Antwerp Fashion Festival: Alte und neue belgische Mode im Scheinwerferlicht

Seit fast zwanzig Jahren gab es keine so umfassende Feier der belgischen Mode mehr.
Mode
Arbeit von Jaden Li im Museum KMSKA Credits: Anna Roos van Wijngaarden
Von Anna Roos van Wijngaarden

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Außer dem Gong ist es totenstill in der Kuppel des Botanic Sanctuary in Antwerpen. Ein summendes Volumen erfüllt den Raum, eine hohe Frauenstimme setzt ein. Daneben spielt ein Mann auf exotischen Instrumenten. Das erste Model erscheint in tiefer Besinnung – die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Blick auf die Füße gerichtet. Es trägt eine locker fallende Hose mit einer schwarzen Weste, die von einem zarten, moosgrünen Seidenfaden zusammengehalten wird.

Was sich danach abspielt, gleicht einer Familienaufstellung. Jedes Model erhält einen Platz im Raum und den Auftrag, sich zu den anderen in Beziehung zu setzen. Dies geschieht mit der Theatralik einer Show des Designers John Galliano: lange Schritte, alles in Zeitlupe. Zwei Herren in komplementären Outfits drehen sich umeinander. Leder und Lack stehen sich gegenüber. Dabei treffen Perserteppiche auf Kimonos, Schahs und Geishas. An einer Herrenweste aus brokatartigem Blumenstoff hängen flauschige Ärmel aus Kunstpelz. Der hierfür verantwortliche Designer, Nadav Perlman, Absolvent der Königlichen Akademie von 2021, will mit seiner Mode Brücken schlagen. Er möchte Kulturen, unterschiedliche Menschentypen, Gegenwart und Vergangenheit verbinden.

Nadav Perlman präsentiert auf dem Antwerp Fashion Festival. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

Erlebnis

Mit Perlmans Performance wird das Antwerp Fashion Festival am Freitag, dem 5. Juni, offiziell eröffnet. Er ist eines der Talente, die Antwerpen zu einer Modestadt machen. Das gute Image der belgischen Mode haftet noch zu sehr am Erfolg der ‘Antwerp Six’ von vor vierzig Jahren. Mit dem Festival, das vom 4. bis 7. Juni stattfindet, feiert die Stadt neben diesem Erbe auch einen frischen Wind.

An 85 Orten gibt es Präsentationen, Installationen, Vorträge und Ausstellungen zu sehen. Auch speziell dekorierte Schaufenster laden zum Bestaunen ein. Die Stationen sind an Schildern in Primärfarben – Giftgelb, Petrol, leuchtendes Pink – mit dem kursiven Schriftzug ‘Antwerp Fashion Festival’ zu erkennen. Seit 2009 hat es nichts Vergleichbares gegeben, daher ist der Andrang groß.

Das Programm zeigt die fortschrittlichen Absichten der Organisation, die vom Flanders District of Creativity geleitet wird. Letztendlich soll der belgische Einzelhandel angekurbelt werden. Zuerst muss jedoch das Bild der zeitgenössischen, unabhängigen belgischen Mode geschärft werden. Daher liegt der Fokus auf einem breiten Publikum, das neben Kleidung auch Kunst und Erlebnisse umfasst.

Eine ‘Modewoche’ sollte es nicht werden, erklärt Elke Timmermans. Sie half bereits dabei, die Berliner Modewoche mit aufregenden Show-Locations und Community-Building aufzufrischen. Diese Blaupause brachte sie mit. „Wir sind viel zu nah an Paris. Es gibt kein Interesse an einer weiteren Fashion Week.“ Stattdessen suchte Flanders nach einem Ansatz, auf den sich die Modestadt aus Kultur und Wirtschaft stützen kann.

Die Besucher:innen reisen aus Frankreich, England, Italien und den Niederlanden an. Ambrose Jude Van Tiberias, ein Allround-Kreativer in der Modebranche, ist beeindruckt. „Im Vergleich zum kommerziellen Charakter in Amsterdam basiert die Mode hier mehr auf Handwerk. Ich spüre eine Art Funken der Freude – es gibt Hoffnung und Zukunftspotenzial für eine eigene, kreative, unabhängige Industrie. Das Niveau der Mode, das es hier gibt, existiert in Amsterdam nicht mehr.“

