Mehr ist mehr: Der Maximalismus setzt sich laut Datenlage im Herbst/Winter 2027/28 fort

Nach Abschluss der Schauen für Frühjahr/Sommer 2027 steht die Einkaufssaison für Herbst/Winter 2027/28 unmittelbar bevor. Die Einschätzung der Branche lässt sich auf ein Wort bringen: Maximalismus. Es zeigt sich eine deutliche Hinwendung zu Prints, Charms, Verzierungen und Farbe. Die Nachfrage ist real, und die Laufstege spiegeln diese Entwicklung wider.

Laut einer Analyse der Paris Fashion Week SS27 durch die Plattform The Data Fashion Brief zeigten sich Verzierungen bei allen 16 untersuchten Modehäusern. Farben wurden meist als Akzente eingesetzt, während Accessoires den auffälligsten Teil der Looks ausmachten. Angesichts der eindeutigen Datenlage stellt sich für Einkäufer:innen nicht die Frage, ob der Maximalismus angekommen ist, sondern wie groß der Trend tatsächlich geworden ist. Entscheidend ist zudem, welche Variante sich gut verkauft und ob sich die Tendenz in der nächsten Saison hält.

Maximalismus wächst und zeigt sich auf dem Laufsteg

Von den 997 analysierten Pariser Looks der 16 wichtigsten Schauen wiesen 31 Prozent Rüschen, Fransen, Pailletten, Perlen, Stickereien, dreidimensionale Blumen, Federn oder Applikationen auf. Dieser Trend erreichte jedes der 16 Häuser. Bei den französischen Modehäusern Dior, Chloé und Isabel Marant zeigte er sich sogar in über 60 Prozent der Looks. Strukturierte Stoffe erschienen in 18 Prozent der Looks, und metallische Oberflächen waren bei 14 Modehäusern zu sehen.

Credits: The Data Fashion Brief

Methodik: The Data Fashion Brief hat ein von Künstlicher Intelligenz (KI) gestütztes Tool entwickelt, das jeden Look der Kollektionen der Paris Fashion Week SS27 scannt. Es kategorisiert die Entwürfe nach Kleidungsstück, Passform, Stoff, Finish, Farbe und Detail. Jeder Trend wird auf zwei Arten gemessen. Erstens wird analysiert, wie dominant er innerhalb der Kollektion von einzelnen Designer:innen ist. Zweitens wird erfasst, wie präsent er in der gesamten Saison ist. Bei den Farbanteilen wird jeder Look auf bis zu drei Farben aufgeteilt, je nachdem, wie viel Fläche des Outfits sie einnehmen. Jede Palette ergibt zusammen 100 Prozent. Neutral steht dabei für Schwarz, Weiß und Creme, Grau sowie Braun und Beige. Zu den untersuchten Häusern gehören die französischen Marken Balenciaga, Balmain, Celine, Chanel, Chloé, Dior, Isabel Marant, Lacoste, Lanvin und Maison Margiela. Ebenso umfasst die Analyse das belgische Label Dries Van Noten, das spanische Modehaus Loewe, die italienischen Marken Miu Miu und Valentino, das britische Label Stella McCartney sowie die US-amerikanische Marke Tom Ford mit insgesamt 997 Looks.

Eines der deutlichsten Statements kam aus Mailand, wo die Kollektion des italienischen Modehauses Roberto Cavalli als wahres Feuerwerk auf dem Laufsteg gefeiert wurde. Die Auswertung der Show durch The Data Fashion Brief belegt dies mit Zahlen. Animal-Prints machten 28 Prozent der Cavalli-Palette aus, während Pink bei 16 Prozent, Rot bei 14 Prozent und Gold bei zwölf Prozent lagen. Der Anteil von Schwarz fiel hingegen auf sechs Prozent. In Paris kamen diesem Stil jene Häuser am nächsten, die auf eine neutrale Basis verzichteten. Dries Van Noten erreichte 22 Prozent mit grafischen und floralen Drucken als den zwei größten Trends. Balmain lag bei 34 Prozent mit Animal-Print als größtem Einzelanteil.

Maximalismus bei Cavalli SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
Maximalistische Mode / Maximalismus bei Valentino SS27, Self-Portrait OFF27 - Resort Damenmode und Erdem SS27 Ready-to-wear Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Accessoires setzen lauteste Akzente: Sonnenbrillen im Fokus

Vom US-amerikanischen Fachmagazin Women’s Wear Daily (WWD) nach den Frühjahrsschauen befragte Einkäufer:innen nannten den Gürtel als das wichtigste Statement-Piece der Saison. Bei Celine präsentierte er sich in Übergröße und beim italienischen Luxusmodehaus Gucci wurden gleich drei übereinander getragen. Dicht dahinter folgten klobiger Schmuck und Maxi-Sonnenbrillen. Celine zeigte seine charakteristischen übergroßen, randlosen Ovalfassungen neben leuchtend gelben Gläsern und sehr großen Facettenaugen-Formen.

Miu Miu schickte eine Mischung aus Facettenaugen- und Cat-Eye-Fassungen in einer bunten Farbparade auf den Laufsteg. Balmain stattete derweil die meisten seiner Models mit Sonnenbrillen aus. Die Kund:innen ziehen bereits mit: Die weltweiten Suchanfragen nach den runden Sonnenbrillen von Celine sind im Vergleich zum Vorjahr um 190 Prozent gestiegen.

