Wie man in Zeiten von Nepo-Babys eine Modelkarriere aufbaut

Supermodel Isabeli Fontana und Creative Director Maximilian D’Antonio sprechen über Privilegien in einer Branche, die berühmte Gesichter feiert und Nachwuchsmodels immer mehr Risiken aufbürdet.
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Kai Schreiber, Apple Martin und Ella Bleu Travolta Credits: ©Launchmetrics/spotlight
Von Renan Botelho de Carvalho

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Apple Martin, Tochter von Gwyneth Paltrow und Chris Martin, gab am 1. Oktober in Paris ihr Laufstegdebüt bei der Show für Frühjahr/Sommer 2027 des französischen Modehauses Chloé. Schon am nächsten Tag wurde sie in den sozialen Medien als „Nepo-Baby“ bezeichnet – ein Begriff für Personen, die beruflich scheinbar von ihren berühmten Eltern profitieren. Martin war in dieser Saison jedoch nicht die Einzige aus dem prominenten Nachwuchs der Modewelt, die über die Laufstege lief.

Kaia Gerber, Tochter von Cindy Crawford und Rande Gerber, lief für das US-amerikanische Label Khaite. Kai Schreiber, Tochter von Naomi Watts und Liev Schreiber, war bei der US-amerikanischen Marke Thom Browne auf dem Laufsteg zu sehen. Ella Bleu Travolta, Tochter von John Travolta und Kelly Preston, lief für das italienische Modehaus Miu Miu.

Die Liste der sogenannten Nepo-Babys, die zuletzt verschiedene Marken repräsentierten, setzt sich mit Lila Moss, Lily McMenamy, Iris Law, Julez Smith, Sunday Rose Kidman-Urban, Romeo Beckham, Henry Samuel, Amelia Gray und weiteren fort. Ob sie diese Bezeichnung verdienen, beurteilen die Richter:innen im Netz von Fall zu Fall. Klar ist jedoch, dass berühmte Nachnamen das Casting in der Modebranche im vergangenen Jahrzehnt grundlegend verändert haben.

Auch in Deutschland ist das Phänomen bekannt. Leni Klum, Tochter von Heidi Klum, modelte im Januar 2021 im Rahmen der Berliner Fashion Week für den Berliner Salon – allerdings in einem Fashion-Film statt bei einer klassischen Laufstegshow. Im September desselben Jahres lief sie in Berlin bei der Show des Onlinehändlers About You. Inzwischen wird sie von der international tätigen Agentur IMG Models vertreten. Ihr Portfolio umfasst Titelseiten der deutschen Ausgaben von Vogue, Glamour und Harper’s Bazaar sowie Cover des 2003 in Berlin gegründeten Mode-, Kunst- und Designmagazins Zoo Magazine, des US-Magazins Paper, einer russischsprachigen Elle-Ausgabe und eines südkoreanischen Magazins. Auf mehreren dieser Titel ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter zu sehen, auch auf ihrem ersten Vogue-Cover Anfang 2021.

Apple Martin für Chloé Credits: ©Launchmetrics/spotlight

In den späten 1990er-Jahren begann das Supermodel Isabeli Fontana ihre Karriere im Alter von 13 Jahren – ganz ohne bestehende Kontakte. „Das bedeutete viele Castings, Shows, Arbeit und Reisen, neue Teams kennenzulernen und direkt in der Praxis zu lernen“, sagte sie gegenüber FashionUnited. „Heute wächst eine Generation direkt in der Modewelt auf – Kinder von Models, Fotograf:innen, Designer:innen und anderen Menschen, die bereits in der Branche arbeiten. Sie kennen diese Welt von klein auf und bringen eine Vertrautheit mit, die ich nicht hatte. Das verändert den Einstieg enorm.“

Mit einem berühmten Nachnamen sei der Einstieg zwar möglicherweise leichter, so Fontana. Danach müsse sich jedoch „jede Person ihren eigenen Weg bahnen“. „Man hat vielleicht einen anderen Zugang, aber man muss die Arbeit leisten, die Chancen bestmöglich nutzen und zeigen, wer man ist“, sagte sie.

Wie viele Modebegeisterte ist auch der Stylist und Creative Director Maximilian D’Antonio hin- und hergerissen. Bei Nepo-Babys auf dem Laufsteg schwanke er „zwischen absoluter Besessenheit und echter Frustration“. „Die Kardashians sind für mich das perfekte Beispiel für diese Hassliebe“, sagte er. „Ich liebe Popkultur, aber manchmal fällt es mir schwer, diese Faszination von dem zu trennen, was ich eigentlich über die Privilegien dahinter denke.“

Alles nur Neid?

