Mailand ist Mailand. Auf die Frage, warum Berlin nicht Paris wird, sage ich immer: Berlin muss auch gar nicht Paris werden.
Sie zeigten gerade eine Kollektion in München, hat die Stadt aus Ihrer Sicht das Potential, eine größere Rolle als Modestandort einzunehmen?
Das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich schwierig. München wäre natürlich ein wunderschöner Standort, weil es hier viele tolle Locations gibt. In Berlin sind inzwischen fast alle Orte durchgenudelt – man findet vielleicht noch irgendwo einen leeren U-Bahn-Tunnel, aber die großen, guten Locations, in denen man auch gute Gäste unterbringt, sind eigentlich alle schon abgenutzt.
Gäbe es für Sie denn eine realistische Alternative in Deutschland?
Wenn es nicht Berlin wäre, wäre für mich in Deutschland eher Hamburg eine Option, weil es noch etwas internationaler ist als München. München liegt zwar auch gut, weil Österreich, die Schweiz und Italien gleich nebenan sind, und dadurch könnte mehr internationales Publikum kommen. Aber ich weiß nicht, ob es noch eine weitere Fashion Week braucht.
Deutschland liegt nun erstmal hinter Ihnen, der Blick ist nach Paris gerichtet. Erfüllt sich damit ein Lebenstraum?
Für mich ist Paris nach fast 20 Jahren in Deutschland und Berlin natürlich ein Ritterschlag. Ich habe schon zu Beginn viel in Paris gearbeitet und es war immer eine Sehnsucht, ein Traum, aber ich habe mich lange nicht getraut zu glauben, dass ich tatsächlich einmal in Paris zeigen würde, neben Marken wie Dior oder Chanel. Dagegen kann man ja kaum anstrahlen. Aber ich habe mir in den letzten 20 Jahren ein tolles Netzwerk aufgebaut und bekomme regelmäßig Presseanfragen aus dem Ausland, die mich über Instagram entdecken.
Was erwartet die Gäste bei der Show konkret?
Wir zeigen im Hôtel de la Maison, der alten Location rund um Karl Lagerfeld. Das ist wirklich die Erfüllung eines Kindheitstraums – ich habe schon als Kind von Schlössern und Altbauwohnungen mit Stuck geträumt. Es ist wie ein Salon mit bemalten Decken, Stuck, Flügeltüren, riesigen Spiegeln, Fischgrätparkett und goldenen Türgriffen. Die Models werden durch verschiedene Räume wandern, darauf freue ich mich sehr.
Werden Sie vor Ort unterstützt?
Die Agentur, mit der wir zusammenarbeiten, ist eine internationale Produktionsagentur, die Shows in Paris, New York, Kopenhagen, Mailand und London macht. Was ich richtig gut finde: Sie ist komplett in weiblicher Hand. Ich habe immer gern mit Powerfrauen gearbeitet – das hat mir schon meine Mama vorgelebt, die in den 80er-Jahren selbst eine echte Geschäftsfrau war.
Apropos Powerfrauen, wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt zu Ihrer Kundschaft?
Für uns ist der direkte Kontakt auf der Fläche mit den Menschen nach wie vor sehr wichtig. Meine Kollektion ist etwas preisintensiver, weil wir hauptsächlich mit Limited Editions arbeiten, und ich mag den Kontakt zu unseren echten Kund:innen. Ich bin gern nah dran, damit ich weiß, wer meine Sachen trägt. Unser Kundenkreis war von Anfang an für alle offen: jüngste Kundin 14, älteste Kundin 88 – eine große Altersspanne, die bei uns richtig gut funktioniert.
Welche Kanäle sind Ihnen dafür besonders wichtig?
Unsere großen Fans erreichen wir vor allem über unsere Pop-up-Stores und Private-Shopping-Events. Die Modewelt hat sich außerdem verändert: Große Marken zeigen inzwischen nicht mehr jede Saison in derselben Stadt, mal ist es Tokio, mal Paris, mal Sizilien. Wir setzen uns deshalb nicht mehr unter Druck, jede Saison eine Fashion Week zu bespielen, sondern machen künftig Events, die zur Kollektion passen und sie vielleicht anders beleuchten.
Und wie sieht es mit Ihrem Online-Auftritt aus?
Der Onlineshop ist natürlich auch da, eine tolle Visitenkarte zum Reinschnuppern. Er wird jetzt vor Paris komplett überarbeitet und international ausgerichtet: Ab dem 2. Oktober öffnen wir ihn für fast ganz Europa, bisher war er nur für Deutschland, Österreich und die Schweiz verfügbar.
Diese große Altersspanne Ihrer Kundschaft muss man auch erst einmal inszenieren können. Wie wichtig sind Ihnen dabei Themen wie Diversität und Nahbarkeit bei Ihren Shows und Shootings?
