Mode virtuell studieren: herausfordernd aber machbar

Deutschlands Hochschulen bleiben geschlossen, und die Studenten sollen plötzlich zu Hause übers Internet lernen, auch Modefächer. Kann das funktionieren? Unsere Autorin lehrt an der Modeschule AMD in München und hat die ersten Wochen schon hinter sich. Jetzt weiß sie: Das ist machbar, wenn auch anstrengend.

Es gibt viele Gründe, sich auf die erste Woche im April zu freuen. Eines davon für mich: mein Unterricht an der Modeakademie fängt an. Ich mache das seit Jahren, und sehr gerne, ich schätze die Energie der jungen Generation, den Austausch, die Gespräche, die Ideen die im Klassenzimmer entstehen. Kurz – ich liebe es.

Dieses Jahr ist alles etwas anders. Durch Covid-19 und „social distancing“ findet der Unterricht online statt, in einem virtuellen Klassenraum. Da ich seit Wochen mit Zoom arbeite und meine Kollegen so und sonst nicht anderes erlebe, fällt es mir nicht schwer, meine virtuellen Klassenräume einzurichten, die Einladungen zu verschicken und die Präsentationsfolien vorzubereiten. Es geht um Fashion PR und Social Media; wenn es um Marketing geht, eine Wundertüte für Modeprofis.

Dennoch bin ich bei der ersten Stunde nervös. Einige meiner Gruppen habe ich noch nie „live“ getroffen. Wird die Technik streiken? Werden alle pünktlich da sein? Was wenn meine Präsentation nicht gut ankommt? Und was, wenn ich nur schwarze Kasten statt Gesichter sehe? (was öfters bei Zoom-Meetings vorkommt)

Es klingelt, und einer nach dem anderen erscheinen die Teilnehmer, der Bildschirm zeigt diese typische Galerie-Ansicht die man von Zoom kennt. Jetzt kommt die erste Vorstellungsrunde, ich höre und sehe mich selber auf dem großen Schirm, es ist auch nach Wochen etwas gewöhnungsbedürftig. Nun kann die erste Stunde losgehen.

15 Gesichter auf einem Bildschirm - das neue Klassenzimmer

Es geht ums Storytelling. Ich zeige ein paar Folien mit Bildern von den Modewochen, danach erkläre ich was London von Paris oder New York als Modestadt unterscheidet, ich zeige natürlich wie immer das legendäre Cartier-Video mit dem Leoparden und erkläre, dass dies eine echt gute Geschichte sei... Es fällt mir übrigens etwas schwer, zwischen Videos und Bildschirmen umzuschalten, aber nach ein paar Sekunden geht es weiter.

"Any questions?", will ich wissen, "gibt es Fragen?" Und normalerweise würde ich jetzt ins Klassenzimmer blicken - doch ich sitze zu Hause alleine. Statt auf meine leibhaftigen Studenten, blicke ich jetzt auf 15 kleine Gesichter auf meinem Bildschirm. Und dann mache ich eine drehende Handbewegung vor der Webcam und sage: "Unmute yourself", "schaltet das Mikrofon wieder ein".

Eine Studentin will wissen, was der Cartier-Film an Produktionskosten verursacht hat. Und fügt gleich hinzu: „Es ist richtig schön“. Während sie das sagt, sehe ich ihr Gesicht ganz nah. Und plötzlich sehe ich, wie sehr die Geschichte auch sie bewegt. Kameras lügen selten.

Die nächsten zwei Wochen verlaufen ganz gut, ich lerne jeden einzelnen in der Gruppe etwas besser kennen. So wie im normalen Klassenzimmer, gibt es immer welche, die sich zu Wort melden, und welche, die schweigend beim Unterricht anwesend sind; ich bin ehrlich gesagt nicht sicher ob sie überhaupt zuhören, da sie auch auf stumm geschaltet sind. Nur ein schwarzer Kasten mit dem Ton und Bild aus. Ich will aber auch diese Studenten irgendwie animieren; in dem Klassenzimmer hätte ich sie schon längst gezielt gefragt, Zoom macht es etwas schwierig. Soll ich sie „unmuten“? Soll ich im Dialogfeld für die gesamte Klasse etwas schreiben? Immer wieder frage ich ob man Fragen hat – und komme mir selber etwas... merkwürdig vor.

Das Thema heute – Fashion Weeks, ein Format der glorreichen Vergangenheit und mit ungewisser Zukunft. Ich erkläre wichtige Details in der PR-Betreuung einer Fashion-Show. Mir fällt ein, ich könnte doch selber meine eigenen Einladungen zeigen. Die sind tatsächlich ein Kunstwerk jeder Marke, so unterschiedlich – und wunderbar. Dorothee Schumacher hat beispielsweise einmal einen Spiegel als Einladungskarte benutzt, die britische Luxustaschen-Marke Mulberry verschickte eine illustrierte Postkarte und gleich ein Lookbook dazu, Burberry eine handgeschriebene Nachricht vom Chefdesigner Christopher Bailey höchstpersönlich… Ich habe die alle behalten, die gehören eigentlich ins Archiv, aber was soll’s. Ich zeige ja die Postkarten eines nach der anderen in die Kamera, streiche sie, erkläre wie schön die auch haptisch sind... Eine Studentin sagt plötzlich:“ Ach, Frau Binar, ich wünschte, wir würden zusammensitzen. Es ist so schade, dass wir diese schönen kleinen Kunstwerke nicht anfassen können.“

Das wünsche ich mir auch. Ihr fehlt mir, ihr Lieben.

Geschrieben von Natasha Binar. Die studierte Betriebswirtin und Soziologin mit Tech-Background arbeitete als Projektleiterin bei Sky Interactive und dem British Fashion Council. Heute berät Natasha Binar als Marketing-Expertin Unternehmen und Designer, schreibt für verschiedene Fachmedien und unterrichtet an der AMD Akademie Mode & Design in München.

Bild: Modeuntericht online - privates Foto der Autorin

 

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