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São Paulo Fashion Week: Mode als Instrument für soziale Integration und Vielfalt

Von Marta De Divitiis

10. Dez. 2021

Mode

Die Mode, die lange Zeit als elitär galt, kann auch ein Mittel zur sozialen Integration sein. Dies war die Botschaft, die nach dem Ende der 52. Ausgabe der SPFW – São Paulo Fashion Week – übrig blieb.

Die Veranstaltung fand im November im brasilianischen Kulturpavillon im Ibirapuera Park in São Paulo statt. Der Laufsteg stand ganz im Zeichen der Vielfalt und zeigte eine Fülle von Körpern, von groß und klein, dünn und dick, cis und trans, jung und alt.

Aber die Vielfalt beschränkte sich nicht auf den Laufsteg. Neben den etablierten Marken und einigen Neuzugängen präsentierten sich auch die Marken, die sich explizit der Inklusion verschrieben haben, mit Mode von schwarzen Designer:innen, Stylist:innen und Näher:innen aus dem Gefängnis, die in einem vom Rathaus von São Paulo organisierten Programm ausgebildet wurden. Sogar virtuelle Kleidung für Avatare, sogenannte „Skins“, wurden gezeigt.

„Seit den 80er Jahren beobachten wir den Wandel einer elitären Mode, und vor allem nach der Pandemie sind wir von einem neuen Universum betroffen; wir haben bereits Diskussionen über Vielfalt geführt, wir haben vor drei Ausgaben eine Regelung aufgestellt, die alle Ethnien gleich behandeln soll, und dies ist das erste Mal, dass wir dies von Angesicht zu Angesicht beobachten. Parallel dazu hat sich viel getan: Das Line-up hat sich verändert, schwarze Designer:innen sind jetzt verstärkt vertreten. Das sind sehr reale Prozesse, die verschiedene Auswirkungen haben, emotional (weil wir uns wieder von Angesicht zu Angesicht sehen), wirtschaftlich, intellektuell (weil wir neue Prozesse beobachten), ein neues Publikum, das sich für Mode begeistert, alles wirkt sich auf uns aus", erklärt Paulo Borges, der kreative Leiter der Veranstaltung.

Cria Costura und das Projekt Ponto Firme bieten soziale Chancen durch Nähen und Häkeln

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einer Show von 23 Frauen, die im Rahmen einer von der Stadtverwaltung von São Paulo in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Institut für Mode und Design (In-MOD) organisierten Initiative in den Bereichen Modekreation und -management ausgebildet wurden. Unter der Leitung von Designer Jefferson de Assis wurden die Stücke entwickelt, deren Ergebnis in der Show präsentiert wurde.

„Das Projekt mit dem Namen Cria Costura (Create Sewing) ist ein kreativer Accelerator; wir wollten genau dieses Gefühl der Kreativität vermitteln, da Näher:innen nur als Maschinenbediener:innen gesehen werden und der kreative Teil den Designer:innen überlassen wird; es ist wichtig, Näher:innen mit einem kreativen Geist zu haben; wir hatten zehn Meetings, bei denen wir alle ermutigt haben, sich in den Bereichen Design, Produktion und Management weiterzuentwickeln; es ist ein Materialisierungsprojekt", so Assis. Die Gruppe ist bunt gemischt: Sie besteht aus Student:innen, aus Frauen, die einen Grundkurs im Nähen absolviert haben, und aus anderen, die bereits eine Werkstatt haben und eine Konfektion aufbauen wollen.

„Dies ist ein Pilotprojekt, und wir hoffen, dass das Ergebnis neue Projekte hervorbringen wird“, so der Designer und Berater. Alle Student:innen haben 12 Stücke selbst entwickelt und die Ergebnisse wurden auf der Veranstaltung gezeigt.

Mit der Modenschau von Ponto Firme wurde der Raum in der Innenstadt von São Paulo eingeweiht, in dem unter der Leitung des Stylisten Gustavo Silvestre Häkelkurse für ehemalige Gefängnisinsassen (bisher nehmen nur Männer teil) abgehalten werden. Diese Ausgabe zeigte die Entwicklung des Projekts. Die exquisit entwickelten Stücke haben an modischer Inspiration und technischer Finesse gewonnen. Leichte Kleider, T-Shirts aus Mesh mit Häkeleinsätzen, Tanktops aus gehäkeltem Jacquard. Hervorzuheben sind ein langes Kleid aus Segeltuch und Satinfaden und die von Jugendlichen aus der Ostzone von São Paulo entwickelten Häkelmützen (Crochê de Vilão).

Ein weiteres Highlight waren die Jacken aus Weizensäcken, Zucker, in einer „Ästhetik der Knappheit“, so Silvestre, der erklärt, dass das Menschenrechtsteam der OAB – Organisation der Anwälte Brasiliens – ein Screening unter den Aussteigern aus dem Gefängnissystem durchführt, die die Möglichkeit haben, Teil der Gruppe zu sein.

