Pieter Muliers letzte Kollektion: Alaïa vollendet, nicht neu erfunden
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Wenn diese Herbst/Winter-Saison 2026 eines bewiesen hat, dann, dass Mode spalten kann. Und doch gibt es einen Designer, der die Branche über seine gesamte Karriere hinweg immer wieder vereint hat: Pieter Mulier. Der belgische Designer präsentierte während der Paris Fashion Week sein emotionales Abschlusskapitel bei Alaïa und unterstrich damit einmal mehr seinen Status als Lieblingsdesigner aller Designer:innen.
Am Mittwoch verabschiedete er sich nach fünf Jahren vom französischen Modehaus – unter den stolzen Augen seines Mentors Raf Simons und seines ehemaligen Partners, langjährigen Unterstützers und Chanel-Kreativdirektors Mathieu Blazy.
Bevor Mulier im Juli das italienische Modehaus Versace in eine neue Ära führen wird, bekräftigte seine letzte Kollektion für Alaïa das zentrale Prinzip seiner fünfjährigen Amtszeit. Ein kompromissloses Bekenntnis zu Azzedine Alaïas anspruchsvollem Erbe der Form, verbunden mit einem konsequenten Fokus auf Kleidung, die tatsächlich getragen werden soll, statt lediglich online gepostet zu werden.
Es war ein Schluss-Statement, das seine Designphilosophie auf den Punkt brachte, fest verwurzelt in der Integrität des Kleidungsstücks und im klaren Vorrang der Frau, die das Kleidungsstück trägt.
„Nichts als Liebe“
Auch wenn Viralität nie im Mittelpunkt von Muliers Arbeit stand, wurde Social Media mit Videos von Showgästen überflutet, die ihre letzte Alaïa-Einladung auspackten: einen maßgefertigten Aktenkoffer, der ein Lederpuzzle enthielt, das zusammengesetzt ein braunes, mit Metallnieten besetztes Mieder ergab.
Mulier selbst postete ein Bild des fertigen Stücks mit der Bildunterschrift „Swan song… only love“ [Zu Deutsch: Das letzte Werk…nicht als Liebe]. Und die Liebe war ein Motiv, das seine finale Kollektion durchzog, nicht nur zu seinen Entwürfen, sondern zum Handwerk, das in jedem einzelnen Kleidungsstück seines Ateliers über fünf Jahre hinweg steckte.
Doch seine Hingabe an Material und Handwerk war lange vor seiner Zeit bei Alaïa gewachsen. Die Modewelt konnte beobachten, wie Mulier seine eigene Stimme fand, während er als rechte Hand von Simons bei Dior arbeitete. Dort leitete er Studio und Designteams für Couture, Ready-to-Wear und Damen-Accessoires. Eine Phase, die im Film ‘Dior and I’ (2014) festgehalten wurde. Der Dokumentarfilm zeigt auch Muliers eigenes Erwachen für die Kunstfertigkeit der Couture und die Hingabe der Ateliers.
Als Alaïa ihn schließlich nach dem Tod des Gründers ernannte – nach drei Jahren, in denen das Haus zunächst Archiv-Bestseller neu auflegte, während man nach der richtigen kreativen Nachfolge suchte –, wurde Mulier fast untrennbar mit dem weißen Atelierkittel seines Teams verbunden. 2023, ganz im Sinne seines zutiefst persönlichen Zugangs zur Mode, öffnete er der Branche buchstäblich seine Welt. Er lud nach Antwerpen ein, und in sein eigenes Zuhause als Showlocation. Eine Geste, die seine Überzeugung widerspiegelte, dass Mode kein Spektakel zum Konsumieren ist, sondern ein intimes Gespräch zwischen Schöpfenden und Träger:innen.
Diese Ehrfurcht zeigte sich auch bei seinem letzten Auftritt für Alaïa. In der Fondation Cartier beherbergte eine Hälfte des Erdgeschosses den Laufsteg, während auf der anderen eine monumentale Leinwand mit Porträts aller Alaïa-Mitarbeiter:innen zu sehen war, fotografiert von Keizo Kitajima. In den Show Notes unterstrich Mulier diese Geste, indem er sein Atelier erneut würdigte.
