Das Wunder des Waid: Vom Samen zur Farbe
Im nassen Frühjahr 2024 kam Roua Alhalabi vom Roua Atelier mit einem Glas voller Waidsamen zur Fashion Farm in den Niederlanden. Aus Gesprächen über Pflanzen, Pigmente und über die Jahrhunderte verloren gegangenes Textilwissen entstand eine einfache Idee. Was wäre, wenn wir diese historische Färberpflanze gemeinsam hier auf unserem Hof aussäen würden? Einfach zwischen dem Gemüse im Biogarten, neben den Bohnen und dem Spinat.
Damals konnten wir nicht ahnen, dass diese unscheinbare Pflanze eines der einzigartigsten und meistdiskutierten Experimente auf der Fashion Farm maßgeblich beeinflussen würde.
Verwandlung vor Ihren Augen
Wenn man vor einem Waidfeld steht, sieht man keine blauen, sondern dunkelgrüne Blätter. Nichts an der Pflanze verrät, dass sie jahrhundertelang für eine der beliebtesten Farben der Textilgeschichte verantwortlich war: Indigo.
Hunderte von Jahren lang war Waid die Hauptquelle für Blau in Europa. Lange bevor es synthetische Farbstoffe gab, verwendeten Färbereien die Blätter dieser Pflanze, um Stoffen ihre charakteristische blaue Farbe zu verleihen. Das besondere Pigment fand sich überall wieder, von Arbeitskleidung bis hin zu kostbaren Textilien.
Das Besondere an der Waidpflanze ist, dass die Farbe im Blatt nicht sichtbar ist. Das Blau ist verborgen. Es wird erst durch einen sorgfältigen Prozess aus Ernte, Fermentation, Oxidation und der Vorbereitung eines Färbebades freigesetzt. Etwas, das so gewöhnlich aussieht, trägt etwas Außergewöhnliches in sich.
Von der Pflanze zum Pigment
Wie beim Flachs habe ich gelernt, dass zwischen dem Rohstoff und dem Endergebnis eine Welt des Wissens liegt. Der Waid wurde vom Team der Fashion Farm gesät, gepflegt und schließlich geerntet. Nicht jede Pflanze hat es geschafft. Einige wurden von den Raupen des Großen Kohlweißlings gefressen, während andere während einer großen Schneckenplage im nassen Frühjahr 2024 verschwanden.
Im Sommer wurden die verbliebenen Pflanzen unter Rouas Anleitung geerntet. Sie zeigte, wie man das Pigment aus den Blättern extrahiert. Dieser Prozess war jahrhundertelang Allgemeinwissen, wird heute aber nur noch von sehr wenigen Menschen praktiziert. Die Blätter werden verarbeitet, das Pigment extrahiert und in einem Färbebad vorbereitet, das sich schließlich blau färben wird. Das Färbebad muss täglich umgerührt werden, um die Farbe „lebendig“ zu halten, was eine ziemliche Herausforderung war. Der wunderbarste Moment kommt jedoch erst danach.
Wenn ein Stoff in das Färbebad getaucht und wieder herausgenommen wird, ist er nicht sofort blau. Die Farbe entwickelt sich erst langsam, wenn das Material mit Sauerstoff in Berührung kommt. Grüntöne verwandeln sich vor Ihren Augen in Blau.
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Erneuerte Kooperationen
Auf der Fashion Farm geht es nicht nur um Pflanzen und Tiere, sondern auch um Menschen. Es geht darum, Wissen zusammenzubringen, das oft über verschiedene Disziplinen verstreut ist oder im Laufe der Zeit verloren ging. Im Jahr 2024 entstand dank einer Zusammenarbeit mit dem Roua Atelier und Reina Ovinge von The Knitwit Stable ein besonderes Kleidungsstück.
Ovinge engagiert sich seit Jahren für niederländische Wolle. Es ist ein Rohstoff, der in den Niederlanden kaum noch verwendet und oft als Abfallprodukt vernichtet wird. Dabei ist es ein schönes, starkes und charaktervolles Material.
Daraus entstand eine Frage, die perfekt zu unserem Anspruch auf der Fashion Farm passte: Was passiert, wenn wir unsere Kräfte bündeln und niederländische Wolle mit Farbe kombinieren, die auf niederländischem Boden gewachsen ist?
Erstes Kleidungsstück von der Fashion Farm
Im Sommer 2024 wurde ein Design entwickelt, das später den Namen Gertrude erhielt, nach meinem Lieblingshuhn auf dem Hof. Die Pullover wurden in einer limitierten Auflage in der Mini-Fabrik von The Knitwit Stable in Baambrugge aus niederländischer Wolle gestrickt.
Als die gestrickten Pullover im Herbst in Welsum ankamen, begann ein neues Kapitel. Der selbstgemachte niederländische Indigo war fertig. Einer nach dem anderen wurden die Pullover in das Färbebad getaucht. Ziel war es, einen subtilen Farbverlauf zu schaffen, der die verschiedenen Schattierungen des Pigments zeigt.
Was sich zuvor wie ein ruhiger, handwerklicher Prozess angefühlt hatte, entpuppte sich als intensive und harte Handarbeit. Jeder Pullover erforderte Aufmerksamkeit, Zeit und Wiederholung. Genau darin entstand etwas, das über die Herstellung eines Kleidungsstücks hinausging. Der Prozess schuf eine tiefere Verbindung zu den Rohstoffen, der Landschaft und den Menschen, die dazu beigetragen hatten.
Gertrude: Mehr als ein Pullover
Als Gertrude im Oktober 2024 auf den Markt kam, sahen viele Menschen einen warmen Wollpullover mit einem besonderen blauen Farbverlauf. Dieses Design stand jedoch für etwas viel Größeres. Es zeigte, was möglich wird, wenn Wissen, Handwerk, Landwirtschaft und Design näher zusammenrücken.
Es ist wertvoll, wieder zu verstehen, woher unsere Materialien und Farben kommen. Seine Schönheit hat eine andere Tiefe, eine, die wirklich bewegend ist.
Farbe, die weiß, woher sie kommt
Jahrhundertelang war es selbstverständlich, dass Farbe einen Ursprung hatte. Dass Blau in einem Blatt begann. Dass Pigment aus Pflanzen, Zeit, Wissen und Aufmerksamkeit entstand.
Auf der Fashion Farm untersuchen wir neu, was passiert, wenn Farbe nicht in einer Fabrik entsteht, sondern im Boden unter unseren Füßen. Hier wächst sie zwischen den Feldfrüchten. Sie wird geerntet, verarbeitet, gefärbt und getragen.
Wie bei so vielen Prozessen auf der Fashion Farm beginnt alles mit etwas, das klein genug ist, um in eine Handfläche zu passen: einem Samen.