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Schneiderkunst mit Schlagkraft: die Welt von John Lawrence Sullivan

Vom Boxring auf den Laufsteg? Designer Arashi Yanagawa verwandelt Kampfgeist in Schneiderkunst. Nun gibt er sein Debüt auf der Berlin Fashion Week.
Mode
John Lawrence Sullivan FW20 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
Von Jule Scott

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Es gibt nicht die eine Ursprungsgeschichte in der Mode – doch die von John Lawrence Sullivan und seinem Gründer Arashi Yanagawa sticht heraus, denn vom Boxring zur Schneiderwerkstatt, verwandelt der Designer die Disziplin und Präzision seiner ehemaligen Boxkarriere in eine Formsprache voller Tradition, Subkultur und handwerklicher Raffinesse.

Mit seinem Debüt auf der Berlin Fashion Week, präsentiert im Rahmen der Intervention von Reference Studios, die zuvor Designer wie GmbH und Anonymous Club vorgestellt haben, betritt Yanagawa nun erneut die Bühne. FashionUnited wirft einen Blick auf seinen Weg und die Impulse, die seine Kollektionen seit über zwei Jahrzehnten prägen.

Boxhandschuhe gegen Schneiderkunst

Yanagawa begann seine Karriere weit entfernt vom Laufsteg. Als junger Mann aus Hiroshima strebte er danach, Japan als Boxer bei den Olympischen Spielen zu vertreten. Mehrere Jahre kämpfte er erfolgreich als Amateur und gewann unter anderem den Titel in der Fliegengewicht-Klasse bei den japanischen Nationalmeisterschaften während seiner Universitätszeit, doch dann änderte sich alles.

Wie er der in Tokio ansässigen Onlineplattform Sabukaru erklärte, brach er sein Studium im letzten Jahr ab, nachdem seine Chancen auf eine Olympiateilnahme gesunken waren. Kurz darauf wurde er von Yoko Gushiken entdeckt – einem ehemaligen japanischen Profiboxer, Olympiateilnehmer – und stieg ins Profilager auf. Vier Jahre lang boxte er professionell, ohne große Titel zu gewinnen. Danach folgte ein radikaler Richtungswechsel in die Modewelt.

Der Designer Arashi Yanagawa Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Heute erinnert insbesondere der Name der Marke, eine Anspielung auf den Profiboxer John Lawrence Sullivan noch an seinen ehemaligen Olympia-Traum, doch Kleidung und ihre Assoziationen hatte Yanagawa schon als Kind fasziniert. Trotz seiner Boxkarriere blieb sein Interesse an Kleidung lebendig. In Tokios lebhaften Viertel Harajuku stöberte er in Boutiquen und Secondhand‑Läden, immer mit der Idee, eines Tages selbst in der Branche Fuß zu fassen. Nach seiner Zeit als Profiboxer suchte er deshalb nach Wegen, seine Leidenschaft weiterzuverfolgen.

Den ersten Funken fand er allerdings nicht in seiner Heimat, sondern während einer Reise nach London. Dort erzählten Orte wie Camden Market und Portobello Road Market Geschichten von radikal persönlichem Stil, erinnerte sich der Designer in einem Interview mit der Onlineplattform Sabukaru. Dort kombinierten Menschen Blazer und Mäntel mit Trainingsanzügen, spielten mit ungewöhnlichen Proportionen und kreierten Looks, die nichts mit Konventionen brachen. Im Vergleich zu Japan, wo Mode oft ungeschriebene Regeln beherzigt, empfand Yanagawa diesen freien Selbstausdruck als befreiend. Gleichzeitig inspirierte ihn die Verbindung von Individualität und handwerklicher Tradition.

Nach seiner Rückkehr nach Japan setzte Yanagawa erste konkrete Schritte in Richtung Mode. In einem von einem Freund zur Verfügung gestellten Raum im Stadtteil Nakameguro begann er, Lederjacken aus London zu verkaufen. Parallel dazu beschäftigte er sich intensiv mit der Konstruktion von Kleidungsstücken. Er zerlegte eigene Vintage-Jacken, studierte Schnitte, Materialien und Verarbeitung und entwickelte daraus ein immer tieferes Verständnis für das Handwerk. Selbst seine Lieblingsjacke nahm er auseinander, überzeugt davon, dass dieser Prozess eine Investition in die Zukunft sei, wie er später gegenüber dem Modemagazin 10 Magazine erklärte.

John Lawrence Sullivan SS20 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Bis heute zählt die Liebe zum Detail bei Schnitt und Material zu den zentralen Merkmalen der in Tokio ansässigen Marke. Yanagawa gilt als äußerst wählerisch in der Stoffauswahl, nahezu alle Materialien werden speziell für seine Kollektionen entwickelt. Eine Schlüsselrolle spielen dabei seine regelmäßigen Besuche in Bishu, einem der bedeutendsten Wollproduktionsgebiete Japans. Diese Reisen seien, so erklärte er im Gespräch mit Woolmark Company, essenziell für die Existenz seiner Marke. Im Austausch mit den Arbeiter:innen vor Ort entdeckt er immer wieder Stoffe, Strukturen und Qualitäten, die in seinen Kollektionen weiterleben.