Bei uns ist das wichtigste Storytelling, dass bei Shootings und Shows nicht nur Profimodels laufen, sondern auch unsere Kundinnen und Kunden mitlaufen. Bei der letzten Show hatten wir 31 Models, davon elf Kundinnen und 20 Profimodels, und das Publikum hat das gefeiert. Bei uns ist Diversität kein Etikett und keine Werbemaßnahme, sondern wir leben das wirklich. Ich entwerfe eigentlich andersherum als die meisten Designer:innen, die erst die Kollektion fertigstellen und dann die passenden Models suchen: Ich habe schon beim Entwerfen ein bestimmtes Casting im Kopf und designe für jede Person wirklich ein besonderes Piece. Das macht die Kollektion nahbarer.
Wir haben vor rund vier Jahren angefangen, unsere Kundinnen als Musen auf dem Laufsteg einzusetzen, und seitdem den Umsatz deutlich gesteigert – weil es anders ist. Früher kam nach den Shows oft die Rückmeldung, das könnten ja nur große Models tragen. Wir fertigen aber von Größe 34 bis 44, teilweise auch 46, und da findet einfach jeder etwas.
Hat sich dieser Ansatz auch wirtschaftlich ausgezahlt?
Ja, wir haben den Umsatz seither ungefähr verdoppelt.
Sie arbeiten außerdem seit einigen Jahren mit dem Teleshopping-Sender HSE zusammen. Welche Rolle spielt diese Kooperation für Sie?
Diese Zielgruppe und die Kooperation sind mir wahnsinnig wichtig, weil das auch ein Türöffner ist – viele kombinieren die Hauptmarke mittlerweile damit, und das macht Spaß. Klar, das ist die kommerziellere Linie, aber es steckt trotzdem viel Liebe drin, und auch dort ist alles streng limitiert. Es gibt ja Marken, bei denen eine Bluse hunderttausendfach produziert wird. Bei mir ist jedes Stück bei HSE Marcel by Marcel Ostertag auf 500 Exemplare limitiert – aufgeteilt auf Deutschland, Österreich und die Schweiz sind das etwa 150 Stück pro Land.
Wie groß ist denn die Reichweite, die Sie über HSE erzielen?
Über HSE habe ich eine riesige Reichweite, und man fühlt sich dabei wirklich wertgeschätzt, weil alles live und echt ist – man sieht sofort, was sich verkauft. Außer den Shows, die aufgezeichnet werden, wird von 8 Uhr bis Mitternacht live gesendet. Ich bekomme danach viele Nachrichten auf Instagram, wie toll das war und mit Dank. Das Sortiment geht dort bis Größe 48, und interessanterweise sind die Größe 48 und die Größe 34 meistens als Erstes ausverkauft.
Bekommen Sie darüber hinaus auch direktes Feedback von den Zuschauer:innen?
Ja, ich bekomme sehr viel liebevolle Fanpost, in der mir Menschen schreiben, dass sie durch die Sendungen wieder Selbstbewusstsein gefunden haben. Das liegt daran, dass ich in diesen Sendungen nicht nur über das Produkt spreche, sondern die Zuschauerinnen und Zuschauer mitnehme, in etwas Positives, Energetisches – dass sie sich unabhängig vom Alter, ob 20, 40, 60 oder 80, jeden Tag Mühe geben und sich nicht gehen lassen sollen. Das motiviert die Leute, und dafür bekomme ich sehr viel Zuspruch.
Das ist schon mehr als reines Produktgeschäft. Gab es für Sie trotzdem nie Berührungsängste, sich in einem kommerziellen Format zu zeigen?
Nein, Ich schäme mich dafür nicht, ich finde das eher gut. Ich habe damals sogar schon eine günstigere Linie auf der Berliner Fashion Week über den Laufsteg gebracht. Ich habe kein Problem damit, auch kommerziellere Dinge zu entwerfen, denn wir müssen alle von etwas leben.
Die Teile von HSE werden oft zu täglichen Lieblingsstücken. Eine Kundin trägt zum Beispiel noch Teile aus meiner ersten HSE-Kollektion von vor acht Jahren und wird immer noch darauf angesprochen. Genau darum geht es mir: nicht nur Mode für den roten Teppich zu machen, die eine Schauspielerin einmal trägt und verschwitzt zurückgibt, oder einen 2000-Euro-Kaschmiremantel, der in einem Schuhkarton zurückkommt. Ich bin dankbarer für die Menschen, die ein Stück wirklich wertschätzen, es sich gönnen und oft anziehen – gerade in einer Zeit, in der sich das Konsumverhalten verändert hat und Menschen vorsichtiger mit ihrem Geld umgehen.
Gibt es neben HSE noch weitere Kooperationen, auf die Sie besonders stolz sind?
