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Multikulti-Mode: kulturelle Aneignung könnte bald illegal sein

Von FashionUnited

29. Juni 2017

Mode

Die Modebranche ist nicht scheu, wenn es darum geht, Models, Marken und Moneten in fernen Ländern in Szene zu setzen, zum Beispiel Valentino-Models inmitten eines afrikanischen Stammes (s. Foto). Oder sich gleich bestimmte kulturelle Symbole wie Muster, Drucke oder Designs anzueignen, mit dem eigenen Logo zu versehen und für viel Geld zu verkaufen. Aber Vorsicht, diese Art kultureller Aneignung könnte bald illegal sein und entsprechend geahndet werden.

Vertreter von über 180 indigenen Kulturen wandten sich jüngst bei einem Treffen in Genf an die Vereinten Nationen (UN), um die kulturelle Aneignung in der Mode gesetzlich zu verbieten. Dazu wird die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) der UN ins Spiel gebracht, denn sie wird von einem Spezialkomitee aufgefordert, "effektive strafrechtliche und zivilrechtliche Maßnahmen" einzuführen, um Unternehmen daran zu hindern, aus indigenen Kulturen Kapital zu schlagen.

Das Zwischenstaatliche Komitee für geistiges Eigentum, genetische Ressourcen, traditionelles Wissen und Folklore der WIPO arbeitet bereits seit 2001 daran, indigene Kulturen und ihr Traditionsgut zu schützen. Die jüngste 34. Sitzung hat einen Entwurf hervorgebracht, der einer Kultur oder Gemeinschaft die rechtlichen Mittel geben würde, um gegen kulturelle Aneignung vorzugehen.

Sollte der Entwurf durchkommen, müsste die Modebranche umdenken und sich warm anziehen - in Strickpullovern ohne kulturell relevante oder geschützte Motive versteht sich - denn die Kulturen der Welt sind dann nicht mehr die Selbstbedienungsläden der Welt für innovative Designs, als die sie von einigen der Modebranche derzeit gesehen werden.

Beispiele kultureller Aneignung gibt es in der Mode genug

Ein Fall, über den FashionUnited erst vor gut einem Monat berichtete, sind indigene Weberinnen in Guatemala: Bereits seit einigen Monaten wehren sich Maya-Weberinnen gerichtlich gegen den Diebstahl ihrer Muster. Sie beziehen sich auf das kollektive geistige Eigentum, das ihre regional eindeutigen und einzigartigen Muster darstellen und hatten erst vor wenigen Wochen einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt.

Aber sie sind nicht die einzigen, deren geistiges Eigentum von der Modebranche gestohlen wird: Luxusmodehaus Chanel zum Beispiel dachte sich nichts dabei, den Bumerang, Wurfwaffe und Symbol der Aborigines in Australien, mit seinem Logo zu versehen und als Luxusartikel für 2.000 US-Dollar zu verkaufen. Verschiedene Aborigine-Gruppen beschwerten sich, wurden aber vom Luxusunternehmen mit der Begründung abgeschmettert, es verkaufe den Boomerang bereits seit 2006 und würde dies deshalb auch weiter tun. Dreistigkeit und Beharrlichkeit als Argument? Eine gesetzliche Regelung muss her.

Aber nicht nur Luxushäuser begehen den Griff in die kulturelle Schatzkiste - der britische Highstreet-Einzelhändler Topshop fand Gefallen am palästinensischen Kufiyah oder Keffiyeh, dem traditionellen, von arabischen Männern getragenen Kopftuch, und verwandelte es in einen Spielanzug für Damen. Kulturell unsensibel, unbedacht und zudem Diebstahl? Dies fanden einige, so dass Topshop nach heftiger Kritik den Artikel aus seinem Sortiment nehmen musste.

Dies sind nur einige Beispiele; jeder Verbraucher hat sicher selbst schon Exemplare kultureller Aneignung in der Hand gehalten. Wobei die entsprechenden Kulturen wahrscheinlich gar nicht in jedem Fall etwas gegen die Kommerzialisierung ihrer Designs hätten - es gibt sicher durchaus Gebrauchsdesigns, die einer lockereren Verwendung unterliegen - aber auch diese sollten nur nach Absprache und unter Beteilingung, Zustimmung und Nennung der Eigentümer benutzt werden. Auch und gerade von einer Industrie, die so allgegenwärtig ist wie die Modebranche und hier die Möglichkeit hat, mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn was passiert, wenn Modemarken ihr eigenes Urheberrecht verletzt sehen, zeigt sich in laut in der Öffentlichkeit ausgetragenen Rechtsstreits.

Lesen Sie auch unseren Artikel (auf Englisch) von Neil Payne zum Thema, einem Experten in interkultureller Kommunikation bei Commisceo Global.

Foto: Valentino Frühling/Summer 2016 Werbekampagne von Steve McCurry
CHANEL
Kulturelle Aneignung
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