Zwischen Präzision und Subkultur

Ästhetisch bewegt sich John Lawrence Sullivan in einem Spannungsfeld aus handwerklicher Präzision und subkultureller Referenz. Yanagawas Entwürfe übersetzen traditionelle Materialien in eine zeitgemäße, bewusst spannungsreiche Formensprache – ein Ansatz, der der Marke über Jahre hinweg Profil und internationale Anerkennung verschafft hat.

Zwar speisen sich seine Designs aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, von der Musik, die im Studio läuft, bis hin zu Film, Theater, Kunst und Literatur, doch die Grundlage seiner Arbeit bleibt stets das Material selbst. Die Wahl der Stoffe ist tief in der japanischen Textiltradition verwurzelt, selbst dann, wenn das ästhetische Ergebnis punknah, roh oder subversiv wirkt.

John Lawrence Sullivan FW20 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
John Lawrence Sullivan FW20 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Diese Spannung prägt auch Yanagawas Umgang mit Punk, den er weniger als Stilreferenz denn als strukturelles Prinzip versteht. Punk dient ihm als Werkzeug, um etablierte Systeme von Ordnung, Körper und Kleidung zu hinterfragen. In früheren Shows, die mit Live-Performances der britischen Band Wild Daughter eröffneten, trafen Post-Punk- und Gothic-Rock-Klänge auf streng konstruierte Schnitte und eine kontrollierte Silhouette. Die provokative Energie der Musik stand dabei im bewussten Kontrast zur Präzision des Tailorings, ein Zusammenspiel, das Rebellion nicht als Chaos, sondern als bewusste Verschiebung von Regeln begreift.

Gerade im Tailoring wird dieser Ansatz sichtbar. Klassische Schneidertechniken, traditionell stark geschlechtlich codiert, werden bei John Lawrence Sullivan neu gedacht. Proportionen verschieben sich, Schultern werden betont oder aufgelöst, Taillen geöffnet, Hosenlängen und Jackenschnitte neu gedacht. Punk fungiert hier nicht als ästhetische Überzeichnung, sondern als Impuls, um starre Kategorien aufzubrechen. So entsteht eine Form von Gender-Fluidität, die nicht auf Dekoration oder Symbolik beruht, sondern aus der Konstruktion des Kleidungsstücks selbst heraus entwickelt wird.

John Lawrence Sullivan SS20 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
John Lawrence Sullivan SS20 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Seit 2010, als die Marke begann, Menswear- und Womenswear miteinander zu verbinden, hat sich diese Haltung weiter verdichtet. Silhouetten werden bewusst ambivalent gehalten, ohne ihre formale Strenge zu verlieren. Traditionelles Handwerk, subkulturelle Energie und eine offene Auffassung von Körper und Identität verschmelzen zu einer Designsprache, in der Kontrolle und Freiheit, Stärke und Verletzlichkeit gleichermaßen präsent sind.

Vor diesem Hintergrund richtet sich nun der Blick auf Berlin. Mit seinem Debüt im Rahmen der Berlin Fashion Week trifft Yanagawa auf eine Stadt, deren kulturelle Identität ebenso stark von Musik, Subkultur und Geschichte geprägt ist wie von einer eigenständigen Vorstellung von Freiheit und Widerstand. Die deutsche Hauptstadt war schon immer ein Ort, an dem Mode, Klang und gesellschaftliche Haltung miteinander verschmelzen und somit ein Umfeld, das in vielerlei Hinsicht an jene Spannungsfelder erinnert, die John Lawrence Sullivan seit Jahren mit auslotet. Erste Erfahrungen mit Gastspielen in anderen Ländern sammelte der Modeschöpfer in den vergangen Jahren zudem bereits fleißig, denn seine Kollektionen wurden neben Tokio auch in Paris und London präsentiert.

Welche Impulse der Designer nun aufnehmen und nach Berlin bringen wird, bleibt offen. Denkbar ist, dass das Zusammenspiel seiner Interessen – Musik, Subkultur, handwerkliche Präzision sowie die Auseinandersetzung mit Körper, Identität und Tradition – auf der Berliner Modewoche neue Resonanzräume findet.

John Lawrence Sullivan zeigt seine Herbst/Winter-Kollektion 2026 am 2. Februar um 17 Uhr im Rahmen der Berlin Fashion Week. Zu den weiteren Programmhöhepunkten zählen Modenschauen von GmbH, Richert Beil, Lueder und Sia Arnika. Die Berliner Modewoche findet vom 30. Januar bis 2. Februar statt.

Berlin Fashion Week
John Lawrence Sullivan
Reference Studios