Vergeben oder vergessen: Was die Ehrung John Gallianos im Met über die Erinnerungskultur der Modewelt verrät
John Galliano ist ein kreatives Genie. Die Mode weiß das seit seiner Abschlusskollektion am Central Saint Martins im Jahr 1984. Sie hat ihn während seiner Amtszeiten bei den Luxusmodehäusern Dior und Maison Margiela gefeiert – und im Frühjahr 2027 wird auch die breitere Öffentlichkeit mit seiner unvergleichlichen Fähigkeit zum narrativen Design vertraut gemacht, wenn das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art „John Galliano: Horizons“ präsentiert.
Doch was sagt diese Entscheidung eigentlich über das selektive Gedächtnis der Modebranche aus?
Horizonte und Transformation
Zu sagen, dass Gallianos bevorstehende Ausstellung im Met eine große Sache ist, wäre eine Untertreibung. 16 Jahre nachdem sein einst schärfster Konkurrent Alexander McQueen posthum vom Costume Institute geehrt wurde, steht nun Galliano im Mittelpunkt einer umfassenden Einzelausstellung, die seine gesamte Karriere umfasst. Damit ist er erst der dritte lebende Designer, dem diese Anerkennung zuteilwird – nach Yves Saint Laurent 1983 und Rei Kawakubo 2017.
Laut Anna Wintour, globaler Editorial Director von Vogue und Treuhänderin des Met, „gibt es niemanden, der eine Ausstellung dieses Umfangs mehr verdient hätte als John Galliano“. Sein Werk, das sich von seinem eigenen Label über Dior und Givenchy bis hin zu Margiela erstreckt, sei eine Verbindung aus Gelehrsamkeit und Kreativität – ein Universum, in dem Vergangenheit und Zukunft aufeinandertreffen. Wintour ist überzeugt, dass der Designer mehr ist als die Summe seiner einzelnen Werke und nicht durch einen einzigen Moment definiert werden sollte, selbst wenn dieser Moment vielleicht hätte alles Kommende überschatten können oder sogar müssen.
Dass die Entscheidung, Gallianos Vermächtnis zu ehren, Kritik hervorrufen würde, war den Organisator offenbar bewusst. Deshalb betonten sie frühzeitig, dass die Ausstellung keineswegs beabsichtige, jene Ereignisse aus dem Jahr 2011 zu umgehen oder zu beschönigen. Damals wurde Galliano nach einer antisemitischen Tirade, die in einem Pariser Café gefilmt wurde, wegen öffentlicher Beleidigung verhaftet und anschließend von Dior entlassen – zu einem Zeitpunkt, an dem seine Karriere ihren Höhepunkt erreicht hatte.
„Die Ausstellung wird nicht vor den dunklen Kapiteln in Johns Vergangenheit zurückschrecken“, sagte Wintour. „Sie sind Teil dessen, was ihn geprägt hat. Die Ausstellung wird den gesamten Bogen seiner Karriere zeigen und sich mit all diesen Aspekten auseinandersetzen.“
Andrew Bolton, Kurator des Costume Institute, beschreibt einen ähnlichen Ansatz. Er versteht die Ausstellung als eine Form der Kartografie – nicht als Vermessung von Orten, sondern von Verbindungen, Spannungen und Veränderungen. Sie zeichnet nach, wie Bilder zu Ideen werden, Ideen zu Material und Material zu Emotion. Ein Horizont, so Bolton, zeige nicht nur, was vor einem liege, sondern auch den eigenen Standort der Betrachtenden. In diesem Sinne untersucht die Ausstellung zwei Dinge gleichzeitig: wie Galliano die visuelle Sprache der Mode über vier Jahrzehnte verändert hat – und wie sein Verhalten, die daraus entstandenen Folgen sowie sich wandelnde gesellschaftliche Werte wiederum beeinflusst haben, wie dieses Werk heute verstanden wird.
Der Ankündigung zufolge wird die Ausstellung in drei „Bewegungen“ gegliedert sein: „Bearings“, „Horizons“ und „Atlas of Transformation“. Der erste Abschnitt, „Bearings“, soll Gallianos Verfehlungen nicht auslöschen, sondern in einen Kontext setzen. So soll der Bruch thematisiert werden, den seine antisemitischen, rassistischen und antiasiatischen Äußerungen verursacht haben, ebenso wie seine anschließende Behandlung wegen einer Suchterkrankung und seine spätere öffentliche Anerkennung der eigenen Verantwortung.
Die Erzählung der Läuterung
Das ist mehr Offenheit, als viele Retrospektiven ihren Protagonist:innen entgegenbringen. Doch Kontext ist nicht dasselbe wie Aufarbeitung. Ein Wandtext in einem Museum, der einen von Hass geprägten Ausbruch anerkennt, ist nicht dasselbe wie eine Institution, die sich fragt, ob sie eine dreiteilige, jahrzehnteumfassende Würdigung genau jener Person ins Zentrum stellen sollte, die diesen Ausbruch begangen hat.
