Berlin, Berlin, Du bist so sonderbar - Wie die Modewoche begann und nie ganz erwachsen wurde

Nun hat Deutschland zwei Fashion Weeks – in Berlin und Frankfurt. Die Ereignisse der vergangenen Tage haben sich überschlagen – erst eine Nachricht am Sonntagabend, Messen Premium und Neonyt gehen nach Frankfurt, dann folgend eine Pressekonferenz in Frankfurt am Montag, danach die Mitteilung der Berliner Agentur Nowadays, dass die Schauen doch weiterhin in der Hauptstadt bleiben. Eine turbulente Woche für die deutsche Modeszene.

Wie alles begann...

Ich kam zum ersten Mal nach Berlin in 2006, nachdem ich schweren Herzens meine Wahlheimat London verlassen hatte. Schwermut wechselte aber schnell in Begeisterung über; Berlin war eine einzige Baustelle – mit so viel Potential, so viel Zukunft.. Man spürte diese ungestüme Energie, dieses Versprechen, diese Unvollkommenheit, „arm aber sexy“.. Das war für mich „the place to be“, Zeugin der Entstehung eines neuen Mekka für alle Kreativen der Welt zu sein. Eine unvergessliche Zeit.

Meine erste Bread & Butter Messe habe ich 2006 in Spandau erlebt. Schon allein bei der Einreise sah ich so viele coole und schräg angezogene Menschen wie nie zuvor. Auch nicht mal im mittlerweile angepassten, gebügelten, von Investmentbankern und Exil-Oligarchen geprägten London. Auch die damals noch kleine Edition der Premium am Potsdamer Platz mit etwa 22 Labels hatte etwas Unkonventionelles, Erfrischendes. Ich lernte später alle wichtigen Akteure dieser Szene persönlich kennen. Alle waren jung, hoffnungsvoll, und glaubten beharrlich an die Idee, Berlin als Modestandort sei unschlagbar.

Berlin, Berlin, Du bist so sonderbar - Wie die Modewoche begann und nie ganz erwachsen wurde
Bild: Messe Bread & Butter

Es kamen die ersten Schauen – erstmal im Rahmen der damaligen Ideal Plattform für junge Designer der ersten Generation in diesem neuen Berlin, gegründet von Unternehmerin Sumi Ha. Sie betreibt mittlerweile ein Restaurant in Mitte, Career made in Berlin und irgendwie typisch für Berlin.

Bereits 2007 organisierte ich die Ausstellung ‘Catwalk Takes to the Street’, wo ich die Fotos von zwei Street-Style-Blogs aus London und Berlin zeigte, und zwar in einer tollen Location: C/O Berlin in der Augustenstraße. Am nächsten Tag kam eine Besuchergruppe – es war das Team von der Agentur IMG und der wunderbaren Lilly Daskalov, sie wollten ein paar Bilder für das neue Büro haben. Die Fashion Week Berlin sollte sich bald etablieren, die ersten Weichen wurden gestellt.

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Bild: Designer Scouts Berlin Fashion Week

Den Sommer 2007 werde ich nie vergessen, die Schauen am Brandenburger Tor, und die legendäre Aftershow-Party von Boss in der russischen Botschaft mit Kaviar, Wodka, Blinis, und singenden Kosaken. Eine im Hinterhof versteckte Lenin-Statue diente als beliebter Hintergrund für skurrile Fotos, und der Lichtkünstler Gert Hof führte eine beeindruckende Show mit dem Titel ‘The Red Flowers of Baudelaire’ vor. Das volle Paket.

Aufregende Zeiten

Bald wurde die Stadt zum neuen Epizentrum der unkonventionellen Mode in Europa. Ich erinnere mich noch an die zahlreichen Appelle der Premium-Gründer Norbert Tillmann und Anita Tillmann an den Berliner Senat. Das Duo setzte sich stark dafür ein, eine eigene Modewoche zu etablieren – was dann 2007 tatsächlich geschah. Anita Tillmann war nie müde, ihre Liebe zur Hauptstadt zu erklären, sie steckte jeden mit ihrer Begeisterung an, diese junge Frau hatte damals so viel Energie, so viel Kraft, so viel Überzeugung, dass aus Berlin was wird.

