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Warum Nike einen zerlegbaren Sneaker entwickelt hat

Von Jennifer Mason

25. Mai 2022

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Ein zerlegter Nike ISPA Link Sneaker. Bild: Nike.

Am Samstag fand in New York zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie der Brooklyn-Halbmarathon statt. Ein junger Läufer in den Dreißigern brach nach dem Zieleinlauf des 21-Kilometer-Rennens zusammen und wurde später aufgrund eines vermuteten Herzstillstands für tot erklärt. Der Mann war nach Angaben der New Yorker Feuerwehr eine von 16 Personen, die an diesem Tag bei ungewöhnlich heißem und schwülem Wetter ins Krankenhaus gebracht wurden.

Ein Wochenende mit Rekordtemperaturen in den USA und in Westeuropa hat den Sommer einen Monat vor seinem offiziellen Starttermin herbeigeführt. Die im Januar und April veröffentlichten Berichte des von der Europäischen Union finanzierten Copernicus Climate Change Service (C3S) weisen darauf hin, dass die letzten sieben Jahre die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen waren und dass die Zahl der Sommertage mit hoher Hitzebelastung zunimmt.

Jährliche Durchschnittswerte der globalen Lufttemperatur in zwei Metern Höhe, geschätzte Veränderung seit der vorindustriellen Zeit im Vergleich zu 1991-2020. Quelle: Copernicus Climate Change Service.

Der Bericht “C3S European State of the Climate” weist darauf hin, dass sich extreme Oberflächentemperaturen auf alles auswirken; von der Landwirtschaft über den Energiebedarf bis hin zur menschlichen Gesundheit. Sportler:innen aller Disziplinen werden die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen, der durch den Anstieg der Treibhausgase verursacht wird, die die Wärme speichern und den Planeten erwärmen.

“Die Kohlendioxid- und Methankonzentrationen steigen von Jahr zu Jahr weiter an und es gibt keine Anzeichen für eine Verlangsamung,” sagte Vincent-Henri Peuch, Direktor des Copernicus Atmosphere Monitoring Service, in einer Stellungnahme zu den Erkenntnissen vom Januar. “2021 war ein weiteres Jahr mit extremen Temperaturen: der heißeste Sommer in Europa, Hitzewellen im Mittelmeerraum, ganz zu schweigen von den noch nie dagewesenen hohen Temperaturen in Nordamerika,” fügte C3S-Direktor Carlo Buontempo hinzu. “Diese Ereignisse erinnern uns eindringlich daran, dass wir unsere Gewohnheiten ändern, entschlossene und wirksame Schritte in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft unternehmen und auf eine Reduzierung der Netto-Kohlenstoffemissionen hinarbeiten müssen.”

Nikes “Move to Zero” will Emissionen beseitigen

Nike nimmt abgetragene Turnschuhe aller Marken an und recycelt sie zu Nike Grind-Material. Bild: Nike.

Im Jahr 2019 ging Nike eine Partnerschaft mit dem Climate Impact Lab ein, einem Zusammenschluss von mehr als 30 Klimawissenschaftler:innen, Ökonom:innen, Analyst:innen und anderen Expert:innen aus einigen der führenden Forschungseinrichtungen der USA. Die Zusammenarbeit zeigte, wie sich steigende Temperaturen auf die Tätigkeit von Sportler:innen auswirken werden und bereits auswirken: Ein anhaltender Anstieg der extremen Hitze könnte bis 2050 den Trainingskalender für Sportarten wie American Football um zwei Monate verkürzen, und die Zahl der hochwertigen Trainingstage für Wintersportarten könnte im gleichen Zeitraum um 11 bis 22 Prozent sinken.