Absolut, wir erleben gerade auch mit Mister Spex eine echte Erfolgsgeschichte: unsere eigene Brillenkollektion, die nächstes Jahr ins fünfte Geschäftsjahr geht. Im Onlineshop haben wir Gucci-Brillen inzwischen überholt – und das in der aktuellen Zeit. Das ehrt mich, dass meine Fans trotzdem dranbleiben und sich immer wieder etwas gönnen. Ich sehe auf Instagram viele Looks von Menschen, die gar nicht besonders modeaffin sind, aber trotzdem unsere Brille tragen und sich dazu einen Trenchcoat bei HSE bestellen.
Glauben Sie, dass auch die Tatsache, dass Sie sich visuell immer treu geblieben sind und konsequent in Ihrer Identität geblieben sind, eine Rolle dabei spielt, dass Ihnen die Menschen gegenüber so treu geblieben sind?
Ich denke, es ist eine Mischung aus Treue zu mir selbst, der Qualität, die wir liefern, und der Nahbarkeit. Am Anfang hieß es oft, warum ich mich so oft im Fernsehen zeige, ich sei doch Showmaster und nicht Designer. Aber Deutschland ist keine Modenation – hier gibt es nicht diesen Hype, dass ein Designer entdeckt wird und plötzlich alle bei ihm kaufen, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Deshalb war es mir wichtig, mich auch als Person in den Medien aufzubauen und die Menschen ein Stück hinter die Kulissen blicken zu lassen. Das hat gut funktioniert.
Sie haben eben erzählt, wie wichtig es Ihnen war, sich auch als Person in den Medien aufzubauen. Ist die Show in Paris für Sie in erster Linie auch eine Marketing- und Pressemaßnahme oder spielt hierbei die Expansion über Deutschland hinaus, die Sie zuvor angesprochen haben, eine größere Rolle?
Beides, für uns macht die Expansion nach Europa jetzt Sinn, weil wir über Paris auch internationale Presse generieren werden, und zwar nicht wenig – das weiß ich, weil ich die Agentur schon länger beobachte und sehe, für welche Marken sie noch arbeitet und welche Pressepräsenz die bekommen. Es geht uns dabei nicht darum, wahnsinnig schnell zu wachsen, sondern einfach darum, eine neue Zielgruppe zu gewinnen, die auch gerne Couture kauft.
Wir zeigen in Paris auch Couture, obwohl hier im Oktober eigentlich Prêt-à-porter gezeigt wird, mit Kollektionsstücken wie einer komplett handbestickten Jacke für rund 8000 Euro. Diese Kundschaft gibt es in Deutschland eher weniger als in Frankreich oder Italien, wo Mode noch einmal ganz anders gelebt wird und man sich abends deutlich mehr in Schale wirft als bei uns. Bei uns wird man, wenn man sich schick macht, eher gefragt, ob man schon wieder einen neuen, sicher teuren Look trägt, oder man fühlt sich overdressed, weil alle anderen casual oder in Schwarz unterwegs sind.
Da hoffen wir natürlich, dass ein paar Sonderanfertigungen dazukommen und uns jemand Neues entdeckt. Wir arbeiten ohnehin viel auf Anfrage, Anfertigung und Maß.
Sprechen wir einen Moment über die Fertigung, wo werden Ihre Kollektionen aktuell kreiert?
Wir arbeiten mit einem Maßatelier in Polen zusammen. Das mussten wir leider ins Ausland auslagern, weil die Handwerkskunst in Deutschland leider nicht mehr wirklich gepflegt wird. Die Schneidereien sterben aus, es gibt kaum Nachwuchs, und die verbliebenen Betriebe werden zunehmend wählerisch.
Eine Schneiderei hat mir zum Beispiel gesagt, ein bestimmtes Material sei ihr zu anstrengend zu verarbeiten. Das fand ich erstaunlich, weil wir viel mit Deadstock-Materialien arbeiten – ich habe einen Agenten in der Nähe von Treviso, der bei großen Modehäusern wie Armani, Prada, Margiela oder Chloé die Stoffüberhänge aufkauft, darunter auch besonders schöne Seide. Als ich eine solche Seide in Produktion geben wollte, wurde sie einfach zurückgeschickt, da man keine Seide mehr verarbeiten wolle. Also haben wir den Produzenten gewechselt und sind nach Polen gegangen.
Wie unterscheidet sich die Qualität in Polen denn von deutschen Betrieben?
Handsticken und Handstricken sind in Deutschland praktisch ausgestorben, der Nachwuchs fehlt, und die meisten Strickproduktionen, etwa im früheren Thüringer Raum, gibt es nicht mehr. Polen ist inzwischen sehr stark aufgestellt: Die Menschen dort arbeiten ambitioniert, übernehmen vor Shows und Pop-ups sogar Wochenendschichten, damit alles fertig wird, und liefern mittlerweile eine bessere Qualität. Das ist einfach eine andere Arbeitsmentalität.