Sonnenbrillen bei Celine und Miu Miu SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
Goldschmuck, breite Gürtel und Mode der 80er-Jahre bei Saint Laurent SS27 und Valentino SS27 Ready-to-wear Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Warum Maximalismus jetzt funktioniert

Die Kundschaft definiert den Zweck von Luxus neu. Eine Umfrage unter mehr als 2.000 Luxuskund:innen in den Vereinigten Staaten und China wurde im Juni vom britischen Branchenmedium The Business of Fashion (BoF) und der US-amerikanischen Unternehmensberatung McKinsey veröffentlicht. Sie ergab, dass sich der Reiz von Luxus weg von Status und Sichtbarkeit hin zu Identität und Selbstausdruck verschiebt. Dieselbe Berichtsreihe zeigt zudem, dass 81 Prozent der Luxuskund:innen unter 35 Jahren in erster Linie wegen des Designs und der Kreativität kaufen.

Die Suchdaten bestätigen diesen Trend, denn Anfragen nach Pailletten legten im Jahresvergleich um 40 Prozent zu und Fransen verzeichneten ein Plus von 34 Prozent. Dieselbe Auswertung von Google Trends durch The Data Fashion Brief zeigt einen weltweiten Anstieg der Suchanfragen nach „Chunky Belt“ um 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Begriff „80s Luxury“, der stellvertretend für breitere Schultern und massiveren Goldschmuck steht, verzeichnete sogar ein Plus von über 400 Prozent.

Credits: The Data Fashion Brief

Was bleibt für Herbst/Winter 2027/2028

Verzierungen bleiben erhalten, leuchtende Farben jedoch nicht. Die Pariser Stoffmesse Première Vision Paris für die Saison FW27 fand im September statt und baute auf Textur sowie sichtbare Handwerkskunst. Gezeigt wurden Tweeds mit Metallfäden und paillettenbestickte Spitzen. Dazu kam eine Farbpalette aus tiefen Violetttönen, Bordeaux und mineralischen Neutraltönen anstelle der leuchtenden Farben dieses Sommers.

Die Daten stützen diese Entwicklung. Verzierungen wie Fransen und Pailletten fanden sich bereits bei einem Drittel der Pariser Looks für SS27, während auch die Suchanfragen für beide Elemente im Jahresvergleich zunahmen.

Die farbenfrohe, verzierte und von großen Sonnenbrillen geprägte Version aus Frühjahr/Sommer 2027 weicht nun einer schwereren Variante. Diese zeichnet sich durch Fransen, voluminöse Pelzeffekte sowie in Tweed und Spitze eingearbeitete Pailletten aus. Hinzu kommt eine dunklere Farbpalette, wobei Accessoires weiterhin eine tragende Rolle spielen.

Balmain SS27, Self-Portrait SS27 und Givenchy SS27 Ready-to-wear Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Die Stimmung dahinter ist nicht nur ästhetischer Natur. Der Maximalismus kehrt gewöhnlich dann zurück, wenn sich die Welt instabil anfühlt, und dieser Zyklus passt genau ins Muster. In wirtschaftlich und geopolitisch unsicheren Zeiten suchen die Menschen nach Freuden, die sie selbst kontrollieren können. Sich schick zu kleiden gehört dazu, weshalb die Rückkehr gewagterer Mode als Wunsch nach Eskapismus gelesen werden kann.

Die Kundschaft verändert sich mit dieser neuen Stimmung. Die von BoF und McKinsey befragten Luxuskund:innen kaufen heute zur Selbstverwirklichung statt zur Statusdemonstration. Wenn das Geld bewusster ausgegeben wird, fließt es in Stücke, die den Preis rechtfertigen. Verzierte, farbige, strukturierte und handwerklich aufwendige Kleidung erfüllt diesen Anspruch auf eine Weise, wie es die schlichte Uniform der minimalistischen Ästhetik nicht mehr kann. Genau daraus resultiert die Minimalismus-Müdigkeit, und deshalb ist die aktuelle Saison voll von diesen aufwendigen Entwürfen.

Maximalismus bei Celine SS27, Valentino SS27 und Bottega Veneta SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Fazit für Herbst/Winter 2027/2028

Dieser Trend eignet sich nicht für jede Marke. Die Pariser Modehäuser teilten sich in drei Lager auf: Einige setzten voll auf Maximalismus, angeführt von Dries Van Noten und Balmain. Wenige blieben fast vollständig schlicht, allen voran Lanvin. Die Mehrheit kombinierte Verzierungen auf einer schlichten Basis, wie etwa Celine mit auffälligen Accessoires. Dieser Mittelweg ist für die meisten Marken am realistischsten. Er verbindet eine schlichte Basis mit einer dekorativen Schicht und ausdrucksstarken Accessoires als Krönung.

Einkäufer:innen sollten auf jene Stücke setzen, bei denen sich Messen, Trendforscher:innen und Suchdaten einig sind. Dazu zählen Fransen, Pailletten, Tweed, Strick und Spitze sowie übergroße Gürtel, massiver Goldschmuck und große Sonnenbrillen in Facettenaugen-Form. Farblich dominieren Bordeaux, Violett und tiefe Neutraltöne anstelle der leuchtenden Farben dieses Sommers. Die Laufstegdaten einer einzelnen Saison sind zwar zunächst nur ein Signal, doch sie decken sich konsequent mit den Suchanfragen und den Stoffmessen. Der erste Praxistest folgt nun auf den Fachmessen im Januar.

Maximalismus bei Celine SS27, Christian Dior SS27 und Chloé SS27 Ready-to-wear Credits: ©Launchmetrics/spotlight
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