Um den Zusammenhang zwischen Klima und Sport zu verdeutlichen und den eigenen Plan für kohlenstoff- und abfallfreie Produktionsmethoden vorzustellen, startete Nike zeitgleich mit der Zusammenarbeit mit dem Climate Impact Lab die Kampagne “Move to Zero”. Der Plan umfasst mehrere Initiativen, wie zum Beispiel die Abschaffung von Einwegplastik an allen Nike-Standorten, die Versorgung von Vertriebszentren mit erneuerbarer Energie (wie etwa in Belgien), das Fernhalten gebrauchter Schuhe und Produktionsabfällen von Mülldeponien und stattdessen ihre Wiederverwendung als Nike Grind-Material, das für Laufbahnen, Basketballplätze und Sporthallenfliesen verwendet werden kann. Nike bereitet auch leicht abgenutzte Schuhe auf und verkauft sie zu einem niedrigeren Preis weiter.

Der unvollkommene Prozess des zukunftsorientierten Designs

Viel manuelle Arbeit ist nötig, um einen Sneaker für das Recycling vorzubereiten, da nicht alle Komponenten recycelbar sind. Bild: Nike.

Um die Umwelt so wenig wie möglich zu belasten, muss bei der Entwicklung eines Produkts das Ende seiner Lebensdauer berücksichtigt werden. Die derzeitigen Recyclingsysteme auf der ganzen Welt sind nicht für Kleidung und Schuhe ausgelegt, die manuell sortiert, nach Fasern getrennt, von nicht verwertbaren Elementen befreit und anderweitig zerlegt werden müssen. Viele Artikel bestehen außerdem aus Mischmaterialien oder enthalten Chemikalien oder Kunststoffe, für deren Abbau es noch keine technischen oder chemischen Lösungen gibt.

Nach Angaben der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) werden nur etwa 13 Prozent der in den USA weggeworfenen Kleidung und Schuhe recycelt. Daher sollten Unternehmen bei der Entwicklung von Recyclingmethoden helfen, indem sie diese in einen Kreislaufprozess einbinden, bei dem Abfall zu einer materiellen Ressource werden kann. Frankreich ist derzeit das einzige Land, das Unternehmen, die neue Textilien und Kleidung für den französischen Markt herstellen, eine verbindliche Politik der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) auferlegt, die sie verpflichtet, die Verantwortung für das Sammeln und Recyceln ihrer gebrauchten Produkte zu übernehmen. Nike mit Sitz in Oregon hat daher ein Kreislaufdesignprogramm auf eigene Initiative hin initiiert.

Nike repariert getragene Schuhe und verkauft sie weiter beziehungsweise gibt online Tipps zur Produktpflege, um die Lebensdauer der Schuhe zu verlängern. Bild: Nike.

In den publizierten Erklärungen zu den Herausforderung, ein Kreislaufsystem zu entwickeln, räumt Nike ein, dass sein Team noch nicht alle Antworten kennt. Aber durch die Erstellung eines öffentlich zugänglichen Arbeitsbuchs, das mehr Fragen als Richtlinien enthält, hat das Unternehmen zehn Grundsätze für das Kreislaufdesign aufgestellt, die die eigenen Designer:innen bei neuen Projekten berücksichtigen sollen. Das öffentlich zugängliche Dokument mit dem Titel “Circularity: Guiding the Future of Design” (Leitfaden für die Zukunft des Designs) stellt Designfragen wie “Können sich die Komponenten ohne Zusatzstoffe oder Oxo-Abbaubarkeit sicher zersetzen? Hat jedes Bauteil einen anderen Wert als das gesamte Produkt? Wie könnte man Reparatursets, einschließlich Anleitungen, in ein Kleidungsstück einbauen?”

”Wir motivieren und befähigen alle, intelligentere Veränderungen vorzunehmen, und wir bauen vielfältige, integrative Teams auf, um unermüdliche Innovationen für Sportler:innen und den Planeten voranzutreiben”, erklärt Nikes Nachhaltigkeitschef Noel Kinder.