Zugänglicher als Paris

Bei der intimen Präsentation von Jan Jan van Essche im Muziekmuseum Vleeshuis sammeln Bas Slootman und Alexandra Schott Inspiration für ihre neue Modeplattform Arcatype. Die Designer:innen stehen oft neben ihren Arbeiten, was einen Mehrwert schafft, finden sie. „Wenn man ihre Geschichte so direkt hört, versteht man die Designphilosophie besser. Selbst wenn es nicht ganz die eigene Ästhetik ist, kann man den Gedanken dahinter wertschätzen.“

Eine intime Präsentation von Jan Jan van Essche im Muziekmuseum Vleeshuis. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

An der belgischen Mode finden sie die Eleganz faszinierend. „Davon ist in den Niederlanden ziemlich wenig übrig geblieben.“ Slootman verweist auf die Installation von Kié Einzelgänger in der Galerie von Tommy Simoens. Diese befindet sich in einem verfallenen Handelshaus, das sich über vier Etagen erstreckt. „Die Qualität der Kleidung war unübertroffen und das Konzept gut durchdacht. Es hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.“

Für Schott ist die Stadt eine Erleichterung im Vergleich zum hochmütigen Paris. Sie studierte Modedesign in New York und sucht auf dem Festival nach anderen Perspektiven. „Antwerpen bietet Zugänglichkeit. Es ist weniger konfrontativ als Paris mit all seinen Luxushäusern. Designer:innen können das Modebild dadurch leichter herausfordern.“

Installation ‘Evidence’ von Modedesigner Kié Lee. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

Herz der Stadt

Das Festival ist auch eine Hommage an die Stadt und ihre Architektur. Marie Bernadette Woehrl führt ihre Theaterperformance mit Tänzer:innen und Operngesang im strömenden Regen auf. Der Schauplatz ist ein alter Schlossgarten hinter dem Kunstzentrum Ercola. Im Huis Happaert zeigt die Modemarke Bernadette von Mutter und Tochter Bernadette und Charlotte De Geyter einen kurzen analogen Modefilm: ‘The Hostess’. Vor der Vorführung hebt man einen schweren Samtvorhang an. Dahinter sind die eleganten Kleider der gelangweilten Hauptfiguren ausgestellt.

Ein echter Anziehungspunkt ist La Collection: zeitgenössische Mode in einem imposanten Avantgarde-Gebäude der Juweliersfamilie Ruys, entworfen vom Architekten Ferdinand Truyman. Im Erdgeschoss stehen Drapierungen aus Hanfseide und scharf geschnittene Sakkos neben historischen Nähmaschinen, Flakons und Jugendstil-Gittern. Die Verkäuferin ist sehr beschäftigt, kann aber nicht sagen, ob ein so ablenkendes Denkmal auch zu mehr Verkäufen führt.

Marcel Sommer gab sein düsteres Debüt in der Kirche. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

Antwerpen ist ein Synonym für Stattlichkeit. Es ist eine historische Hafen- und Handelsstadt und die Heimat von Peter Paul Rubens und der Diamantenindustrie. Gleichzeitig manifestiert sich ein ebenso reichhaltiger moderner ‘Vibe’: in Design-Konzept-Stores, zahlreichen Cafés und der gewellten Glasfassade des Provinciehuis, wo Christian Wijnant auf dem Dach seine Show zeigt. In den prominenten Galerien an der Waalsekaai – insbesondere der von Sofie van de Velde – kann man diesen Monat Skizzen von Walter van Beirendonck für 700 Euro pro Stück erwerben.

Das aufstrebende Talent Julie Kegels erklärt ihre Arbeit mit einer Kunstinstallation in der modernen Cour Gallery. Für ‘After Work’ verwandelte sie den Raum in das Wohnzimmer ihrer hypothetischen Kundin – einer vielbeschäftigten Frau, die immer unter Strom steht. Außerdem macht sie sich über die Art und Weise lustig, wie die Modebranche alles ästhetisiert: Make-up-Flecken auf dem Bett, ein verirrter Stiletto. Eine künstlerische, mutige Wahl, denn es wird keine neue Mode gezeigt.

Installation ‘After Work’ von Julie Kegels Credits: Anna Roos van Wijngaarden

Talent

In drei Tagen wird den Besucher:innen vielversprechendes Talent geboten. Marcel Sommer gibt sein düsteres Debüt in der Kirche, mit grellem Gegenlicht, das wie das Fegefeuer aus den Kulissen scheint. Florentina Leitner baute eine verspielte Installation für das MoMu: Models auf einer Burg aus Silberfolie, ein Kuscheltier unter dem Arm. ‘You are a Star’ steht auf dem T-Shirt. Tom Van Der Borght belebte das Einrichtungshaus Donum mit inklusiven Schaufensterpuppen. Außerdem stattete er die Bahnhofshalle von Antwerpen-Centraal mit einem aufblasbaren Kunstwerk aus: einem Ponyfisch von der Länge eines Busses.