Der Gegenwind, der Nepo-Babys mitunter entgegenschlägt, könnte laut D’Antonio teilweise „auf Neid beruhen“. „Wer in Geld und Ruhm hineingeboren wird, hat einen leichteren Zugang zu einer Branche, in die andere jahrelang hineinzukommen versuchen“, sagte er. „Das bedeutet nicht, dass Nepo-Babys nicht hart arbeiten. Eine berühmte Familie kann einen auch in den eigenen Entscheidungen einschränken.“

Das eigentliche Problem sieht er im Ungleichgewicht. „So viele Freiberufler:innen kämpfen um jeden Euro, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, während andere eine Chance auch wegen ihres familiären Hintergrunds bekommen.“

Die wachsende Zahl von Nepo-Babys in der Modebranche ist für den Creative Director ein Grund zur Sorge. „Es ist frustrierend, wenn Marken scheinbar lieber in einen bereits berühmten Namen investieren als in jemanden, der seit Jahren auf diese Chance hinarbeitet“, sagte er. „Mir ist bewusst, dass bekannte Namen Aufmerksamkeit bringen. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Marken dieselbe Energie und Investitionsbereitschaft in den Aufbau von Talenten ohne solche Kontakte stecken.“

Fontana, die für Victoria’s Secret, Versace, Chanel, Valentino, Ralph Lauren, Balenciaga und weitere Luxusmarken gearbeitet hat, betont, dass der Beruf „viel verlangt“. Models müssten ihre Arbeit wirklich lieben – unabhängig davon, wo sie angefangen haben. „Es gibt Reisen, Castings, Wartezeiten, sehr intensive Tage und ruhigere. Man muss die Leidenschaft bewahren, um all diese Phasen durchzustehen“, sagte sie. Ebenso wichtig seien Disziplin und Resilienz.

Isabeli Fontana im Laufe der Jahre bei Off-White, Michael Kors, Bottega Veneta und Versace Credits: Launchmetrics/spotlight

„Das Berufsbild verändert sich ständig. Anfangs konzentrierte ich mich stark auf den Laufsteg, dann kamen Kampagnen, Magazine, Werbung und Fernsehen hinzu, und ich habe unterwegs viel Neues gelernt“, so Fontana. „Die Mode ist im permanenten Wandel, genau wie der Markt, die Kund:innen und die Arbeitsweise. Deshalb muss man offen dafür bleiben, dazuzulernen und Neues auszuprobieren.“

Ära sozialer Medien

Apropos Wandel – sowohl Fontana als auch D’Antonio haben miterlebt, wie soziale Medien die Modebranche in den vergangenen Jahren verändert haben. D’Antonio hat den Eindruck, dass von Models zunehmend erwartet werde, selbst für ihre Sichtbarkeit zu sorgen und das finanzielle Risiko allein zu tragen. „Flüge, Unterkünfte und der Aufbau eines Portfolios werden schnell zur eigenen ‚Investition‘ – selbst wenn man noch kein regelmäßiges Einkommen hat“, gab er zu bedenken. Zudem stießen auch manche Agent:innen und Booker:innen bei der Unterstützung ihrer Models an Grenzen.

„Ich wünsche mir beim Karriereaufbau mehr geteilte Verantwortung, statt den Models alles allein aufzubürden“, so D’Antonio weiter. „Ehrgeizig zu bleiben, sollte nicht bedeuten, jede Bedingung zu akzeptieren. Eine langfristige Karriere braucht klare Grenzen und genug finanzielle Stabilität, um durchzuhalten.“

Fontana hebt hervor, dass soziale Medien den Models eine Plattform bieten, um sich Marken zu präsentieren. Models wie Alex Consani und Paloma Elsesser scheinen das mit Millionen Follower:innen perfektioniert zu haben. „Heute gibt es zudem mehr Möglichkeiten“, sagte das brasilianische Supermodel.

„Einige Models sind sehr stark auf dem Laufsteg, andere funktionieren hervorragend in Kampagnen oder haben sich eine enorme Präsenz in den sozialen Medien aufgebaut. Und manchen gelingt sogar alles gleichzeitig. Marken achten inzwischen auf ein breiteres Spektrum an Faktoren. Das hat in der Modewelt auch Raum für vielfältigere Profile und Persönlichkeiten geschaffen.“

Individualität zählt

Wer heute eine Modelkarriere beginnt, sollte laut D’Antonio wissen, dass Individualität wichtiger ist als je zuvor. Marken suchten „ein markantes Gesicht, Persönlichkeit und das gewisse Etwas, das die Blicke der Menschen fesselt“.

„Seid proaktiv, bleibt ehrgeizig und zeigt konstant Präsenz. Trotzdem halte ich ‚arbeitet härter‘ nicht für eine vollständige Antwort, denn unzählige Menschen arbeiten bereits unglaublich hart“, sagte er. „Man muss eine eigene Haltung entwickeln und den Leuten über das Portfolio hinaus etwas geben, an das sie sich erinnern. Welche Persönlichkeit hat man? Was interessiert einen? Was bringt man in ein Bild oder eine Kooperation ein? Auch der Aufbau von Beziehungen ist entscheidend. Die Leute müssen wissen, dass man zuverlässig ist und die Zusammenarbeit Freude macht.“

Fontana ist Mutter von zwei Söhnen im Teenageralter. Sollten sie sich für eine Karriere in der Modebranche entscheiden, würde sie ihnen zur Seite stehen. „Ich werde meine Erfahrungen teilen, mein Wissen weitergeben und helfen, wo ich kann“, sagte sie. „Aber sie sollen auch ihren eigenen Weg finden. Ich kann ihnen zeigen, was ich erlebt habe, doch sie müssen selbst Dinge ausprobieren und herausfinden, was ihnen wirklich Freude macht.“

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