Heimspiel für Jonathan Anderson: Was Diors Dublin-Show über seine Vision verrät
Jonathan Anderson kommt nach Hause – und er bringt Dior mit sich.
Vergangene Woche hat der nordirische Modedesigner auf dem Sozialen Netzwerk Instagram bekannt gegeben, dass er seine Fall-2027-Kollektion für das französische Modehaus in Dublin präsentieren wird. Genauer gesagt postete er die Skizze eines vierblättrigen Kleeblatts mit einem Marienkäfer, um zu verkünden, dass seine nächste Kollektion – nach einem Zwischenstopp in Los Angeles für die Cruise-2027-Show – in den altehrwürdigen Hallen des Trinity College Dublin gezeigt wird.
Anderson selbst sagte, er sei „so aufgeregt und so stolz", seine Kollektion vor der Kulisse von Irlands ältester Universität zu enthüllen – genauer gesagt in der Old Library, einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert und kulturellen Institution, die einige der wertvollsten Manuskripte der Welt beherbergt. Die Verbindung zwischen der Grünen Insel und einem Vermächtnis der Literatur ist dabei nicht nur eng mit Anderson selbst verknüpft, sondern auch mit Dior.
Zurück zu den Anfängen
Eine der offensichtlichsten Verbindungen hat Anderson bereits selbst hergestellt: Auf den Einladungskarten zur Show verwendete er ein Zitat der in Dublin geborenen Chefredakteurin der amerikanischen Harper's Bazaar, Carmel Snow, die nach Christian Diors Debütkollektion im Februar 1947 den Begriff „New Look" prägte. Ihre berühmten Worte „Es ist eine echte Revolution, lieber Christian. Ihre Kleider haben einen ganz neuen Look" prangen nun auf der Ankündigung – vielleicht ein Hinweis darauf, dass Anderson die Silhouette, die er sich seit Beginn seiner Amtszeit zu eigen gemacht hat, weiter ausbauen möchte, oder darauf, dass er seinen ganz eigenen „New Look" vor der Kulisse jenes Ortes kreieren will, an dem er selbst seine ersten zaghaften Schritte in der Mode machte.
Das Carmel-Snow-Zitat ist jedoch nicht der einzige Faden, der diese Show mit Andersons Anfängen verknüpft. Lange vor Dior, und sogar vor Loewe, trat der Designer seinen ersten Job in der Modebranche bei Brown Thomas an, dem Dubliner Kaufhaus, das nur wenige Gehminuten von den Toren des Trinity College entfernt liegt – ein Detail, das aus dieser Heimkehr eher einen vollständigen Kreis als eine simple Rückkehr macht. Anderson selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, Nordirland für die Prägung seiner Designerpersönlichkeit verantwortlich zu machen. Im Oktober 2025 sagte er BBC Radio 4, er „wäre nicht da, wo ich heute bin, ohne Nordirland", und beschrieb die graue, regenreiche Landschaft seiner Kindheit als genau den Grund, warum Farbe, Muster und Mode ihn überhaupt so sehr angezogen hätten.
Diese Heimat hat er sich auch über die reine Erinnerung hinaus bewahrt. Der irische Schauspieler Jamie Dornan ist seit Andersons Amtsantritt ein langjähriger Dior-Botschafter und fester Bestandteil der ersten Reihe, oft an der Seite seines Landsmanns Daryl McCormack, bei Show um Show in Paris – vielleicht Andersons eigene, stille Art dafür zu sorgen, dass Irland nie zu weit entfernt vom Geschehen ist, egal wo auf der Welt sich dieses gerade abspielt. Die Fall-2027-Show am Trinity College zu inszenieren, ist also weniger Anderson, der Dior an einen neuen Ort bringt, als vielmehr Dior, das endlich zu einem Land aufschließt, das der Designer nie wirklich hinter sich gelassen hat.
