Neue App bietet Missbrauchsopfern aus der Modebranche psychologische Hilfe

Im Zuge der #metoo und #timesup-Bewegungen haben viele Modeprofis das Schweigen über die Häufigkeit sexuellen Fehlverhaltens in der Modebranche gebrochen. "Die Branche ist voller Raubtiere, die von der ständigen Ablehnung und Einsamkeit leben, die so viele von uns irgendwann in ihrer Karriere erlebt haben", sagte das Model Christy Turlington der amerikanischen Modepublikation WWD. Allein im vergangenen Jahr wurden Bruce Weber, Mario Testino und Terry Richardson, drei der renommiertesten Fotografen der Branche, des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Nicht weniger als 30 Models und Assistenten haben über unerwünschte sexuelle Übergriffe von Testino berichtet, was Marken wie Burberry, Stuart Weitzman und Michael Kors dazu veranlasste, die Zusammenarbeit mit ihm einzustellen.

Trotz des gestiegenen öffentlichen Bewusstseins bleibt das Thema jedoch weit verbreitet und viele Opfer haben Angst, mit Kollegen, Freunden und der Familie zu sprechen, was sie anfälliger für psychische Erkrankungen wie Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen macht. Um das Problem anzugehen, hat Humans of Fashion, eine neue gemeinnützige Organisation mit Sitz in New York, eine App entwickelt, die Opfern kostenlose Hilfe bietet. Das Tool richtet sich speziell an Akteure aus der Modeindustrie und connected Opfer sexueller Belästigung und Missbrauch mit ehrenamtlichen Therapeuten und Anwälten.

Humans of Fashion wurde vor einem Jahr vom russischen Model Kristina Romanova und der Mode-Juristin Antoniette Costa gegründet und arbeitet dank einer Partnerschaft mit dem gemeinnützigen Fashion Law Institute unter der Leitung von Professor Susan Scafidi mit einem Netzwerk von 4.000 Pro-Bono-Anwälten zusammen. Die Therapeuten werden von Give a Hour zur Verfügung gestellt, einer Organisation, die 2005 gegründet wurde, um Veteranen und Militärandienstleistern kostenlose psychiatrische Versorgung zu bieten, die später erweitert wurde, um auch die Bedürfnisse anderer Gruppen zu erfüllen.

FashionUnited sprach mit Antoniette Costa, um mehr über das Unternehmen, die App und die Pläne für die Zukunft zu erfahren.

Wie kam die Idee für die App zustande?

Ich kenne Kristina seit neun Jahren. Eines Tages kam sie auf mich zu mit der Idee, eine NGO zu gründen, die gegen sexuelle Belästigung in der Modebranche hilft. Ich hatte damals selbst mit einem Problem der Belästigung zu tun. Ich steckte mitten im Prozess der Erlangung einer einstweiligen Verfügung gegen jemanden, und die Suche nach Schutz fühlte sich oft wie eine Form der weiteren Belästigung an. Kate Upton, die eine meiner liebsten Freundinnen ist, ist verantwortlich für einen Großteil der entscheidenden Veränderungen, die sich in der Modebranche im #metoo-Raum vollzogen haben. Ich bin so stolz darauf, dass sie so mutig war, ihre Geschichte zu erzählen, trotz des Risikos von öffentlichen Kritik , das immer damit einhergeht, eine internationale Berühmtheit zu sein und eine persönliche Geschichte des Missbrauchs zu erzählen [Upton beschuldigte Guess' Mitbegründer Paul Marciano, sie unangemessen zu begrapscht zu haben, was die Führungskraft dazu veranlasste, Anfang dieses Jahres das Unternehmen auf unbestimmte Zeit zu verlassen]. Sie ist eine der stärksten Menschen, die ich kenne und war eine große Kraft, die mich inspiriert hat, die HOFF-Initiative mit Kristina zu leiten.

Warum 'Humans of Fashion'?

Obwohl die Medien uns oft als Service für Models darstellen, ist unsere App für alle, die in der Modebranche arbeiten: Fotografen, Agenten, Assistenten, Redakteure, Praktikanten.... Während Models besonders anfällig für sexuelle Belästigung und Missbrauch sein können, weil sie als unabhängige Auftragnehmer arbeiten, geschieht dies leider auch in anderen Jobs.

