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Nachhaltigkeit im Klartext: Wie die Modeindustrie mit dem Klimawandel zusammenhängt

Von Gastautor

18. Okt. 2022

Mode

Bild zur Illustration via Pixabay

Globale Erwärmung, Klimawandel, Klimakatastrophe - täglich lesen oder hören wir diese Begriffe, aber was verbirgt sich wirklich dahinter? Und was hat die Modeindustrie damit zu tun?

Über "Nachhaltigkeit im Klartext"

In dieser Serie entführen wir Sie in die wunderbare Welt der Umweltwissenschaft. Jeder Artikel erläutert eine zentrale Frage zum Thema Nachhaltigkeit. Wir sehen uns genauer an, wie diese komplexen Begriffe mit der Modeindustrie verknüpft sind.

Dieses Mal sprechen wir über... die globale Erwärmung.

'Globale Erwärmung', was genau ist das?

Es ist wichtig, zwischen 'globaler Erwärmung' und 'Klimawandel' zu unterscheiden. Letzteres ist nur ein Beispiel für die vielen Veränderungen auf unserem Planeten, die wir kennen, und reiht sich ein in Auswirkungen wie 'Verlust der Artenvielfalt' und 'Stickstoffanreicherung'.

Globale Veränderungen sind nicht neu. Man denke an die 'Kontinentaldrift': Die Kontinente, wie wir sie heute kennen, existierten vor Millionen von Jahren nicht in dieser Form, sondern hingen aneinander. Die Verschiebung der Kontinentalplatten hat Millionen von Jahren gedauert und war nicht menschengemacht. Sie hatte große Auswirkungen, ging aber langsam voran, während der aktuelle Klimawandel viel schneller vonstattengeht und vom Menschen verursacht wurde. Zwei große Kipppunkte haben diese Beschleunigung verursacht, weshalb wir jetzt sehen können, wie sich die Welt vor unseren Augen verändert.

Der erste Kipppunkt liegt in der industriellen Revolution. Seit ihrem Beginn machte sie die Menschheit unabhängiger von menschlicher und tierischer Arbeitskraft für schwere Arbeiten, weil Maschinen diese übernehmen konnten und trieb so den Fortschritt voran. Darüber hinaus führte die Herstellung von Kunstdünger zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer enormen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität.

Zusammen mit den allgemeinen Fortschritten in der medizinischen Wissenschaft ermöglichten diese 'Revolutionen', dass mehr Nahrung zur Verfügung stand und die Menschen besser und länger leben konnten. Das Bevölkerungswachstum explodierte, und das hatte Folgen... Denn mehr Menschen bedeuten mehr CO2.

Oh nein, CO2?

Menschen sind lebendig. Wir bewegen uns fort, heizen unsere Häuser, schalten das Licht ein – und wir verwenden dafür heute hauptsächlich fossile Brennstoffe (Öl, Gas, Kohle, Braunkohle). Der enorme Bevölkerungszuwachs und der Einsatz von immer mehr Maschinen haben dazu geführt, dass wir immer mehr fossile Brennstoffe verbrennen. Und genau diese Brennstoffe verursachen steigende CO2-Konzentrationen, die wiederum zur globalen Erwärmung führen. Die Lebensmittelindustrie und die Tatsache, dass die Menschen in den letzten 100 Jahren immer mehr Fleisch konsumiert haben, tragen ebenfalls erheblich zu den Treibhausgasemissionen bei. Das Abholzen von Wäldern, um Platz für die Tierhaltung und das Futter selbiger zu schaffen, setzt auch eine Menge CO2 frei. (Pflanzen und Bäume haben der Atmosphäre über Millionen von Jahren hinweg CO2 entzogen und gespeichert. Werden diese verbrannt, kehrt das gespeicherte CO2 in kürzester Zeit in die Atmosphäre zurück.)

Die Zahl der Menschen auf der Erde ist für 10.000 Jahre unter einer Milliarde geblieben. Illustration von Jasmien Wynants/ Masjien

Der Treibhauseffekt: Nicht nur CO2 erwärmt die Erde

Etwas mehr als die Hälfte der globalen Erwärmung wird durch den Anstieg des CO2 dank des berühmten 'Treibhauseffekts' verursacht. Neben Kohlenstoffdioxid sind auch Methan und Distickstoffmonoxid wichtige Treibhausgase, weil sie pro Molekül mehr Erwärmung verursachen. Methan stammt hauptsächlich aus der Landwirtschaft (Rinder sind Wiederkäuer und emittieren bei der Verdauung Methan). Distickstoffmonoxid, oder Lachgas, entsteht ebenfalls in der Landwirtschaft, aber auch in der Industrie und im Verkehr.