Und das Met scheint sich dessen zumindest teilweise bewusst zu sein. Statt eine klassische Geschichte von Schande und Erlösung zu erzählen, möchte die Ausstellung untersuchen, wie Erinnerung, Erfahrung, kulturelle Werte und historische Umstände die Wahrnehmung eines Designers fortlaufend verändern. Sie soll Besucher:innen dazu einladen, darüber nachzudenken, wie ästhetische Leistung, ethische Verantwortung und institutionelle Anerkennung miteinander verbunden sind, so die Mitteilung.
Dieses Narrativ an sich ist allerdings nicht neu. Galliano wurde längst wieder in die Mythologie der Modeindustrie aufgenommen, und sein Fehlverhalten wird häufig als Kapitel in der Geschichte eines Genies mit einer schwierigen Reise dargestellt – anstatt als ein Moment, der dauerhaft hätte verändern müssen, wie die Mode über Verantwortung und Konsequenzen spricht.
Genau hier liegt der Mechanismus, den es zu benennen gilt: In der Mode wird Talent häufig als mildernder Faktor behandelt, als könne kreative Größe die Schwere einer Verfehlung relativieren. Gallianos Weg zurück – nach einigen Jahren im modischen Exil, durch Rehabilitation, eine Modepresse, die bereit war, ihm die Erzählung der Läuterung zu ermöglichen, sowie ein Jahrzehnt gefeierter Arbeit bei Margiela – ist keine Ausnahme. Er ist vielmehr Ausdruck des Normalzustands einer Branche, die ihren größten Talenten immer wieder einen Weg zurück eröffnet.
Dieser Normalzustand verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Die Galliano-Ausstellung kommt in einer Zeit, in der antisemitische Vorfälle weltweit zunehmen und ein breiteres Klima rassistischer und politischer Spannungen weiterhin besteht. Dass dies den Organisator durchaus bewusst ist, scheint offensichtlich, denn sie gingen offenbar nicht unvorbereitet in dieses Projekt.
Ein Bericht der New York Times von Chefmodekritikerin Vanessa Friedman über die Vorbereitung der Ausstellung enthüllte, dass Wintour, Galliano und Bolton im vergangenen Jahr Gespräche mit Rabbiner und Vertreter:innen jüdischer Gemeinschaften in New York führten – unter anderem, um Bedenken hinsichtlich der Ausstellung zu verstehen und eine Form der Zustimmung für das Projekt einzuholen.
Rabbiner Rick Jacobs, Präsident der Union for Reform Judaism in Nordamerika, sagte gegenüber der New York Times, er sei von Gallianos „Aufrichtigkeit“ beeindruckt gewesen und habe seine Reue nicht als einstudiert empfunden. Jonathan Greenblatt, Geschäftsführer der Anti-Defamation League, ging in einer Stellungnahme noch weiter und erklärte, die ADL sei überzeugt, dass Galliano sich ernsthaft mit den Ursachen seiner Äußerungen von 2011 auseinandergesetzt habe und seine Bemühungen um Wiedergutmachung Anerkennung verdienten.
Diese sorgfältige Vorbereitung ist bedeutsam. Sie löst jedoch nicht das grundlegende Unbehagen auf, das – insbesondere in den sozialen Medien – seit der Ankündigung der Ausstellung besteht.
Das Bedürfnis der Mode, Sünden zu vergeben
Das bedeutet nicht, dass Gallianos Werk nicht geachtet, gelehrt oder ausgestellt werden sollte. Die Modegeschichte ist nicht dadurch besser gedient, dass schwierige Persönlichkeiten aus ihr entfernt werden. Doch es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen einer Ausstellung, die ein Vermächtnis kritisch untersucht, und einer Ausstellung, die – zumindest nach ihrer bisherigen Konzeption – Bewunderung scheinbar an erste Stelle setzt und Aufarbeitung erst danach folgen lässt.
Die drei von Bolton gewählten „Bewegungen“ folgen in ihrer bisherigen Konzeption einer Erzählung, die Besuchende scheinbar vom Bruch über die Transformation hin zu einer Form der Wiederherstellung führt. Damit besteht jedoch die Gefahr, dass die Ausstellung weniger die ungelösten Widersprüche eines komplexen Vermächtnisses offenlegt, sondern vielmehr den vertrauten Bogen vom gefallenen Genie zur rehabilitierten Ikone nachzeichnet.
Die Ausstellung im Met dürfte dennoch zweifellos außergewöhnlich werden – Gallianos Talent und sein Einfluss auf die Modegeschichte stehen außer Frage. Außergewöhnlich bedeutet jedoch nicht automatisch unumstritten, und genau diese Spannung muss eine Institution wie das Met aushalten: die Größe eines künstlerischen Beitrags anzuerkennen, ohne dabei die Verantwortung für das Handeln der Person dahinter aus dem Blick zu verlieren. Solange die Modebranche bereit ist, Genialität als Entschuldigung statt als Teil einer komplexeren Betrachtung zu behandeln, wird sie weiterhin dazu neigen, die Verfehlungen ihrer größten Talente zu relativieren.
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