Inklusive Schaufensterpuppe von Tom Van Der Borght Credits: Anna Roos van Wijngaarden

Das Kunstmuseum KMSKA ließ frischgebackene Absolvent:innen Mode zu selbst ausgewählten Kunstwerken entwerfen. Einige von ihnen nehmen auch an ‘The Carousel’ teil. Das ist eine digitale Modenschau auf freistehenden Bildschirmen, entworfen von Shoottheartist und finanziert von Porsche. Sie findet draußen auf der Straße statt, auch für Menschen aus den Vororten. „Das finde ich großartig“, sagt Modefotograf und Produzent Bjorn Tagemose. In der Kuppel spürt er den Geist der Antwerpener Sechs wieder, insbesondere den von Marina Yee.

„Genau wie diese neue Generation wollte sie alles geben. Auf der Messe in London vor vierzig Jahren standen die Sechs im ersten Stock und niemand kam, um sie zu sehen. Es war Marina, die damals nach unten ging und alle nach oben holte. Daraufhin schrieb die englische Presse: Das ist Underground. Was dort passiert, ist cool.“ Dasselbe Gefühl hat er bei neuen Gesichtern wie Pommie Dierick, Facon Jacmin und Mattia van Severen.

The Carousel, eine digitale Modenschau auf freistehenden Bildschirmen nach einem Entwurf von Shoottheartist. Credits: Anna Roos van Wijngaarden
Ein Kleid von Pommie Dierick im Kunstmuseum KMSKA. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

Es ist eine hohe Kunst, das Antwerpener Mode-Erbe mit dem Neuen zu verbinden. Die Ausstellung über die Antwerpener Sechs im MoMu ist im Programmheft leuchtend pink markiert. Junge Talente fühlen sich dadurch ermutigt, in ihre Fußstapfen zu treten. Bei der ausverkauften Show der Akademiestudierenden, die am Wochenende zweimal stattfand, kehrt dieses Gefühl zurück. Die Studierenden hoffen, mit dem Aktivismus von Yee – einer Pionierin im Upcycling von Vintage-Schätzen – und der reichen Materialität bei Dries van Noten in Verbindung gebracht zu werden. Diese ist von historischen Referenzen durchdrungen, ohne dabei altmodisch zu wirken.

Tristan Stieners ist einer der Master-Absolventen der Antwerpener Modeakademie. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

W wie Walter

Und was wäre Antwerpen für eine Modestadt ohne Walter van Beirendonck? Diese Frage hat er sich auch selbst gestellt. Er beantwortete sie mit einem Heimspiel für seine 40-jährige Jubiläumsshow in einem baufälligen Boerentoren am Donnerstagabend. Absätze sind verboten, Tickets schwer zu bekommen. Die Show findet im siebten Stock statt. Schon vor und während der Show gibt es lauten Applaus von langjährigen Weggefährt:innen – eine gerührte Ann Demeulemeester sitzt in der ersten Reihe.

Überschwänglich fröhliche Strickwaren aus vierzig Jahren Schaffen ziehen auf dem grauen Betonboden vorbei. Die Palette reicht von langen Pullovern mit Protesttexten gegen die Manosphere (‘Bad Bad Boys’, Herbst/Winter 1986/1987) bis hin zu Ganzkörper-Blumenstrick in ‘Scarecrow’ (Herbst/Winter 2026/2027). In den Shownotes stellt Van Beirendonck Freude und Hoffnung in den Vordergrund. Tonight I'm showing 40 years of dreams. The masks, the monsters, the lovers, the warriors, the dreamers. 40 years of fantasy with a fist.

Die 40-jährige Jubiläumsshow von Walter van Beirendonck Credits: Anna Roos van Wijngaarden

In vielerlei Hinsicht ist er der strahlende Mittelpunkt des Festivals. Das liegt an seiner Kollektion und seiner Anwesenheit bei anderen Veranstaltungen, wo er mit Besucher:innen spricht und die Mode feiert. An seiner Präsentation sei nichts Nostalgisches, erklärt er später bei Sofie van de Velde. Seine Show beweist, dass Vorstellungskraft kein Alter kennt und Mode eine wichtige Funktion hat. „A whole life can be spent dreaming the world awake.“

Die Galerie Sofie van de Velde stellt die Skizzen von Walter van Beirendonck aus und verkauft sie. Credits: Anna Roos van Wijngaarden

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