Sankofa Project zeigt sieben aufstrebende Marken

Für seine zweite Teilnahme an der SPFW reiste das Sankofa Project mit sieben neuen Marken an. Nach einem Mentoren- und Sponsorenprozess will die Bewegung schwarze und indigene Designer:innen ins Rampenlicht rücken. Sie wurde von Natasha Soares und Rafael Silvério vom Startup VAMO – Vetor Afro Indígena na Moda – gegründet und von Pretos na Moda (Schwarze in der Mode) mitinitiiert.

Am ersten Tag präsentierte die Marke Meninos Rei eine Mischung aus farbenfrohen Prints und neuen Kollektionen für Damen und Herren. Als nächstes präsentierte das Atelier Mão de Mãe eine Kollektion aus gehäkelten, gestreiften und karierten Stücken. In einem aufwendigen Look präsentierten sie Hotpants und Jacquard.

Santa Resistência setzte auf dem Laufsteg auf fließende Bewegungen und präsentierte maßgeschneiderte Stücke und auffällige Drucke von bunten Städten. Die Marke verwendete auch auffallend viele gerettete Details aus dem traditionellen Kunsthandwerk. Naya Violeta, eine Marke aus Goiás, hob ihre üppigen Drucke mit bequemen Modellen für Damen und Herren hervor.

Silvério präsentierte maßgeschneiderte Stücke mit rosa Satinaufschlägen. Cut-Outs, ein Materialmix und weite Armausschnitte, die mit dem Rücken verschmelzen und vorne gebunden werden, waren ebenfalls wichtige Merkmale im Design der Marke.

Silvério präsentierte Tailoring mit rosa Satinrevers. The Marias zeigten Details aus Makramee und Rüschen, Lurex-Strick und weite Hosen. Ein Highlight waren die Hosen mit Reißverschlüssen an zwei verschiedenen Stellen, die sich in kurze Hosen oder Shorts verwandeln ließen. Mille Lab begeisterte mit Sweatshirts, Micro-Röcken für Frauen und Hosen und Shorts für Männer. Das stärkste Element war jedoch die eloquente antirassistische Rede, in Rap und Spoken Word.

Komfort, Tailoring, Tradition und sportlicher Vibe

Komfortable Stücke waren ein vorherrschendes Thema bei den Kollektionen. Sie waren zu sehen bei À La Garçonne, bei Ellus und bei ALG, der zweiten Marke von Alexandre Herchcovitch und Fábio Souza.

Mit Plus Size Models, tief sitzenden Jeans, Sweatshirt-Stoffen und Plaids aus der Grunge-Ära waren die Schauen sichtlich von der Straße beeinflusst. Ronaldo Fraga präsentierte maßgeschneiderte Outfits aus RenauxView-Stoffen. Es gab viel Jacquard und poetische Freude im Film, in dem sowohl Mitarbeitende des Unternehmens als auch unter Vertrag stehende Models zu sehen waren.

Die Newcomermarke Baska, deren Gründer der Influencer und Geschäftsmann, Carlinhos Maia ist, zeigte zusammen mit Kreativdirektor Dudu Farias monochrome Looks, die maßgeschneiderte Stücke mit Parkas und Sweatshirts mischten. Auch Jacken mit abnehmbaren Ärmeln waren dabei, und etwas femininer waren Kleider und Jumpsuits mit betonter Taille und Spitzendetails.

João Pimenta kombinierte Komfort mit maßgeschneiderten Stücken mit weiten Hosen, Streifen und Faltenröcken. Karierte Stoffe kamen in Hahnentritt und Prince of Wales, begleitet von Kreidestreifen auf Kostümen und langen Mänteln. Jacken und Mäntel aus Matelassé-Satin prägten einige Looks.

Weider Silvério zeigte anschmiegsame Kleider und Röcke aus Frottee, die bei anspruchsvolleren Modellen für Komfort sorgten. Die Taille wurde mit vertikalen Cut-Outs betont. Außerdem gab es weiße, florale Drucke auf schwarzem Hintergrund zu sehen. Weiße Mäntel waren außerdem mit eleganten rosa Stoffen gefüttert.

Im Kulturzentrum von São Paulo präsentierte Fernanda Yamamoto eine Ausstellung in Form einer Performance mit Modellen aus der Yuba-Gemeinschaft aus Mirandópolis im Landesinneren des Bundesstaates São Paulo.

Das Modedesignteam stellte drei Kimonos für die Tanzshows vor, indem es Einsätze aus Seidenorganza und Käsetuch verwendete. Einige der Kimonos waren ganz aus Seide und in wunderschönen Farbkombinationen gefertigt.

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Agentur Fotosite

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