Treibhausgase sorgen dafür, dass die Erde die Wärme besser hält. Und das ist auch gut so. Wir wissen, dass die Durchschnittstemperatur der Erde ohne Treibhausgase mehr als 30 Grad niedriger wäre, als sie es heute ist. Ohne sie wäre unser Planet weitgehend unbewohnbar. Aber die Konzentration der Treibhausgase ist in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt und hat viel mehr Wärme gespeichert, was ins Gegenteil auszuschlagen droht.

Der Treibhauseffekt. Illustration von Jasmien Wynants/Masjien

Dieser Treibhauseffekt hat Auswirkungen, die über die globale Erwärmung hinausgehen. Die erwartete Zunahme extremer Wetterereignisse (Dürre, Hitzewellen, Überschwemmungen) ist nur eine der Folgen. Ganze Ökosysteme werden durch den Klimawandel unter Druck gesetzt, es gibt Verschiebungen der Jahreszeiten, Auswirkungen auf das Süßwasser, Belastungen für die Landwirtschaft, steigende Meeresspiegel, schmelzende Gletscher, Überschwemmungsgefahren für niedrig gelegene Gebiete, erhöhte Sterblichkeit durch extreme Hitze, wirtschaftliche Auswirkungen, Austrocknung, Kriege, Klimaflüchtlinge und Artensterben.

Und die größte Gefahr? Das ist es, was Klimawissenschaftler:innen als 'Schneeballeffekt' bezeichnen. Es gibt viele mögliche 'positive Rückkopplungen', die wir noch nicht alle kennen, von denen man aber annimmt, dass sie, einmal in Gang gesetzt, nur schwer zu stoppen sind. Wie ein Ball, der eine Lawine einen kleinen Abhang hinunter und in ein tiefes Tal stößt. Um den Ball wieder den Hang hinaufzubekommen, müssen Sie viel stärker schieben, als um ihn in Bewegung zu bringen.

Es besteht die sehr reelle Gefahr, dass der globale Temperaturanstieg 1,5 - 2 Grad Celsius übersteigen wird. Klimawissenschaftler:innen befürchten, dass wir dann in einem 'Treibhaus Erde' landen, aus dem es schwierig sein wird, wieder herauszukommen.

Die 1,5-Grad-Grenze

Im Jahr 2015 einigten sich die Staaten und Regierungen beim Pariser Klimaabkommen darauf, die Erwärmung unseres Planeten auf ein Plus von zwei Grad Celsius (und vorzugsweise 1,5 Grad Celsius) gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden sollte. Die 1,5-Grad-Grenze ist wichtig, denn sie ist der Punkt, an dem die Klimaauswirkungen für die Menschen und den Planeten zunehmend schädlich werden. Und einige dieser Auswirkungen sind unumkehrbar.

Doch die Wahrscheinlichkeit einer schnelleren globalen Erwärmung wird immer größer. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gab im Mai 2022 bekannt, dass eine 48-prozentige Chance besteht, dass wir diese 1,5 Grad Erwärmung noch vor 2027 erreichen werden. (In den Jahren zuvor wurde diese Chance als eher gering eingeschätzt.)

Und was hat jetzt die Mode damit zu tun?

Die Industrie, die Regierungen, die Menschen, wir alle sind aufgerufen, höchste Anstrengungen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zu unternehmen. Die Modeindustrie muss bei der Lösung auch eine Rolle spielen, denn sie war auch maßgeblich an der Schaffung des Problems beteiligt.

Nach Angaben der Ellen McArthur Foundation (A New Textiles Economy: Redesigning Fashion's future) sind die gesamten jährlichen Treibhausgasemissionen der Textilproduktion höher als die aller internationalen Flüge und des Schiffsverkehrs zusammen (1,2 Milliarden Tonnen pro Jahr).

Die Modeindustrie stößt in der Produktionsphase eine Menge Treibhausgase aus, aber sie ist auch eine internationale Branche, die Pakete und Container in die ganze Welt schickt, um die Kleidung aus den Produktionsländern (oft dem Fernen Osten) zu den Geschäften und Menschen zu bringen. Ganz zu schweigen von der Menge an Paketen, die wir täglich beim Online-Shopping bestellen und zurückschicken.

Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur (EEA) verursacht die Textilproduktion etwa 15-35 Tonnen CO2-Äquivalent pro Tonne produzierter Textilien. Kleidung, Schuhe und Haushaltstextilien stehen bei den Treibhausgasemissionen an fünfter Stelle in der EU. Das sind mehr Emissionen als in den Bereichen Freizeit und Kultur, Getränke, Gesundheit, Restaurants und Hotels sowie Kommunikation (siehe Abbildung 3 der EUA unten).