Was hat sich für Sie in den vergangenen 20 Jahren sonst noch am meisten verändert?
Der Social-Media-Boom natürlich. Den habe ich am Anfang ein Stück verpasst, weil mein damaliges Management meinte, das sei nur eine Blase, die wieder platzen würde, und ich mich darum nicht kümmern müsse.
Es hat sich aber auch ganz handfestes für Sie etwas verändert. Sie sind ja zuletzt von Berlin nach Bayern gezogen. Beeinflusst das Ihren Designprozess?
Ja, wir sind aus Berlin weggezogen und haben auf einem Bauernhof ein schönes, altes Fachwerkhaus mit zwei Etagen gefunden. Zum ersten Mal habe ich mein eigenes Büro und Atelier, in dem ich in Ruhe arbeiten kann.
Früher hatten meine Mitarbeitenden die guten Arbeitsplätze im Atelier, und ich habe meistens zu Hause am Küchentisch gearbeitet. Jetzt kann ich wieder richtig große Moodboards bauen und Stoffe an die Wand hängen, wie damals noch auf der Uni – dafür hatte ich in Berlin keinen Platz, weil mein Team das Atelier komplett in Beschlag genommen hatte. Der Umzug von Berlin nach Bayern nach neun Jahren gibt uns gerade eine ganz frische Energie. Wir wohnen jetzt auf einem Bauernhof im Altmühltal – ein wirklich schöner Lebensabschnitt.
Ist Ihr Team mit nach Bayern gezogen?
Nein, leider nicht. Sie sind in Berlin geblieben und arbeiten jetzt aus dem Homeoffice. Ich fahre etwa alle sechs Wochen nach Berlin, dort machen wir dann Workshops für die Kollektionen. Ich bin noch ziemlich oldschool und mache alles per Hand, wirklich noch Bleistiftzeichnungen – mein Team übernimmt dann den digitalen Part.
Sie hatten vorhin erwähnt, dass Sie viel mit Deadstock-Materialien arbeiten. Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit denn generell für Sie und Ihre Kundschaft?
Wir arbeiten von Anfang an auch an nachhaltigen Projekten und Produktionen, aber das ist der Kundschaft ehrlich gesagt oft egal – wir machen es trotzdem. Am Ende geht es meistens um den Look: Wenn er gefällt, wird gekauft. Ich hatte gehofft, dass die Kundschaft durch die ständige Berichterstattung in den Medien nachhaltiger denkt, aber am Schluss geht es in Deutschland doch oft ums Geld.
Es gibt hier sehr viele Sparfüchse, die auf einen Sale warten, selbst wenn das Geld eigentlich da wäre – das hat sich in den letzten 20 Jahren leider verändert. Seit der Werbekampagne „Geiz ist geil” ist Deutschland noch geiziger geworden, und mittlerweile gibt es viel zu viele Sales: Season-Sale, Sommer-Sale, Oster-Sale, eigentlich nur noch Reduzierungen. Früher gab es nur den August- und den Januar-Sale, und es ist auch völlig in Ordnung, am Ende der Saison alles abzuverkaufen. Aber wenn schon im April der erste Sale beginnt, ergibt die Sommerkollektion keinen Sinn mehr, weil der Sommer im April noch gar nicht da ist. Der Rhythmus hat sich da leider in eine negative Richtung entwickelt.
Wie reagieren Sie darauf mit Ihrer eigenen Kollektion?
Wir liefern Winterware inzwischen im September und Sommerware im März aus – auch das hat unseren Umsatz noch einmal angekurbelt, weil die Ware dann verfügbar ist, wenn man sie wirklich braucht.
Abschließend, gibt es einen Traum, den Sie sich in den vergangenen 20 Jahren noch nicht erfüllt haben?
Ich würde sehr gerne einmal ein Kampagnen-Shooting in Sizilien oder Apulien realisieren, das wollte ich schon immer machen. Wir machen dieses Jahr über Weihnachten und Silvester auch einen dreiwöchigen Roadtrip durch Italien bis nach Apulien hinunter. Ich liebe das im Winter, weil dort dann schon Frühling herrscht und nichts los ist. Dabei schauen wir uns auch schon ein bisschen nach möglichen Locations um.
Ob wir Paris regelmäßig bespielen oder irgendwann auch etwas in Mailand machen, wissen wir noch nicht – das lassen wir auf uns zukommen. Ich glaube, gerade ist erst einmal das Gefühl der Freiheit angekommen, nachdem wir aus dem Berliner Kalender heraus sind. Wir lassen uns jetzt einfach treiben. Bei uns ist es immer so: Es entsteht ein Energiefluss, und dann geht die nächste Tür wieder auf.
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