„Dies ist meine letzte Kollektion für Maison Alaïa, ein Haus voller Herz und Seele, dem ich mein eigenes gegeben habe“, schrieb der Designer. „Diese Kollektion dreht sich nicht um mich. Sie handelt vom Alaïa-Team – unserer Familie – und ist ein Ausdruck all dessen, was wir in den vergangenen fünf Jahren gelernt, gefühlt und geliebt haben.“
Was Mulier jedoch besonders auszeichnet, ist nicht nur Dankbarkeit und Liebe, sondern eine Herangehensweise an Mode, die zutiefst persönlich und intim bleibt: visuell komplex in seinen gefeiertsten Momenten, zugleich aber geerdet in Schlichtheit, architektonischer Präzision, Ehrfurcht vor seinem Vorgänger – und vor allem Respekt gegenüber den Frauen, die seine Entwürfe tragen.
Ein reiner Abschied
Wer erwartet hatte, dass Mulier sich mit großem Tamtam verabschiedete, lag falsch. Seine letzte Kollektion war spektakulär in ihrer Einfachheit. Statt großer Gesten zeigte sich eine stille, fast entschlossene Eleganz. Abschiedskollektionen werden oft zur Bühne, auf der Designerinnen und Designer ein letztes Mal ihre Brillanz demonstrieren, sich selbst inszenieren oder der Branche eine leise Botschaft hinterlassen. Bei Alaïa blieb all das aus.
Muliers Abschied war von Zurückhaltung geprägt und formulierte ein letztes Statement, das ganz in der Idee der Tragbarkeit verankert war. Genau darin dürfte auch sein Vermächtnis für das Haus liegen – in einer großzügigen, klaren Reinheit, die unabhängig davon bestehen bleibt, wer ihm folgt.
„Minimal, rein, essenziell. Reduziert auf das Wesentliche von Alaïa“, schrieb der Designer. „Sie ist sowohl eine Reflexion über als auch von Azzedines Arbeit, geprägt von Spuren meiner selbst. Der Ausdruck meiner Zeit hier.“
Diese Haltung zeigte sich von Beginn an. Die Kollektion eröffnete mit reduzierten, hautengen Slip Dresses, die an den Minimalismus der Neunziger erinnerten. Jede Silhouette wirkte zurückhaltend und präzise, als wolle sie daran erinnern, dass der wahre Maßstab nicht im Spektakel liegt, sondern in der Integrität dessen, was eine Frau tatsächlich trägt. Dieser Gedanke zog sich durch die gesamte Kollektion.
Innerhalb dieser klaren Formensprache tauchten jedoch immer wieder unerwartete Momente auf. Swing-Mäntel im Stil der Sechziger Jahre setzten einen Gegenpol zu den schmalen Abendsilhouetten, ebenso wie Lederjacken, die mit kaskadierenden, plissierten Tutus kombiniert wurden. Säulenartige Maxikleider standen neben hochgeschlitzten, gerüschten Silhouetten.
Drapierte Abendroben erhielten grafische Einsätze aus Kroko-Leder, während präzise geschnittene, zweireihige Mäntel mit Handschuhen kombiniert wurden und Kostüme mit Pelzbesatz erschienen. Jedes dieser Stücke wirkte wie eine leise Abweichung innerhalb seines sonst so reduzierten Vokabulars und zeigte, dass Zurückhaltung und Erfindungsgeist sich nicht ausschließen müssen.
Auch das Archiv war in vielen Momenten spürbar präsent. Besonders in den Kapuzenkleidern entstand ein letztes Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Einen solchen Dialog hatte Mulier bereits vor fünf Jahren begonnen. Bei seiner Debütshow lagen an jedem Platz Briefe, adressiert an den bereits verstorbenen Azzedine Alaïa. Darin schrieb er, er habe versucht, in dessen Gedankenwelt einzudringen, wisse aber, dass das unmöglich sei. Sie seien sich begegnet, doch er habe nie wirklich die Gelegenheit gehabt, ihn kennenzulernen. Jetzt habe er wenigstens die Möglichkeit, ihm zu danken.
Seine letzte Kollektion machte diese Dankbarkeit greifbar. Und die Branche erwiderte sie.