Das vierte Prinzip des kreislauffähigen Designs ist für Nike die Demontage, um den Recyclingprozess zu erleichtern. “Wir sind an die Vorstellung gewöhnt, dass ein Schuh ein Schuh ist. Aber eigentlich ist er eine Fundgrube”, heißt es im Dokument. Hier kommen die bevorstehenden Neuentwicklungen des Unternehmens ins Spiel.

Einführung des Nike ISPA Link

Der Nike ISPA Link ist ab Juni erhältlich. Bild: Nike.

ISPA ist ein Akronym, das die Philosophie des kreislauffähigen Designs zusammenfasst: Improvise, Scavenge, Protect, Adapt. Ohne die Funktionalität zu beeinträchtigen gelang es dem ISPA-Designteam, den traditionellen Klebstoff zu umgehen, der das Zerlegen und damit das Recycling extrem erschwert. Das Recycling von Schuhen erfolgt in der Regel durch Zerkleinerung - ein energieintensiver Prozess, so Nike, der die Verwendungsmöglichkeiten der recycelten Materialien einschränkt.

Das Design des ISPA Link besteht daher aus drei ineinandergreifenden Modulen, die ohne Klebstoff miteinander verbunden sind, und die Zwischensohle besteht aus Stiften, die in die Öffnungen im Obermaterial passen. Das Kleben ist ein zeitaufwändiger Prozess, so dass Nike die Montage eines Paars Links mit acht Minuten beziffert. Das Modell kommt außerdem ohne energieintensive Prozesse wie Kühlung, Erhitzung und Förderbandsysteme aus und spart so Kohlenstoffemissionen sowohl bei der Herstellung als auch beim Recycling. Dadurch, dass die Kund:innen die Schuhe selbst zerlegen können, könnten sie möglicherweise schon auseinander genommen werden, bevor sie im Recyclingservice oder als Spende bei Nike ankommen. Dadurch würden einige der zusätzlichen Schritte wegfallen, die das Unternehmen für den Recyclingprozess benötigt.

Verbindende Stifte in der Zwischensohle - Bestandteil des leimlosen, ineinandergreifenden modularen Designs des ISPA Link. Bild: Nike.

Einer Erklärung von Nike zufolge wurden Komfort und Stabilität des ISPA Link von 40 Sportler:innen getestet, die den Prototypen rund 200 Stunden trugen. “Wir hoffen, dass diese Ideen und die Ästhetik zur Normalität werden und unsere Fähigkeit, uns vorzustellen, wie sich Schuhe in Zukunft weiterentwickeln werden, beschleunigen”, sagte Darryl Matthews, VP von Catalyst Footwear Product Design.

Der ISPA Link wird ab Juni in Nike-Stores und auf E-Commerce-Plattformen erhältlich sein. Ein Preis wurde noch nicht bekannt gegeben, aber das ISPA Flow-Modell von 2020 wird für 180 US-Dollar (rund 170 Euro) verkauft. Der ISPA Link Axis soll Anfang 2023 folgen und die traditionelle Methode des Zuschneidens und Nähens (die für den Link verwendet wird) soll mit einem 100 Prozent recyceltem Polyester-Flyknit-Obermaterial ersetzt werden. Dieses wurde so entwickelt, dass es über die Außensohle passt, um so Nähte als nächsten Schritt der Demontage zu eliminieren.

Sich in der Geduld und Ausdauer von Sportler:innen zu üben und sich Schritt für Schritt zu verbessern, wird letztlich die nächsten Innovationen im Bereich Nachhaltigkeit hervorbringen, wie Nikes Designchef John Hoke anmerkt: “Indem wir uns auf den Fortschritt und nicht auf die Perfektion konzentrieren und bessere Entscheidungen treffen, ergreifen wir die Chance, unser Handwerk zu überdenken, in der Hoffnung, dass dies eine Welle der Veränderung auslöst.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf FashionUnited.uk. Übersetzt und bearbeitet von Simone Preuss.

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