Bild: Aktivitäten im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor in der Produktions- und Lieferkette von Textilprodukten eingeschlossen. Die Verwendung von Textilprodukten und die Behandlung am Ende der Lebensdauer ist ausgeschlossen. Bild mit freundlicher Genehmigung der EUA.

Nicht nur der Verbrauch fossiler Brennstoffe für die Herstellung und den Transport unserer Kleidung erhöht den CO2-Ausstoß, auch die Abholzung der Wälder trägt dazu bei. Bäume speichern Kohlenstoff, aber wenn man sie verbrennt, wird er wieder freigesetzt. Wenn Bäume gefällt werden, verrotten die Wurzeln und das organische Material wird in CO2 und Methan umgewandelt, was wiederum zu mehr Treibhausgasemissionen führt. Jedes Mal, wenn wir Platz schaffen müssen, um etwa Vieh zu züchten (sowohl für Lebensmittel als auch für Leder) oder Baumwollplantagen anzulegen, hat dies Auswirkungen.

Viele Modeunternehmen legen daher jetzt sogenannte ‚Wissenschaftsbasierte Ziele‘ (SBTs) fest. Dies ist Teil einer Initiative von CDP, UN Global Compact, WRI und WWF, bei der die Ziele der Unternehmen auf die Einhaltung des 2 Grad Celsius-Anstiegs ausgerichtet sind. Unternehmen beginnen mit der Messung ihres Kohlenstoff-Fußabdrucks (Carbon Footprint), um ein besseres Bild davon zu bekommen, wo ihre größten Auswirkungen liegen und wie sie diese reduzieren können. Dann setzen sie sich konkrete Ziele für ihre kurz- und langfristige Strategie zur Emissionsreduzierung.

Schließlich ist es wichtig, nicht nur die Industrie, sondern auch den Modekonsum zu betrachten. Etwa die Frage, wie wir unsere Auswirkungen verringern können, indem wir weniger waschen, bügeln oder den Trockner benutzen, bei niedrigeren Temperaturen waschen, aber auch, indem wir unsere Kleidung tragen. Schließlich ist es zu schade, ein Kleidungsstück, für das so viele Rohstoffe und fossile Brennstoffe benötigt wurden, nach nur kurzer Nutzung wegzuwerfen.

Wissenschaftler am Apparat: Hans De Boeck, Ökologe für globalen Wandel an der Universität Antwerpen

„Die globale Erwärmung unter Kontrolle halten, unter +2 °C und wenn möglich unter +1,5 °C, ist sehr wichtig, denn Wissenschaftler:innen aus allen möglichen Bereichen warnen, dass die negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur oberhalb dieser Grenzen sehr groß werden. Jede Branche wird sich anstrengen müssen, auch die Modeindustrie. Das ist nicht nur notwendig, sondern längerfristig auch nützlich für die Branche selbst, weil unter anderem die Energiekosten gesenkt werden können.“

Es gibt viel zu tun. Die Modeindustrie ist sehr unnachhaltig: Weniger als ein Prozent der ausrangierten Kleidung wird recycelt, und nicht verkaufte Produkte werden noch zu oft einfach durch Verbrennung vernichtet. Außerdem kaufen wir immer mehr Kleidung, in den USA beispielsweise dreimal mehr als in den 1960er-Jahren. Fast Fashion ist eine Katastrophe für die Umwelt.

Auch wenn es nicht sehr verlockend klingt, ist die 'beste Klimamaßnahme', die jeder Mensch für sich selbst treffen kann, ganz einfach: Kaufen Sie weniger neue Kleidung. Weitere Optionen für mehr Umweltfreundlichkeit: Achten Sie bewusst auf die verwendeten Stoffe. (Tierische Produkte wie Wolle und Seide haben oft eine höhere Klimabilanz als pflanzliche Produkte wie Flachs, Hanf und Baumwolle); mehr recyceln und wiederverwenden; Wäsche nicht in den Trockner geben und weniger oder gar nicht bügeln, denn beides sind energieaufwendige Tätigkeiten.

Klare Angaben auf der Kleidung über die Klimabilanz und den ökologischen Fußabdruck können nützlich sein, um das Bewusstsein zu schärfen. Gleichzeitig sollte dies niemanden dazu verleiten, mehr zu kaufen.

Dies ist ein Beitrag von Jasmien Wynants, Expertin für nachhaltige Mode. Jasmien trägt dazu bei, die Modeindustrie nachhaltiger zu machen, indem sie Beratung und Anleitung zu kreislauforientierten und verantwortungsvollen Geschäftspraktiken bietet. Sie gibt auch Workshops, Schulungen, Vorträge und mehr zu diesem Thema.

Dieser Artikel wurde ähnlich auf FashionUnited.nl veröffentlicht. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Barbara Russ

Jasmien Wynants
Nachhaltigkeit