Berlin Fashion Week: Stromauf oder -abwärts?

Meinung. Im Januar 2018 ging die Berlin Fashion Week in ihr fünfzehntes Jahr – niemand hielt es 2003 für möglich, dass sich das, was mit der Bread & Butter Berlin und der Premium in der damals totgesagten Modediaspora begann, als Modestandort etablieren würde. Die Unkenrufer von damals wurden Lügen gestraft, Berlin ist gesetzt. Noch.

Trotz des vermeintlichen Erfolgs und der Bemühungen der Akteure aller Couleur lassen sich die Fakten nicht leugnen: Das, was Berlin sein möchte, ist es nicht, das muss man feststellen, ohne es zu kritisieren wohlbemerkt. Es hat einen Moment gedauert, bis ich mir ein Bild – das natürlich von persönlichen Eindrücken und Erfahrungen geprägt ist – über die vergangenen Tage in Berlin machen konnte. Und wollte. Es bedurfte des Austauschs mit verschiedenen Playern der Branche, etwas Abstand und vor allem Unvoreingenommenheit.

Berlin ist Mainstream. Und das ist gut so!

15 Jahre haben Spuren hinterlassen – im Handel, und damit auch in Berlin und auf seinen Veranstaltungen. Fakt ist: Berlin ist Mainstream. Und das ist gut so! Die Messe-Formate entsprechen der deutschen Handelslandschaft, sie spiegeln die Mitte, den Mainstream – was nichts anderes heißt als „Hauptströmung“ – schlecht? Nö, denn es ist das, was der hiesige Handel ist und der deutsche Händler sucht – viel modische Mitte, Einstiegssegment Premium, ein bisschen Streetwear, ein bisschen Heritage, ein bisschen Modedesigner. Von Kaufhaus über Jeans-Store bis hin zur Boutique ist alles vertreten. Spitzen? Verschwindend gering, aber die fasst das Gros der Einzelhändler eh kaum an. Das Luxussegment trifft sich an den gelernten – und historisch etablierten – Modestandorten, Paris und Mailand, auch London und New York.

Paris… das leidige Thema! Und für viele der kalendarische Grund, auf Berlin zu verzichten. Berlin-gemachter Umstand, auf Kosten der Besucherzahlen, besonders dann, wenn die vormals gerühmte Inspiration der Grund des Besuchs war. Findet man die noch? Geht man durch die Straßen und Stores der Hauptstadt fragt man sich: Wo ist das, was Berlin seinerzeit ausmachte? Die urbane Underground-Stimmung… weg! Das Bild unterscheidet sich kaum von anderen deutschen Städten – auch Berlin wird erwachsen. Immer noch ist Berlin eine Reise wert, natürlich. Die internationale Modeszene vergnügt sich gerne im Berghain, aber: außerhalb des Modekalenders.

Eine deutschsprachigen Veranstaltung

Italienisch hörte man hier und da, doch – das bestätigten auch diverse Aussteller – kamen 90% der Besucher aus dem deutschsprachigen Raum. Kurzfristig ein Hotelzimmer? Kein Problem! Als ich erst am 14. Januar besorgt ein Zimmer suchte… hatte ich freie Auswahl. Am Dienstagabend klagte mein Taxifahrer – eine Hundertschaft wartete nachmittags in „weiser“ Voraussicht vor den Hallen der „Panorama“ auf Kundschaft, stundenlang vergeblich, und verzeichneten große Einbußen. Ähnlich sieht es, selbst in den namhaftesten, Szene-Restaurants aus.

Berlin Fashion Week: Stromauf oder -abwärts?

Ist das alles schlimm? Ist es verwerflich? Braucht man Berlin? Im Juli 2005 wurde der Bread & Butter Berlin mit „nur“ 20.000 Besuchern der Erfolg abgesprochen. Heute reicht das, denn die Zeiten sind andere. Schrumpfende Besucherzahlen sind – im Zuge der Entwicklung im Handel – selbsterklärend. Dass die Berlin Fashion Week sich zur deutschen bzw. deutschsprachigen Veranstaltung wandelt muss man auch nicht verstecken, schließlich ist Deutschland immer noch der wichtigste Markt in Europa.

Gemeinschaftsgefühl und persönliche Note verschwunden

Also alles gut. Doch eins fehlt: das Gemeinschaftsgefühl. Und das hat Karl-Heinz Müller seinerzeit geschafft. Bread & Butter stand für ein internationales Klassentreffen, ein fester Termin, auf den man sich freute – auf den Austausch mit Kollegen, Mitbewerbern und Gleichgesinnten aus aller Welt und, ja, auch aufs gemeinsame Feiern. War Berlin damals Motivation ist es heute eher Pflichttermin. Schade eigentlich, aber andere Zeiten, andere Sitten.

Fest steht, alles ist im Fluss, das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. Die neuen Eigentümer der Premium Exhibitions GmbH werden den Wandel maßgeblich beeinflussen, denn jedem Branchenkenner, der eins und eins zusammenzählen kann, dürfte – jenseits offizieller Presseerklärungen – klar sein, dass das Gesicht der Premium in absehbarer Zeit ein anderes sein wird. Sie wird schlicht keines mehr haben. Und damit verschwindet die letzte persönliche Note im Berliner Modezirkus, es wird nicht mehr kuratiert sondern verkauft. Aber: Jeder Trend hat seinen Gegentrend – was Anfang der 2000er Jahre niemand mehr wollte, ist jetzt wieder „en vogue“: Messe statt Event, Profit statt Fun, Prosecco statt Champagner, Bockwurst statt Sternekoch. Es bleiben die, die ausreichend besucht werden. Warum nicht die Fashion Tech? Hier kann Deutschland, als führende Nation in Sachen Technologie und Technik, scheinbar punkten.

Der Krug geht so lange zu Boden, bis er bricht. Ob‘s den Strom auf- oder abwärts geht wird sich weisen. Einfacher wird es nicht, und den Akteuren mag man Joseph Beuys mit auf den Weg geben: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“ Lassen wir uns also überraschen.

Danielle De Bie gehört zum Gründer-Team der BREAD & BUTTER BERLIN. Heute arbeitet sie als Marketing & Communication Consultant sowie als freie Journalistin und Übersetzerin. Sie betreut u.a. Kunden aus Handel, Industrie und Medien.

Dieser Text gibt die Meinung des Autors wieder und spiegelt nicht grundsätzlich die von FashionUnited wider.

Foto: Fashion HAB Runway Moods - Fashion Council Germany, Premium Exhibitions GmbH
 

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