Bald wurde auch klar – Berlin hatte sich tatsächlich als ein faszinierender Mix aus Streetwear, Avantgarde und kommerzieller Mode etabliert. Später kam auch der nachhaltige Gedanke dazu, als Nachhaltigkeit langsam zum Mainstream wurde. Und High-Tech natürlich. Berlin wurde auch zur innovativsten Plattform Deutschlands mit einer aufregenden Startup-Szene, die auch von der Fashion Week profitierte.

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Bild: MBFW Testimonial Tilda Swinton

Ich erinnere mich an viele schöne Dinge: Tilda Swinton als Testimonial, Hilary Swank, Sienna Miller, Modekritikerin aus New York Suzy Menkes, die von den Türstehern von Bar Tausend zu einer Party nicht hineingelassen wurde. Das passierte auch dem Ex-Beatle Paul McCartney, aber das gab allen Meckerern und Neidern natürlich einen Grund zu sagen – aus Berlin wird nichts. Nicht mal die internationale Presse wird hier erkannt. Darüber kann ich nur müde lächeln. Man weiß nie, was man hat, bis es nicht mehr da ist. Die legendäre Michalsky Sause im Tempodrom, die Dandy Diary Fashion Week Parties, der Gala Fashion Brunch, wo alle sich leicht verkatert trafen und die Fashion Week Revue passieren ließen, Hotspots Borchardt, Grill Royal, Bar Tausend, Kingsize... Parties, Parties, Parties, aber auch gute Gespräche und inspirierende Begegnungen, die zweifelsohne die Modebranche in Deutschland beflügelten.

Das schwieriges Verhältnis zur Mode und die Lasten des Erwachsenwerdens

Als ich 2012 nach München ging, schon wieder schweren Herzens, habe ich Berlin fürchterlich vermisst. Ich hatte so etwas wie Heimweh, kam jedes halbe Jahr zur Fashion Week – die stets erwachsener, kommerzieller, strukturierter wirkte. Das, was die Kritiker der Modewoche und der Modestadt Berlin immer wollten. Werde endlich erwachsen, seriös – und langweilig. Große Marken gingen weg, wie Boss nach New York etwa. Solide Marken blieben: Laurèl, Strenesse, Odeeh – auch die neue Generation wie William Fan, Marina Hörmanseder oder Nobi Talai. Letzten Endes blieb Berlin spannend, und – relevant. Auch bezeichnend für immer ein noch krampfhaftes Verhältnis Deutschlands zur Mode - perfekt widergespiegelt in den Medienstimmen. Schwer, belastend, nicht organisch. Manchmal ungeduldig.

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Bild: Designer Scouts Berlin Fashion Week

Nun gehen die Messen nach Frankfurt. Verständlich, “the business must go on”. Was mich bei der ganzen Geschichte persönlich stört – mit dem gleichen Enthusiasmus wie vor 15 Jahren in Berlin versuchen die Initiatoren der Frankfurt Fashion Week und Premium-Macher uns klar zu machen, die hessische Hauptstadt sei jetzt ‘the place to be’. International, modisch, interkulturell. Mag sein, ich gönne es Frankfurt. Man kann aber den Geist der Stadt, die Geschichte, auch die Menschen nicht ohne Weiteres austauschen.

Viel Erfolg Frankfurt! Und ich sehe Dich wieder, Berlin. Mit viel Liebe.

Geschrieben von Natasha Binar. Die studierte Betriebswirtin und Soziologin mit Tech-Background arbeitete als Projektleiterin bei Sky Interactive und dem British Fashion Council. Heute berät Natasha Binar als Marketing-Expertin Unternehmen und Designer, schreibt für verschiedene Fachmedien und unterrichtet an der AMD Akademie Mode & Design in München.

Bildquellen: MBFW Berlin, private Archivaufnahmen der Autorin

 

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