Sie fragen sich wahrscheinlich, warum wir den Namen "Humans of Fashion" mit einem Bild von Schaufensterpuppen auf unserer Website verbinden. Es liegt daran, dass wir hier sind, um den Leuten zu sagen, dass wir wie Menschen behandelt werden sollten, nicht wie Schaufensterpuppen. Wir mögen die Gegenüberstellung.

Warum eine App?

Wir wollten es den Menschen so einfach wie möglich machen, Hilfe zu suchen. Eine App ermöglicht es ihnen, sich an jemanden zu wenden, der ihnen diskret und komfortabel zu Hause helfen kann.

Die auf der Plattform verfügbaren Anwälte und Therapeuten werden vom Fashion Law Institute bereitgestellt und bieten eine Stunde Service an. Wie sind diese Partnerschaften entstanden?

Susan Scafidi war meine Lehrerin an der Fordham Law School, also wandte ich mich an sie, um zu fragen, ob die Pro-Bono-Anwälte ihres Instituts in unsere App aufgenommen werden könnten. Obwohl uns das Fashion Law Institute über 4.000 Anwälte zur Verfügung stellt, haben wir auch daran gearbeitet, unser Netzwerk durch die Kontaktaufnahme mit anderen Anwaltskanzleien und Einzelanwälten zu erweitern. Wir haben auch Workshops angeboten, und durch die Teilnahme an Schulungen können Anwälte in Ausbildung zwei zusätzliche CLE-Credits (Continued Legal Education) erwerben, was ihre Eintrittswahrscheinlichkeit ins Berufsleben erhöht.

Als wir der Gründerin Barbara van Dahlen sagten, dass psychische Erkrankungen in der Modebranche weit verbreitet sind, war sie mehr als begierig darauf, mit uns zusammenzuarbeiten.

[Eine Studie des US Center for Disease Control, die die Selbstmordraten der Berufe verglich, bestätigte einen starken Zusammenhang zwischen der Arbeit in der Modebranche und der Entwicklung psychischer Erkrankungen. Die Modebranche belegte hinter Polizei, Fabrikarbeitern, Mechanikern und Landwirten den siebten Platz auf der Liste, schlug aber Ärzte, Anwälte und Buchhalter].

Obwohl die Therapeuten und Anwälte freiwillig arbeiten, hat die Entwicklung einer App natürlich ihre Kosten. In Anbetracht der Tatsache, dass der Service kostenlos ist, woher kommen die Gelder?

Wir finanzieren uns durch Sponsorings von Modefirmen, Einzelpersonen und Spendern, aber wir prüfen auch andere Formen des Fundraising, um den Betrieb und Weiterentwicklung der App zu bezahlen. Wir sind derzeit auf der Suche nach strategischen Partnerschaften zur Unterstützung spezifischer Projekte, und wir beabsichtigen, auch Crowdfunding-Kampagnen zu organisieren. Wir haben während der letzten New York Fashion Week eine Party organisiert, um das Bewusstsein für unsere Sache zu schärfen, und wir wollen die nächste Modewoche nutzen, um Agenturen und andere einflussreiche Persönlichkeiten der Branche anzusprechen. Wir streben grundsätzlich eine Mischung aus Firmensponsoring und Einzelspendern an.

Was sind die Pläne des Unternehmens für die Zukunft?

Im Moment liegt der Fokus auf unserem Produkt. Es wurde nur " soft " gestartet und wir optimieren es immer noch jeden Tag. Zum Beispiel, wenn jemand sich entscheidet, mit einem Therapeuten in Kontakt zu treten, wird er wahrscheinlich beim nächsten Mal den gleichen Therapeuten sehen wollen. Aber da wir mit Freiwilligen arbeiten, ist das nicht immer möglich. Also verhandeln wir Stundenpakete für den gleichen Kunden.

Da es sich um eine globale Initiative handelt, wollen wir sie auch weltweit ergreifen. Wir konzentrieren uns derzeit auf New York, wollen die App aber noch in diesem Jahr in Großbritannien, Italien und Frankreich einführen.

Foto: Humans of Fashion

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

 

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