Was zu erwarten ist
Anderson wählt selten eine Location, ohne sie mitsprechen zu lassen. Es ist zu erwarten, dass das vierblättrige Kleeblatt und der Marienkäfer aus seiner Ankündigung mehr sind als nur eine hübsche Verzierung für die Einladung. Beide Symbole sind bereits auf Lady-Dior-Taschen aufgetaucht und sind genau die Art von Volksglauben-Motiven, die Anderson seit über einem Jahrzehnt vom Kitsch zu etwas Kunstvollerem erhebt.
Handwerk selbst dürfte jedoch das eigentliche Rückgrat der Kollektion bilden. Anderson hat sich selbst wiederholt als Anhänger der Arts-and-Crafts-Bewegung bezeichnet und von einem Großvater erzählt, der Textilien von Hand bedruckte. Für ihn ist Handwerk daher weniger eine sentimentale Randnotiz als vielmehr die Wurzel seiner Arbeitsweise. Es ist derselbe Instinkt, den er bei Loewe mit dem Craft Prize institutionalisiert hat, und es würde nicht überraschen, ihn hier in Form von Stickereien, Webtechniken oder Textilverfahren wiederzufinden, die auf irisches Leinen, Spitze oder Tweed anspielen, hochskaliert auf Couture-Niveau.
Auch der literarische Unterton dürfte sich fortsetzen, und zwar über die bloße Wahl des Veranstaltungsorts hinaus. Literatur ist womöglich der eigentliche rote Faden – einer, den Anderson seit seiner allerersten Saison im Haus still und leise aufbaut. Seine Debütkollektion für Dior kam mit einer eigenen Leseliste, gestickt auf eine Reihe von Book Totes: Stokers Dracula, Joyces Ulysses, Capotes In Cold Blood, dazu eine Reihe französischer Klassiker wie Baudelaire, Laclos, Flaubert und Sagan.
Zwei Namen jener ursprünglichen Liste wirken angesichts der Wahl dieses Veranstaltungsortes besonders bedeutungsschwer. Stoker und Joyce sind die beiden irischen Einträge inmitten des ganzen französischen Literaturerbes. Anderson hat schon früher davon gesprochen, wie gut Iren im Geschichtenerzählen seien, und wie stolz er darauf sei, dass ein so kleines Land so viele große Schriftsteller hervorgebracht habe. Die Old Library des Trinity College, Heimat des Book of Kells und rund 200.000 der ältesten Bände der Universität, wirkt daher weniger wie ein zufällig atemberaubender Ort, sondern eher wie die physische Manifestation einer Leseliste, die der Designer seit über einem Jahr in Dior einwebt.
Was auch immer am 4. Dezember die Old Library entlangschreitet, die Wahl des Veranstaltungsorts ist vielleicht schon Statement genug. Anderson hat den Großteil zweier Jahrzehnte damit verbracht, Handwerk, Literatur und ein bestimmtes irisches Gespür überallhin mitzunehmen, wohin es ihn auch verschlug, doch bis dato durfte er sie nie mit nach Hause bringen. Dior wiederum bekommt etwas, das es seit fast achtzig Jahren nicht mehr hatte: einen Designer, der ganz wörtlich an den Anfang seiner eigenen Geschichte zurückkehrt, in einer Bibliothek, die Jahrhunderte vor dem französischen Modegaus und seinem „New Look" errichtet wurde.
Es ist verlockend, das ganze Konzept als ein wohlgeformtes Stück Symbolik zu lesen, und Anderson hat die Ankündigung durchaus so aufgebaut, dass genau diese Lesart nahegelegt wird. Doch entfernt man all das, bleibt ein Designer übrig, der Irland stets als Quelle behandelt hat, nicht als bloßes Thema – und der nun endlich die Gelegenheit erhält, nicht nur Mode in die Welt zu tragen, sondern Mode, und die Welt, zu sich nach Hause zu holen.
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